Ludwig Wittgenstein
1889–1951 · Wien, Cambridge
- Strömung
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Philosoph, der mit dem Tractatus die Sprachanalyse begründet und mit den Philosophischen Untersuchungen sein eigenes Frühwerk umwirft.
Wittgenstein baut auf Frege und Russell auf, wird Moores Nachfolger in Cambridge und beeinflusst den Wiener Kreis, ohne dessen Lesart zu teilen.
Kernidee
Im Tractatus sind Sätze Bilder der Wirklichkeit, und was sich nicht sagen lässt, kann sich nur zeigen. Später wendet sich Wittgenstein davon ab: Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus seinem Gebrauch in Sprachspielen. Philosophische Probleme entstehen für ihn, wenn Sprache missbraucht wird, und Philosophie soll diese Verwirrungen auflösen.
Bekannt für
Wittgenstein gilt als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, weil er die Philosophie zweimal neu erfand: erst mit dem Tractatus, dann mit den Philosophischen Untersuchungen. Bekannt ist auch sein ungewöhnliches Leben, vom Verzicht auf ein riesiges Erbe bis zur Arbeit als Volksschullehrer.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Bildtheorie und Sagen/Zeigen
Im Tractatus sind Gedanken und Sätze Bilder der Wirklichkeit, die mit der Welt die logische Form teilen (TLP 2.12). Was sich nicht abbilden lässt, etwa Ethik oder Ästhetik, kann sich nur zeigen. Wenn du im Team über Werte sprichst, merkst du, dass manches erst im Handeln sichtbar wird, nicht im Leitbildsatz.
Sprachspiel und Gebrauch
Im Spätwerk ist Sprache Teil einer Tätigkeit oder Lebensform (PU 23), und die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus seinem Gebrauch (PU 43). Begriffe haben kein gemeinsames Wesen, sondern eine Familienähnlichkeit (PU 66–67). Das Wort „Feedback“ bedeutet im Coaching, im Controlling und im Vertrieb jeweils etwas anderes, weil es in anderen Sprachspielen steckt.
Regelfolgen und Privatsprache
Eine Regel legt nicht von selbst fest, wie sie angewendet wird (PU 185–201). Eine Sprache, die nur der Sprecher verstehen könnte, ist nicht möglich, weil ihr öffentliche Maßstäbe für Richtigkeit fehlen (PU 243 ff.). Wenn eine Vorgabe in deinem Team verschieden gelesen wird, liegt es oft an fehlenden gemeinsamen Beispielen, nicht an bösem Willen.
Begriffe
- Bildtheorie
- Sagen und Zeigen
- Sprachspiel
- Familienähnlichkeit
- Regelfolgen
- Lebensform
- Philosophie als Therapie
- Gebrauch als Bedeutung
- : ein Wort bedeutet das, was man mit ihm in der Praxis tut
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Gottlob Frege: regte 1911 sein Studium bei Russell an
- Bertrand Russell: Lehrer in Cambridge 1911 bis 1913
Freunde
- Bertrand Russell: zunächst Lehrer, später Freund und Gesprächspartner
Gegner
- Wiener Kreis: war mit der Art, wie man ihn dort verstand, nicht einverstanden
Verbindungen im Netz
11 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Bertrand RussellDeutung
Er studierte ab 1911 bei Russell in Cambridge
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Bertrand Russellungeprüft
Russell war Wittgensteins Lehrer in Cambridge ab 1911, später beeinflusste dieser ihn zurück
baut auf George Edward MooreDeutung
Wittgenstein folgte Moore auf den Cambridger Lehrstuhl, und Moores Paradox regte ihn an.
baut auf Gottlob Fregeungeprüft
Auf Freges Rat ging er 1911 nach Cambridge, Frege weckte sein Interesse an der Philosophie der Mathematik
Grundlage für Jean-François LyotardDeutung
Das Sprachspiel-Modell geht auf den späten Wittgenstein zurück.
Grundlage für Saul Aaron KripkeDeutung
Kripke deutet in Wittgenstein on Rules and Private Language (1982) Wittgensteins Spätwerk, besonders § 201 der Philosophischen Untersuchungen.
Grundlage für Thomas S. Kuhnungeprüft
Cavell führte ihn in Berkeley an Wittgensteins Werk heran
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit George Edward MooreDeutung
Wittgenstein folgte Moore auf den Cambridger Lehrstuhl, und Moores Paradox regte ihn an.
persönlich verbunden mit Gilbert RyleDeutung
Die SEP sieht beide auf parallelen Pfaden, 1930 wanderten sie gemeinsam.
persönlich verbunden mit Gottlob Fregeungeprüft
Auf Freges Rat ging er 1911 nach Cambridge, Frege weckte sein Interesse an der Philosophie der Mathematik
persönlich verbunden mit Moritz SchlickDeutung
Schlick las den Tractatus, traf Wittgenstein 1927 erstmals und diskutierte bis 1936 mit ihm.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld Deutung
Wittgenstein stammte aus einer der reichsten Familien Wiens und teilte im Ersten Weltkrieg sein Erbe unter seinen Geschwistern auf, einen Teil spendete er jungen Künstlern. Danach lebte er bescheiden, etwa als Volksschullehrer, was seine Distanz zum akademischen Betrieb erklären mag.[2]
Zeitgeschehen Deutung
Am Tractatus arbeitete Wittgenstein von 1912 bis 1918, Notizen und Entwürfe entstanden im Kriegsdienst; vollendet war er im Sommer 1918, kurz bevor er im November in italienische Gefangenschaft geriet. Wie stark der Krieg den Ton des Buches prägte, sagen die Quellen nicht.[1]
Biografie belegt
Drei seiner Geschwister nahmen sich das Leben (Hans, Rudolf, Kurt). Ob das sein Denken geprägt hat, sagen die Quellen nicht.[2]
Kritik
Die Interpretation seines Werks ist umstritten: Die orthodoxe Lesart sieht zwei getrennte Phasen, andere betonen die Kontinuität oder lesen den Tractatus therapeutisch statt metaphysisch (Resolute Reading). Der Wiener Kreis las ihn als dem logischen Positivismus nahestehend, was er nicht teilte. Russells Einleitung zum Tractatus hielt Wittgenstein für missverstanden.
Wirkung heute
Die Idee, dass Bedeutung aus dem Gebrauch kommt, prägt die Sprachphilosophie und viele Debatten über Regeln, Kontext und Verständigung. Das Bild der Philosophie als Therapie gegen sprachliche Verwirrung wirkt bis heute.
Brücke zu Führung und Coaching
Wittgenstein fragt nach dem Gebrauch eines Wortes, nicht nach seinem Wesen. Frag in der nächsten Besprechung, in welcher Situation ein Begriff wie „Verantwortung“ oder „Priorität“ benutzt wird und woran man seinen richtigen Gebrauch erkennt. So findest du, wo Missverständnisse aus verschiedenen Sprachspielen kommen.
Zitate
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
„Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“
Lebensstationen
- 1889Geboren in Wien als jüngstes von neun Kindern
- 1911Besuch bei Frege in Jena, danach Studium bei Russell in Cambridge
- 1918Tractatus vollendet, 1921 veröffentlicht
- 1920Nach der Lehrerbildungsanstalt in Wien Volksschullehrer in Niederösterreich (bis 1926)
- 1929Rückkehr nach Cambridge, Promotion
- 1939Philosophieprofessor in Cambridge als Nachfolger Moores, gestorben 1951
Werke
- Logisch-philosophische Abhandlung, Tractatus (1921)
- Philosophische Untersuchungen (1953, posthum)
Tractatus logico-philosophicus (1921, englisch 1922); Philosophische Untersuchungen (1953, postum); Über Gewißheit (postum 1969)
Anekdote überliefert
Im April 1926 schlug Wittgenstein als Lehrer einen elfjährigen Schüler auf den Kopf, der daraufhin das Bewusstsein verlor. Wittgenstein reichte danach sein Entlassungsgesuch ein.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe Band 1. Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914–1916, Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp (stw 501), Frankfurt am Main 1984 (ISBN 978-3-518-28101-7): Früh- und Spätwerk in einem Band.
Noch nicht sicher belegt
- Das deutsche Zitat ist die allgemein bekannte Originalfassung von Satz 7, im SEP steht es in englischer Übersetzung. Die Kante zu Kuhn zeigt in die Zukunft, nach den Vorgaben bevorzugt man frühere Personen, hier ist sie als Verwandtschaft der Ideen gemeint.
- Zwei Quellen (SEP, de.wikipedia), vom Prüfer erneut abgerufen, beide nur bis etwa Zeichen 100000 gelesen; Zitat und Frege-Hinweis am Vorwort der Ausgabe 1922 (Project Gutenberg) geprüft. Kante zu Schlick entfernt: SEP nennt nur Gespräche mit Mitgliedern des Wiener Kreises vor der Rückkehr 1929, Schlick nicht namentlich. Einfluss auf die Oxforder Philosophie der normalen Sprache in keiner Quelle belegt, daher aus kontext gestrichen. Über Gewißheit: SEP nennt 1969, de.wikipedia 1984 als Erstausgabe; hier SEP. Suizide der Brüder und Vorfall 1926 nur de.wikipedia. Lesetipp über Verlagsseite bestätigt; Sekundärliteratur leer.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Wittgenstein
- [1]SEP: Ludwig Wittgenstein · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia: Ludwig Wittgenstein · Wikipedia
- [3]gutenberg.org/files/5740/5740-pdf.pdf · Webseite