Landkarte der Philosophie · Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
1780 bis 1940 · modernebelegt
Was ist richtig, und woran messen wir es: an Folgen und praktischer Bewährung?
Der Utilitarismus bewertet Handlungen nach ihren Folgen für das Wohl aller. Der Pragmatismus prüft Ideen daran, was sie in der Praxis leisten. Beide wollen Philosophie auf Reformen, Politik und Alltag ausrichten.
Zeit und Umfeld
Industrialisierung, wachsende Städte und Reformbewegungen in England und den USA stellten die Frage nach dem Wohl der Vielen.
Warum das heute zählt
Entscheidungen an Wirkung und Nutzen zu messen und Hypothesen im Handeln zu testen, gehört zum heutigen Management.
Kants Fragen (Deutung): Was soll ich tun? · Was kann ich wissen?
Personen (23)
- Susanna Newcome1685–1763Englische Theologin und Philosophin, die schon 1728 in einem Buch über den christlichen Glauben die Pflicht begründet, das Glück aller zu fördern, und damit eine frühe Vorläuferin des Utilitarismus ist.
- Jeremy Bentham1748–1832Der Jurist und Reformer, der aus der Aufklärung eine rechnende Moral macht: Eine Handlung oder ein Gesetz ist gut, wenn es das Glück der Vielen mehrt.
- William Godwin1756–1836Englischer Philosoph, Romanautor und Begründer des philosophischen Anarchismus, der den Utilitarismus noch vor Bentham zu einer strengen, unparteiischen Pflicht zum größten Gesamtnutzen ausbaut.
- John Stuart Mill1806–1873Englischer Philosoph und Politiker, der Benthams Utilitarismus um die Qualität der Freuden und um den Schutz individueller Freiheit erweitert und ihn zur bekanntesten Fassung macht.
- Harriet Taylor Mill1807–1858Englische Denkerin und Frauenrechtlerin, die so eng mit John Stuart Mill zusammenarbeitete, dass ihr Anteil an seinen wichtigsten Schriften bis heute diskutiert wird, und die mit ihrem Aufsatz von 1851 die volle Gleichberechtigung der Frauen fordert.
- Henry Sidgwick1838–1900Englischer Moralphilosoph, der den klassischen Utilitarismus von Bentham und Mill zusammenfasst, begründet und seine Schwachstellen offenlegt, und damit die Fragen stellt, an denen sich Hare, Parfit und Singer abarbeiten.
- Charles Sanders Peirce1839–1914Begründer des amerikanischen Pragmatismus: Er verknüpfte die Bedeutung eines Begriffs mit dessen denkbaren praktischen Wirkungen.
- William James1842–1910Arzt, Psychologe und Philosoph, der den Pragmatismus mit Vorträgen und Büchern in Amerika bekannt gemacht hat.
- John Dewey1859–1952Der wirkmächtigste Pragmatist: Er machte Forschen, Lernen und Demokratie zu einem gemeinsamen Experimentieren mit Folgen.
- Jane Addams1860–1935Sozialreformerin und Philosophin des Pragmatismus, die aus fast fünfzig Jahren Arbeit im Chicagoer Nachbarschaftshaus Hull House (einem 1889 gegründeten Haus, in dem Gebildete mitten in einem armen Einwandererviertel lebten und Bildung und soziale Dienste anboten) eine Theorie von Demokratie, Fürsorge und Frieden machte.
- George Herbert Mead1863–1931Pragmatist und Sozialpsychologe, der zeigte, dass das Selbst erst im Zusammenspiel mit anderen entsteht.
- W. E. B. Du Bois1868–1963Soziologe, Historiker und Bürgerrechtler, der als Schüler von William James die Frage nach Folgen und Erfahrung auf Rassismus und soziale Probleme in den USA anwendet.
- Mary Parker Follett1868–1933Sozialarbeiterin, politische Denkerin und Managementtheoretikerin, die pragmatistische Ideen von Gruppe, Erfahrung und Demokratie in die Führung von Unternehmen übersetzte.
- Willard Van Orman Quine1908–2000Logiker und Philosoph in Harvard, der den festen Unterschied zwischen Begriffswahrheiten und Tatsachenwahrheiten verwirft und damit einem 'gründlicheren Pragmatismus' den Weg bereitet.
- R. M. Hare1919–2002Britischer Moralphilosoph in Oxford, der mit dem Präskriptivismus und der Unterscheidung zweier Ebenen des moralischen Denkens eine Brücke zwischen Kant und dem Utilitarismus schlägt und Peter Singer früh prägte.
- J. J. C. Smart1920–2012Der britisch-australische Philosoph, der den Handlungsutilitarismus gegen die Regelvariante verteidigt und damit die Debatte des 20. Jahrhunderts prägt.
- Hilary Putnam1926–2016Harvard-Philosoph, der von der Sprach- und Wissenschaftsphilosophie zu einem Pragmatismus fand, in dem Wahrheit, Werte und Praxis zusammengehören.
- Bernard Williams1929–2003Der britische Moralphilosoph, der mit dem Integritätseinwand die schärfste Kritik am Utilitarismus des 20. Jahrhunderts formuliert.
- Richard Rorty1931–2007Der amerikanische Neopragmatist, der Wissen als gesellschaftliche Rechtfertigung im gemeinsamen Gespräch versteht und Solidarität an die Stelle von Gewissheit setzt.
- Derek Parfit1942–2017Der Oxforder Moralphilosoph, der den Utilitarismus über Fragen nach dem Ich, nach künftigen Generationen und nach Gründen neu durchdenkt.
- Robert Brandomgeb. 1950Sprachphilosoph in Pittsburgh und Schüler Rortys, der den Pragmatismus als Lehre vom Geben und Verlangen von Gründen in sozialen Praktiken neu aufbaut.
- Peter Railtongeb. 1950Der amerikanische Ethiker, der zeigt, dass Konsequentialisten nicht ständig rechnen müssen, um am Ende das Beste zu bewirken.
- Cheryl Misakgeb. 1961Kanadische Philosophin und Pragmatismus-Historikerin, die mit Peirce die Wahrheit wieder in die Mitte von Ethik, Politik und Beratschlagung stellt und gegen Rortys Verzicht auf Wahrheit argumentiert.
Begriffe
- Nutzenprinzip
- : die Regel, das größte Glück der größten Zahl zu fördern
- Qualität der Freuden
- : Mills Unterscheidung höherer und niederer Freuden
- Schadensprinzip
- : Freiheit endet dort, wo anderen Schaden zugefügt wird
- Pragmatische Wahrheit
- : eine Idee ist wahr, soweit sie sich im Handeln bewährt
- Instrumentalismus
- : Denken als Werkzeug zur Lösung von Problemen
- Experimentelle Bildung
- : Deweys Lernen durch Erfahrung und gemeinsames Problemlösen
Verbindungen innerhalb der Strömung
45 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
John Dewey baut auf Jane Addams aufDeutung
Addams war eine enge Freundin der Deweys, und nach Dewey und seiner Tochter half sie ihm, seine Ansichten zu Demokratie, Bildung und Philosophie zu entwickeln.
John Dewey baut auf William James aufDeutung
Laut SEP gemeinsam mit Peirce und James Gründer des amerikanischen Pragmatismus
William Godwin baut auf Susanna Newcome aufDeutung
Ihre Pflicht, Bedürftigen zu helfen, wird laut SEP von späteren säkularen Utilitaristen, besonders Godwin, aufgegriffen.
R. M. Hare baut auf John Stuart Mill aufDeutung
Sein Ziel war, Elemente von Aristoteles, Kant und Mill logisch stimmig zu vereinen (SEP, Hare).
Jane Addams baut auf William James aufDeutung
Freundschaft, Addams zitiert James häufig und teilt mit ihm den Wert der Erfahrung.
George Herbert Mead baut auf William James aufDeutung
Mead verband Darwin, Hegel, Deweys Psychologie und Einsichten von James; er war zudem Hauslehrer in James' Familie.
John Stuart Mill baut auf Jeremy Bentham aufDeutung
Mill war ein Anhänger Benthams und bewunderte ihn, korrigierte aber dessen Begriff von Glück (SEP, History of Utilitarianism).
John Stuart Mill baut auf Harriet Taylor Mill aufDeutung
Laut Mill gab ihr Einfluss den Principles of Political Economy ihren besonderen Ton, und die zweite Auflage wurde nach ihrem Umdenken sozialismusfreundlicher (SEP, Harriet Taylor Mill).
Cheryl Misak baut auf Charles Sanders Peirce aufDeutung
Ihr Buch Truth and the End of Inquiry bietet eine 'Peircean account of truth' (Wikipedia), und sie war 2011 Präsidentin der Charles S. Peirce Society.
Derek Parfit baut auf Henry Sidgwick aufDeutung
Parfit verfolgte Sidgwicks Fragen zur Bevölkerungsgröße und zu Gesamt- gegenüber Durchschnittsnutzen weiter (SEP, History of Utilitarianism) und setzte sich mit Sidgwicks Lösung des Dualismus auseinander; die SEP nennt Parfits eigene Sicht zutiefst sidgwickianisch (SEP, Sidgwick).
Hilary Putnam baut auf John Dewey aufDeutung
Mit Ruth Anna Putnam schrieb er Pragmatism as a Way of Life über James und Dewey (SEP, Wikipedia).
Hilary Putnam baut auf Willard Van Orman Quine aufDeutung
Putnam wurde laut Wikipedia in den späten 1970ern auch von Quines Ideen angeregt, den Realismus zu verlassen, und beide entwickelten das Unentbehrlichkeitsargument.
Hilary Putnam baut auf William James aufDeutung
Putnam schrieb viel über James, Peirce und Dewey und wurde durch James und Dewey von der Fakt-Wert-Trennung abgebracht (Wikipedia, SEP).
Richard Rorty baut auf John Dewey aufDeutung
SEP: Dewey ist für Rorty die Schlüsselfigur des Pragmatismus, wenn auch in selektiver, umstrittener Lesart.
Richard Rorty baut auf Willard Van Orman Quine aufDeutung
SEP: Rorty verwendet Quines Angriff in „Two Dogmas of Empiricism“ für seine Kritik an der Erkenntnistheorie.
Henry Sidgwick baut auf Jeremy Bentham aufDeutung
Seine Ansichten entwickelten sich laut SEP aus und in Auseinandersetzung mit denen Benthams und Mills; The Methods gilt dort als eines der bekanntesten Werke utilitaristischer Moralphilosophie.
Henry Sidgwick baut auf John Stuart Mill aufDeutung
Sidgwicks Methods of Ethics entwickelte sich aus und in Auseinandersetzung mit Bentham und Mill (SEP, History of Utilitarianism).
William James baut auf Charles Sanders Peirce aufDeutung
James führte den Pragmatismus auf Peirces frühe Aufsätze The Fixation of Belief und How to Make Our Ideas Clear zurück.
John Dewey und Jane Addams kannten sich persönlichDeutung
Addams war eine enge Freundin der Deweys, und nach Dewey und seiner Tochter half sie ihm, seine Ansichten zu Demokratie, Bildung und Philosophie zu entwickeln.
John Dewey und George Herbert Mead kannten sich persönlichDeutung
Dewey und Mead waren enge Freunde mit ähnlichen Denkwegen, beide durchliefen eine Hegel-Phase.
Harriet Taylor Mill und John Stuart Mill kannten sich persönlichDeutung
Sie arbeitete eng mit Mill zusammen, und er schrieb ihr virtuelle Mitautorschaft an vielen Werken zu (SEP, John Stuart Mill; SEP, Harriet Taylor Mill).
Jane Addams und George Herbert Mead kannten sich persönlichDeutung
Langjährige Freundschaft und gemeinsame Projekte; Mead verteidigte sie öffentlich, als sie wegen ihrer Haltung zum Kriegseintritt der USA angegriffen wurde, obwohl er anders dachte.
Jane Addams und William James kannten sich persönlichDeutung
Freundschaft, Addams zitiert James häufig und teilt mit ihm den Wert der Erfahrung.
Charles Sanders Peirce und William James kannten sich persönlichDeutung
Enge Freunde und Mitglieder des Metaphysical Club, die sich gegenseitig beeinflussten und ihre Spielarten des Pragmatismus doch abgrenzten.
J. J. C. Smart und Bernard Williams kannten sich persönlichDeutung
Smart und Williams schrieben 1973 gemeinsam „Utilitarianism: For and Against“, Smart verteidigt, Williams kritisiert (IEP).
R. M. Hare war Lehrer von Bernard WilliamsDeutung
SEP: Hare war einer seiner Tutoren in Oxford, dessen Ansatz Williams ablehnte; 1990 folgte er ihm auf den Oxford-Lehrstuhl.
Charles Sanders Peirce war Lehrer von John DeweyDeutung
Dewey besuchte 1882/83 Peirces Logikkurs an der Johns Hopkins University, fand ihn damals zu mathematisch und erkannte nach der SEP erst später die Bedeutung von Peirces Pragmatismus für seine eigene Forschungslogik an.
Richard Rorty war Lehrer von Robert BrandomDeutung
Brandom promovierte 1977 unter Rorty, nennt ihn laut SEP seinen Lehrer und gab Rorty and His Critics (2000) heraus.
William James war Lehrer von W. E. B. Du BoisDeutung
Du Bois belegte 1889/90 Philosophiekurse bei James, und er schreibt später, er sei auf seinen James zurückgefallen (SEP).
William James war Lehrer von Mary Parker FollettDeutung
Nach der SEP (Pragmatist Feminism) studierte Follett an Radcliffe/Harvard unter anderem bei William James.
Cheryl Misak kritisiert John DeweyDeutung
Die SEP führt Misak (1999) bei denen, die Peirces Untersuchungsbegriff gegenüber Deweys als Grundlage demokratischer Beratschlagung bevorzugen.
Cheryl Misak kritisiert Richard RortyDeutung
Die SEP nennt Misak unter denen, die Rortys Verzicht auf die Wahrheitsfrage kritisieren.
Hilary Putnam kritisiert Richard RortyDeutung
SEP: Putnam gehört zu den freundlichen Kritikern, die keine nur gesprächsbedingten Grenzen des Wissens akzeptieren.
Peter Railton kritisiert Bernard WilliamsDeutung
Die SEP führt Railton 1984 als Antwort auf den Einwand vom „einen Gedanken zu viel“ (Williams 1981) an: Das Nutzenprinzip ist Maßstab, nicht Entscheidungsverfahren.
Bernard Williams kritisiert R. M. HareDeutung
Williams war Hares Balliol-Schüler und kritisierte später die Zwei-Ebenen-Lehre (SEP, Hare).
Bernard Williams kritisiert Richard RortyDeutung
SEP: Williams kritisiert Rortys Wissenschaftsverständnis; in Truth and Truthfulness (2002) stellt er sich gegen Rortys Wahrheitsskepsis.
Bernard Williams kritisiert Henry SidgwickDeutung
Williams warf ihm vor, ein ‚Government House‘-Utilitarist zu sein, dessen Ansichten zum Kolonialismus passten (SEP, Sidgwick).
Bernard Williams kritisiert J. J. C. SmartDeutung
Smart und Williams schrieben 1973 gemeinsam „Utilitarianism: For and Against“, Smart verteidigt, Williams kritisiert (IEP).
Jeremy Bentham wird verglichen mit William GodwinDeutung
Zeitgenosse und wie Bentham säkularer Utilitarist, aber viel radikaler und Anarchist (SEP, History of Utilitarianism).
John Dewey wird verglichen mit W. E. B. Du BoisDeutung
Neuere Forschung (Sullivan 2006, Macmullen 2009) verbindet seine Moralpsychologie mit Deweys Gewohnheitsbegriff, um Weißsein zu analysieren (SEP).
John Dewey wird verglichen mit Mary Parker FollettDeutung
Thematische Nähe, keine belegte persönliche Beziehung: Nach der SEP (Pragmatist Feminism) kritisierten Addams, Dewey und Follett gleichermaßen das Ideal des liberalen Individualismus.
John Dewey wird verglichen mit William Jamesungeprüft
Beide Begründer des Pragmatismus, laut SEP Dewey
Mary Parker Follett wird verglichen mit Jane AddamsDeutung
Thematische Nähe, keine belegte persönliche Beziehung: Wie Addams entwickelte Follett ihre Philosophie nach der SEP (Pragmatist Feminism) aus der Arbeit an sozialen Fragen ihrer Stadt, und Demokratie ist für beide ein Kernbegriff.
William Godwin wird verglichen mit John Stuart MillDeutung
Die SEP (History of Utilitarianism) sagt, dass Godwins Kritik an staatlicher Bevormundung Mills Einwände in On Liberty vorwegnimmt; ein Einfluss auf Mill ist damit nicht belegt, die Kante ist Deutung der Verwandtschaft.
Hilary Putnam wird verglichen mit Richard RortyDeutung
Die SEP führt Rorty und Putnam nebeneinander als Träger der Wiederbelebung des Pragmatismus seit den 1970ern.
Nachbarn unter den Strömungen
- Baut auf: Empirismus und AufklärungBentham knüpft an die britische Erfahrungsphilosophie an
- Verwandt mit: Gegenwart: Gerechtigkeit und EthikSinger führt den Utilitarismus in die heutige Ethik
- Verwandt mit: Analytische Philosophie und WissenschaftstheoriePragmatisten prägen frühe Wissenschafts- und Sprachphilosophie
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: utilitarianism-history · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]SEP: Pragmatism, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia (en): Utilitarianism · Wikipedia
- [4]Wikipedia (en): Pragmatism · Wikipedia