Edgar Schein
Organisationspsychologe · 1928–2023 · Zürich, später Cambridge (Massachusetts) und Palo Alto
Kernidee in Kürze
Schein beschreibt die Kultur einer Organisation auf drei Ebenen: sichtbare Artefakte und Verhaltensweisen, ausgesprochene Werte und tiefe, meist unbewusste Grundannahmen. Die Grundannahmen sind für ihn das Wesen der Kultur, aber von innen schwer zu erkennen.
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell)
- Richtung
- Diese Person ist keiner Denkrichtung des Katalogs zugeordnet.Katalog hat keine passende Richtung: Organisationskultur- und Organisationspsychologie; die Überblicksartikel zum Organisationslernen führen ihn nur im Literaturverzeichnis.
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Kommt in diesem Denkweg vor
Vertiefung
Zum Einstieg
Was gilt in deiner Organisation als selbstverständlich, ohne dass es je jemand ausgesprochen hat?
- Position
- Die Grundannahmen halten die Kultur zusammen und sind von innen kaum sichtbar. Schwierigkeiten entstehen nach seinem Modell, wenn die Werte, die eine Führung ausspricht, nicht zu den tieferen Grundannahmen der Kultur passen.
- Einwand
- In den Quellen wird kein ausdrücklicher Einwand gegen das Modell genannt. Offen bleibt, ob sich Grundannahmen von außen zuverlässig erfassen lassen.
- Verbindung
- Schein führt den Gedanken, dass Lernende am eigenen Lernen aktiv beteiligt sein müssen, auf Lewin zurück und gilt neben Argyris als Mitbegründer der Organisationsentwicklung; Edmondson zitiert in ihrer Studie von 1999 sein Buch von 1965.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Schein war
In der Schweiz geborener amerikanischer Organisationspsychologe, der Organisationskultur in drei Ebenen beschrieb und die Prozessberatung begründete.
Schein steht in diesem Kapitel für Organisationskultur und die Frage, warum sich Menschen in Organisationen verändern oder nicht. Er knüpft an Kurt Lewin an, schrieb 1965 mit Warren Bennis über psychologische Sicherheit in Trainingsgruppen, und Amy Edmondson greift den Begriff später für Teams auf.
Kernidee genauer
Dazu kommt die Prozessberatung, die er als helfende Beziehung zwischen Beratendem und Gegenüber versteht (so der Untertitel von Process Consultation Revisited, 1998).
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Scheins Familie verließ die Schweiz, weil sein Vater 1934 wegen eines verschärften Ausländerrechts Schwierigkeiten hatte, seine Dozentenstelle zu behalten. Sie zog nach Odessa, dann nach Prag und 1938 in die Vereinigten Staaten. Die Quelle sagt nicht, wie diese Erfahrung Scheins Denken beeinflusst hat.[2]
Fundstelle: Abschnitt Leben und Werk
Bekannt für
Man kennt Schein vor allem für das Drei-Ebenen-Modell der Organisationskultur und den Begriff der Prozessberatung. Auch sein Karriereanker-Konzept ist bekannt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Drei Ebenen der Organisationskultur
Die drei Ebenen unterscheiden sich darin, wie sichtbar sie für Beobachter sind. Wenn in deinem Unternehmen offiziell Offenheit gilt, aber Kritik an Vorgesetzten Folgen hat, zeigt das nach diesem Modell einen Widerspruch zwischen Werten und Grundannahmen.
Grundannahmen
Grundannahmen sind tief verankerte, selbstverständliche und meist unbewusste Verhaltensweisen, die das Wesen der Kultur ausmachen. Sie sind in den Alltag so gut eingebaut, dass sie von innen schwer zu erkennen sind. Wer neu in ein Team kommt, kann sie deshalb manchmal leichter bemerken als jene, die schon lange dort arbeiten.
Psychologische Sicherheit
Schein und Bennis beschrieben 1965 im Zusammenhang mit Labortraining und T-Gruppen psychologische Sicherheit als eine Atmosphäre, in der man ohne Angst und mit genügend Schutz Risiken eingehen kann. Es entsteht ein Klima, das vorläufige Versuche ermutigt und Scheitern ohne Vergeltung, Verzicht oder Schuldgefühl hinnimmt. Übertragen auf heute kannst du als Führungskraft prüfen, wie dein Team reagiert, wenn jemand einen Fehler offen meldet.
Begriffe
- Organisationskultur
- Artefakte
- ausgesprochene Werte
- Grundannahmen
- Prozessberatung
- psychologische Sicherheit
- Karriereanker
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Schein übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Kurt LewinPrüfstand: belegt
Schein führt den Gedanken, dass Lernende selbst aktiv am eigenen Lernen beteiligt sein müssen, auf Kurt Lewin und Carl Rogers zurück; er schrieb später auch über Lewins Veränderungstheorie.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Schein weiter, meist über Texte.
Amy EdmondsonPrüfstand: belegt
Edmondsons Studie von 1999 führt psychologische Sicherheit als Konstrukt der Teamforschung ein und nennt in der Literaturliste Scheins Buch von 1965 zu Veränderung durch Gruppenmethoden, in dem Schein und Bennis den Begriff für Organisationen definierten.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Mary Parker FollettPrüfstand: Deutung
Mary Parker Follett und Edgar Schein betonen beide Beziehungen und informelle Prozesse in Organisationen; ein Einfluss Folletts auf Schein wird nicht belegt.
Niklas LuhmannPrüfstand: Deutung
Luhmann beschreibt Organisationen über Entscheidungsprämissen wie Programme, Kommunikationswege und Personal, Schein über geteilte Grundannahmen unter den erklärten Werten. Ein Einfluss oder eine Debatte zwischen beiden ist nicht belegt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
Scheins Buch Coercive Persuasion (1961) über die Gehirnwäsche amerikanischer Zivilgefangener durch chinesische Kommunisten wurde nach der englischen Wikipedia vom amerikanischen Geheimdienst Central Intelligence Agency im Rahmen des Programms MK-Ultra finanziert. Schein sagte später, er habe die Finanzierungsquelle nicht gekannt.[1]
Biografie belegt
Schein kam 1928 in Zürich zur Welt und emigrierte als Kind mit seiner jüdischstämmigen Familie über Odessa und Prag nach Chicago, wo die Familie 1938 ankam. Sein Vater Marcel Schein wurde Physikprofessor an der Universität Chicago.[2]
Kritik
In den Quellen steht keine ausdrückliche Kritik am Drei-Ebenen-Modell. Kritisch bleibt die Finanzierung seiner Studie zur Gehirnwäsche durch den Geheimdienst Central Intelligence Agency, deren Herkunft er nach eigener Aussage nicht kannte.
Wirkung heute
Das Drei-Ebenen-Modell gilt nach der deutschen Wikipedia als wichtige Grundlage zur Bewertung von Unternehmenskultur, besonders der Sicherheitskultur in Industrieunternehmen mit Gefahrenpotential. Den Begriff der psychologischen Sicherheit hat später Amy Edmondson für die Teamforschung aufgegriffen; ihre Arbeiten dazu haben nach der englischen Wikipedia viel Forschung angestoßen.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn du die Kultur deines Teams verstehen willst, schaust du auf drei Dinge: was sichtbar ist (Räume, Rituale, Sprache), was offiziell gilt (Werte) und was niemand ausspricht, aber alle voraussetzen. Du kannst zum Beispiel neue Kolleginnen fragen, was ihnen in den ersten Wochen als selbstverständlich aufgefallen ist. Das ist eine Anwendung von Scheins Modell auf Führung und nicht eine Prüfung, ob die Kultur gut oder schlecht ist.
Lebensstationen
- 1928Geburt in Zürich (5. März)
- 1938Ankunft der Familie in den Vereinigten Staaten
- 1952Promotion in Sozialpsychologie an der Harvard University
- 1961Coercive Persuasion erscheint
- 1965Personal and Organizational Change through Group Methods mit Warren Bennis
- 1985Organizational Culture and Leadership erscheint
- 2023Tod in Palo Alto (26. Januar)
Werke
- Organizational Culture and Leadership: A Dynamic View (1985)
Ersterscheinung: San Francisco: Jossey-Bass, 1985 (5. Auflage 2016 mit Peter A. Schein, Wiley). Deutsche Ausgabe: „Organisationskultur und Leadership (Übersetzung der 5. Auflage, mit Peter Schein)“ (2018).
- Personal and Organizational Change through Group Methods: The Laboratory Approach (1965)
Ersterscheinung: New York: Wiley, 1965, mit Warren G. Bennis.
- Coercive Persuasion (1961)
Ersterscheinung: New York: W. W. Norton, 1961, mit Inge Schneier und Curtis H. Barker.
Lesetipps
- Einstieg
- Edgar H. Schein, Organizational Culture and Leadership (Jossey-Bass, 1985), mit dem Untertitel A Dynamic View; die Grundlage des Drei-Ebenen-Modells.
- Vertiefung
- Edgar Schein – Wikipedia (en), Abschnitt Model of organizational culture
Noch nicht sicher belegt
- Das Buch selbst wurde nicht eingesehen.
- Der Begriff geht auf Carl Rogers (1950er Jahre) zurück, für den Zusammenhang mit Organisationen auf Schein und Bennis 1965.
- Der Aufsatz selbst wurde nicht gelesen.
- Ein Einfluss von Follett auf Schein oder Argyris wurde nicht gefunden, die Verbindung ist deshalb ein Vergleich und als Deutung gekennzeichnet.
- Das Beispiel zum neuen Teammitglied ist ein Alltagsbeispiel der Redaktion.
- Laut Katalog übersetzt dieses Buch aber „The Corporate Culture Survival Guide“ (1999).
- Die fünfte Auflage von „Organizational Culture and Leadership“ wird unterschiedlich datiert: 2017 oder 2016.
- Geburts- und Sterbeort sind nicht angegeben.
Wege durchs Netz
Schein beschrieb Organisationskultur in drei Ebenen bis hinunter zu den geteilten Grundannahmen.
Herkunft der Daten: Kapitel System, Organisation und Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Schein
- [1]Edgar Schein – Wikipedia (en), Einleitung
- [2]Edgar Schein – Wikipedia (de), Abschnitt Leben und Werk
- [3]Psychological safety · Wikipedia
- [4]Kurt Lewin's change theory in the field and in the classroom: Notes toward a model of managed learning · Webseite
- [5]Mary Parker Follett · Wikipedia
- [6]Organizational culture and leadership · Webseite
- [7]Organisationskultur und Leadership · Webseite
- [8]Humble inquiry · Webseite