Zum Inhalt springen

Landkarte der Philosophie

Ernst von Glasersfeld

Philosoph und Kommunikationswissenschaftler · 1917–2010 · München, Südtirol, Irland, Athens (Georgia), Amherst (Massachusetts)

Kernidee in Kürze

Glasersfeld vertritt zwei Grundthesen: Wissen wird vom erkennenden Menschen aktiv aufgebaut und nicht passiv aus der Umgebung empfangen. Erkennen ist ein Vorgang der Anpassung, der die eigene Erfahrungswelt ordnet, und entdeckt keine vom Geist unabhängige, schon vorhandene Welt.

Kapitel
System und Organisation (redaktionell)
Richtung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Können wir die Welt erkennen, wie sie ist, oder bauen wir unser Wissen aus Erfahrung selbst auf?

Position
Glasersfeld sagt, Wissen werde vom Menschen aufgebaut und müsse sich im Verhältnis zur Erfahrung bewähren. Eine Übereinstimmung mit einer vom Erkennenden unabhängigen Welt lasse sich nicht prüfen.
Einwand
Nach einer Darstellung ist die Lehre relativistisch, und Kritiker fragen, ob damit Wahrheit und Wirklichkeit aufgegeben werden. Glasersfeld hält dagegen, dass er die Wirklichkeit nicht leugnet, sondern nur bestreitet, dass wir sie so erkennen können, wie sie an sich ist.
Verbindung
Glasersfeld bezieht sich auf Berkeley, Vico und Piaget und steht in Verbindung mit der Kybernetik. Er gilt mit Heinz von Foerster als Begründer des radikalen Konstruktivismus.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Glasersfeld war

Österreichischer Sprachforscher, Kybernetiker und Philosoph, der den radikalen Konstruktivismus begründete: die Auffassung, dass Wissen nicht eine unabhängige Welt abbildet, sondern von Menschen aus ihrer Erfahrung aufgebaut wird und sich bewähren muss.

Glasersfeld kam über Mehrsprachigkeit, Kybernetik und die Sprachforschung zur Erkenntnistheorie. Er blieb ein philosophischer Autodidakt und bezog sich vor allem auf Giambattista Vico, George Berkeley und Jean Piaget. Der Konstruktivismus insgesamt hatte seit den 1970er Jahren großen Einfluss auf Forschung und Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften, und innerhalb des Konstruktivismus fand Glasersfelds radikale Fassung viele Anhänger.

Kernidee genauer

Wissen gilt deshalb nicht als Abbild einer Außenwelt, sondern als brauchbar, wenn es sich zu den eigenen Erfahrungen und Zielen fügt. Er nennt das Viabilität. Er sieht darin eine Art privaten Pragmatismus.

Biografischer Moment

Deutung Redaktionelle Deutung eines Zusammenhangs zwischen Leben und Denken, nicht als Tatsache belegt.

Glasersfeld führte seine Einsicht, dass es verschiedene Wirklichkeiten gibt, auf seine Mehrsprachigkeit zurück. Er sagte von sich, er habe nicht eine, sondern mehrere Muttersprachen.[3]

Bekannt für

Man kennt Glasersfeld als Begründer des radikalen Konstruktivismus. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du eine Tabelle für richtig hältst, weil sie in Deinem Team seit Jahren funktioniert, und nicht, weil sie die Wirklichkeit abbildet, denkst Du wie Glasersfeld, der Wissen an seiner Brauchbarkeit misst.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Wissen wird aufgebaut

Das Erkennen ist ein Prozess der Anpassung, der die eigene Erfahrungswelt ordnet.

Wissen bildet keine Welt ab

Glasersfeld hält Wissen nicht für ein Abbild einer vom Beobachter unabhängigen Welt, deshalb lehnt er Abbildtheorien des Wissens ab. Wissensansprüche betreffen für ihn die eigene Erfahrung, nicht die Welt. Wissen besteht aus individuellen Begriffsstrukturen, die sich im Verhältnis zur Erfahrung als brauchbar erweisen müssen.

Viabilität

Für Glasersfeld gilt nicht, ob Wissen mit der Welt „an sich“ übereinstimmt, denn das lasse sich nach den Skeptikern nie prüfen, sondern ob es zu den eigenen Zielen und Erfahrungen passt. Er nennt diese Passung Viabilität, die Brauchbarkeit eines Wissens im Verhältnis zur Erfahrung. Eine bevorzugte Wissensstruktur gibt es nicht.

Vorläufer: Vico, Berkeley, Piaget

Glasersfeld nannte Giambattista Vico (nur was wir selbst machen, können wir wissen) und George Berkeley als seine wichtigsten philosophischen Vorbilder. Berkeleys „Principles of Human Knowledge“ war das erste Philosophiebuch, das er im irischen Exil las. Von den neueren Theoretikern erhielt er die meiste Anregung von Jean Piaget, den er persönlich nie kennenlernte.

Von der Kybernetik zur Bildung

Glasersfeld kam 1959 an das Zentrum für Kybernetik in Mailand und leitete dort ein Projekt zur maschinellen Sprachübersetzung. In den Vereinigten Staaten entwickelte er mit anderen die Kunstsprache Yerkish für Schimpansen. Später untersuchte er mit Leslie Steffe, wie Kinder Zahlbegriffe aufbauen.

Begriffe

radikaler Konstruktivismus
Viabilität (Gangbarkeit
Passung)
erfahrbare Wirklichkeit
Wissen als Konstruktion
Anpassung

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Heinz von FoersterPrüfstand: belegt

    Glasersfeld führte nach eigener Aussage viele Gespräche mit Heinz von Foerster, und nach einer Darstellung sind beide die Begründer des radikalen Konstruktivismus. Nach derselben Darstellung verband sie eine enge Freundschaft. Gemeinsam veröffentlichten sie „Wie wir uns erfinden. Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus“.

  • Paul WatzlawickPrüfstand: belegt

    Glasersfeld lernte Paul Watzlawick 1978 auf einem Symposium in San Francisco kennen; dessen Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ hatte er kurz zuvor in einem Kurs verwendet. Beide stammten aus Österreich und lebten in mehreren Sprachen. Glasersfelds Einführung in den radikalen Konstruktivismus erschien in Watzlawicks Sammelband „Die erfundene Wirklichkeit“.

Übernimmt Gedanken von

Glasersfeld übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • George BerkeleyPrüfstand: belegt

    Glasersfeld nannte George Berkeley neben Vico als einen der beiden wichtigsten Einflüsse auf seine Lehre. Berkeleys „Principles of Human Knowledge“ war das erste Philosophiebuch, das er im Exil las.

  • Ludwig WittgensteinPrüfstand: belegt

    Glasersfeld nannte Wittgenstein neben Freud einen der beiden Autoren, die ihn während seiner Wiener Jahre tief beeinflussten. Den Tractatus las er mehrmals, bis ihn der Satz 2.223 stutzig machte: Um zu erkennen, ob ein Bild wahr ist, müsse man es mit der Wirklichkeit vergleichen. Ihm wurde klar, dass das einen Zugang zur Wirklichkeit jenseits der eigenen Erfahrung voraussetzt, und er suchte von da an anderswo weiter.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Glasersfeld wurde 1917 in München als Sohn einer österreichischen Familie geboren und wuchs in Südtirol auf. Er sprach drei Sprachen von klein auf und lernte im Schweizer Internat Zuoz eine vierte. Er studierte kurz Mathematik in Zürich und Wien und verließ Österreich 1937 wegen der Bedrohung durch die Nationalsozialisten.[4]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach den Jahren in Australien lebte Glasersfeld während des Zweiten Weltkriegs in Irland und arbeitete als Farmer. In dieser Zeit las er Berkeley und Vico, die nach der Darstellung seine Hinwendung zur Konstruktion von Wirklichkeit beförderten. Das erste Philosophiebuch, das er im Exil in die Hand bekam, war Berkeleys „Principles of Human Knowledge“.[3]

  • Biografie belegt

    1959 wurde Glasersfeld Mitarbeiter am Zentrum für Kybernetik der Universität Mailand bei Silvio Ceccato und leitete dort ein Projekt zur maschinellen Übersetzung. 1966 ging er in die Vereinigten Staaten, wo er ab 1970 Professor für kognitive Psychologie an der University of Georgia war, bis zur Emeritierung 1987.[5]

  • Biografie belegt

    Glasersfeld starb 2010 in Leverett (Massachusetts). Sein Nachlass liegt im Ernst-von-Glasersfeld-Archiv an der Universität Innsbruck.[3]

Kritik

Nach einer Darstellung sind die philosophischen Thesen des radikalen Konstruktivismus umstritten und verdienen gerade wegen seines großen Einflusses auf den Unterricht eine genaue Prüfung. Dieselbe Darstellung nennt ihn eine relativistische Lehre: Es gibt für ihn keine bevorzugte Wissensstruktur und keine vernünftig zugängliche Wirklichkeit jenseits der Erfahrung.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du in einem Team Konflikte erlebst, kannst Du mit Glasersfeld fragen, welche Erfahrungen jede Person zu ihrem Bild der Lage geführt haben, statt zu fragen, wer die Wirklichkeit richtig sieht. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Glasersfeld über Führung.

Lebensstationen

  1. 1917Geburt in München (8. März)
  2. 1937Verlässt Österreich; Skilehrer in Australien
  3. 1959Forschungsassistent am Zentrum für Kybernetik in Mailand
  4. 1966Umzug in die Vereinigten Staaten
  5. 1970Professor für kognitive Psychologie an der University of Georgia
  6. 1987Emeritierung
  7. 2010Tod in Leverett, Massachusetts (12. November)

Werke

The Construction of Knowledge (1987); Radical Constructivism: A Way of Knowing and Learning (1995); Key Works in Radical Constructivism (2007); An Introduction to Radical Constructivism (1984, in Watzlawicks „Die erfundene Wirklichkeit“)

Lesetipps

Einstieg
Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme (Suhrkamp, 1997)
Vertiefung
Michael R. Matthews, „Radical Constructivism: Ernst von Glasersfeld“ in der Encyclopedia of Educational Theory and Philosophy (Sage)

Noch nicht sicher belegt

  • Wie eng Glasersfelds Freundschaften mit Heinz von Foerster und Warren McCulloch waren und wie stark ihn die Lektüre Wittgensteins prägte, ist nur aus einer Lebensdarstellung bekannt.

Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Glasersfeld

  1. [1]sk.sagepub.com/ency/edvol/encyclopedia-of-education-theory-and-philosophy/chpt/radical-constructivism-ernst-von-glasersfeld · Webseite
  2. [3]Sage Encyclopedia of Educational Theory and Philosophy, „Radical Constructivism: Ernst von Glasersfeld“; Wikipedia (de), Abschnitt Emigration nach Irland · abgerufen 2026-10-29
  3. [4]Wikipedia (de), Ernst von Glasersfeld, Leben und Abschnitt zum Studium; Wikipedia (en)
  4. [5]Wikipedia (de), Abschnitte zur Italienischen Operativen Schule und zu Forschung und Lehre in den USA; Universität Innsbruck, Biografie · Webseite
  5. [6]files.eric.ed.gov/fulltext/ED295850.pdf · Webseite
  6. [7]Second-order cybernetics · Wikipedia

Zurück zur Landkarte · Suche