Landkarte der Philosophie

Moses Maimonides

1138–1204 · Córdoba, Fès und Kairo (Fustat), Fez, Fustat (Kairo)

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was kann ich wissen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der größte jüdische Philosoph des Mittelalters, der Aristoteles und die Tora (die fünf Bücher Mose, die Grundlage des jüdischen Gesetzes) zusammendenkt und mit seiner Lehre von Gottes Unbegreiflichkeit auch Thomas von Aquin prägt.

Er baut auf Aristoteles und auf Al-Farabi auf und widerlegt die Kalam-Theologie (eine islamische Theologie, die den Glauben im systematischen Streitgespräch verteidigt), zu der Saadia Gaon gehört. Thomas von Aquin und Albertus Magnus lesen ihn, und Chasdai Crescas führt die gründlichste mittelalterliche Kritik an ihm.

Kernidee

Maimonides will zeigen, dass die Tora und eine richtig betriebene Wissenschaft nicht gegeneinander stehen. Von Gott kann man nach ihm nur sagen, was er nicht ist, weil jede positive Eigenschaft Gott mit etwas Geschaffenem vergleichen würde. Wer sich Gott körperlich vorstellt, betet nach seiner Ansicht ein falsches Bild an.

Bekannt für

Man kennt ihn als größten Rechtsgelehrten und Philosophen des mittelalterlichen Judentums, dessen Mischne Tora bis heute als Gesetzeswerk gilt. Bekannt ist auch sein Führer der Unschlüssigen, der einem verunsicherten Schüler zeigen soll, wie Philosophie und Glaube zusammengehen, sowie seine Arbeit als Arzt am Hof des Sultans Saladin (des Herrschers über Ägypten und Syrien).

Theorien mit Alltagsbeispiel

Negative Theologie

Gott ist nach Maimonides vollkommen einfach und ohne Teile, deshalb kann man ihm keine Eigenschaften wie weise oder mächtig im üblichen Sinn zuschreiben. Sätze wie Gott ist mächtig lassen sich nur als Verneinung lesen: Gott ist nicht ohne Macht und besitzt sie nicht so wie ein Geschöpf. Das ähnelt dem Moment, wenn du einem Kunden ein Produkt nicht mit zehn Superlativen beschreibst, sondern ehrlich sagst, was es nicht ist und nicht kann.

Schöpfung ohne Beweis

Im Führer prüft Maimonides vier Schöpfungslehren: die der Kalam-Theologen, Moses, Platon und Aristoteles. Er hält es wie Thomas von Aquin für unmöglich, allein mit logischen Gründen zu beweisen, ob die Welt erschaffen oder ewig ist, und neigt nach eigenen Worten zur Schöpfung. Bei einer Entscheidung ohne sichere Datenlage kannst du dich ähnlich verhalten: Du wägst ab, neigst zu einer Seite und legst offen, dass es keinen Beweis gibt.

Der Mittelweg und die Heilung der Seele

Wie Aristoteles hält Maimonides Tugend für einen Mittelweg zwischen zu viel und zu wenig, der durch Übung zur Gewohnheit wird. Eine kranke Seele braucht wie ein kranker Körper einen Arzt, der gelegentlich bewusst zu weit in die Gegenrichtung ausschlägt, um das Gleichgewicht herzustellen. Das ist wie bei einer Führungskraft, die einem übervorsichtigen Mitarbeiter zeitweise bewusst mehr Risiko zumutet.

Begriffe

Führer der Unschlüssigen
: Maimonides' Hauptwerk der Religionsphilosophie, ein Brief an einen zwischen Philosophie und Glauben schwankenden Schüler, der beides versöhnen will
negative Theologie
: von Gott lässt sich nur sagen, was er nicht ist; Sätze wie Gott ist mächtig bedeuten, dass ihm Macht nicht fehlt
13 Glaubensartikel
: Maimonides' Zusammenfassung der Grundsätze des jüdischen Glaubens im Mischna-Kommentar, die in gekürzter Dichtung als Jigdal in viele Gebetbücher einging
Schöpfung
: Ob die Welt erschaffen oder ewig ist, lässt sich nach Maimonides nicht beweisen; er neigt aber aus Gründen der Astronomie und Schrift zur Schöpfung
Mittelweg
: Tugend ist eine feste Haltung zwischen Zuviel und Zuwenig, die der Arzt der Seele durch gezielte Gegenübung wieder ins Gleichgewicht bringt
Esoterik
: Maimonides sagt, manche Schriftstellen und Themen hätten mehr als den Wortsinn und sollten nicht öffentlich besprochen werden; ob er Meinungen verbarg, ist umstritten
Mischne Tora
: Maimonides' um 1180 vollendetes hebräisches Gesetzeswerk in 14 Bänden, das Mischna und Tora ordnet und bis heute maßgebliche Autorität besitzt
Grenzen des Wissens
: der Mensch kann vieles erkennen, aber nicht alles, besonders nicht das Wesen Gottes

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Maimon ben Joseph, sein Vater: unterrichtete ihn in der Tora
  • Aristoteles, Al-Farabi und Ibn Sina: prägten sein Denken, er las sie über arabische Übersetzungen und Schriften, nicht im persönlichen Unterricht

Schüler

  • Thomas von Aquin: bezieht sich in mehreren Werken auf ihn
  • Albertus Magnus und Duns Scotus: von ihm beeinflusst (Wikipedia)
  • Abraham Maimonides: sein Sohn, ebenfalls ein anerkannter Gelehrter

Gegner

  • Saadia Gaon und die Kalam-Theologie: Maimonides kritisiert deren Denken als vorgebliche Vernunft im Dienst vorgefasster Glaubenssätze
  • Chasdai Crescas: gründlichster mittelalterlicher Kritiker (Or Adonai), auch der Glaubensartikel
  • Französische Rabbiner: verboten und verbrannten den Führer in Montpellier
  • Sar Schalom ben Moses: Rivale um das Amt des Nagid in Ägypten

Verbindungen im Netz

9 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf AristotelesDeutung

    sein Denken folgt einem von der islamischen Welt vermittelten Aristotelismus

  • Grundlage für Gersonides (Levi ben Gerson)Deutung

    Die Kriege des Herrn sind nach dem Plan des Führers der Unschlüssigen gebaut und zugleich eine Kritik an Maimonides' Verbindung von Aristoteles und Tora (Wikipedia; Stanford Encyclopedia of Philosophy).

  • baut auf Ibn Sina (Avicenna)ungeprüft

    laut SEP übernahm er im Führer die meisten Ideen Avicennas

  • Grundlage für Meister EckhartDeutung

    In Eckharts lateinischen Werken wird nur Aristoteles häufiger zitiert als Maimonides (SEP).

  • Grundlage für Thomas von AquinDeutung

    kannte und nutzte dessen Führer der Unschlüssigen

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Baruch de Spinozaungeprüft

    setzt sich im Traktat mit der Bibelauslegung der jüdischen Tradition auseinander

  • wird kritisiert von Chasdai CrescasDeutung

    Das Or Haschem sollte ein philosophisches Gegenbuch zu Maimonides' Führer der Unschlüssigen sein (Stanford Encyclopedia of Philosophy).

  • kritisiert Saadia GaonDeutung

    Maimonides kritisiert im Führer die Kalam-Theologie, in deren Nähe Saadia arbeitet (Stanford Encyclopedia of Philosophy, Artikel zu Saadya).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Ibn Ruschd (Averroes)ungeprüft

    beide stammten aus Córdoba und standen für die Verbindung von Glauben und Vernunft

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Als die Almohaden (muslimische Herrscher, die einen intoleranten Islam vertraten) 1148 Córdoba eroberten, mussten Nichtmuslime zwischen Übertritt, Exil und Tod wählen, und Maimonides' Familie ging ins Exil. Die Stanford Encyclopedia hält es für möglich, dass er dennoch von almohadischem Denken beeinflusst war.[1]

  • Geld belegt

    Nach dem Verlust des Familienvermögens, das sein Bruder David als Kaufmann auf einer Reise nach Indien mitführte, wurde Maimonides Arzt, ein Beruf, der ihn berühmt machte. Wie stark das Geldverdienen sein Schreiben prägte, sagt die Quelle nicht.[3]

  • Abhängigkeit belegt

    Er diente dem obersten Sekretär Qadi al-Fadil (der als Sekretär Saladins die Regierung Ägyptens führte) und Sultan Saladin als Hofarzt und war um 1171 und wieder ab 1195 Nagid (Oberhaupt) der jüdischen Gemeinde Ägyptens. Sein Führer der Unschlüssigen war umstritten und wurde von französischen Rabbinern verboten und in Montpellier verbrannt.[3]

Kritik

Chasdai Crescas griff in Or Adonai das aristotelische Weltbild an, das Maimonides vertrat, und kritisierte auch seine Glaubensartikel. Rabbinische Kritiker warfen ihm vor, mit der Mischne Tora den Talmud (die große schriftliche Sammlung der jüdischen Rechtslehre) ersetzen zu wollen, und mit dem Führer, mehr Aristoteles und Al-Farabi als Mose zu folgen. Umstritten bleibt außerdem, ob der Führer absichtlich widersprüchlich schreibt (Leo Strauss, ein Philosoph, der glaubte, Maimonides verberge seine eigentliche Meinung) oder ob diese Lesart überzogen ist.

Wirkung heute

Seine 13 Glaubensartikel gelten im orthodoxen Judentum als zentrale Glaubensgrundsätze, und die Mischne Tora hat bis heute kanonisches Gewicht. Auch die Frage, wie man von Gott oder von Grundwerten redet, ohne sie zu verniedlichen, wirkt weiter, etwa in der Debatte um negative Theologie.

Brücke zu Führung und Coaching

Maimonides' Mittelweg hilft dir, Führungsfehler als Ausschläge nach zu viel oder zu wenig zu lesen: zu viel Kontrolle, zu wenig Orientierung. Frage dich vor einem schwierigen Gespräch: Auf welcher Seite des Mittelwegs stehe ich gerade, und was wäre die bewusst gegensteuernde Übung für die nächsten Wochen? Und wenn dein Team ein Konzept mit vielen Superlativen anpreist, frag nach, was es ausdrücklich nicht leisten soll.

Zitate

„Der rechte Weg ist der Mittelweg bei jedem Charakterzug eines Menschen.“

Maimonides, Mischne Tora, Buch 1 (Sefer ha-Madda), Hilchot De'ot (Charakterzüge) 1,4; englische Wiedergabe in der Stanford Encyclopedia of Philosophy, Abschnitt 6 (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1138Geburt in Córdoba (die Wikipedia nennt als Alternative 1135)
  2. 1148Die Almohaden erobern Córdoba, die Familie geht ins Exil
  3. 1160Ankunft der Familie in Fez (Marokko)
  4. 1168Der Kommentar zur Mischna (der frühen schriftlichen Sammlung der mündlich überlieferten jüdischen Gesetze) ist vollendet, mit den 13 Glaubensartikeln
  5. 1190Der Führer der Unschlüssigen ist vollendet
  6. 1204Tod in Fustat (Kairo)

Werke

  • Mischne Tora (ca. 1180)
  • Führer der Unschlüssigen (ca. 1190)

Kommentar zur Mischna (1168 vollendet); Mischne Tora (14 Bücher, 1170 bis 1180); Führer der Unschlüssigen (Moreh Nevukhim, 1190 vollendet); Acht Kapitel; Abhandlung über die Auferstehung (1191); Brief über die Astrologie (1195); medizinische Schriften

Anekdote belegt

Sein Bruder David, ein Kaufmann, ertrank zwischen 1169 und 1177 auf einer Handelsreise nach Indien und hatte dabei auch Geld von Maimonides an Bord. In einem Brief aus der Kairoer Geniza (einem Aufbewahrungsraum einer Kairoer Synagoge mit rund 200.000 mittelalterlichen Dokumenten) schreibt Maimonides, er sei danach ein Jahr lang krank gewesen und noch acht Jahre später nicht getröstet.[3]

Lesetipps

Einstieg
Moses Maimonides, Führer der Unschlüssigen, übersetzt und kommentiert von Adolf Weiß, mit einer Einleitung von Johann Maier (Meiner, Philosophische Bibliothek 184a–c; Nachdruck 1995 der Erstausgabe von 1923/24): der Hauptteil über Gott und Schöpfung.
Vertiefung
Moshe Halbertal, Maimonides: Life and Thought (Princeton University Press, 2014)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr strittig (Wikipedia: zwischen 1135 und 1138, SEP: 1138), deshalb birth_approx true. Jahr der Mischne Tora (ca. 1180) nicht in den extrahierten Quellen geprüft; Führer 'um 1190' belegt (Wikipedia, SEP).
  • Geburtsjahr: SEP 1138, Wikipedia nennt 1135 oder 1138 (mehrere Datierungen). Das Jahr 1160 für Fez folgt der SEP; die Wikipedia nennt Aufenthalte in Fez, Akko (1165), Jerusalem, Alexandria, Kairo. Das Zitat ist eine eigene Übertragung der englischen Wiedergabe in der SEP; das hebräische Original wurde nicht eingesehen. Edition Weiß: Der Meiner-Katalog nennt den Nachdruck 1995 der Erstausgabe von 1923/24. Der Geniza-Brief zur Anekdote ist nur über die Wikipedia vermittelt, das Original wurde nicht gelesen. Britannica und Deutsche Biographie nicht abgerufen. Die Aussage, Aquin, Albertus und Duns Scotus seien durch Maimonides beeinflusst, stützt sich auf die Wikipedia; die SEP nennt nur Aquin. Amt des Nagid: Wikipedia nennt eine erste Ernennung um 1171, Ablösung durch Sar Schalom 1173 und die erneute Ernennung 1195. Prüfer: Google-Books-Eintrag als Quelle entfernt, der Meiner-Katalog genügt.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Maimonides

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Maimonides · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Maimonides · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia, Maimonides · Wikipedia
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: saadya · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]meiner.de/fmv_de/fa-hrer-der-unschla-ssigen-16446 · Webseite
  6. [6]Wikipedia (de): Tora · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  7. [7]Wikipedia (de): Kalam · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de): Saladin · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  9. [9]Wikipedia (de): Talmud · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  10. [10]Wikipedia (de): Kairoer Geniza · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  11. [11]Wikipedia (de): Mischna · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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