Patricia Hill Collins
Soziologin · geboren 1948 · Philadelphia, Boston (Roxbury), Cincinnati, College Park (Maryland)
Kernidee in Kürze
Collins geht davon aus, dass das Wissen von Menschen mit ihrer sozialen Lage zusammenhängt. Schwarze Frauen in den Vereinigten Staaten stehen ihr zufolge an der Kreuzung von Rassismus, Sexismus und Klassenverhältnissen und haben daraus eigene Wege entwickelt, Wissen zu gewinnen und zu prüfen, zum Beispiel über Musik, Literatur und Gespräche.
- Kapitel
- Gegenwart (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wessen Wissen zählt, und was sieht man von den Rändern einer Gesellschaft, was man von der Mitte aus übersieht?
- Position
- Collins sagt, dass Schwarze Frauen aus ihrer Lage an der Kreuzung mehrerer Unterdrückungen eigenes Wissen entwickelt haben, das die gängige Wissenschaft herausfordert. Ihre Matrix der Herrschaft beschreibt, wie sich diese Unterdrückungen zu einem Gefüge verbinden.
- Einwand
- Standpunkttheorien müssen sich dem Vorwurf stellen, sie setzten gemeinsame Wesenszüge voraus. Collins betont deshalb, dass dieser Standpunkt nicht von allen Schwarzen Frauen gleich geteilt wird. Ob Wissen aus gelebter Erfahrung gegenüber Wissenschaft Vorrang haben kann, bleibt umstritten.
- Verbindung
- Collins entwickelte eine Form der Standpunkttheorie, an der auch Sandra Harding gearbeitet hat, und bezieht sich im Buch auf Audre Lorde. bell hooks gehört zu den Denkerinnen, deren Arbeit sie in „Black Feminist Thought“ einordnet. Der Begriff Intersektionalität stammt von Kimberlé Crenshaw.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Hill Collins war
Amerikanische Soziologin, die mit „Black Feminist Thought“ eine Standpunkttheorie des Schwarzen Feminismus entwickelte und beschrieb, wie Rassismus, Sexismus und Klassenverhältnisse ein zusammenhängendes System der Herrschaft bilden.
Collins arbeitete zuerst als Lehrerin und Gemeindeorganisatorin in Boston und lehrte dann als Soziologin in Cincinnati und Maryland. Sie ist Soziologin, ihr Werk wird aber auch in der Philosophie, besonders in der feministischen Erkenntnistheorie, viel diskutiert. In der Amtszeit 2008/2009 war sie als erste Afroamerikanerin Präsidentin der amerikanischen Gesellschaft für Soziologie, und 2023 erhielt sie den Berggruen-Preis für Philosophie und Kultur.
Kernidee genauer
Sie versteht Schwarze feministische Theorie als Wissen, das den Betroffenen nützt und zugleich die gängige Wissenschaft herausfordert.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Von 1970 bis 1976 arbeitete Collins als Lehrerin und Gemeindeorganisatorin in Roxbury in Boston, bevor sie ihre wissenschaftliche Laufbahn begann. Sie sagt, diese Zeit habe es ihr ermöglicht, die Verbindungen zwischen kritischer Pädagogik, engagierter Wissenschaft und der Politik der Wissensproduktion zu erkunden.[3]
Fundstelle: Abschnitt zur Ausbildung
Bekannt für
Man kennt Collins für „Black Feminist Thought“ und den Begriff der Matrix der Herrschaft. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einer Organisation arbeitest, in der Du dazugehörst und zugleich nicht ganz dazugehörst, kannst Du mit Collins fragen, was Du aus dieser Randlage über die Organisation sehen kannst, was andere nicht bemerken.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Standpunkttheorie: Wissen hängt von der Lage ab
Die Standpunkttheorie ist eine feministische Lehre, die sagt, dass Wissen aus der sozialen Lage hervorgeht und dass Menschen in benachteiligten Lagen Dinge sehen können, die Privilegierte übersehen. Collins schuf eine Form dieser Theorie, die die Sicht Schwarzer Frauen in den Vereinigten Staaten in den Mittelpunkt stellt. Sie sagt, die Verbindung von Rasse, Geschlecht und Klasse habe diesen Frauen einen besonderen Blickwinkel auf ihre Lage gegeben.
Matrix der Herrschaft
In der überarbeiteten Ausgabe von „Black Feminist Thought“ (2000) zeigt es sich auf vier Ebenen: im Aufbau von Institutionen, in der Verwaltung und Kontrolle, in der Rechtfertigung durch Ideen und im Umgang zwischen Einzelnen. Sie sagt, dass Rasse, Klasse und Geschlecht zu einem einzigen, geschichtlich gewachsenen System gehören.
Kontrollierende Bilder
Mit kontrollierenden Bildern meint Collins Stereotype, die Schwarzen Frauen zugeschrieben werden und ihre Unterordnung selbstverständlich erscheinen lassen. In einem Interview von 2017 nennt sie vier: das Arbeitstier („mule“), die als sexuell zügellos Dargestellte („jezebel“), die loyale Hausangestellte („mammy“) und die gebildete Frau, die für die Karriere auf Familie verzichtet („Black lady“).
Schwarze feministische Erkenntnistheorie
Erkenntnistheorie ist die Lehre davon, wie Wissen entsteht und geprüft wird. Collins beschreibt, dass Schwarze Frauen Wissen oft anders prüfen als die vorherrschende Wissenschaft, nämlich über gelebte Erfahrung, Gespräch, eine Ethik der Fürsorge und persönliche Verantwortung. Sie nennt gelebte Erfahrung einen Maßstab für Bedeutung.
Begriffe
- Standpunkttheorie
- Schwarze feministische Erkenntnistheorie
- Matrix der Herrschaft
- Outsider within
- kontrollierende Bilder
- Intersektionalität
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Hill Collins übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Audre LordePrüfstand: belegt
Collins’ Zugang in „Black Feminist Thought“ gilt als von Audre Lorde beeinflusst. Im Buch stützt sie sich ausdrücklich auf Lordes Gedanken, dass revolutionärer Wandel auch das Stück des Unterdrückers betrifft, das in jedem Menschen steckt.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Hill Collins weiter, meist über Texte.
Kristie DotsonPrüfstand: belegt
Dotson nennt Collins’ Analyse, wie Schwarzes feministisches Denken unterdrückt wurde, als Einfluss und schrieb einen eigenen Aufsatz darüber, was aus „Black Feminist Thought“ als Erbe und offene Aufgabe folgt.
Untersucht
Hill Collins untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht bell hooksPrüfstand: belegt
In „Black Feminist Thought“ legt Collins einen Deutungsrahmen für die Arbeit Schwarzer feministischer Denkerinnen vor, darunter bell hooks. Für ihre Matrix der Herrschaft greift sie hooks’ Beschreibung einer „politic of domination“ auf, die entlang verschränkter Achsen von Rasse, Klasse und Geschlecht wirkt.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Kimberlé CrenshawPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Ein Überblick nennt Crenshaws Aufsatz von 1989 und Patricia Hill Collins' Buch Black Feminist Thought von 1990 nebeneinander als Grundlagen der Theorien der Intersektionalität. Ein Einfluss in eine Richtung ist damit nicht behauptet.
Sandra HardingPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Harding und Patricia Hill Collins gelten in Überblicken beide als Vertreterinnen der Standpunkttheorie. Collins schlug eine Form vor, die die Sicht Schwarzer Frauen in den Mittelpunkt stellt, Harding erweiterte ihren Ansatz um mehrere Standpunkte.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Collins wurde 1948 in Philadelphia geboren. Sie studierte Soziologie an der Brandeis University und schloss 1969 ab. 1970 erwarb sie an der Harvard University einen Abschluss in Lehramt für Sozialwissenschaften.[3]
Biografie belegt
Von 1970 bis 1976 arbeitete Collins als Lehrerin, Lehrplanentwicklerin und Gemeindeorganisatorin in Roxbury, einem Stadtteil von Boston. Sie sagt selbst, dass sie dort Verbindungen zwischen kritischer Pädagogik, engagierter Wissenschaft und der Politik der Wissensproduktion erkundete.[3]
Biografie belegt
Collins lehrte ab 1982 an der University of Cincinnati und leitete dort zeitweise die Abteilung für Afroamerikanische Studien. 2005 wechselte sie an die University of Maryland in College Park, wo sie heute emeritierte Distinguished University Professor ist. In der Amtszeit 2008/2009 war sie die 100. Präsidentin der amerikanischen Gesellschaft für Soziologie und die erste Afroamerikanerin in diesem Amt.[10]
Werk belegt
1986 erschien Collins erster wichtiger Aufsatz „Learning from the Outsider Within“ in der Zeitschrift Social Problems. Er beschreibt, wie Schwarze Frauen aus ihrer Randlage besondere Einsichten in soziale Ungleichheit gewinnen. 1990 folgte „Black Feminist Thought“. Sie nutzte dafür Romane, Gedichte, Musik und mündliche Überlieferung und lehnte sich an Denkerinnen wie Angela Davis, Alice Walker und Audre Lorde an.[3]
Kritik
Standpunkttheorien müssen sich dem Vorwurf stellen, sie nähmen einen einheitlichen Standpunkt aller Frauen oder aller Schwarzen Frauen an. Standpunkttheoretikerinnen reagierten auf den Vorwurf des Essentialismus, also der Annahme fester gemeinsamer Wesenszüge, indem sie eher einen feministischen als einen allein weiblichen Standpunkt betonten. Ob Wissen aus gelebter Erfahrung höher zu bewerten ist als wissenschaftliche Verfahren, ist umstritten.
Wirkung heute
„Black Feminist Thought“ gilt als sehr einflussreich für die Weiterentwicklung der Standpunkttheorie; die meisten Standpunkttheoretikerinnen erkennen heute mehrere sich überschneidende Standpunkte an. Collins gilt außerdem als eine der Wegbereiterinnen der Forschung über Intersektionalität; ihr Buch „Intersectionality as Critical Social Theory“ (2019) baut den Begriff zu einem Analyserahmen aus.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team leitest, kannst Du mit Collins fragen, wer in der Organisation drinnen und doch draußen steht, etwa neue Kolleginnen oder Mitarbeitende an der Peripherie, und was sie aus dieser Lage über Abläufe sehen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Collins über Führung.
Lebensstationen
- 1948Geburt in Philadelphia (1. Mai)
- 1969Abschluss in Soziologie an der Brandeis University
- 1986Aufsatz „Learning from the Outsider Within“ in Social Problems
- 1990„Black Feminist Thought“ erscheint
- 2005Wechsel an die University of Maryland
- 2008Präsidentin der amerikanischen Gesellschaft für Soziologie (Amtszeit 2008/2009)
- 2023Berggruen-Preis für Philosophie und Kultur
Werke
Learning from the Outsider Within (1986); Black Feminist Thought (1990); Intersectionality as Critical Social Theory (2019)
Lesetipps
- Einstieg
- Patricia Hill Collins, Black Feminist Thought (Routledge, 2. Auflage 2000)
- Vertiefung
- Britannica, „standpoint theory“
Noch nicht sicher belegt
- Wie stark Audre Lorde und bell hooks ihr Denken prägten, geht über die Bezüge im Buch hinaus nicht aus den Quellen hervor.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Hill Collins
- [1]standpoint theory · Britannica
- [2]Patricia Hill Collins · Britannica
- [3]Wikipedia (en), Patricia Hill Collins, Abschnitte zu Leben und Ausbildung
- [4]Black Feminist Thought · Wikipedia
- [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [7]people.duke.edu/~jmoody77/FacFav/CollinsBFT.pdf · Webseite
- [8]files.commons.gc.cuny.edu/wp-content/blogs.dir/17925/files/2021/08/patricia_hill_collins_black_feminist_thought_in_the_matrix_of_domination.pdf · Webseite
- [9]us2.sagepub.com/sites/default/files/upm-binaries/13299_Chapter_16_Web_Byte_Patricia_Hill_Collins.pdf · Webseite
- [10]Wikipedia (en), Patricia Hill Collins, Einleitung; Lebenslauf Patricia Hill Collins (Mai 2017), Seiten 1, 19 und 21 · Webseite
- [11]encyclopedia.com/education/news-wires-white-papers-and-books/collins-patricia-hill · Webseite
- [12]ias.edu/sites/default/files/sss/pdfs/Crisis-and-Critique-2018-19/collins_black_feminism.pdf · Webseite
- [13]berggruen.org/laureates/patricia-hill-collins · Webseite