David Gauthier
Philosoph · 1932–2023 · Toronto, Pittsburgh
Kernidee in Kürze
Gauthier fragt, ob es vernünftig ist, moralisch zu handeln, wenn man vor allem seinen eigenen Vorteil sucht. Seine Antwort lautet ja: Wer sich auf gemeinsame Regeln einlässt und sie auch einhält, steht langfristig besser da als jemand, der immer nur seinen unmittelbaren Vorteil sucht.
- Kapitel
- Gegenwart (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Warum solltest Du moralisch handeln, wenn Du vor allem Deinen eigenen Vorteil suchst?
- Position
- Gauthier meint, dass sich Moral aus der Vernunft ergibt: Wer sich mit anderen auf Regeln einigt und sie hält, kommt auf Dauer besser voran.
- Einwand
- Das Buch gilt als umstritten. Es versteht Werte als Vorlieben der Einzelnen, und gutes moralisches Denken wird so zu einer verfeinerten, strategischen Form des Denkens in Mitteln und Zwecken. Kritiker bezweifeln auch, dass Menschen die Absichten anderer so gut durchschauen können, wie seine Theorie voraussetzt.
- Verbindung
- Gauthier knüpft an Hobbes an, hat über Rousseau geschrieben und steht neben Rawls und Scanlon unter den Vertragstheoretikern der Gegenwart.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Gauthier war
Kanadischer Philosoph, der in „Morals by Agreement“ Moral als Ergebnis vernünftiger Übereinkunft zwischen eigennützigen Menschen begründet.
Gauthier knüpft an die Vertragslehre von Thomas Hobbes an und nutzt Spieltheorie und die Theorie rationaler Wahl, um Moral zu begründen. Damit steht er in der Gegenwart für die eigennützige Richtung der Vertragstheorie, im Unterschied zu Rawls und Scanlon.
Kernidee genauer
Diese Haltung nennt er „eingeschränkte Maximierung“, weil man seinen Nutzen nicht in jedem Einzelfall, sondern innerhalb gemeinsamer Regeln zu steigern sucht.
Biografischer Moment
Deutung Redaktionelle Deutung eines Zusammenhangs zwischen Leben und Denken, nicht als Tatsache belegt.
Gauthier verband von Anfang an die Geschichte der politischen Philosophie mit der Frage nach Moral und Vernunft. Nach dem Nachruf der University of Pittsburgh arbeitete er durchgehend mit Hobbes und Rousseau und fragte nach dem Verhältnis von Moral und Eigennutz.[3]
Bekannt für
Man kennt Gauthier für „Morals by Agreement“ und den Begriff der eingeschränkten Maximierung. Ein Alltagsbeispiel: In einem Team hält sich jemand an Absprachen, auch wenn es kurzfristig bequemer wäre, sie zu umgehen, weil das Team auf Dauer nur so funktioniert.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Moral als Prinzip rationaler Wahl
Nach der Verlagsbeschreibung von „Morals by Agreement“ argumentiert Gauthier, dass moralische Prinzipien Prinzipien rationaler Wahl sind. Wenn jeder nur seinen größten erwarteten Nutzen sucht, stehen oft alle schlechter da, als nötig wäre. Er schlägt stattdessen eine Entscheidung auf der Grundlage vereinbarter Zusammenarbeit vor.
Eingeschränkte Maximierung
Nach den Nachrufen der Universitäten Pittsburgh und Toronto führte Gauthier den Begriff „constrained maximization“ ein. Er erklärt damit, wie vernünftige Wesen einen Grund haben können, in manchen Situationen auf die unmittelbare Maximierung zu verzichten, und wie viel sie bei gemeinsamen Lösungen nachgeben würden. Ein Beispiel ist, dass Du im Verhandeln Zugeständnisse machst, weil Du weißt, dass eine Einigung für beide Seiten mehr bringt als ein Streit.
Gerechtigkeit als Verhandlungsergebnis
Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy baut Gauthier sein Buch auf einer Verhandlungslösung auf, die er „minimax relative concession“ nennt, also die kleinste größtmögliche Nachgiebigkeit. Dieses Prinzip soll festlegen, wie ein gemeinsamer Gewinn aufgeteilt wird. In einer späteren Arbeit wechselte er nach derselben Quelle zur Verhandlungslösung von John Nash. Danach wählte er einen weniger formalen Ansatz, der seiner ursprünglichen Lösung wieder näher steht als der von Nash.
Begriffe
- Kontraktarismus
- Moral als Übereinkunft
- eingeschränkte Nutzenmaximierung
- rationale Entscheidung
- Gefangenendilemma
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Gauthier übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Thomas HobbesPrüfstand: belegt
Gauthier erneuert Hobbes' Vertragslehre als Grundlage seiner Moraltheorie, in der Menschen aus Eigennutz Regeln vereinbaren, und hat zuvor ein Buch über Hobbes geschrieben.
Untersucht
Gauthier untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Jean-Jacques RousseauPrüfstand: belegt
Gauthier schrieb ein Buch über Rousseau, in dem es um die Instabilität des Selbst geht und darum, wie Rousseau durch Kunstgriffe die Bedingungen für ein stabiles Selbst schaffen wollte.
untersucht Thomas HobbesPrüfstand: belegt
Gauthier schrieb mit „The Logic of Leviathan“ eine bekannte Deutung von Hobbes' Moral- und Staatslehre; sie führte nach dem Nachruf der University of Toronto zu neuem Interesse an Hobbes.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
John RawlsPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy ordnet Gauthier den eigennützigen Vertragstheoretikern in der Nachfolge von Hobbes zu und Rawls den Vertragstheoretikern, deren Parteien ethische Werte mitbringen. Ein Einfluss oder eine Auseinandersetzung wird dort nicht behauptet.
T. M. ScanlonPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Gauthier und Scanlon begründen beide moralische Regeln über eine Art Vertrag, aber Gauthier geht von Eigennutz aus und Scanlon von Gründen, die Menschen einander schulden. Ein Einfluss wird in der Quelle nicht behauptet.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Gauthier wurde 1932 in Toronto geboren, studierte in Toronto, Harvard und Oxford und lehrte von 1958 bis 1980 an der University of Toronto. Danach wechselte er an die University of Pittsburgh, wo er bis zu seiner Emeritierung 2001 blieb. Nach seiner Pensionierung kehrte er nach Toronto zurück.[3]
Politik belegt
Gauthier schrieb gelegentlich Zeitungsbeiträge zu öffentlichen Fragen und kandidierte einmal erfolglos für das kanadische Unterhaus. Nach Wikipedia trat er dabei 1962 für die New Democratic Party an und wurde Dritter.[3]
Biografie belegt
Kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag erschienen 2022 noch zwei Bücher von Gauthier, „Rational Deliberation“ und „Hobbes and Political Contractarianism“. Er starb 2023 im Alter von 91 Jahren.[4]
Kritik
Die Todesanzeige der Familie in der Zeitung The Globe and Mail beschreibt „Morals by Agreement“ als kritisch gegenüber der herrschenden Auffassung menschlicher Rationalität und nennt seine neue Sicht umstritten. Gegen seine Annahme, dass Menschen die Absichten anderer teilweise durchschauen können („translucency“), wird eingewandt, sie sei in menschlichen Gesellschaften vielleicht unrealistisch.
Wirkung heute
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy zählt Gauthiers „Morals by Agreement“ zu den wichtigen Ansätzen der Vertragstheorie, die Verhandlungslösungen aus der Spieltheorie verwenden. Sein Buch über Hobbes führte nach dem Nachruf der University of Toronto zu neuem Interesse an Hobbes.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: In einer Verhandlung mit einem anderen Bereich Deines Unternehmens kannst Du mit Gauthier fragen, ob ein dauerhaft eingehaltener Kompromiss Dir mehr bringt als jedes Mal der volle eigene Vorteil. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Gauthiers über Führung.
Lebensstationen
- 1932Geburt in Toronto (10. September)
- 1958Beginn der Lehre an der University of Toronto
- 1969„The Logic of Leviathan“ über Hobbes erscheint
- 1980Wechsel an die University of Pittsburgh
- 1986„Morals by Agreement“ erscheint
- 2001Emeritierung in Pittsburgh, Rückkehr nach Toronto
- 2023Tod (9. November)
Werke
The Logic of Leviathan (1969); Morals by Agreement (1986); Rousseau: The Sentiment of Existence (2006)
Lesetipps
- Einstieg
- David Gauthier, Morals by Agreement (Oxford: Clarendon Press, 1986)
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Contemporary Approaches to the Social Contract“
Noch nicht sicher belegt
- Das Erscheinungsjahr von „The Logic of Leviathan“ wird als 1968 und als 1969 angegeben, das von „Morals by Agreement“ als 1986 oder 1987, je nach Ausgabe. Als Verlag nennen die Quellen mal die Clarendon Press, mal die Oxford University Press, zu der die Clarendon Press gehört. Dass Gauthier als Gegenüber von Rawls und Scanlon erscheint, ist eine Einschätzung der Redaktion. Sie stützt sich auf eine Unterscheidung in der Stanford Encyclopedia of Philosophy: Vertragstheorien in der Nachfolge von Hobbes gehen von den eigenen Gründen und Interessen der Einzelnen aus, während bei Rawls und Scanlon die Vertragsparteien schon ethische Werte mitbringen. Die Enzyklopädie nennt diese Einteilung selbst ungenau.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 2: Ethik und Care-Ethik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Gauthier
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]David Gauthier · Wikipedia
- [3]University of Pittsburgh, Nachruf auf David Gauthier · Webseite
- [4]University of Toronto, Nachruf · Webseite
- [5]books.google.com/books/about/Morals_by_Agreement.html · Buch
- [6]philpapers.org/rec/GAUMBA · Aufsatz
- [7]legacy.com/ca/obituaries/theglobeandmail/name/david-gauthier-obituary · Webseite