Landkarte der Philosophie

Friedrich Hölderlin

1770–1843 · Tübingen, Jena, Frankfurt, Homburg

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Der Dichter im Tübinger Freundeskreis, der Hegel und Schelling früh zeigte, dass hinter Ich und Welt eine ursprüngliche Einheit liegt.

Hölderlin war im Tübinger Stift (einer Ausbildungsstätte, an der er als Stipendiat Theologie studierte) mit Hegel und Schelling befreundet und hörte 1794/95 Fichte in Jena. Hegel war von 1797 bis 1800 in Frankfurt und Homburg philosophisch eng mit ihm im Austausch.

Kernidee

Hölderlin fragt, wie das Ich zu sich kommt, wenn es sich zugleich von der Welt getrennt erlebt. In seinem Entwurf „Urteil und Sein“ setzt er vor das Ich-Denken ein ungeteiltes Sein, das erst im Urteilen in Subjekt und Objekt zerfällt (Urteil heißt hier wörtlich Ur-Teilung). Die Dichtung wird für ihn zu dem Ort, an dem diese verlorene Einheit erfahrbar bleibt.

Bekannt für

Man kennt Hölderlin als großen Dichter an der Grenze von Klassik und Romantik (zwei Epochen der deutschen Literatur um 1800), dessen Zeile über das Rettende in der Gefahr („Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, aus dem Gedicht Patmos) bis heute oft zitiert wird, etwa in Krisenreden und im Resilienztraining. Nach einem Zusammenbruch 1806 lebte er ab 1807 rund 36 Jahre im Tübinger Turm bei der Familie des Tischlers Zimmer.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Urteil und Sein

In einem kurzen Entwurf aus dem Umfeld seiner Fichte-Auseinandersetzung (1794/95) behauptet Hölderlin, dass jedes Urteil eine ursprüngliche Teilung ist: Es trennt, was eigentlich zusammengehört. Damit kritisiert er Fichtes Ausgang vom Ich, denn das Ich setze die Trennung von Subjekt und Objekt schon voraus. Wer in einem Team nur noch Positionen gegeneinander hört, könnte sich fragen, welches gemeinsame Anliegen vor dem Streit schon da war.

Dichtung als Wahrheit des Ganzen

Hölderlin hält die Dichtung nicht für Schmuck, sondern für eine Weise, die Einheit von Mensch, Natur und Göttlichem auszudrücken. Wie viele seiner Zeit bewunderte er dafür die griechische Antike. Eine gute Geschichte über den Sinn eines Projekts bewegt ein Team oft mehr als jede Kennzahl.

Tragik und Zeitdiagnose

In seinen Gedichten und im Empedokles-Stoff (einem Drama über die letzten Tage des antiken Philosophen Empedokles) erscheint die Gegenwart als Zeit des Mangels, in der die alte Einheit verloren ist. Der Empedokles-Entwurf blieb in drei Fassungen unvollendet. Wer Veränderung vorantreibt, sollte auch die Kosten sehen, die sie für einzelne Menschen hat.

Begriffe

Urteil und Sein
: Hölderlins Entwurf, nach dem jedes Urteilen ein Ur-Teilen ist, das ein ursprünglich ungeteiltes Ganzes in Subjekt und Objekt trennt
Einheit
: der Gedanke, dass Mensch und Natur ursprünglich ein Ganzes bilden, das Denken und Dichten wiederfinden wollen
Hyperion
: Hölderlins Briefroman über einen Griechen, der nach Freiheit und Harmonie sucht und am Ende Frieden in der Natur findet
Tragik
: Hölderlin hält die Tragödie für die höchste Dichtungsart; sein Empedokles-Drama zeigt einen Menschen in einer Zeit, die ihre alte Einheit verloren hat
Dichtung als Erkenntnis
: die Überzeugung, dass das Schöne einen Zugang zum Sein eröffnet, den das begriffliche Denken allein nicht erreicht

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Fichte: Hölderlin hörte ihn 1794/95 in Jena und widersprach ihm früh

Freunde

  • Hegel und Schelling: Freundschaft im Tübinger Stift (1788 bis 1793), nach englischer Wikipedia auch Stubengenossen
  • Isaac von Sinclair: Freund in Homburg, verschaffte ihm dort die Stelle als Hofbibliothekar

Gegner

  • Fichte: Hölderlin kritisierte dessen Ausgang vom Ich

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Johann Gottlieb Fichteungeprüft

    Hölderlin hörte Fichte in Jena und widersprach dessen Ausgang vom Ich.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Novalis (Friedrich von Hardenberg)ungeprüft

    Gedanklich verwandt in der Frage nach Fichtes Ich; eine persönliche Begegnung in Jena 1795 gilt als möglich, ist aber dürftig belegt.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Der Mutter wird der Wunsch zugeschrieben, dass Hölderlin Pfarrer wird. Er wurde stattdessen Dichter und lebte als Hauslehrer, etwa 1796 bis 1798 bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard, wo er sich in Susette Gontard verliebte, die als Vorbild der Diotima im Hyperion (Hölderlins Briefroman) gilt.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Hölderlin begrüßte die Französische Revolution. Seine vaterländischen Gedichte haben nach Wikipedia einen freiheitlich-republikanischen Hintergrund. Sein Freund Sinclair wurde 1805 als angeblicher Verschwörer denunziert, was seine Homburger Lage unsicher machte.[2]

  • Biografie Deutung

    Am 11. September 1806 wurde Hölderlin in eine Tübinger Klinik eingewiesen und 1807 als unheilbar entlassen. Danach pflegte ihn die Familie Zimmer bis zu seinem Tod 1843. Wie stark die Krankheit seine späten Texte erklärt, ist in der Forschung eine Frage der Deutung.[1]

Kritik

Hölderlins Ansatz in „Urteil und Sein“ ist ein Fragment, das erst 1961 gedruckt wurde. Die Philosophie hat es vor allem durch Dieter Henrichs Studien „Hölderlin über Urteil und Sein“ (in „Konstellationen“, 1991) ernst genommen. Streitpunkt bleibt, ob Hölderlin Fichte widerlegt oder nur anders liest.

Wirkung heute

Hölderlins Gedanke, dass vor aller Trennung von Ich und Welt eine Einheit liegt, wird in der Forschung zur Entstehung des Idealismus ernst genommen. Seine Dichtung ist bis heute viel gelesen, und die Zeile über das Rettende wird in Krisen immer wieder zitiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Hölderlin fragt danach, was vor dem Streit schon verbindet. Versuche im nächsten festgefahrenen Gespräch, zuerst das gemeinsame Anliegen zu benennen und dann erst die Positionen. Eine gute Frage an dein Team lautet: Wofür arbeiten wir hier eigentlich, bevor wir uns über den Weg streiten?

Zitate

„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“

Patmos (Verse 3 und 4, gewidmet dem Landgrafen von Homburg; Erstdruck 1808)

Lebensstationen

  1. 1770Geboren in Lauffen am Neckar
  2. 1788Beginn des Studiums im Tübinger Stift (bis 1793)
  3. 1794Jena: hört Fichte, Entwurf Urteil und Sein (1795)
  4. 1796Hauslehrer in Frankfurt bei der Familie Gontard (bis 1798)
  5. 1807Nach der Klinik Aufnahme im Haus des Tischlers Zimmer (Turm)
  6. 1843Tod in Tübingen

Werke

Hyperion (Band 1 1797, Band 2 1799)

Der Tod des Empedokles (drei unvollendete Fassungen, 1797 bis 1800)

Urteil und Sein (Entwurf 1795, erst 1961 gedruckt)

Patmos (Erstdruck 1808)

Anekdote belegt

In seinen späten Jahren im Turm schrieb Hölderlin gereimte Vierzeiler (Gedichte aus vier Zeilen) und unterschrieb sie oft mit dem Namen „Scardanelli“ und erfundenen Daten. Das Pseudonym ist ab 1837 belegt.[2]

Lesetipps

Einstieg
Hyperion (1797/99) und das Gedicht Patmos: der Briefroman erzählt Hölderlins Suche nach Einheit, das Gedicht enthält die berühmte Zeile.
Vertiefung
Rüdiger Safranski, Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! (Hanser, 2019)

Noch nicht sicher belegt

  • Ob Hegel und Schelling im Stift Stubengenossen waren: nur die englische Wikipedia sagt es, die deutsche nennt nur die Freundschaft. Die Gleichsetzung von Susette Gontard mit Diotima ist in den abgerufenen Wikipedia-Texten nicht ausdrücklich formuliert (Gontard-Verhältnis belegt, Diotima-Vorbild allgemein anerkannt). Der Wortlaut von Urteil und Sein und Henrichs Rolle wurden nur über Literaturangaben bestätigt. Ob Hölderlin im Stift Kant und Spinoza las, konnte nicht belegt werden und wurde gestrichen. Wie weit Schiller und Goethe ihn förderten oder bremsten, wurde nicht belegt (Schiller half bei der ersten Hauslehrerstelle laut en.wikipedia) und die frühere Gegner-Angabe gestrichen. Wer Hegel in Frankfurt beeinflusste, wird in der Literatur unterschiedlich als Mentor- oder Schülerverhältnis beschrieben.

Wege durchs Netz

  • Vom Ich zum Geist

    Hölderlin: Vor dem Ich-Denken liegt ein Sein, in dem noch nichts getrennt ist.

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Hölderlin

  1. [1]Wikipedia: Friedrich Hölderlin · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia: Friedrich Hölderlin (en) · Wikipedia
  3. [3]Britannica: Friedrich Holderlin · Britannica
  4. [4]Wikipedia (de): Patmos (Hölderlin) · Wikipedia
  5. [5]hoelderlinturm.de/aus-dem-archiv-geholt/band-05-patmos · Webseite
  6. [6]hoelderlin-gesellschaft.de/website/de/hoelderlin-orte/frankfurt · Webseite
  7. [7]deutschlandfunkkultur.de/ruediger-safranski-hoelderlin-komm-ins-offene-freund-100.html · Webseite
  8. [8]protosociology.de/Rubrum/Hölderlin-Stolzenberg.pdf · Webseite
  9. [9]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Novalis · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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