Landkarte der Philosophie

Gabriel Marcel

1889–1973 · Paris

Strömung
Phänomenologie und Existenzialismus
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Katholischer Philosoph und Dramatiker, der oft als christlicher Existenzialist gilt, das Etikett aber ablehnte und Sartres Freiheitsbegriff scharf kritisierte.

Marcel gilt als einer der frühen Franzosen, die Existenz zum Thema machten, und steht Sartre gegenüber. Jaspers und Bergson prägten ihn, und Levinas, Sartre und Beauvoir besuchten seine Freitagabende.

Kernidee

Marcel unterscheidet Probleme, die du von außen mit Technik lösen kannst, von Mysterien, in denen du selbst mit drinsteckst, etwa Liebe, Hoffnung oder Treue. Wer nur in Problemen denkt, verliert sich selbst und behandelt andere als Objekte. Er setzt dagegen die Bereitschaft, dem anderen als Du zur Verfügung zu stehen.

Bekannt für

Man kennt Marcel als Philosophen, der wegen seiner Konversion zum Katholizismus 1929 als christlicher Existenzialist gilt, und als Theaterautor mit etwa dreißig Stücken. Seine Pariser Freitagabende zogen Denker wie Ricœur, Levinas, Beauvoir und Sartre an.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Mysterium statt Problem

Ein Problem steht dir gegenüber, und du kannst es mit Technik lösen. Ein Mysterium betrifft dich selbst, Marcel nennt es ein Problem, das in seine eigenen Daten eingreift. Eine Kündigung ist ein Problem der Organisation, aber was sie mit dem Menschen macht, ist ein Mysterium.

Haben und Sein

In der Neuzeit gewinnt das Haben an Gewicht, Besitz, Status und Verfügbares werden wichtiger. Die Liebe überwindet diese Ebene, weil der andere dann nicht mehr ein Er, sondern ein Du ist. Im Führungsalltag zeigt sich das, wenn Mitarbeiter nur noch als Ressource behandelt werden und nicht mehr als Gegenüber.

Verfügbarkeit und schöpferische Treue

Verfügbarkeit bedeutet, dem anderen die eigenen Kräfte zur Verfügung zu stellen. Freiheit ist für Marcel nicht autonom, sondern erfüllt sich in Liebe, Hoffnung und Treue. Als Chef zeigt sich das in der Frage, ob du für dein Team tatsächlich ansprechbar bist, wenn es schwierig wird.

Begriffe

Mysterium und Problem
Haben und Sein
Verfügbarkeit
schöpferische Treue
Neosokratismus

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Henri Bergson und Karl Jaspers: prägende Einflüsse laut dewiki, keine formellen Lehrer

Schüler

  • Paul Ricœur: gilt als Schüler und schrieb ein Vorwort zu einer Werkausgabe
  • Emmanuel Levinas, Merleau-Ponty, Emmanuel Mounier und Jeanne Parain-Vial: nachweisbare Einflüsse laut dewiki

Freunde

  • Paul Ricœur: Gespräche und Interview 1968 (Entretiens), laut Church Life Journal

Gegner

  • Jean-Paul Sartre: Marcel lehnte dessen atheistisch-radikalen Freiheitsbegriff ab

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Emmanuel Levinasungeprüft

    Levinas besuchte Marcels Freitagabende, nachweisbarer Einfluss laut dewiki.

  • baut auf Karl Jaspersungeprüft

    Jaspers zählt laut dewiki zu Marcels prägenden Einflüssen.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Paul Sartreungeprüft

    Marcel lehnte Sartres atheistisch-radikalen Freiheitsbegriff ab, beide nahmen an den Freitagabenden teil.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Emmanuel Levinasungeprüft

    Levinas besuchte Marcels Freitagabende, nachweisbarer Einfluss laut dewiki.

  • persönlich verbunden mit Jean-Paul Sartreungeprüft

    Marcel lehnte Sartres atheistisch-radikalen Freiheitsbegriff ab, beide nahmen an den Freitagabenden teil.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Marcel konvertierte 1929 vom Atheismus zum Katholizismus, beeinflusst von Charles Du Bos und François Mauriac. Sein theistischer Ausgangspunkt färbt die Deutung von Existenz als Berufung zu Hoffnung und Treue.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Hauptberuflich arbeitete Marcel als Theater- und Literaturkritiker und gab die Reihe Feux croisés bei Plon heraus. Das gab ihm eine Öffentlichkeit, aber auch Distanz zur Universität.[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Marcel sah seine Philosophie als Gegengewicht zu moralischem Relativismus und spirituellem Nihilismus der Nachkriegszeit sowie zum technokratischen Denken der Neuzeit.[1]

Kritik

Seine unsystematische Denkweise erschwert eine klare Einordnung. Sartres Streit mit ihm führte dazu, dass Kritiker seine Arbeit als Mystik statt Philosophie abtaten (IEP). Das Etikett christlicher Existenzialist verdeckt den Unterschied zu Kierkegaard und Jaspers.

Wirkung heute

Die Unterscheidung von Problem und Mysterium hilft in Medizin, Pflege und Beratung, wo Menschen keine Fälle sind. Sein Bild des Du statt des Er bleibt in Dialogphilosophie und Personalführung wichtig.

Brücke zu Führung und Coaching

In einem schwierigen Mitarbeitergespräch lohnt es sich, Marcels Unterscheidung anzuwenden: Löst du hier ein Problem oder begegnest du einem Menschen? Du kannst dir vor dem Gespräch fragen, wo du dich zur Verfügung stellst und wo du nur Maßnahmen verkündest. Ein Satz wie Ich bin ansprechbar, auch wenn ich keine Lösung habe kann viel verändern.

Lebensstationen

  1. 1889Geboren in Paris
  2. 1910Agrégation, danach Lehrer in Sens, Paris und Montpellier
  3. 1927Journal métaphysique
  4. 1929Konversion zum Katholizismus
  5. 1949Gifford-Vorlesungen in Aberdeen (1949–1950)
  6. 1973Tod in Paris

Werke

Metaphysisches Tagebuch (Journal métaphysique, 1927)

Sein und Haben (Être et avoir, 1935)

Das Geheimnis des Seins (Mystère de l'être, 1950/51)

Homo viator, Der Mensch als Problem (1955)

Die Philosophie der Hoffnung (deutsche Ausgabe 1957)

Anekdote überliefert

Marcels Freitagabende in Paris besuchten Denker wie Ricœur, Levinas, Beauvoir und Sartre. Dort begegneten sich gläubige und atheistische Existenzdenker.[1]

Lesetipps

Einstieg
Gabriel Marcel: Sein und Haben (1935), der Text, in dem Marcel Haben und Sein gegenüberstellt (deutsche Ausgabe nicht geprüft)
Vertiefung
Étienne Gilson: L'existentialisme chrétien. Gabriel Marcel (Plon, 1948), französisch; deutschsprachige Einführung nicht bestätigt

Noch nicht sicher belegt

  • Etikett christlicher Existenzialismus: Wer den Begriff prägte, sagt keine abgerufene Quelle. SEP: Die Philosophie wurde später so bezeichnet, am bekanntesten in Sartres Der Existentialismus ist ein Humanismus, ein Begriff, den Marcel zunächst bejahte und später ablehnte. dewiki: Marcel lehnte den Begriff Existentialismus ab und nannte sich Neo-Sokratiker. IEP: lehnte das Etikett theistic existentialism lebenslang ab. Die drei Quellen widersprechen sich im Zeitpunkt. Ein Buch von Gilson (1948) trägt den Titel L'existentialisme chrétien: Gabriel Marcel (Fußnote Church Life Journal), das zeigt Verwendung, nicht Urheberschaft. Jahre von Sein und Haben (1935 laut dewiki, IEP nennt 1949 für die englische Ausgabe), Homo viator (nur Übersetzungsjahre). Freitagabende-Anekdote nur aus SEP und dewiki.

Wege durchs Netz

  • Ich werde am Du

    Marcel: Liebe, Hoffnung und Treue sind keine Probleme, die man löst, sondern Geheimnisse, in denen man selbst steckt.

Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu G. Marcel

  1. [1]SEP · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia · Wikipedia
  3. [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: marcel · Internet Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]churchlifejournal.nd.edu/articles/wisdoms-otherness-the-lessons-of-gabriel-marcel · Webseite

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