Karl Jaspers
1883–1969 · Oldenburg, Heidelberg, Basel
- Strömung
- Phänomenologie und Existenzialismus
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Psychiater und Philosoph, der mit Heidegger zusammen als Begründer der deutschen Existenzphilosophie gilt und den Begriff der Grenzsituation prägte.
Jaspers war in den 1920er Jahren mit Heidegger befreundet und brach 1933 mit ihm. Er baut auf Kierkegaard und Nietzsche auf und war der Lehrer von Hannah Arendt.
Kernidee
Jaspers meint: In Grenzsituationen wie Tod, Leid, Kampf und Schuld stößt das Wissen an seine Grenze. Genau dort wird dir bewusst, dass du mehr bist als ein Gegenstand der Wissenschaft. Diese Selbstbesinnung nennt er Existenzerhellung, sie lässt sich nicht beweisen, nur im Gespräch zwischen Menschen vollziehen.
Bekannt für
Man kennt Jaspers als Philosophen, der aus der Psychiatrie kam und den Begriff der Grenzsituation geprägt hat. Nach 1945 wurde er zur moralischen Stimme der Bundesrepublik, etwa mit seiner Schrift über die deutsche Schuldfrage.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Grenzsituationen
Es gibt Lagen, die du nicht ändern oder umgehen kannst: Tod, Leiden, Kampf und Schuld. Sie zeigen die Grenzen des Wissens, und wer sie annimmt, kann nach Jaspers zu einem eigentlichen Selbstsein finden. Ein Beispiel aus der Führung: Wenn du als Geschäftsführer eine Entlassungsrunde verantworten musst, kannst du die Schuld weder wegrechnen noch delegieren.
Existenzerhellung und das Umgreifende
Existenz lässt sich nach Jaspers nicht wie ein Gegenstand beschreiben, sie wird nur im Vollzug hell, zum Beispiel im ehrlichen Gespräch. Mit dem Umgreifenden meint er das, was jedes bestimmte Wissen noch einmal umfasst und nie ganz im Blick ist. Im Alltag begegnet dir das, wenn alle Kennzahlen stimmen und du trotzdem spürst, dass das Wesentliche an deinem Team noch nicht gesagt ist.
Chiffren der Transzendenz
Jaspers nennt Zeichen in Natur, Kunst oder Religion Chiffren. Sie verweisen auf etwas Übergreifendes, ohne es positiv erkennbar zu machen. Darauf baut sein philosophischer Glaube, der ohne feste Offenbarung auskommt, und er entspricht der Haltung, die Sinnfragen im Unternehmen offen zu halten, statt sie mit einem fertigen Leitbild zuzudecken.
Begriffe
- Grenzsituation
- Existenzerhellung
- das Umgreifende
- Chiffre
- philosophischer Glaube
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Kierkegaard und Nietzsche: Jaspers übernahm von Kierkegaard Entschiedenheit und leidenschaftliches Engagement, von Nietzsche den psychologisierenden Blick (laut SEP)
Schüler
- Hannah Arendt: promovierte 1926 bis 1928 bei ihm über den Liebesbegriff bei Augustinus
- Hans Saner: sein früherer Assistent, später Betreuer seines Nachlasses
Freunde
- Hannah Arendt: lebenslange Freundschaft ab 1932 und intensiver Briefwechsel
- Martin Heidegger: Freundschaft ab 1920, in den 1930er Jahren zerbrochen
Gegner
- Martin Heidegger: über dessen Nähe zum Nationalsozialismus ab 1933
- Karl Barth und Rudolf Bultmann: Streit um Entmythologisierung und Glauben
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Hannah Arendtungeprüft
Jaspers betreute ihre Dissertation 1928 und blieb ihr bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Gabriel Marcelungeprüft
Jaspers zählt laut dewiki zu Marcels prägenden Einflüssen.
baut auf Søren Kierkegaardungeprüft
Jaspers wurde nach Wikipedia de stark von Kierkegaard beeinflusst.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Theodor W. Adornoungeprüft
Im Jargon polemisiert Adorno stärker gegen Jaspers als gegen Heidegger, etwa wegen des Lobs der Positivität in Die geistige Situation der Zeit.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Martin Heideggerungeprüft
Freundschaft ab 1920, nach Heideggers NSDAP-Eintritt und Rektoratsrede 1933 der Bruch.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie Deutung
Jaspers heiratete 1910 Gertrud Mayer, die Jüdin war. Sie konnte laut Wikipedia nur durch die Ehe die NS-Zeit in Deutschland überstehen, und Jaspers wurde 1937 in den Ruhestand gezwungen und erhielt Publikationsverbot. Seine Ausführungen zu Schuld und Verantwortung stehen unter dem Eindruck dieser Erfahrung.[2]
Zeitgeschehen belegt
Die Schuldfrage von 1946 entstand unter amerikanischer Besatzung, und Jaspers war 1946 an der Wiedereröffnung der Universität Heidelberg beteiligt. Heinrich Blücher schrieb 1946 an Arendt, die Schrift wirke wie eine Art ethische Reinwaschung nahe an der Volksgemeinschaft.[2]
Abhängigkeit belegt
Jaspers war als Professor in Heidelberg staatlich angestellt, 1933 wurde er aus der Universitätsverwaltung ausgeschlossen. Nach 1945 galt er als politisch unbelasteter Ratgeber der neuen Universität.[1]
Kritik
Heidegger, Lukács und Adorno äußerten sich abfällig. Adorno nannte den Stil der Existenzphilosophie 1964 einen Jargon der Eigentlichkeit. Husserl und Rickert warfen ihm früh vor, philosophische mit anthropologischen Fragen zu vermischen.
Wirkung heute
Der Gedanke, dass Grenzsituationen nicht gelöst, sondern angenommen werden müssen, trägt in Psychotherapie und Beratung. Auch sein Ideal des offenen, ehrlichen Gesprächs als Weg zur Wahrheit ist heute noch aktuell.
Brücke zu Führung und Coaching
In Krisen wie Insolvenzdrohung oder Trennung von Mitarbeitern führst du Menschen nicht, indem du die Grenzsituation kleinredest. Du kannst sie benennen und gemeinsam durchstehen. Frage dich: Welche Situation in meinem Führungsalltag kann ich nicht ändern, und wie verhalte ich mich ihr gegenüber eigentlich?
Lebensstationen
- 1910Heirat mit Gertrud Mayer
- 1913Habilitation mit der Allgemeinen Psychopathologie
- 1922Ordentlicher Professor für Philosophie in Heidelberg
- 1937Zwangsruhestand durch die Nationalsozialisten, 1938 Publikationsverbot
- 1948Wechsel an die Universität Basel
- 1969Tod in Basel
Werke
Allgemeine Psychopathologie (1913)
Psychologie der Weltanschauungen (1919)
Die geistige Situation der Zeit (1931)
Philosophie (3 Bände, 1932)
Nietzsche (1936)
Die Schuldfrage (1946)
Von der Wahrheit (1947)
Der philosophische Glaube (1948)
Die Atombombe und die Zukunft des Menschen (1958 laut dewiki, 1961 laut SEP)
Anekdote überliefert
Laut Wikipedia sollte Jaspers am 14. April 1945 in ein Konzentrationslager deportiert werden. Die US-Armee war aber schon am 1. April in Heidelberg einmarschiert.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie (1950), eine Vortragsreihe als kurzer Zugang zu seinem Denken
- Vertiefung
- Hans Saner: Karl Jaspers in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlt, 1970)
Noch nicht sicher belegt
- Entstehungsjahr von Die Atombombe und die Zukunft des Menschen: SEP nennt 1961, dewiki 1958 (Quellen widersprechen sich). Kein Zitat, da keine Fundstelle abgerufen wurde. Die Rolle als Rektor/Mitbeteiligter der Wiedereröffnung 1946 steht nur in der SEP-Zusammenfassung. Die Einordnung von Saner als Schüler stützt sich auf dewiki (Assistent). IEP war nicht abrufbar.
Wege durchs Netz
Jaspers: Was Existenz ist, lässt sich nicht beweisen, nur im Gespräch zwischen Menschen erhellen.
Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Jaspers
- [1]SEP · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia · Wikipedia
- [3]archive.org/details/karljaspersinsel0000unse · Webseite