Ofelia Schutte
Philosophin · geboren 1945 · Havanna (Kuba), Yale (New Haven, Vereinigte Staaten), Gainesville (Florida, Vereinigte Staaten), Tampa (Florida, Vereinigte Staaten)
Kernidee in Kürze
Schutte fragt, wie die Suche nach einer eigenen kulturellen Identität in Lateinamerika mit dem Ziel sozialer Befreiung zusammenhängt. In ihrem Buch „Cultural Identity and Social Liberation in Latin American Thought“ (Kulturelle Identität und soziale Befreiung im lateinamerikanischen Denken, 1993) prüft sie verschiedene Befreiungstheorien kritisch und rückt mit ihrer Diskussion des Feminismus die Gleichberechtigung der Frauen in den Vordergrund des lateinamerikanischen Sozialdenkens.
- Kapitel
- Lateinamerika (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie hängen die Suche nach einer eigenen Identität und das Ziel gerechter Verhältnisse zusammen, und wessen Stimme fehlt dabei?
- Position
- Sie fordert, dass Gleichberechtigung der Frauen von Anfang an dazugehört, und kritisiert die Befreiungsphilosophie dafür, dass sie Geschlecht und Sexualität nicht ausreichend einbezieht.
- Einwand
- Michael Barber verteidigt Dussel gegen ihre Kritik und bestreitet, dass seine Philosophie irrational sei. Eine Studie hält Schuttes Auslegung von Dussels Begriff der Gerechtigkeit für unvereinbar mit einigen seiner Texte.
- Verbindung
- Schutte setzt sich mit Enrique Dussel, Leopoldo Zea, Friedrich Nietzsche und José Martí auseinander.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Schutte war
Kubanisch-amerikanische Philosophin, die das Verhältnis von kultureller Identität und sozialer Befreiung in Lateinamerika untersucht, die Befreiungsphilosophie aus feministischer Sicht kritisch befragt und über Nietzsche gearbeitet hat.
Schutte gehört zu der Gruppe von Philosophinnen und Philosophen, die in Lateinamerika geboren wurden und in den Vereinigten Staaten lehren. Sie gilt als eine der Personen, die lateinamerikanische Philosophie dort als Forschungsfeld bekannt machten. Ihr Buch von 1993 erschien, nachdem die Militärdiktaturen in Lateinamerika zusammengebrochen waren und die Befreiungsphilosophie sich neu ordnete.
Kernidee genauer
Gegen die Befreiungsphilosophie, die vor allem Enrique Dussel über Lateinamerika hinaus bekannt machte, wendet sie unter anderem ein, dass sie Fragen von Geschlecht und Sexualität nicht ausreichend berücksichtigt. Ihre Forschung reicht von Nietzsche über feministische Ethik bis zu lateinamerikanischen Feminismen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Schutte wurde in Havanna geboren und kam als Jugendliche mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten. Zu ihren späteren Forschungsthemen gehören die Literatur kubanischer Schriftstellerinnen und das sozialpolitische Denken von José Martí.[2][1]
Bekannt für
Man kennt Schutte für ihre Kritik an der lateinamerikanischen Befreiungsphilosophie und für ihre Arbeiten zu Feminismus und Nietzsche. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du bei einem Reformvorhaben, das „für alle“ gedacht ist, fragst, wessen Erfahrung dabei als Normalfall gilt und wer nur mitgemeint ist, stellst Du eine Frage, wie Schutte sie an die Befreiungsphilosophie richtete.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Kulturelle Identität und soziale Befreiung
In ihrem Buch von 1993 untersucht Schutte die Verbindungen zwischen den vielen politischen und geistigen Bewegungen für soziale Befreiung in Lateinamerika seit 1920. Sie prüft kritisch Denker wie José Carlos Mariátegui, Samuel Ramos, den frühen Leopoldo Zea, Gustavo Gutiérrez und Paulo Freire. Ihr Ergebnis lautet, dass Befreiungstheorien dauerhafte, aber sehr unterschiedliche Versuche sind, die schwierigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme der Region anzugehen.
Kritik an Dussels Befreiungsphilosophie
Schutte kritisiert Enrique Dussel in zwei Hinsichten. Erstens geht es um Geschlecht: Seine Sicht von Mann und Frau halte an einem christlichen Verständnis von Geschlecht fest und übergehe, dass Geschlechterrollen sich geschichtlich verändern. Zweitens sieht sie in seiner Lehre vom „Anderen“, also von den Unterdrückten als moralischer Instanz, einen Widerspruch: Sie wirke selbst wie die fanatische Ideologie, die Dussel ursprünglich kritisieren wollte. Michael Barber verteidigt Dussel gegen den zweiten Einwand, und Dussel rückte später selbst von seiner früheren Sicht auf Geschlecht ab.
Feminismus und Philosophie in Lateinamerika
Schutte hält fest, dass Feminismus in Lateinamerika noch zu neu sei, um die jahrhundertelange männliche Vorherrschaft in der Philosophie dort wirksam zu verändern. Feministische Philosophie brauche deshalb ihre Heimat in einer breiteren lateinamerikanischen feministischen Theorie und nicht allein im Fach Philosophie. Zusammen mit María Luisa Femenías beschreibt sie, dass der lateinamerikanische Feminismus sich im Vergleich zum nordamerikanischen etwas stärker für die kritische Untersuchung von Familie, Klasse und ethnischer Zugehörigkeit interessiert habe.
Nietzsche ohne Masken
Ihr erstes Buch von 1984 ist eine Deutung Nietzsches aus feministischer Sicht und ging aus ihrer Doktorarbeit hervor. Sie stimmt Nietzsches Versuch zu, Zweiteilungen aufzulösen, und lehnt den Nihilismus als Teil eines zweigeteilten Denkens ab. Sie kritisiert aber die politischen Folgerungen, die er in sein Werk legt. Diese Beschreibung stammt aus einer einzelnen Quelle.
Begriffe
- kulturelle Identität
- soziale Befreiung
- lateinamerikanische Feminismen
- Kritik der Befreiungsphilosophie
- kulturelle Andersheit
- Nietzsche-Deutung
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Schutte kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Enrique DusselPrüfstand: belegt
Schutte kritisiert Dussels Philosophie der Befreiung: Seine Sicht von Mann und Frau halte an einem christlichen Verständnis von Geschlecht fest, und seine Lehre vom Anderen führe in einen Widerspruch und wirke wie die Ideologie, die er kritisieren wolle.
Untersucht
Schutte untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Friedrich NietzschePrüfstand: belegt
Schutte schrieb ihr erstes Buch „Beyond Nihilism: Nietzsche without Masks“ (1984) über Friedrich Nietzsche; es ging aus ihrer Doktorarbeit hervor.
untersucht José MartíPrüfstand: belegt
Schutte erforscht das sozialpolitische Denken von José Martí. Für Martís Ablehnung der Rasse als Trennlinie verweist ein Überblicksartikel auf Beiträge von Aguilar Rivera und Schutte in einem Sammelband von 2011.
untersucht Leopoldo ZeaPrüfstand: belegt
Schutte untersuchte 1990 im Aufsatz „The Master-Slave Dialectic in Latin America: The Social Criticism of Zea, Freire, and Roig“ die Gesellschaftskritik von Zea, Freire und Roig.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Ofelia Schutte wurde in Havanna geboren und wanderte als Jugendliche mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten aus. 1978 promovierte sie an der Yale-Universität in Philosophie, mit einer Arbeit über Nietzsche.[3]
Biografie belegt
Nach der Promotion lehrte Schutte an der Universität von Florida in Gainesville. 1999 wechselte sie an die University of South Florida in Tampa, wo sie zuerst die Frauenforschung leitete und seit 2004 Philosophie lehrte. Seit 2012 ist sie emeritiert.[3]
Zeitgeschehen belegt
Schuttes Buch von 1993 erschien, als sich die Philosophie der Befreiung nach dem Ende der Militärdiktaturen in Lateinamerika neu ordnete. Es wird als kritische Auseinandersetzung mit zentralen Thesen dieser Bewegung beschrieben und forderte die Beteiligten heraus, ihre inneren Spannungen offenzulegen.[5]
Zeitgeschehen belegt
Schuttes Forschungsthemen sind Feminismus in Kuba, dekoloniale Theorie und lateinamerikanische Feminismen, nach ihrer Emeritierung in kleinerem Umfang. Sie arbeitet außerdem zum sozialpolitischen Denken von José Martí.[2]
Kritik
Schuttes Kritik an Dussel ist selbst umstritten. Michael Barber verteidigt Dussel gegen sie und nennt seine Philosophie eine „ethische Hermeneutik“, also eine Auslegung der Wirklichkeit vom Standpunkt des Anderen aus. Er bestreitet, dass sie dem Irrationalismus verfalle. Dussel selbst lehnte in einem Nachwort von 1994 seine früheren Ansichten zu Geschlecht ab; dass Schuttes Buch der Anlass dafür war, ist nicht belegt.
Wirkung heute
Ihre Kritik an der Befreiungsphilosophie wird in Überblicksartikeln als einer der wichtigen Einwände genannt. 2010 gab sie zusammen mit Susana Nuccetelli und Otávio Bueno das Handbuch „A Companion to Latin American Philosophy“ heraus.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du in Deinem Unternehmen eine Veränderung planst, die „für alle“ gedacht ist, kannst Du mit Schutte fragen, wessen Erfahrung dabei als Normalfall gilt und wer nur mitgemeint ist. Sie warf der Befreiungsphilosophie vor, Fragen von Geschlecht und Sexualität nicht ausreichend zu berücksichtigen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Schutte über Führung.
Lebensstationen
- 1945Geburt in Kuba
- 1978Promotion in Philosophie an der Yale-Universität
- 1984Erscheinen von „Beyond Nihilism: Nietzsche without Masks“
- 1993Erscheinen von „Cultural Identity and Social Liberation in Latin American Thought“
- 1999Wechsel an die University of South Florida
- 2010Mitherausgabe von „A Companion to Latin American Philosophy“
- 2012Emeritierung
Werke
Beyond Nihilism: Nietzsche without Masks (Jenseits des Nihilismus: Nietzsche ohne Masken, 1984); Cultural Identity and Social Liberation in Latin American Thought (1993); „Cultural Alterity: Cross-Cultural Communication and Feminist Thought in North-South Dialogue“ (Hypatia, 1998); A Companion to Latin American Philosophy (Mitherausgeberin, 2010)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Latin American Philosophy“, Abschnitt zur feministischen Philosophie
- Vertiefung
- Ofelia Schutte, Cultural Identity and Social Liberation in Latin American Thought (State University of New York Press, 1993); Susana Nuccetelli, Ofelia Schutte und Otávio Bueno (Herausgeber), A Companion to Latin American Philosophy (Wiley-Blackwell, 2010)
Noch nicht sicher belegt
- Das Geburtsjahr 1945 nennen nur zwei Nachschlagewerke; die Universität gibt es nicht an. Ein Todesjahr nennt keine Quelle; die Universität führt sie als emeritierte Professorin. Ihre Kritik an Nietzsches politischen Folgerungen ist nur in einer Quelle belegt. Worin ihre Kritik an Leopoldo Zea besteht, ist nicht näher belegt. Der Streit mit Dussel ist offen: Michael Barber und andere weisen ihre Auslegung zurück.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Schutte
- [1]University of South Florida · Webseite
- [2]University of South Florida, Fakultätsseite; Inter-American Journal of Philosophy · Webseite
- [3]Inter-American Journal of Philosophy, Autorenseite; Wikipedia (englisch), Ofelia Schutte
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy in Mexico, Abschnitt 8.5; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt über spanische Emigranten
- [5]Philosophy of Liberation, Abschnitt „Challenges and Debates (1983 to today)“ · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt 2.2; Internet Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt 4d
- [8]teapot.lib.ocha.ac.jp/record/2001527/files/9_a_study_of_the_attempt.pdf · Webseite
- [9]onlinelibrary.wiley.com/doi/book/10.1002/9781444314847 · Webseite