William Godwin
1756–1836 · London
- Strömung
- Utilitarismus und Pragmatismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Englischer Philosoph, Romanautor und Begründer des philosophischen Anarchismus, der den Utilitarismus noch vor Bentham zu einer strengen, unparteiischen Pflicht zum größten Gesamtnutzen ausbaut.
Er baut auf der theologischen Linie von Newcome auf, löst sie aber von Gott und verbindet sie mit radikaler Gesellschaftskritik. Seine Kritik an staatlicher Bevormundung wirkt wie eine Vorwegnahme von Mills Schrift Über die Freiheit (On Liberty, 1859), mit Bentham teilt er den säkularen Ansatz, ist aber viel radikaler.
Kernidee
Richtig ist, was die größte Menge an Gutem für alle hervorbringt, und dabei zählt jeder Mensch gleich viel, auch wenn es die eigene Mutter ist. Jeder soll seine Begabung, seine Zeit und sein Eigentum als Treuhand für das Wohl aller verstehen. Niemand darf einem anderen sein eigenes Urteil abnehmen, deshalb lehnt Godwin staatlichen Zwang ab und setzt auf Aufklärung und offene Diskussion.
Bekannt für
Bekannt ist er für sein Gedankenexperiment vom brennenden Palast: Du kannst nur einen Menschen retten, den Erzbischof Fénelon (einen angesehenen französischen Schriftsteller und Erzieher) oder ein Zimmermädchen, und Godwin sagt, du musst Fénelon retten, weil er mehr Gutes für alle bewirken wird, selbst wenn das Zimmermädchen deine Mutter wäre. Außerdem war er mit Mary Wollstonecraft (einer englischen Frauenrechtlerin und Autorin einer frühen feministischen Schrift) verheiratet und ist der Vater von Mary Shelley, der Autorin von Frankenstein.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Gerechtigkeit als Unparteilichkeit
Gerecht ist, was die größte Menge an Gutem erzeugt, und dabei zählt jeder Mensch gleich, unabhängig davon, wer er für mich ist. Im Beispiel mit dem brennenden Haus geht deshalb nicht die eigene Verwandtschaft vor, sondern der größere Nutzen für alle. Wenn du eine Stelle besetzt, gilt dasselbe: Der Cousin bekommt sie nicht, weil er Cousin ist, sondern nur, wenn er am meisten für das Ganze leistet.
Eigentum und Person als Treuhand
Wer mehr besitzt als andere, soll sein Eigentum als anvertrautes Gut ansehen und danach fragen, wie es am besten Freiheit, Wissen und Tugend fördert. Auch die eigene Person, also Begabung, Kraft und Zeit, versteht Godwin als Treuhand für die Menschheit. Wer nur einen kleinen Teil spendet, verdient bei ihm deshalb kein Lob, sondern gilt vor der Gerechtigkeit als jemand, der etwas zurückhält.
Privates Urteil und Gespräch statt Zwang
Nur wer selbst urteilt, handelt frei und damit moralisch wertvoll, deshalb darf niemand das Urteil eines anderen ersetzen. Fortschritt entsteht für Godwin durch offene Diskussion und wachsende Einsicht, nicht durch Gesetze oder Befehle. In einem Team heißt das: Gute Entscheidungen entstehen, wenn jeder sein Urteil offen einbringt, statt Anweisungen nur auszuführen.
Begriffe
- Größte Menge an Gutem
- : Godwins Maßstab für richtiges Handeln: Richtig ist, was insgesamt am meisten Gutes für alle Betroffenen hervorbringt
- Unparteilichkeit
- : bei Godwin zählt jeder Mensch gleich viel, auch wenn er mir persönlich nahesteht, etwa als Verwandter
- privates Urteil
- : Godwins Grundsatz, dass jeder selbst urteilen muss und niemand das Urteil eines anderen ersetzen darf
- Perfektibilität
- : Godwins Glaube, dass sich der Mensch unbegrenzt verbessern kann, weil Laster aus den Umständen entstehen und diese sich ändern lassen
- Anarchismus
- : die Haltung, dass staatliche Herrschaft die Entwicklung des Geistes hemmt; Godwin gilt als erster moderner Vertreter
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Andrew Kippis: sein früherer Tutor an der Hoxton Academy, der ihm im Juli 1784 die Rubrik britische und ausländische Geschichte im New Annual Register anbot
Schüler
- Percy Bysshe Shelley: las Political Justice zwischen 1810 und 1820 mehrfach, brannte 1814 mit Godwins Tochter Mary durch und wurde später sein Schwiegersohn; ein Schülerverhältnis im engen Sinn ist nicht belegt
Freunde
- Thomas Holcroft, John Thelwall und John Horne Tooke: enge Freunde im radikalen London der 1790er
- Mary Wollstonecraft: ab 1796 Partnerin, 1797 Ehefrau
Gegner
- Thomas Malthus: schrieb den Essay on the Principle of Population als Antwort auf Godwins Vollkommenheitsglauben
- Samuel Parr: griff 1800 seine Ablehnung von Familiengefühl und Dankbarkeit an
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf David HumeDeutung
Seine Ansicht, dass jede Regierung auf Meinung gründet, erweitert nach der SEP (William Godwin) teilweise einen Satz Humes.
baut auf Susanna NewcomeDeutung
Ihre Pflicht, Bedürftigen zu helfen, wird laut SEP von späteren säkularen Utilitaristen, besonders Godwin, aufgegriffen.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Jeremy BenthamDeutung
Zeitgenosse und wie Bentham säkularer Utilitarist, aber viel radikaler und Anarchist (SEP, History of Utilitarianism).
im Vergleich mit John Stuart MillDeutung
Die SEP (History of Utilitarianism) sagt, dass Godwins Kritik an staatlicher Bevormundung Mills Einwände in On Liberty vorwegnimmt; ein Einfluss auf Mill ist damit nicht belegt, die Kante ist Deutung der Verwandtschaft.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Seine Prägung durch die protestantischen Dissenter (Christen, die sich von der anglikanischen Staatskirche getrennt hatten), die das persönliche Gewissensurteil über alles stellten, beeinflusste Political Justice stark. Die Quelle sieht darin sogar einen Grund, warum er das Prinzip des privaten Urteils so betont.[1]
Geld Deutung
Seine Finanzen blieben lange schwierig: Sein Verleger George Robinson unterstützte ihn während der Arbeit an Political Justice, später kamen Schulden, ein Kinderbuchladen und zuletzt ab 1833 eine Staatsstelle als Pension. Das macht seine radikale Kritik an Eigentum und Staat auffällig, ist aber als Verzerrung nur Deutung.[1]
Zeitgeschehen belegt
Political Justice entstand im Schwung der Französischen Revolution, Ende der 1790er wurde Godwinism wegen der konservativen Gegenreaktion zum Schimpfwort. Seine zweite und dritte Ausgabe schwächen die rationalistischen und utopischen Aussagen der ersten ab.[1]
Kritik
Parr kritisierte 1800, dass Godwin Familiengefühl und Dankbarkeit für moralisch wertlos hielt, und Godwin räumte in späteren Ausgaben den natürlichen Bindungen mehr Gewicht ein. Malthus hielt seine Hoffnung auf Vollkommenheit für unrealistisch, weil die Bevölkerung schneller wächst als die Nahrung. Außerdem bezweifeln Interpreten, dass er überhaupt Utilitarist ist, weil sein Glücksbegriff am Ausbau von Verstand und Einsicht hängt und eher nach Perfektionismus aussieht.
Wirkung heute
Seine Forderung, dass Hilfe nicht davon abhängen darf, wer mir nahesteht, greifen Peter Singer, Leslie Cannold und Helga Kuhse 1995 in einem Aufsatz über Godwin und die Verteidigung unparteilicher Ethik wieder auf. Die Forderung nach unparteilicher Abwägung gilt weiterhin als eines der strengsten und umstrittensten Merkmale des Utilitarismus.
Brücke zu Führung und Coaching
Godwins Frage lautet: Was bringt für alle Betroffenen zusammen am meisten, wenn ich nicht danach gehe, wer mir nahesteht? Prüfe bei der nächsten Beförderung oder Stellenvergabe, ob du dem Kandidaten wirklich wegen seiner Wirkung auf das Ganze den Vorzug gibst. Lass außerdem im Team jeden sein eigenes Urteil offen sagen, bevor du entscheidest, denn nur dann ist die Entscheidung nicht bloß eine Anweisung.
Zitate
„I am bound to employ my talents, my understanding, my strength and my time for the production of the greatest quantity of general good. (Eigene Übersetzung: Ich bin verpflichtet, meine Begabung, meinen Verstand, meine Kraft und meine Zeit für die Hervorbringung der größten Menge an allgemeinem Guten einzusetzen.)“
Lebensstationen
- 1756Geboren in Wisbech, Cambridgeshire, als Sohn eines dissentierenden Pfarrers
- 1782Zieht nach London, um vom Schreiben zu leben; nach einer letzten kurzen Pfarrstelle in Beaconsfield Ende 1782 gibt er den Pfarrberuf auf
- 1793Erscheint An Enquiry Concerning Political Justice
- 1794Erscheint der Roman Caleb Williams
- 1797Heirat mit Mary Wollstonecraft, die im September nach der Geburt der Tochter Mary stirbt
- 1836Stirbt am 7. April in Westminster, zuletzt versorgt durch eine Staatsstelle
Werke
An Enquiry Concerning Political Justice (1793, überarbeitet 1795 und 1797); Things as They Are, or The Adventures of Caleb Williams (1794); The Enquirer (1798); Memoirs of the Author of A Vindication of the Rights of Woman (1798); Thoughts on Man (1831)
Anekdote überliefert
Als Godwin 1801 noch Witwer war, lehnte sich Mary Jane Clairmont von ihrem Balkon und rief ihn an: Ist es möglich, dass ich den unsterblichen Godwin sehe. Er heiratete sie später und gründete mit ihr den Kinderbuchverlag.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- William Godwin: An Enquiry Concerning Political Justice, hg. von Mark Philp (Oxford University Press, 2013, Text der Erstausgabe von 1793): Buch II, Kapitel 2 enthält das Beispiel mit dem brennenden Haus. Eine gekürzte deutsche Fassung erschien laut SEP schon 1803, eine aktuelle deutsche Ausgabe wurde nicht gefunden.
- Vertiefung
- Mark Philp: Godwin's Political Justice (Ithaca, N. Y.: Cornell University Press, 1986; britische Ausgabe bei Duckworth)
Noch nicht sicher belegt
- Zitat nur im englischen Original; die SEP History of Utilitarianism zitiert es aus Buch II, Kapitel 2, S. 118–119 der Ausgabe Philadelphia 1796, die deutsche Fassung ist eigene Übersetzung. Das Brandbeispiel lautet in der Quelle Fénelon gegen Zimmermädchen; die Mutter tritt in der Erstausgabe als Steigerung auf, später der Vater (SEP, William Godwin). Shelley war nach den Quellen Leser und Schwiegersohn, kein belegter Schüler; die Heirat mit Mary fiel nicht ins Jahr 1814 (dort Flucht), das Heiratsjahr steht in den abgerufenen Quellen nicht. Die Balkonszene ist bei der SEP wörtlich zitiert; Heirat mit Mary Jane Clairmont 1801 und Gründung der Juvenile Library 1805 nach Wikipedia. Todesdatum 7. April 1836 und Todesort Westminster nach Wikipedia, die SEP nennt nur April 1836. Die Aussage in heute stützt sich auf den Aufsatztitel von Singer, Cannold und Kuhse (Utilitas 1995) aus der SEP-Literaturliste, nicht auf den gelesenen Inhalt. Der Kontext Geld ist Deutung. Die Kanten zu Hume und Mill tragen nur je ein SEP-Hinweis, kein Austausch. Die Penguin-Ausgabe von Political Justice existiert (Penguin Classics, 2. Juli 2015, Einleitung Isaac Kramnick, ISBN 9780141396736), wird aber im Lesetipp nicht genannt. Philps Buch von 1986 ist über Rezensions- und Katalogangaben belegt (Cornell University Press und Duckworth), die Katalogseiten selbst ließen sich nicht öffnen. Prüfung N1 am 20.10.2026.
Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Godwin
- [1]SEP, William Godwin · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (en): William Godwin · Wikipedia
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: utilitarianism-history · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]penguin.co.uk/books/33448/enquiry-concerning-political-justice-by-godwin-william/9780141396736 · Webseite
- [5]Wikipedia (en): Harriet Taylor Mill · Wikipedia
- [6]Wikipedia (de): François Fénelon · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Mary Wollstonecraft · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [8]Wikipedia (de): Dissenter · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20