Luciano Floridi
Philosoph · geboren 1964 · Yale University, New Haven, und Bologna
- Kapitel
- Geist und Technik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Zum Einstieg
Lebst du noch online und offline, oder längst in einer einzigen Umgebung?
- Position
- Floridi antwortet, dass wir in der Infosphäre leben, in der Menschen und kluge Technologien Information gemeinsam bearbeiten. Das Verstehen liegt dabei nicht bei den Systemen, wohl aber ihre wachsende Leistungsfähigkeit.
- Einwand
- John Searle hält dagegen, dass Information immer von Bewusstsein abhängt und deshalb nicht der Grundstoff der Wirklichkeit sein kann. Floridi antwortete, er behaupte nur, dass wir die Welt heute informationell begreifen, nicht dass sie an sich aus Information besteht.
- Verbindung
- Redaktionell lässt sich Floridi neben Anders' Warnung und Weizenbaums Frage nach Verantwortung stellen; er antwortet darauf mit einer Ethik der Informationsumgebung.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Italienisch-britischer Philosoph der Information, der die Informationsumgebung des Menschen (Infosphäre) und die Ethik der Information und der künstlichen Intelligenz untersucht.
Floridi gibt der Technikphilosophie eine Sprache für die digitale Umwelt und beteiligte sich an der Ethik der künstlichen Intelligenz in Europa. In dieser Sammlung steht er neben Metzinger in der Expertengruppe der Europäischen Kommission und im Gegensatz zu Searle, dessen Rezension er scharf zurückwies.
Kernidee
Floridi sagt, dass wir nach Kopernikus, Darwin und Freud durch Alan Turing eine vierte Verschiebung unseres Selbstverständnisses erleben. Wir stehen nicht mehr im Mittelpunkt der Welt der Information, sondern teilen die Infosphäre mit klugen Technologien. Das drängende Problem ist für ihn nicht, ob digitale Systeme denken, sondern was unsere Umgebungen ihnen zu leisten erlauben.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Searle besprach 2014 „The Fourth Revolution“ in der New York Review of Books. Floridi antwortete mit einem Brief, in dem er unter anderem klarstellte, dass er die vierte Revolution Turing zuschreibt und nicht sich selbst.[3]
Bekannt für
Man kennt Floridi für die Philosophie der Information und für den Begriff der Infosphäre. Ein Alltagsbeispiel ist die Unterscheidung von online und offline, die für dich im Alltag kaum noch greifbar ist.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die vierte Revolution
Floridi beschreibt drei frühere Verschiebungen: Wir sind nicht im Mittelpunkt des Universums (Kopernikus), des Reichs der Lebewesen (Darwin) und der Vernunft (Freud). Die vierte folgt nach ihm Turing: Wir sind auch nicht mehr im Mittelpunkt der Welt der Information. Das hat er in einem Brief an die New York Review of Books so klargestellt.
Infosphäre
Die Infosphäre ist nach der englischen Wikipedia die Informationsumgebung, also der physische, soziale und kulturelle Zusammenhang, in dem Information erzeugt, genutzt und weitergegeben wird. Die deutsche Wikipedia nennt sie eine zentrale Kategorie seiner Philosophie, in die natürliche wie künstlich intelligente Akteure durch Vernetzung eingebunden sind. Ein Alltagsbeispiel ist das Haus, in dem Geräte miteinander sprechen.
Technik ohne Verstehen
Floridi schreibt, die heutigen Technologien seien nicht klüger als ein Toaster, übertreffen uns aber in immer mehr Aufgaben. Das gelinge, weil die Welt zu einem für Informationstechnik freundlichen Ort geworden sei, in dem Technologien uns ersetzen können, ohne zu verstehen. Übertragen auf heute: Du kannst fragen, welche Aufgaben ein System nur deshalb erledigt, weil du die Umgebung dafür zugeschnitten hast.
Begriffe
- Infosphäre
- vierte Revolution
- Informationsethik
- Philosophie der Information
- Digitalethik
- onlife
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Shannon VallorPrüfstand: belegt
Vallor schrieb 2014 den Beitrag „Armed Robots and Military Virtue“ für den von Floridi und Taddeo herausgegebenen Band „The Ethics of Information Warfare“.
Thomas MetzingerPrüfstand: belegt
Floridi und Metzinger gehörten 2018 beide zur Hochrangigen Expertengruppe für künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission.
Gegenseitige Kritik
Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.
John SearlePrüfstand: belegt
Searle besprach „The Fourth Revolution“ kritisch in der New York Review of Books, und Floridi wies die Rezension in einem Brief als oberflächlich zurück.
Baut auf
Floridi übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Alan TuringPrüfstand: belegt
Floridi schreibt Turing die vierte Revolution des menschlichen Selbstverständnisses zu: Wir sind nicht mehr im Zentrum der Welt der Information. Searle bestreitet in seiner Antwort, dass sich diese Sicht bei Turing findet.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Hans JonasPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Beide fragen, welche Verantwortung aus der Macht der Technik folgt, Jonas für Technikfolgen, Floridi für die Infosphäre und digitale Systeme; ein Einfluss ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
2018 gehörte Floridi zur Hochrangigen Expertengruppe für künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission, die Leitlinien zur Ethik entwerfen sollte.[4]
Abhängigkeit belegt
Floridi lehrt an der Yale University und an der Universität Bologna, wo er Zentren für Digitalethik leitet.[1]
Kritik
John Searle kritisierte „The Fourth Revolution“ in der New York Review of Books. Er hält dagegen, dass jede Information von bewussten Geistern abhängt und deshalb nicht grundlegend für die Wirklichkeit sein kann, und er findet in Turings Werk nichts, was Floridis Ansichten gleicht. Floridi nannte die Rezension „erstaunlich oberflächlich und fehlgeleitet“ und hielt ihr vor, ihm eine vierte Revolution zuzuschreiben, die er ausdrücklich Turing zuordnet.
Wirkung heute
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy schreibt, das Interesse an der Philosophie der Information sei seit der Jahrtausendwende vor allem unter dem Einfluss von Floridis Arbeiten stark gewachsen. Im Eintrag zur Ethik der künstlichen Intelligenz nennt sie ihn einen bekannten Kritiker überzogener Behauptungen über die Fähigkeiten solcher Systeme.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Du kannst dich bei der Einführung neuer Software fragen, ob du die Umgebung so umbaust, dass das System ohne Verstehen gute Ergebnisse liefert, und ob du das so willst. Das ist eine Übertragung von Floridis Gedanken und keine Aussage von ihm über Führung.
Lebensstationen
- 1964Geburt am 16. November
- 2013„The Ethics of Information“ erscheint
- 2014„The Fourth Revolution“ erscheint; Streit mit Searle in der New York Review of Books
- 2015Deutsche Ausgabe „Die 4. Revolution“ bei Suhrkamp
- 2018Mitglied der Hochrangigen Expertengruppe der Europäischen Kommission
- 2022Ehrung als Großkreuz-Ritter im Verdienstorden der Italienischen Republik
Werke
- The Fourth Revolution: How the Infosphere Is Reshaping Human Reality (2014)
Ersterscheinung: Oxford University Press, Oxford, 2014. Deutsche Ausgabe: „Die 4. Revolution: Wie die Infosphäre unser Leben verändert“ (2015).
- The Ethics of Information (2013)
Ersterscheinung: Oxford University Press, Oxford, 2013.
Lesetipps
- Einstieg
- Luciano Floridi, Die 4. Revolution: Wie die Infosphäre unser Leben verändert (Suhrkamp, 2015); die deutsche Ausgabe seines Buches von 2014.
- Vertiefung
- Luciano Floridi und John R. Searle, „At the Information Desk“, New York Review of Books, 18. Dezember 2014; der Briefwechsel, der die Kernthese klarstellt
Noch nicht sicher belegt
- Zu Floridi gibt es keinen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy, die Einträge zu Information und zur Ethik der künstlichen Intelligenz besprechen aber seine Arbeiten.
- Das englische Original erschien 2014 bei Oxford University Press (deutsche Wikipedia).
- Die englische Wikipedia nennt bei einer Auszeichnung das Jahr 2016, wahrscheinlich die Taschenbuchausgabe.
- Die deutsche Ausgabe (Suhrkamp 2015, übersetzt von Axel Walter) ist durch die deutsche Wikipedia und den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek belegt.
- Zu Jonas gibt es keinen Beleg für einen Einfluss, die Verbindung ist nur ein Vergleich.
- Bologna und Yale als Orte stehen in der englischen Wikipedia.
- Die Verbindung zu Turing stützt sich auf Floridis eigene Zuschreibung.
- Searle bestreitet sie.
Wege durchs Netz
Floridi untersucht die Informationsumgebung des Menschen und die Ethik der Information und der künstlichen Intelligenz.
Herkunft der Daten: Kapitel Geist, Maschine und Technik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Floridi
- [1]Luciano Floridi – Wikipedia (en), Einleitung
- [2]Luciano Floridi · Wikipedia
- [3]Floridi und Searle, At the Information Desk, New York Review of Books, 18. Dezember 2014 · Webseite
- [4]Daily Nous, Philosophers Appointed To High-Level Expert Group on Artificial Intelligence (18. Juni 2018) · Webseite
- [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [7]katalog.dnb.de/DE/list.html · Webseite