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Landkarte der Philosophie

Sandra Harding

Philosophin · 1935–2025 · Albany (New York), Delaware, Los Angeles (Kalifornien)

Kernidee in Kürze

Harding fragt, wessen Erfahrungen in der Wissenschaft zählen. Nach ihrer Ansicht übersehen Menschen an der Spitze gesellschaftlicher Rangordnungen leicht, wie das Zusammenleben wirklich aussieht, während Menschen am Rand einen anderen und oft kritischeren Ausgangspunkt für Forschung haben.

Kapitel
Gegenwart (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wessen Erfahrungen zählen, wenn entschieden wird, was als gesichertes Wissen gilt?

Position
Harding hält Wissen für abhängig von der gesellschaftlichen Stellung der Forschenden. Sie schlägt vor, bei den Lebenserfahrungen ausgeschlossener Gruppen zu beginnen und den eigenen Standort offenzulegen, und nennt das starke Objektivität.
Einwand
Ob Menschen am Rand tatsächlich weniger verzerrt urteilen, bleibt umstritten. Die meisten Standpunkttheoretikerinnen haben den Gedanken eines einzigen Frauenstandpunkts selbst aufgegeben und begründen den Vorteil heute eher praktisch. Kritiker warfen der feministischen Erkenntnistheorie außerdem vor, Tatsachen und Werte zu vermengen.
Verbindung
Harding knüpft an die marxistische Idee an, dass die Stellung in der Gesellschaft den Erkenntnisblick prägt, und weitet sie auf Geschlecht, Herkunft und Kolonialgeschichte aus. Patricia Hill Collins entwickelte eine Form der Standpunkttheorie aus der Sicht Schwarzer Frauen, und mit Uma Narayan gab sie einen Band zur postkolonialen Philosophie heraus.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Harding war

Amerikanische Philosophin, die die Standpunkttheorie der feministischen Erkenntnistheorie ausarbeitete und den Begriff der starken Objektivität prägte: Wissen wird nach ihr verlässlicher, wenn Forschung bei den Lebenserfahrungen von Menschen beginnt, die bisher von der Wissensproduktion ausgeschlossen waren.

Harding arbeitete zwölf Jahre außerhalb der Universität, bevor sie zum Studium zurückkehrte und 1973 in Philosophie promovierte. Sie selbst verstand ihre Standpunkttheorie als methodische Folge ihres Engagements, zuerst in der sozialistisch-feministischen Bewegung und für Frauenrechte, später in der Bürgerrechtsbewegung und in antikolonialen Auseinandersetzungen. Mit der Arbeit an der Standpunkttheorie begann sie an ihrer ersten Hochschule, an der University of Delaware erweiterte sie sie um die Sicht von Feminismen farbiger Frauen. In den 1990er Jahren wurde ihr Werk zu einem Hauptziel der Kritiker in den sogenannten Science Wars, dem Streit über die Wertfreiheit der Wissenschaften.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Harding beschrieb die Standpunkttheorie als methodische Folge ihres Engagements: Sie entstehe immer dann, wenn eine neue Gruppe auftritt und sagt, aus ihrem Leben sehe vieles anders aus.[6]

Bekannt für

Man kennt Harding für die starke Objektivität und die feministische Standpunkttheorie. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ein neues Arbeitszeitmodell nur mit den Leuten besprichst, die es entworfen haben, fehlt Dir ein Blick; mit Harding würdest Du gezielt bei denen anfangen, für die es am schwierigsten ist.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Standpunkttheorie

Harding prägte den Begriff Standpunkttheorie für Erkenntnislehren, die das Wissen von Frauen betonen. Ein Standpunkt ist dabei mehr als eine Meinung: Harding unterscheidet ihn von einer bloßen Perspektive, weil er politisches Engagement verlangt. Gemeint ist, dass die gesellschaftliche Stellung beeinflusst, was jemand wahrnehmen kann. Das ist ihre philosophische Position, über die bis heute gestritten wird.

Starke Objektivität

Harding widerspricht der Vorstellung einer wertfreien Wissenschaft. Ihr Gegenentwurf, die starke Objektivität, verlangt Reflexivität, also dass Forschende ihren eigenen Standort und dessen Einfluss auf die Forschung offenlegen, und die Einbeziehung ausgeschlossener Gruppen. Solche Forschung beginnt bei Fragen aus dem Alltag unterdrückter Gruppen und untersucht von dort aus die Regeln und Gewohnheiten mächtiger Einrichtungen.

Kritik am spontanen feministischen Empirismus

Gegen den, wie sie es nannte, spontanen feministischen Empirismus wandte Harding ein, dass die Wissenschaft ihre Vorurteile gegenüber Frauen nicht von selbst beseitigt, wenn sie ihre Methoden unverändert lässt. Der Einwand trifft diese eine Form; die meisten feministischen Empiristinnen verstehen Forschende ebenfalls als gesellschaftlich eingebunden.

Wissenschaft, Herkunft und Kolonialgeschichte

Spätere Bücher fragen, wie Wissenschaft und gesellschaftliche Ungleichheit zusammenhängen. Harding trug zu feministischen, antirassistischen, multikulturellen und postkolonialen Untersuchungen der Natur- und Sozialwissenschaften bei. 2016 gehörte sie zu den Gründungsberaterinnen der Zeitschrift Tapuya über Wissenschaft, Technik und Gesellschaft in Lateinamerika.

Begriffe

Standpunkttheorie (Wissen hängt von der gesellschaftlichen Stellung der Wissenden ab)
starke Objektivität
Reflexivität
spontaner feministischer Empirismus
feministische und postkoloniale Wissenschaftsforschung

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 2 Deutung, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Uma NarayanPrüfstand: belegt

    Harding und Uma Narayan gaben gemeinsam den Band Decentering the Center: Philosophy for a Multicultural, Postcolonial, and Feminist World (2000) heraus.

Übernimmt Gedanken von

Harding übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Karl MarxPrüfstand: ungeprüft

    Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

    Die Standpunkttheorie, für die Harding den Begriff prägte, geht nach Überblicken auf das marxistische Modell zurück, nach dem die Stellung in der Gesellschaft den Erkenntnisblick bestimmt. Harding kritisierte zugleich eine Engführung der marxistischen Standpunktlehre auf die Klasse. Dass sie sich ausdrücklich auf Marx selbst stützt, steht in den Quellen nicht.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Donna HarawayPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Harding und Donna Haraway betonen beide, dass Wissen von der Position der Wissenden abhängt und dass Forschende die Wahl ihres Standorts verantworten müssen. Harding vertritt dabei die Standpunkttheorie, Haraway die Idee situierten Wissens.

  • Patricia Hill CollinsPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Harding und Patricia Hill Collins gelten in Überblicken beide als Vertreterinnen der Standpunkttheorie. Collins schlug eine Form vor, die die Sicht Schwarzer Frauen in den Mittelpunkt stellt, Harding erweiterte ihren Ansatz um mehrere Standpunkte.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Harding wurde in San Francisco geboren. Sie studierte am Douglass College der Rutgers University und arbeitete dann zwölf Jahre als juristische Rechercheurin, Lektorin und Mathematiklehrerin an einer Grundschule, bevor sie zum Studium zurückkehrte. Ihre Promotion in Philosophie erwarb sie 1973 an der New York University.[7]

  • Zeitgeschehen belegt

    Hardings erste Stelle war am Allen Center der State University of New York in Albany, einer kleinen Versuchshochschule für kritische Sozialwissenschaften, die der Bundesstaat New York 1976 nicht weiter finanzierte. Danach lehrte sie Philosophie an der University of Delaware und ab Mitte der 1990er Jahre an der University of California in Los Angeles, wo sie das Zentrum für Frauenstudien leitete.[1]

  • Biografie belegt

    Harding entwickelte ihre Analysen zuerst in der sozialistisch-feministischen Basisarbeit und im Einsatz für Frauenrechte, später in der Auseinandersetzung mit Bürgerrechts- und antikolonialen Bewegungen. Sie beschrieb die Standpunkttheorie selbst als methodische Folge dieses Engagements.[8]

  • Rezeption belegt

    1986 schrieb Harding im Buch The Science Question in Feminism, warum man Newtons Gesetze nicht ebenso gut als Newtons Vergewaltigungshandbuch bezeichnen könne wie als Newtonsche Mechanik. Sie bedauerte die Aussage später. In den Science Wars der 1990er Jahre wurde ihr Werk zu einem Hauptziel der Kritiker feministischer und soziologischer Ansätze.[1]

Kritik

Kritik an Harding äußerten außerdem die Mathematikerinnen und Mathematiker Michael Sullivan, Mary Gray und Lenore Blum sowie die Wissenschaftshistorikerin Ann Hibner Koblitz. Verteidigerinnen der feministischen Erkenntnistheorie entgegnen, Feministinnen lehnten Objektivität und Wissenschaft nicht ab, sondern wollten sie verbessern.

Wirkung heute

Harding gilt als die Philosophin, die den Begriff Standpunkttheorie prägte, und die Society for the Social Studies of Science zeichnete sie 2013 mit dem John-Desmond-Bernal-Preis aus. Überblicke zur feministischen Erkenntnistheorie behandeln bis heute ihre starke Objektivität und ihre Kritik am spontanen feministischen Empirismus.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Bevor Du in einem Team eine Regel einführst, kannst Du mit Harding fragen, wessen Alltag in Deinen Annahmen fehlt, etwa der von Teilzeitkräften oder neuen Kolleginnen, und von dort aus beginnen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Hardings über Führung.

Lebensstationen

  1. 1935Geburt in San Francisco (29. März, nach dem Nachruf der Boston Globe)
  2. 1956Bachelor am Douglass College der Rutgers University
  3. 1973Promotion in Philosophie an der New York University
  4. 1986The Science Question in Feminism erscheint
  5. 1991Whose Science? Whose Knowledge? erscheint
  6. 1996Leiterin des Zentrums für Frauenstudien an der University of California in Los Angeles
  7. 2013Bernal-Preis der Society for the Social Studies of Science
  8. 2025Tod (5. März)

Werke

The Science Question in Feminism (1986); Whose Science? Whose Knowledge? Thinking from Women's Lives (1991); Is Science Multicultural? (1998); Objectivity and Diversity (2015)

Lesetipps

Einstieg
Sandra Harding, Whose Science? Whose Knowledge? Thinking from Women's Lives (Cornell University Press, 1991)
Vertiefung
Britannica, Eintrag „standpoint theory“

Noch nicht sicher belegt

  • Das Geburtsjahr ist nicht ganz sicher: Nachrufe und ein Interview zu ihrer Lebensgeschichte nennen 1935, das Fakultätsprofil ihrer Universität nennt 1936. Wann sie nach Delaware wechselte, geben die Quellen unterschiedlich an (1975 oder nach 1976). Auch die Leitung des Zentrums für Frauenstudien wird unterschiedlich datiert, mit Beginn 1995 oder 1996 und Ende 1999 oder 2000. Ob Harding sich ausdrücklich auf Marx stützt, geht aus den Quellen nicht hervor.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Harding

  1. [1]Sandra Harding, Abschnitt Education and career · Wikipedia
  2. [2]Sandra Harding · Britannica
  3. [3]standpoint theory · Britannica
  4. [4]encyclopedia.com/humanities/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/harding-sandra-1935 · Webseite
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]Universität von Kalifornien, Gedenkseite für Sandra G. Harding · Webseite
  7. [7]seis.ucla.edu/news/sandra-g-harding-1935-2025 · Webseite
  8. [8]legacy.com/us/obituaries/bostonglobe/name/sandra-harding-obituary · Webseite
  9. [9]Standpoint theory · Wikipedia

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