Landkarte der Philosophie

Susanna Newcome

1685–1763 · Cambridge

Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Englische Theologin und Philosophin, die schon 1728 in einem Buch über den christlichen Glauben die Pflicht begründet, das Glück aller zu fördern, und damit eine frühe Vorläuferin des Utilitarismus ist.

Sie steht am Anfang der Linie, die über Godwin zu Bentham, Mill und Singer führt: Die Forderung, Glück zu fördern und dafür auch eigene Mittel herzugeben, nimmt Singers Argument zur Hilfe für Bedürftige vorweg. Anders als die späteren säkularen Utilitaristen begründet sie ihre Ethik noch mit Gottes Güte.

Kernidee

Gut ist, was Lust und damit Glück erzeugt, und Glück ist für sie nichts anderes als die Gesamtsumme von Lust. Gott will das Glück aller Geschöpfe, deshalb sind auch unsere Pflichten Pflichten, das Glück zu fördern, und zwar so weit wir können. Sogar Wissen und Tugend zählen nur, weil sie zu Glück führen.

Bekannt für

Man kennt sie heute als eine der frühesten Denkerinnen des Utilitarismus, lange vor Bentham und Mill. Ihr Buch von 1728 wollte eigentlich die Wahrheit des Christentums mit Vernunft stützen, enthält aber eine vollständige Ethik des Glücks.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Glück als Summe von Lust

Für Newcome ist Lust das einzig wirklich Gute, und Glück ist die zusammengezählte Lust. Auch Wissen und Tugend sind nur deshalb wertvoll, weil sie zu Glück führen. Im Betrieb hieße das: Eine Fortbildung ist so viel wert, wie sie am Ende das Wohlergehen der Beteiligten steigert.

Wer anderen Gutes tut, fühlt sich selbst gut

Sie glaubt, dass es Freude macht, andere glücklich zu machen, und dass es quält, anderen zu schaden. Wer Gutes will, wird also auch aus eigenem Antrieb zum Wohl der anderen handeln. Eine Führungskraft, die ihr Team entlastet, erlebt diese Entlastung oft selbst als Gewinn.

Pflichten gegen andere: Gerechtigkeit und Wohltun

Sie unterscheidet Pflichten gegen sich selbst, gegen andere und gegen Gott und begründet alle damit, dass sie Glück mehren. Rechte anderer zu achten gehört dazu, weil ihre Verletzung Leid erzeugt, und Gutes zu tun gilt als Pflicht, wann immer man die Gelegenheit hat, auch wenn es einen selbst etwas kostet. Im Alltag heißt das: Wenn du in der Lage bist, einer Kollegin in Not zu helfen, ist das nicht Kür, sondern Pflicht.

Begriffe

Ethischer Hedonismus
Glück als Summe von Lust
Pflicht zur Wohltätigkeit
Gerechtigkeit
theologischer Utilitarismus

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Locke und Wollaston: nach utilitarianism.net wohl wichtige Einflüsse auf ihr Denken

Verbindungen im Netz

3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für William GodwinDeutung

    Ihre Pflicht, Bedürftigen zu helfen, wird laut SEP von späteren säkularen Utilitaristen, besonders Godwin, aufgegriffen.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Francis HutchesonDeutung

    Wie Hutcheson stellt sie die Lust ins Zentrum ihrer Moraltheorie, beide gehören zur britischen Tradition des ethischen Hedonismus (utilitarianism.net).

  • im Vergleich mit Peter SingerDeutung

    Connolly sieht Verwandtschaft zu Singer, weil auch Newcome strenge Hilfspflichten und Rücksicht auf leidende Tiere vertritt (SEP; utilitarianism.net).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Ihr Denken steht im Rahmen der anglikanischen Kirche und der Universität Cambridge, ihr Mann war Master von St John's College. Das erklärt, warum sie die Ethik an Gottes Güte bindet.[1]

  • Biografie belegt

    Sie veröffentlichte anonym und zu einer Zeit, in der Frauen kaum gedruckt und ernst genommen wurden. Das hat nach Einschätzung der Quelle verhindert, dass ihr Werk später stärker wirkte.[1]

Kritik

Ob sie eher Handlungs- oder Regelutilitaristin war, lässt sich nicht klar sagen, weil diese Unterscheidung damals noch nicht existierte. Für Fälle, in denen eine Regel (nicht stehlen) und das größere Glück auseinanderfallen, verlässt sie sich darauf, dass Gott die Welt so eingerichtet hat, dass beides zusammenfällt. Diese Rückendeckung trägt nur, wer an Gott glaubt.

Wirkung heute

Ihre Forderung, Glück so weit wie möglich zu mehren und dafür auch eigenes Geld und Mühe zu geben, findet sich bei Singer wieder. Auch ihr Hinweis, dass Tiere leiden können und das für unser Handeln zählt, ist heute Teil der praktischen Ethik.

Brücke zu Führung und Coaching

Newcome fragt: Was macht die Betroffenen insgesamt glücklicher, und was kostet es mich, wenn ich es tue? In einem Team kannst du diese Frage vor einer Entscheidung stellen: Wer gewinnt, wer verliert, und wie viel? Und dann ehrlich prüfen, ob du dich gerade nur deshalb vor einer Hilfe drückst, weil sie dich etwas kostet.

Zitate

„Happiness is a term for collected pleasure, or a sum total of pleasure. (Eigene Übersetzung: Glück ist ein Begriff für gesammelte Lust, für eine Gesamtsumme von Lust.)“

An Enquiry into the Evidence of the Christian Religion, 1728, Abschnitte 2 und 3; englisches Original zitiert nach Patrick J. Connolly: Susanna Newcome, utilitarianism.net (2023), keine deutsche Ausgabe bekannt (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1685Geboren in Durnford, Wiltshire, als Tochter eines Pfarrers (Familienname Squire)
  2. 1728Erscheint anonym An Enquiry into the Evidence of the Christian Religion
  3. 1732Zweite Auflage der Enquiry
  4. 1737Erster Teil der Plain Account über das Abendmahl, Teil 2 folgt 1738
  5. 1763Stirbt in Cambridge und wird in St. Bene't's Church begraben

Werke

An Enquiry into the Evidence of the Christian Religion (1728, 2. Auflage 1732); The Plain Account of the Nature and End of the Sacrament of the Lord's Supper (Teil 1 1737, Teil 2 1738)

Anekdote überliefert

Zeitgenössische Berichte beschreiben sie als klug, über die geistigen Strömungen ihrer Zeit gut im Bilde und als gefragte Gesprächspartnerin. Sie war lange Gemeindemitglied in St. Bene't's Church in Cambridge und wurde dort begraben.[1]

Lesetipps

Einstieg
Susanna Newcome: An Enquiry into the Evidence of the Christian Religion (1728, englisches Original, als Digitalisat bei Google Books): die Abschnitte zu Lust, Glück und Pflichten sind kurz und gut zu lesen.
Vertiefung
Patrick J. Connolly: Susanna Newcome and the Origins of Utilitarianism, in: Utilitas 33 (2021), Heft 4, S. 384–398 (Cambridge University Press)

Noch nicht sicher belegt

  • Lebensdaten und Werke nach Connolly (utilitarianism.net) belegt, Lebensdaten, Geburtsort Durnford, Familienname Squire und Leben in Cambridge auch nach Wikipedia; SEP History of Utilitarianism bestätigt 1685–1763. Genaues Heiratsjahr und Jahr der Berufung ihres Mannes zum Master von St John's stehen in den abgerufenen Quellen nicht (Wikipedia nennt John Newcome nur als Professor und Verwalter am St John's College). Das Zitat steht nach Connolly in den Abschnitten 2 und 3 der Enquiry, genaue Seite nicht geprüft; die deutsche Fassung ist eigene Übersetzung. Die Kanten zu Godwin (Hilfspflicht von späteren säkularen Utilitaristen, besonders Godwin, aufgegriffen) und zu Singer (Verwandtschaft nach Connolly, auch Tierleid) sind durch die SEP History of Utilitarianism belegt. Die Kante zu Hutcheson ist eine Deutung: utilitarianism.net nennt beide als Hedonisten und frühe Stimmen zum Tierwohl, die SEP verbindet beide nicht. Anekdote nur als Überlieferung, ohne eigenes Ereignis. Der Erscheinungsort der Enquiry (Cambridge) ist in den abgerufenen Quellen nicht genannt und wurde aus der Lebensstation gestrichen. Der Lesetipp Enterline, No Apologies (2020) wurde entfernt, weil kein Verlag belegt ist (Wikipedia nennt nur Titel und Jahr). Prüfung N1 abgeschlossen am 20.10.2026.

Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Newcome

  1. [1]Patrick J. Connolly: Susanna Newcome (utilitarianism.net, 2023) · Webseite
  2. [2]Wikipedia (en): Susanna Newcome · Wikipedia
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: utilitarianism-history · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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