Friedrich Albert Lange
1828–1875 · Marburg
- Strömung
- Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Philosoph, Pädagoge und Arbeiterbewegter, der den Materialismus mit der Sinnesphysiologie widerlegt und als Wegbereiter des Neukantianismus gilt.
Lange ist im Modul das Scharnier zwischen Materialismus, Neukantianismus und Arbeiterbewegung. Er kritisiert den Materialismus, ohne selbst Idealist zu sein, und bleibt in Politik und Philosophie zwischen den Lagern.
Kernidee
Lange zeigt, dass der Materialismus sich selbst untergräbt: Die Physiologie der Sinnesorgane belegt, dass Wahrnehmung eine Konstruktion unseres Körpers ist. Metaphysik und Religion versteht er als Schöpfungen der Einbildungskraft, vergleichbar der Kunst. Ideale behalten für ihn trotzdem ihren Wert für die Moral.
Bekannt für
Lange ist bekannt für die Geschichte des Materialismus, die einflussreiche Darstellung und Kritik des Materialismus im 19. Jahrhundert. Ein Beispiel: Er nutzte die Sinnesphysiologie von Helmholtz als Argument gegen den Materialismus, weil sie zeigt, dass wir nie die Dinge selbst, sondern Zeichen davon wahrnehmen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Kritik des Materialismus
Der Materialismus untergräbt sich selbst, weil die Physiologie der Sinnesorgane zeigt, dass Wahrnehmung eine Konstruktion ist. Wer nur auf Materie vertraut, verlässt sich auf Sinne, die selbst Teil der Konstruktion sind. Im Alltag erinnert das daran, dass Zahlen und Messungen nicht neutral sind, sondern aus einer Perspektive entstehen.
Standpunkt des Ideals
Metaphysik und Religion sind für Lange Schöpfungen der Einbildungskraft, ähnlich wie Kunst. Das macht sie nicht wertlos, denn Ideale bleiben wichtig für die Moral. Ein Leitbild darf in einem Unternehmen also Ideal sein, solange das Team weiß, dass es kein Tatsachenbericht ist.
Reform statt Revolution
Politisch setzt Lange auf Reformen, die Bodenrente nach Mill und die Bildung der Arbeiter als Voraussetzung für Veränderung. Er wendet Darwin und Malthus an, zieht aber andere Schlüsse als die Sozialdarwinisten. Für Führungskräfte heißt das: Veränderung gelingt eher, wenn Beteiligte vorher befähigt werden.
Begriffe
- Kritik des Materialismus
- Standpunkt des Ideals
- Physiologie der Sinnesorgane
- Zurück zu Kant
- Arbeiterfrage
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Kant: Lange befürwortet ein Zurück zu Kant, deutet ihn aber naturalistisch
- Helmholtz: Lange übernimmt dessen Zeichentheorie der Wahrnehmung
Schüler
- Hermann Cohen: von Lange nach Marburg geholt, kritisierte aber dessen naturalistische Kantdeutung
- Eduard Bernstein: sagte sinngemäß, Zurück zu Kant heiße für ihn Zurück zu Lange
Freunde
- August Bebel: saß mit Lange im ständigen Ausschuss des Verbands Deutscher Arbeitervereine
Gegner
- Marx und Engels: Marx warf ihm vor, Hegel nicht zu verstehen, Engels kritisierte seinen Malthusianismus
- Cohen: warf ihm naturalistische Fehldeutung Kants vor
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Friedrich NietzscheDeutung
Nietzsche lernte über Lange die Psychophysik kennen.
baut auf Immanuel KantDeutung
Lange befürwortet ein Zurück zu Kant und stützt dessen Erkenntnistheorie durch die Sinnesphysiologie, deutet ihn aber naturalistisch.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Hermann CohenDeutung
Lange sorgte für Cohens Berufung nach Marburg; Cohen kritisierte seine naturalistische Kantdeutung, Lange änderte daraufhin Teile der zweiten Auflage.
wird kritisiert von Karl MarxDeutung
Marx warf Lange vor, Hegels Methode nicht zu verstehen; Engels kritisierte seinen Malthusianismus.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Hermann CohenDeutung
Lange sorgte für Cohens Berufung nach Marburg; Cohen kritisierte seine naturalistische Kantdeutung, Lange änderte daraufhin Teile der zweiten Auflage.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Lange verließ 1862 den Schuldienst, nachdem ein Erlass Lehrern politische Agitation untersagt hatte. Später gab er die Mitarbeit an der liberalen Rhein- und Ruhrzeitung auf (laut SEP, weil sie die Arbeiterinteressen nicht ernst nahm; laut Wikipedia entließ ihn die Zeitung). Seine Wechsel zwischen Lehre, Presse und Politik hingen damit auch am politischen Druck der Zeit.[2]
Zeitgeschehen Deutung
Als die politische Repression unter Bismarck zunahm, druckten Zeitungen Langes Artikel nicht mehr, was zu seinem Umzug in die Schweiz beitrug. Dass dieser Druck und der Aufstieg des Darwinismus seine Fragen nach Materialismus und Arbeiterfrage prägten, ist eine Deutung.[1]
Biografie belegt
Lange erhielt um 1870 eine Krebsdiagnose und starb 1875 in Marburg. Seine Logischen Studien gab Hermann Cohen 1877 postum heraus.[1]
Kritik
Marx hielt Langes Haltung zu Hegel für verfehlt und nannte sie schlicht kindisch, Engels warf ihm vor, ein geschichtlich bedingtes Bevölkerungsgesetz als ewig zu behandeln. Hermann Cohen warf ihm eine naturalistische Fehldeutung von Kants Apriori vor. Ernst Mach wies auf die tiefe Spannung hin, die in Langes und Helmholtz' Berufung auf Dinge an sich liegt.
Wirkung heute
Langes Geschichte des Materialismus wirkte auf den Marburger Neukantianismus; Paulsen, Natorp und Vaihinger beschrieben die Lektüre als eine Art Bekehrung zur Philosophie. Seine Verbindung von Naturwissenschaft, Erkenntniskritik und Sozialreform bleibt eine Referenz.
Brücke zu Führung und Coaching
Mit Lange kannst du Teams zeigen, dass auch eine nüchterne Datenlage durch Wahrnehmung und Perspektive geformt ist. Frage in einer Sitzung: Welche Annahmen stecken schon in der Art, wie wir diese Kennzahl erheben? Sein Standpunkt des Ideals hilft außerdem, Werte als Orientierung zu behandeln und nicht als Beweis.
Lebensstationen
- 1828Geburt in Wald bei Solingen
- 1851Promotion in Bonn
- 1865Die Arbeiterfrage erscheint; seit 1864 im ständigen Ausschuss des Verbands Deutscher Arbeitervereine
- 1866Geschichte des Materialismus erscheint; Eintritt in die Internationale, danach Umzug nach Winterthur
- 1872Professur in Marburg, wohin er später Hermann Cohen holt
- 1875Tod in Marburg
Werke
Die Arbeiterfrage (1865); Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart (1866, 2. Auflage 1873–75); Logische Studien (1877, postum)
Anekdote belegt
Der Logiker John Venn erwähnte in Symbolic Logic (1881), dass Lange die syllogistischen Figuren bereits mit Diagrammen abgeleitet hatte. Lange nannte den Hegelianismus in einem Brief einen Schritt zurück zur Scholastik.[1]
Noch nicht sicher belegt
- SEP-Seite nur bis Zeichen 100000 von 122000 gelesen. Duisburger Zeit: SEP 1858–1862, Wikipedia 1861–62; nicht verwendet. Wikipedia nennt keinen Nietzsche-Einfluss, die Kante stützt sich nur auf die SEP. Cohen als Schüler: SEP nennt ihn Protegé und Lange genauer seinen Mentor. Das Jahr des Umzugs nach Winterthur nennt keine der Quellen genau (SEP: nach 1866). Prüfer korrigiert oder entfernt: 'Pressprozesse' (in keiner Quelle), 'Hauptwerk blieb unvollendet' (die zweite Auflage erschien 1873–75 vollständig), 'Kantianer hielten ihn für zu materialistisch' und Max Weber als Beeinflusster (beides nicht belegt), Internationale 1865 statt 1866. Einstiegs-Lesetipp entfernt, weil keine deutsche Ausgabe mit Verlag belegt (Ausgabe von Alfred Schmidt nur indirekt über eine Rezension, Verlag offen). Sekundär-Lesetipp bewusst leer. Marx-Anekdote und Bernstein-Zitat nicht aufgenommen. Zitat weggelassen. Eduard Bernstein ohne Kante (nicht in Personenliste).
Herkunft der Daten: Die Abweichler des 19. Jahrhunderts. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu F. A. Lange
- [1]SEP, Friedrich Albert Lange · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]SEP, Friedrich Albert Lange – https://plato.stanford.edu/entries/friedrich-lange/; Wikipedia de · Wikipedia