Jean-Paul Sartre
1905–1980 · Paris
- Strömung
- Phänomenologie und Existenzialismus
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was soll ich tun? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der bekannteste Kopf des Pariser Existenzialismus, der Freiheit und Verantwortung des Einzelnen zum Zentrum machte und sich politisch stark engagierte.
Sartre übernimmt Husserls Phänomenologie und Heideggers Analyse des Daseins, wendet sie aber auf Freiheit und Verantwortung an. Er war mit Beauvoir verbunden, brach mit Camus und stritt sich mit Merleau-Ponty über Politik.
Kernidee
Für Sartre gibt es keine vorgegebene Natur des Menschen: Erst existierst du, dann machst du durch dein Handeln aus dir, was du bist. Daraus folgt, dass du frei bist und für deine Entscheidungen auch dann verantwortlich bleibst, wenn du dich auf Rollen oder Umstände herausredest. Das nennt er schlechten Glauben.
Bekannt für
Man kennt Sartre für den Satz, die Existenz gehe der Essenz voraus, und für die Ablehnung des Literaturnobelpreises 1964. Außerdem als Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift Les Temps Modernes.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Existenz vor Essenz
Nach Sartre hat der Mensch kein festes Wesen, das ihm vorgegeben wäre. Er ist zuerst da und muss sich durch seine Entscheidungen erst erschaffen. Wenn du neu in eine Führungsrolle kommst, steht deshalb nicht im Voraus fest, was für eine Chefin du bist, das zeigt sich erst in dem, was du tust.
Freiheit und Verantwortung
Sartre sagt, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt, und das bringt Angst und Verantwortung für die eigene Situation mit sich. Freiheit meint hier die Spontaneität des Bewusstseins, nicht dass äußere Umstände keine Rolle spielten. Ein Beispiel: Wer sagt, der Markt habe ihn zu einer Entlassung gezwungen, entscheidet trotzdem selbst, wie er darauf antwortet.
Schlechter Glaube
Schlechter Glaube ist eine Selbsttäuschung, bei der du dich wie ein fester Gegenstand behandelst. Sartre zeigt das am Kellner, der seine Rolle so übertrieben spielt, als wäre er ganz darin aufgegangen. Im Büro erkennst du es in dem Satz: Ich bin eben so, ich kann nicht anders.
Begriffe
- Existenz vor Essenz
- Freiheit
- schlechter Glaube
- Engagement
- Für-sich-Sein
- Existenz geht der Essenz voraus
- : der Mensch ist zuerst da und bestimmt dann durch sein Handeln, wer er ist
- Verurteilt zur Freiheit
- : wir können der Freiheit und Verantwortung nicht ausweichen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Edmund Husserl: Sartre beschäftigte sich ab 1933 in Berlin mit seiner Phänomenologie
- Martin Heidegger: Quelle der Daseinsanalyse, von der sich Sartre aber absetzte
Freunde
- Simone de Beauvoir: Lebensgefährtin und intellektuelle Gesprächspartnerin, später auch seine Biografin
Gegner
- Albert Camus: Bruch 1952 über Politik und Gewalt
- Maurice Merleau-Ponty: nannte Sartre wegen seiner Verteidigung der Sowjetunion einen Ultrabolschewisten (enwiki)
- Martin Heidegger: sah in Sartres Humanismus nur eine weitere metaphysische Perspektive (SEP/IEP)
Verbindungen im Netz
15 Verbindungen, davon 13 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Edmund Husserlungeprüft
Sartre beschäftigte sich ab 1933 in Berlin mit Husserls Phänomenologie.
baut auf Martin Heideggerungeprüft
Von Heideggers Existenzphilosophie geprägt, laut SEP-Heidegger belegt
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Albert Camusungeprüft
Bruch 1952 nach Der Mensch in der Revolte und Jeansons Rezension in Les Temps Modernes.
kritisiert Albert Camusungeprüft
Öffentlicher Bruch 1951 bis 1952, laut SEP belegt
wird kritisiert von Claude Lévi-StraussDeutung
Das Wilde Denken stellt strukturelle Bedingtheit gegen Sartres existenzialistische Freiheit (Wikipedia en).
wird kritisiert von Frantz Fanonungeprüft
Sartre schrieb das Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“ (1961), Fanon las zugleich dessen Blick-Analyse und „Antisemit und Jude“ kritisch.
wird kritisiert von Gabriel Marcelungeprüft
Marcel lehnte Sartres atheistisch-radikalen Freiheitsbegriff ab, beide nahmen an den Freitagabenden teil.
wird kritisiert von Martin Heideggerungeprüft
Heidegger sah Sartres Humanismus als weitere metaphysische Perspektive, die nicht zur Frage nach dem Sein zurückkehrt.
wird kritisiert von Maurice Merleau-Pontyungeprüft
Rückzug aus Les Temps Modernes 1952/53, scharfe Kritik in Die Abenteuer der Dialektik 1955.
wird kritisiert von Michel Foucaultungeprüft
Foucault lehnte Sartres Vorrang des Einzelsubjekts („transzendentaler Narzissmus“) und dessen Rolle als universeller Intellektueller ab (SEP).
wird kritisiert von Roland BarthesDeutung
Laut en.wikipedia antwortet Am Nullpunkt der Literatur (1953) auf Sartres Was ist Literatur?; die Einordnung als Streit ist Deutung.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Albert Camusungeprüft
Zeitweise befreundet, später zerstritten, wird oft mit ihm verglichen, obwohl Camus den Existentialismus für sich ablehnte
persönlich verbunden mit Frantz Fanonungeprüft
Sartre schrieb das Vorwort zu „Die Verdammten dieser Erde“ (1961), Fanon las zugleich dessen Blick-Analyse und „Antisemit und Jude“ kritisch.
persönlich verbunden mit Gabriel Marcelungeprüft
Marcel lehnte Sartres atheistisch-radikalen Freiheitsbegriff ab, beide nahmen an den Freitagabenden teil.
persönlich verbunden mit Simone de Beauvoirungeprüft
Lebenslang eng verbunden, offene Beziehung, Pakt von 1929, gemeinsame Zeitschrift Les Temps Modernes.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Sartre geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und kam im März 1941 mit einem Gefälligkeitsattest frei. Wladimir Jankélévitch kritisierte laut enwiki seinen Mangel an politischem Engagement in der Besatzungszeit, Camus nannte ihn einen Schriftsteller, der Widerstand leistete, nicht einen Widerstandskämpfer, der schrieb.[3]
Zeitgeschehen belegt
Sartre reiste 1954 in die Sowjetunion und sprach von vollständiger Kritikfreiheit. Er stützte die Kommunistische Partei bis zur sowjetischen Intervention in Ungarn 1956 und kritisierte später den Stalinismus. Laut dewiki verzichtete er nach Reisen in die Sowjetunion zeitweise auf weitere Kritik.[3]
Biografie belegt
Er lehnte 1964 den Nobelpreis ab. Persönlich wollte er nicht zur Institution werden, sachlich verwies er auf seinen Einsatz für friedliche Koexistenz von Ost und West. 1977 unterzeichnete er mit Beauvoir einen Appell zur Reform des Sexualstrafrechts, der Kritik auslöst.[2]
Kritik
Heidegger meinte, Sartres Humanismus bleibe in der neuzeitlichen Subjektphilosophie stecken. Klaus Hartmann nennt die Freiheitsforderung eine ethische Idee ab extra, die sich aus Das Sein und das Nichts nicht begründen lasse. Der spätere marxistische Sartre wird oft wegen der Kritik der dialektischen Vernunft und der Nähe zu Gewalt abgelehnt.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass du dich nicht hinter Rollen und Umständen verstecken kannst, trägt in Ethik und Führungsarbeit. Die Betonung der Verantwortung und die Kritik an der Selbsttäuschung bleiben aktuell.
Brücke zu Führung und Coaching
Wenn eine Führungskraft sagt, sie habe keine Wahl gehabt, hilft Sartres Blick: Du hast immer eine Wahl, auch wenn jede Option etwas kostet. Frage dein Gegenüber: Welche Entscheidung hast du in dieser Lage tatsächlich getroffen, und welche hättest du auch treffen können? So wird aus einer Entschuldigung ein Gespräch über Verantwortung.
Zitate
„Der Schriftsteller sollte sich also weigern, sich in eine Institution verwandeln zu lassen.“
Lebensstationen
- 1933Beschäftigung mit Husserl in Berlin
- 1940Deutsche Kriegsgefangenschaft, März 1941 freigelassen
- 1943Das Sein und das Nichts erscheint
- 1945Gründet mit Simone de Beauvoir die Zeitschrift Les Temps Modernes
- 1952Bruch mit Albert Camus
- 1964Ablehnung des Nobelpreises für Literatur
- 1980Tod in Paris
Werke
- Das Sein und das Nichts (1943)
- Ist der Existentialismus ein Humanismus? (1946)
Der Ekel (1938)
Das Sein und das Nichts (1943)
Die Fliegen (1943)
Geschlossene Gesellschaft (1944)
Der Existentialismus ist ein Humanismus (Vortrag 1945, Druck 1946)
Die schmutzigen Hände (1948)
Kritik der dialektischen Vernunft (1960)
Die Wörter (1964)
Der Idiot der Familie (1971–1972)
Anekdote überliefert
Als Kriegsgefangener im Stalag XII D in Trier schrieb Sartre das Stück Bariona und führte es zu Weihnachten 1940 mit Mitgefangenen auf. Ein deutscher Offizier nahm ihm zeitweise das Manuskript von L'Âge de raison ab und gab es später zurück.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Jean-Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Humanismus (Vortrag 1945, gedruckt 1946), kurz und zugänglich
- Vertiefung
- Walter Biemel: Jean-Paul Sartre in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlts Monographien, Rowohlt, Jahr nicht geprüft)
Noch nicht sicher belegt
- Bruch mit Camus: SEP nennt 1951 bis 52 (Rezeption von Der Mensch in der Revolte in Les Temps Modernes), dewiki nennt 1952 und als Anlass die Parteinahme für die Kommunisten im Fall Duclos, in der Camus-Seite von dewiki steht dagegen die Rezension von Francis Jeanson 1952 als Auslöser. Die Quellen widersprechen sich im Detail, verlässlich ist nur: 1951 erschien Camus' Buch, 1952 kam der endgültige Bruch. Nobelpreis: Zuerkennung 1964, Ablehnung 1964, Datum 14./22./23. Oktober je nach Quelle. Haltung zur Sowjetunion: Prag 1968 in keiner abgerufenen Quelle belegt. Der SEP-Teil zur Sowjetunion war nicht erschöpfend lesbar. Sekundärliteratur: Erscheinungsjahr des Rowohlt-Bandes nicht ermittelt. Die Datierung von Die Wörter (1963 oder 1964) in dewiki widersprüchlich.
- Gerüst: Werkjahre 1943 und 1946 sowie die deutschen Titel stammen nicht aus den Auszügen. Alle Kanten sind in den Auszügen belegt, bis auf die genaue Werkdatierung.
Wege durchs Netz
Sartre: Erst existierst du, dann machst du durch dein Handeln aus dir, was du bist, und du bleibst dafür verantwortlich.
Sartre: Ohne vorgegebenen Sinn sind wir zur Freiheit verurteilt, und über die Frage, was daraus politisch folgt, zerbrach 1952 seine Freundschaft mit Camus.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Sartre
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia · Wikipedia
- [3]Wikipedia · Wikipedia
- [4]Internet Encyclopedia of Philosophy: sartre-ex · Internet Encyclopedia of Philosophy