Abraham Joshua Heschel
Rabbiner und Religionsphilosoph · 1907–1972 · Warschau (Polen), Berlin, Frankfurt am Main, Cincinnati und New York (Vereinigte Staaten)
Kernidee in Kürze
Heschel will eine Philosophie der Religion aufbauen, die von der Erfahrung ausgeht. Der Mensch erlebt vor dem Geheimnis der Welt ein tiefes Staunen und merkt, dass etwas von ihm verlangt wird.
- Kapitel
- Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie kann man heute eine Religion verstehen, ohne sie auf Regeln oder Gefühle zu verkürzen?
- Position
- Heschel geht vom Staunen des Menschen aus und beschreibt Offenbarung als Zuwendung Gottes zum Menschen. Das göttliche Pathos der Propheten verpflichtet zum Einsatz für Gerechtigkeit.
- Einwand
- Manche Fachleute halten ihn eher für einen Denker der Spiritualität als der strengen Textarbeit. Außerdem betont sein Zeitgenosse Soloveitchik andere Grenzen des Dialogs mit dem Christentum.
- Verbindung
- Heschel führte in Frankfurt das Lehrhaus weiter, das Franz Rosenzweig gegründet hatte, wurde von Martin Buber als Nachfolger bestimmt und schrieb eine Biografie des Maimonides.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Heschel war
Heschel entstammte einer polnischen chassidischen Familie (einer frommen jüdischen Strömung, die auf Gebet, Freude und persönliche Nähe zu Gott setzt) und studierte in Berlin. Vor den Nationalsozialisten floh er über London in die Vereinigten Staaten. Dort lehrte er in Cincinnati und dann am Jewish Theological Seminary in New York, wurde zu einer bekannten Stimme des Dialogs der Religionen und nahm 1965 am Marsch von Selma teil.
Kernidee genauer
In seinem Buch über die Propheten beschreibt er, dass sie Gott als jemanden erfahren, der sich dem Menschen zuwendet und Anteil nimmt, also Zorn und Kummer empfindet. Daraus folgt für ihn auch ein Handeln in der Gesellschaft, denn die Worte der Propheten sind für ihn ein Ruf zur sozialen Tat.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Im Oktober 1938 wurde Heschel in Frankfurt von der Gestapo festgenommen und nach Polen abgeschoben. Seine Mutter und drei seiner Schwestern kamen später ums Leben.[3]
Fundstelle: Abschnitt Early life
Bekannt für
Man kennt Heschel für das Bild des Rabbiners, der 1965 Seite an Seite mit Martin Luther King in Selma marschierte, und für seine Bücher über Staunen, Sabbat und Propheten. Ein Alltagsbeispiel: Du bleibst an einem ruhigen Abend stehen und staunst, dass die Dinge überhaupt da sind; für Heschel ist das der Anfang einer religiösen Erfahrung.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Staunen als Anfang
In „Man Is Not Alone“ beschreibt Heschel, wie ein Mensch dem Unaussprechlichen begegnen kann. Ein immer wiederkehrendes Thema ist das radikale Staunen, das Menschen erleben, wenn sie die Gegenwart des Göttlichen erfahren. Das ist seine Darstellung religiöser Erfahrung und kein Beweis.
Gott sucht den Menschen
In „God in Search of Man“ vertritt Heschel, dass wir Gott als jemanden sehen können, der den Menschen sucht. Offenbarung versteht er als Ereignis, nicht als Vorgang. Er lehnt die Ansicht ab, bloßer Glaube ohne Gesetz genüge, und warnt zugleich davor, das Gesetz mit zu vielen Einschränkungen zu belasten. Wichtig ist ihm auch die innere Ausrichtung beim Tun der Gebote.
Die Propheten und das göttliche Pathos
Er nennt das den Empfang des „göttlichen Pathos“, also des Zorns und des Kummers Gottes über sein Volk. Die Propheten sprechen damit für die Stimmlosen, die Armen und die Unterdrückten.
Religion und Gesellschaft
Heschel hielt die Lehre der Propheten für einen Aufruf zum sozialen Handeln in den Vereinigten Staaten. Über die Rassentrennung schrieb er sinngemäß, manche seien schuldig, aber alle seien verantwortlich. Er setzte sich für die Bürgerrechte der Afroamerikaner ein und sprach sich gegen den Vietnamkrieg aus.
Begriffe
- Staunen (radical amazement)
- göttliches Pathos
- Gott auf der Suche nach dem Menschen
- Tiefentheologie
- Propheten
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Joseph B. SoloveitchikPrüfstand: belegt
Soloveitchik stand in den frühen 1960er Jahren im Briefwechsel mit Heschel, Tanenbaum und Wolfson über Entwürfe der Kirchenerklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils; später verschlechterten sich die Beziehungen.
Martin BuberPrüfstand: belegt
Buber ernannte Heschel 1937 zu seinem Nachfolger an der Zentralstelle für jüdische Erwachsenenbildung und am Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt.
Kritisiert
Heschel kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Joseph B. SoloveitchikPrüfstand: belegt
Heschel wies das Bild des „halakhischen Menschen“ in Soloveitchiks „Halakhic Man“ zurück: Einen solchen Juden habe es nie gegeben. Er sah im Judentum vielmehr den „Torah-Menschen“, der Halakha und Aggada verbindet.
Untersucht
Heschel untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Moses MaimonidesPrüfstand: belegt
Heschel schrieb eine Biografie des Maimonides, die 1935 in Berlin erschien.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Heschel wurde am 11. Januar 1907 in Warschau als jüngstes von sechs Kindern geboren. Auf beiden Seiten der Familie stammte er von bedeutenden Rabbinern ab. Sein Vater starb 1916, danach unterrichtete ihn ein Anhänger der chassidischen Gruppe von Gur, der ihn mit dem Denken von Rabbi Menachem Mendel von Kotzk vertraut machte.[5]
Biografie belegt
Nach einer traditionellen Ausbildung studierte Heschel an der Universität Berlin und an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Er promovierte mit einer Arbeit über das Bewusstsein der Propheten, die 1936 als „Die Prophetie“ in Krakau erschien. Die Quellen nennen für den Abschluss unterschiedliche Jahre zwischen 1932 und 1935.[2]
Zeitgeschehen belegt
1937 ernannte Martin Buber Heschel zu seinem Nachfolger am Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt am Main und an der Zentralstelle für jüdische Erwachsenenbildung. Im Oktober 1938 nahmen ihn die Nationalsozialisten fest und schoben ihn nach Polen ab, wo er mehrere Monate am Institut für Judaistik in Warschau lehrte. Wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen floh er nach London.[5]
Zeitgeschehen belegt
Heschels Mutter und drei seiner Schwestern kamen durch die Nationalsozialisten ums Leben. Er kam im März 1940 in New York an, lehrte fünf Jahre am Hebrew Union College in Cincinnati und wurde 1945 Professor für jüdische Ethik und Mystik am Jewish Theological Seminary of America in New York. Dort blieb er bis zu seinem Tod.[1]
Zeitgeschehen belegt
Im März 1965 folgte Heschel Martin Luther Kings Aufruf an Geistliche, sich dem Marsch von Selma nach Montgomery für das Wahlrecht anzuschließen. Später sagte er, bei dem Marsch hätten seine Beine gebetet. Das Foto, das ihn Arm in Arm mit King zeigt, wurde zum Sinnbild der Zusammenarbeit von Schwarzen und Juden in Amerika.[8]
Kritik
Manche Fachleute meinen, Heschel habe sich mehr für Spiritualität interessiert als für die kritische Arbeit am Text, die am Jewish Theological Seminary das Fach vieler Kollegen war. Mit dem orthodoxen Rabbiner Joseph Soloveitchik verschlechterten sich die Beziehungen 1964, als dieser sein Unbehagen an öffentlicher Annäherung jüdischer Vertreter an die Kirchenführung deutlich machte. Wie die beiden Haltungen zum Dialog mit der katholischen Kirche zu verstehen sind, ist bis heute Thema der Forschung.
Wirkung heute
Heschels Bücher „Man Is Not Alone“, „God in Search of Man“, „The Sabbath“ und „The Prophets“ gehören zu seinen einflussreichsten Werken. Als Vertreter amerikanischer Juden beim Zweiten Vatikanischen Konzil trat er dafür ein, Stellen in der katholischen Liturgie zu ändern, die Juden abwerteten.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team führst, kannst Du mit Heschel nach dem Staunen fragen: Wann hast Du zuletzt gesehen, was ein Mensch in Deinem Team wirklich kann? Und seine Haltung der Propheten, die für Stimmlose eintreten, lässt sich als Frage lesen, wessen Stimme in Deinen Besprechungen fehlt. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Heschels über Führung.
Lebensstationen
- 1907Geburt in Warschau (11. Januar)
- 1936Doktorarbeit über das Bewusstsein der Propheten erscheint als „Die Prophetie“ in Krakau
- 1937Nachfolger Martin Bubers am Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt am Main
- 1938Abschiebung nach Polen im Oktober
- 1940Ankunft in New York im März, danach Lehre in Cincinnati
- 1945Professor für jüdische Ethik und Mystik am Jewish Theological Seminary of America in New York
- 1965Marsch von Selma nach Montgomery mit Martin Luther King
- 1972Tod in New York (23. Dezember)
Werke
Die Prophetie (1936); Man Is Not Alone (1951); God in Search of Man (1955)
Lesetipps
- Einstieg
- Abraham Joshua Heschel, Man Is Not Alone: A Philosophy of Religion (1951)
- Vertiefung
- Britannica, „Abraham Joshua Heschel“
Noch nicht sicher belegt
- Das Jahr der Promotion wird unterschiedlich angegeben: Abschluss der Arbeit 1932, mündliche Prüfung 1933, Doktorgrad 1935, Veröffentlichung 1936. Ob God in Search of Man 1955 oder 1956 erschien, nennen die Quellen unterschiedlich. Den Beginn seiner Professur am Jewish Theological Seminary datieren die meisten Quellen auf 1945, eine nennt 1946. Wie Heschel und Soloveitchik persönlich zueinander standen, geht aus den Quellen nur im Zusammenhang mit dem Dialog mit der katholischen Kirche hervor.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 10: europäische und jüdische Moderne. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Heschel
- [1]Wikipedia (en), Abraham Joshua Heschel, Abschnitt Early life; Jewish Virtual Library (Encyclopaedia Judaica); Britannica
- [2]Britannica, Abraham Joshua Heschel; Wikipedia (de), Abraham Joshua Heschel; King Institute, Stanford · Webseite
- [3]Abraham Joshua Heschel, Abschnitt Early life · Wikipedia
- [4]Abraham Joshua Heschel · Wikipedia
- [5]Wikipedia (en), Abraham Joshua Heschel, Abschnitt Early life; Jewish Virtual Library (Encyclopaedia Judaica), Abraham Joshua Heschel (Abstammung) · Webseite
- [6]Universität Edinburgh, Jewish/non-Jewish Relations, „On ‘Confrontation’, by Joseph Soloveitchik“, Abschnitt 1 · Webseite
- [7]myjewishlearning.com/article/abraham-joshua-heschel-a-prophets-prophet · Webseite
- [8]King Institute, Stanford, Heschel; Heschel Center, Biographie · Webseite