Zum Inhalt springen

Landkarte der Philosophie

Augusto Salazar Bondy

Philosoph, Pädagoge und Journalist · 1925–1974 · Lima (Peru)

Kernidee in Kürze

Salazar Bondy stellt 1968 die Frage, ob es in Hispanoamerika eine eigene, echte Philosophie gibt, und antwortet mit Nein: Die Philosophie dort sei überwiegend nachahmend und unecht gewesen. Den Grund sieht er in der Abhängigkeit und Unterentwicklung der Länder, die eine „Kultur der Herrschaft“ hervorbringt und übernommene Begriffe ohne Wurzeln in der eigenen Lage zulässt.

Kapitel
Lateinamerika (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Gibt es in Hispanoamerika eine eigene, echte Philosophie, oder ahmt sie nur nach?

Position
Eine echte Philosophie könne erst nach Überwindung von Abhängigkeit und Unterentwicklung entstehen.
Einwand
Zea bezweifelte, dass das Ende der Herrschaft eine echte Philosophie hervorbringt, und hielt die Frage für aus einem Gefühl der Unterlegenheit geboren. Dussel hielt dagegen eine bejahende Antwort für möglich.
Verbindung
Salazar Bondy knüpft an Zea und Gaos an und widerspricht Zea, der ihm antwortet. Dussel greift seine Frage auf und führt sie in der Philosophie der Befreiung weiter.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Salazar Bondy war

Peruanischer Philosoph, Pädagoge und Journalist, der 1968 fragte, ob es eine eigene lateinamerikanische Philosophie gibt, und seine Antwort an die wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeit der Länder knüpfte.

Salazar Bondy stellte seine Frage in den späten 1960er Jahren, einer Zeit, die vom ausdrücklichen Bewusstsein wirtschaftlicher, politischer, sozialer und kultureller Abhängigkeit geprägt war. Er hatte in Lima, Mexiko und Paris studiert und in München Vorlesungen gehört. Später war er an der Bildungsreform in Peru beteiligt, und seine Frage von 1968 löste eine Debatte aus, mit der man den Beginn der Philosophie der Befreiung ansetzen kann.

Kernidee genauer

Philosophie kann nach ihm aber auch Bewusstsein für diesen Wandel schaffen und so zur Befreiung beitragen.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Unter dem Einfluss von Gaos und Zea machte Salazar Bondy es zu seiner Aufgabe, Philosophie auf der Kenntnis der Ideengeschichte Perus aufzubauen. Im Mai 1968 hielt er in Kansas den Vortrag, der zur Grundlage seines Buches über die Echtheit der hispanoamerikanischen Philosophie wurde.[7]

Bekannt für

Man kennt Salazar Bondy für die Frage „Gibt es eine Philosophie unseres Amerika?“ und für den Gedanken, dass Abhängigkeit auch das Denken unecht macht. Ein Alltagsbeispiel: Wenn ein Team ein Vorgehen nur deshalb übernimmt, weil es anderswo erfolgreich war, und niemand prüft, ob es zur eigenen Lage passt, ist das nach Salazar Bondys Begriff eine Nachahmung ohne eigene Wurzeln.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die Frage und die Antwort Nein

Er verwendete dabei existenzialistische und marxistische Begriffe und antwortete mit Nein: Eine echte lateinamerikanische Philosophie gebe es nicht, weil der Kontinent unter geistiger Kolonialisierung, Unterordnung und philosophischer Abhängigkeit gelebt habe.

Philosophie als Nachahmung

Salazar Bondy hielt die lateinamerikanische Philosophie für unecht, solange ihre Vertreter die Ansichten von Philosophen der entwickelten Welt nachahmen. In seinem Buch heißt es, die hispanoamerikanische Philosophie übernehme Begriffe und Normen ohne Wurzeln in der eigenen geschichtlichen Lage und entstehe nachahmend, ohne Originalität. Die Untersuchung der hispanoamerikanischen Philosophie werde deshalb zu einem großen Teil zum Bericht, wie die westliche Philosophie dorthin kam und sich dort entwickelte, statt zur Geschichte einer Philosophie aus dem eigenen geistigen Umfeld.

Kultur der Herrschaft

Die Unechtheit der Philosophie ist für Salazar Bondy nur ein Zeichen für ein tieferes Problem der ganzen Kultur. Deshalb sei die Überwindung der Unechtheit eng mit der Überwindung von Unterentwicklung und Herrschaft verbunden.

Von der Philosophie der Herrschaft zur Befreiung

Im Jahr 1973 hielt Salazar Bondy bei den Arbeitstagen in San Miguel bei Buenos Aires einen Vortrag über Philosophie der Herrschaft und Philosophie der Befreiung. In seinen letzten Jahren versuchte er, die philosophische Anthropologie mit einem unvollendeten Werk namens Antropología de la dominación (Anthropologie der Herrschaft) zu erneuern.

Philosophie des Wertes

Neben der Kulturkritik arbeitete Salazar Bondy zur Frage des Wertes. In seinem Buch Para una filosofía del valor verband er phänomenologische Methoden mit der Analyse der Sprache und sah den Wert als Bedingung der Möglichkeit menschlichen Handelns.

Begriffe

Kultur der Herrschaft (cultura de la dominación)
Unechtheit (inautenticidad)
Abhängigkeit
Entfremdung
Philosophie der Herrschaft und Philosophie der Befreiung
Philosophie des Wertes

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 1 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Gegenseitige Kritik

Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.

  • Leopoldo ZeaPrüfstand: belegt

    Salazar Bondy lehnte schon 1965 die Philosophie des Amerikanischen ab, wie Zea sie vertrat, weil Philosophie keine bloße Analyse der Umstände sein solle; in seinem Buch von 1968 galt sie ihm, ohne dass er es ausdrücklich sagte, als weitere Spielart der Philosophie der Herrschaft. Zea antwortete 1969 mit einer scharfen Rezension und dem Heft „La filosofía americana como filosofía sin más“: Unecht erscheine die lateinamerikanische Philosophie nur, wenn man europäische Maßstäbe anlege, und er bezweifelte, dass das Ende der Herrschaft eine echte Philosophie hervorbringen könne. Salazar Bondy antwortete darauf nicht mehr.

Übernimmt Gedanken von

Salazar Bondy übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Karl MarxPrüfstand: belegt

    Eine Untersuchung seines Werks führt auf Marx die Idee zurück, dass kulturelle Erzeugnisse ein Überbau sind, den die Produktionsverhältnisse bestimmen, wenn auch nicht vollständig. In Paris hatte Salazar Bondy den Marxismus gründlich studiert, und für seine Antwort von 1968 verwendete er marxistische Begriffe.

  • Leopoldo ZeaPrüfstand: belegt

    Durch den Einfluss von Gaos und Zea und der Ideenhistoriker um Gaos verstand Salazar Bondy es als Aufgabe, Philosophie auf der Kenntnis der Ideengeschichte Perus aufzubauen.

  • Jean-Paul SartrePrüfstand: ungeprüft

    Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

    Nach einer Deutung seines Werks übernahm Salazar Bondy den Gedanken von Echtheit und Unechtheit aus der Existenzphilosophie, besonders aus Sartres Überlegung im Essay „Orphée noir“ (Schwarzer Orpheus), dass manchen Gemeinschaften eine ursprüngliche eigene Wahl grundsätzlich versperrt ist, weil sie beherrscht werden und das Vorhaben der Herrschenden übernehmen müssen. Belegt ist, dass er sich in Paris für Sartre interessierte und für seine Antwort von 1968 existenzialistische Begriffe verwendete.

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Salazar Bondy weiter, meist über Texte.

  • Enrique DusselPrüfstand: belegt

    Dussel greift Salazar Bondys Frage auf, ob in einem abhängigen Kontinent eine echte Philosophie möglich ist. Er teilt dessen Urteil, die akademische Philosophie Lateinamerikas sei weitgehend nachahmend gewesen, stellt dem glatten Nein aber eine bejahende Arbeitshypothese entgegen.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Risieri FrondiziPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Ein Überblicksartikel stellt Frondizi als Vertreter der universalistischen und Augusto Salazar Bondy als Vertreter der kritischen Sicht auf die Frage dar, ob es eine eigene lateinamerikanische Philosophie gibt. Ein persönlicher Streit zwischen beiden ist darin nicht belegt.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Augusto César Salazar Bondy wurde am 8. Dezember 1925 in Lima geboren und starb am 6. Februar 1974 ebendort. Ab 1945 studierte er an der Universität San Marcos in Lima. 1948 ging er nach Mexiko an das Colegio de México und nahm am Seminar von José Gaos teil. 1951 reiste er nach Paris, wo er an der École Normale Supérieure und an der Sorbonne studierte, und besuchte später Veranstaltungen in München.[1]

  • Biografie belegt

    1953 erwarb Salazar Bondy den Doktortitel in Philosophie mit einer Arbeit über das Unwirkliche und das Wirkliche und begann an der Universität San Marcos zu lehren. 1956 gründete er mit anderen die Bewegung Movimiento Social Progresista, die sich 1962 nach einer Wahlniederlage auflöste. Mit der Geschichte der Ideen im heutigen Peru von 1965 gewann er einen nationalen Kulturpreis.[4]

  • Zeitgeschehen belegt

    Im Mai 1968 hielt Salazar Bondy an der University of Kansas einen Vortrag, der 1969 mit Kommentaren zweier Kollegen im Druck erschien. Mit Hilfe dieser Kommentare überarbeitete und erweiterte er den Text zu seinem Buch ¿Existe una filosofía de nuestra América?, das bei Siglo XXI in Mexiko erschien. Im Buch selbst ist 1968 angegeben, laut Druckvermerk wurde es aber erst im Januar 1969 gedruckt. Das Buch löste viele Reaktionen aus, eine der schärfsten von Leopoldo Zea.[4]

  • Zeitgeschehen belegt

    Ab 1970 war Salazar Bondy an der Bildungsreform der peruanischen Regierung unter General Juan Velasco Alvarado beteiligt. Er wurde stellvertretender Vorsitzender der Kommission für die Bildungsreform und Vorsitzender des Hohen Bildungsrates. Seine Diagnose lautete, die Bildung sei verschleiernd und entfremdend gewesen und darauf ausgerichtet, die bestehende Ordnung zu erhalten.[4]

  • Wirkung belegt

    Salazar Bondys Sorge um geistige Echtheit, die von der Abhängigkeitstheorie geprägt war, ebnete wichtigen Entwicklungen der Philosophie der Befreiung den Weg. Nach einer Deutung seines Werks hätten seine Gedanken bei der Entstehung dieser Bewegung eine Hauptrolle gespielt; ihren Vater nennt diese Deutung ihn aber nicht, weil in ihr auch Einflüsse wie Heidegger und Levinas wirkten, die seinem Denken fremd waren.[7]

Kritik

Leopoldo Zea hielt Salazar Bondys Frage für aus einem Gefühl der Unterlegenheit geboren und meinte, unecht erscheine die lateinamerikanische Philosophie nur, wenn man europäische Maßstäbe an sie anlege. Salazar Bondy antwortete auf diese Einwände nicht mehr. Enrique Dussel nennt Salazar Bondys Nein mutig, meint aber, ein glattes Nein lasse die Frage verschwinden, und stellt eine bejahende Möglichkeit dagegen. Ein Aufsatz von 2023 weist darauf hin, dass Salazar Bondys Begriff des eigenen Seins an eine geschichtlich bestimmte Gemeinschaft gebunden ist, was schwerer zu bestimmen und zu begründen ist als Marx’ allgemeiner Begriff des Menschen.

Wirkung heute

Salazar Bondys Thesen gehören zu den Ausgangspunkten der Debatte, aus der die Philosophie der Befreiung entstand. Ein Aufsatz von 2023 prüft seine These von der Kultur der Herrschaft neu und hält mehrere seiner Gedanken weiter für nützlich, um lateinamerikanische Philosophie zu verstehen. Zugleich hält er die These am Ende für wenig überzeugend, weil Salazar Bondy einem recht übertriebenen Determinismus folge und eine gewisse Form von Essentialismus vertrete, also einer geschichtlichen Gemeinschaft offenbar ein bestimmtes eigenes Wesen zuschreibe.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Dein Team eine Methode nur übernimmt, weil sie anderswo Erfolg hatte, kannst Du mit Salazar Bondy fragen, ob sie aus Eurer eigenen Lage gewachsen ist oder bloß nachgeahmt wird. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Salazar Bondy über Führung.

Lebensstationen

  1. 1925Geburt in Lima (8. Dezember)
  2. 1948Studium am Colegio de México im Seminar von José Gaos
  3. 1951Studium in Paris an der École Normale Supérieure und der Sorbonne
  4. 1953Doktortitel in Philosophie, danach Lehre an der Universität San Marcos
  5. 1968Vortrag in Lawrence, Kansas; erste Fassung von ¿Existe una filosofía de nuestra América?
  6. 1970Stellvertretender Vorsitzender der peruanischen Kommission für die Bildungsreform
  7. 1973Vortrag über Philosophie der Herrschaft und Philosophie der Befreiung in San Miguel bei Buenos Aires
  8. 1974Tod in Lima (6. Februar)

Werke

¿Existe una filosofía de nuestra América? (Gibt es eine Philosophie unseres Amerika?, 1968); Historia de las ideas en el Perú contemporáneo (Geschichte der Ideen im heutigen Peru, 1965); Para una filosofía del valor (Zu einer Philosophie des Wertes, 1971); Filosofía de la dominación y filosofía de la liberación (Philosophie der Herrschaft und Philosophie der Befreiung, 1973)

Lesetipps

Einstieg
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Philosophy of Liberation“, Abschnitt über die Entstehung der Bewegung
Vertiefung
Augusto Salazar Bondy, ¿Existe una filosofía de nuestra América? (Siglo XXI, Mexiko 1968); Aufsatz „Augusto Salazar Bondy on Latin American Philosophy: The ‚Culture of Domination‘ Thesis Reconsidered“, Comparative and Continental Philosophy 15 (2023)

Noch nicht sicher belegt

  • Das Geburtsjahr 1925 geben die meisten Quellen an; ein Aufsatz nennt 1926. Das Erscheinungsjahr seines Hauptbuchs wird mit 1968 oder 1969 angegeben: Im Buch selbst ist 1968 angegeben, laut Druckvermerk wurde es erst im Januar 1969 gedruckt. Wie eng sein Verhältnis zu Romano Guardini in München war, ist nicht klar: Eine kurze Quelle nennt ihn Guardinis Schüler, eine andere spricht von einem Semester mit Kontakt vor allem zu Guardini, eine dritte nur vom Besuch von Vorlesungen an der Universität. Ob er und Zea gemeinsam in Mexiko studierten, nennt nur eine Quelle. Dass er den Gedanken der Echtheit vor allem von Sartre übernahm, beruht auf einer Deutung seines Werks; Heidegger und Camus sind nur als Interesse belegt.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Salazar Bondy

  1. [1]Englische Wikipedia, Enrique Dussel; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy of Liberation, Abschnitt zur Entstehung der Bewegung
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy in Mexico, Abschnitt 8.5; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt über spanische Emigranten
  3. [3]Mexikanisches Kulturministerium, Leopoldo Zea, filósofo de la unidad latinoamericana; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy in Mexico, Abschnitt zur Gruppe Hiperión · abgerufen 2026-10-23
  4. [4]Spanische Wikipedia, Augusto Salazar Bondy, Abschnitt Trayectoria profesional
  5. [5]wikidata.org/wiki/Q5711746 · Webseite
  6. [6]divcsh.izt.uam.mx/cefilibe/wp-content/uploads/2013/12/A_Salazar.pdf · Webseite
  7. [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt über die Philosophie der Befreiung; Prolog zur Textsammlung Dominación y liberación · Webseite
  8. [8]Springer, Encyclopedia of Phenomenology, Dussel, Enrique; Englische Wikipedia, Enrique Dussel; Dussel, Philosophy of Liberation, Vorwort · Webseite
  9. [9]docs.enriquedussel.com/txt/Textos_Articulos/227.1992_ingl.pdf · Webseite
  10. [10]dialnet.unirioja.es/descarga/articulo/6859578.pdf · Webseite
  11. [11]cdn.afyl.org/storage/2019/09/HFL-Sesión-1-MRS.pdf · Webseite
  12. [12]scielo.cl/scielo.php · Webseite
  13. [13]tandfonline.com/doi/full/10.1080/17570638.2023.2235769 · Webseite

Zurück zur Landkarte · Suche