Landkarte der Philosophie

Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling

1775–1854 · Jena, München, Berlin

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Jüngste der großen Drei, der gegen Fichte die Natur als eigene Wirklichkeit ernst nahm, Hegel den Weg bahnte und dann zu dessen schärfstem Kritiker wurde.

Schelling steht zwischen Fichte und Hegel: Er löst sich von Fichtes Ich-Philosophie, gibt 1802/03 mit Hegel eine Zeitschrift heraus und bricht nach 1807 mit ihm. Hölderlin und Hegel kennt er aus dem Tübinger Stift, mit Jacobi liegt er im Streit.

Kernidee

Schelling will zeigen, dass Natur und Geist nicht zwei getrennte Welten sind, sondern dieselbe Wirklichkeit auf zwei Weisen. Die Natur ist gleichsam unbewusst schöpferischer Geist, der im Menschen zum Bewusstsein seiner selbst kommt. Später fragt er, wie Freiheit und das Böse in diese Einheit passen, und wirft Hegel vor, die Wirklichkeit zu sehr in Begriffe zu fassen.

Bekannt für

Schelling gilt als Genie, das schon mit 23 Jahren Professor in Jena wurde und danach seine Position immer wieder neu fasste. Bekannt ist er vor allem für seine Naturphilosophie, die Geist und Natur als Einheit denkt, und für seine Freiheitsschrift von 1809.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Naturphilosophie: Natur als unbewusster Geist

Schelling will erklären, wie aus Natur Geist werden kann, ohne beide gegeneinander auszuspielen. Er versteht die Natur als lebendiges, unbewusst schöpferisches Geschehen, das im menschlichen Bewusstsein zu sich selbst kommt. In einem Unternehmen ist die Kultur ähnlich: Sie entsteht aus Gewohnheiten, die niemand geplant hat, und wird erst im Gespräch darüber für alle sichtbar.

Identitätsphilosophie: Hinter Ich und Welt steht dasselbe

Seit 1801 sieht Schelling hinter Subjekt und Objekt ein Absolutes, in dem beide eins sind, und macht nicht mehr das Ich zum Ursprung wie Fichte. Er wehrt sich gegen den Einwand, dieses Absolute sei eine leere „Nacht“, in der alles gleich aussieht, und will zeigen, wie daraus Unterschiede hervorgehen. Streiten zwei Abteilungen, hilft oft die Frage nach dem gemeinsamen Ziel, in dem beide Sichtweisen schon enthalten sind.

Freiheit und das Böse

In der Freiheitsschrift von 1809 fragt Schelling, wie die Freiheit des Menschen und das Böse mit einer einheitlichen Welt zusammengehen. Er sieht im Menschen nicht nur Vernunft, sondern auch Antriebe, die sich bis zur Grausamkeit steigern können. Wer ein Team führt, kennt das: Menschen handeln nicht nur nach guten Argumenten, und wer das ausblendet, wird davon überrascht.

Begriffe

Naturphilosophie
Identitätsphilosophie
das Absolute
Freiheitsschrift
positive und negative Philosophie

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Fichte: philosophischer Mentor der frühen Jahre, 1801/02 kam es zum Bruch
  • Nathanael Köstlin: Onkel und Lehrer in Bebenhausen
  • Spinoza, über Jacobis Spinozabriefe: prägte das Denken der Tübinger Freunde

Schüler

  • Maximilian II. von Bayern: Kronprinz und Schüler 1835 bis 1840
  • Hörer in Berlin 1841: unter anderem Kierkegaard, Engels und Bakunin

Freunde

  • Hölderlin und Hegel: die „Tübinger Drei“
  • Caroline Schlegel: Muse und ab 1803 Ehefrau
  • Goethe: unterstützte die Berufung nach Jena

Gegner

  • Fichte: Streit über Naturbegriff und intellektuelle Anschauung
  • Hegel: Bruch nach der Phänomenologie des Geistes (1807)
  • Jacobi: Streit um die göttlichen Dinge 1811/12
  • Heinrich Paulus: Feind, der Schellings Berliner Vorlesung ohne dessen Zustimmung drucken ließ

Verbindungen im Netz

9 Verbindungen, davon 8 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Giordano BrunoDeutung

    Schelling schrieb 1802 einen Dialog über Bruno (SEP Bruno).

  • baut auf Johann Gottlieb Fichteungeprüft

    Schelling war zunächst Fichtes Anhänger und löste sich 1801/02 von ihm.

  • Grundlage für Jürgen Habermasungeprüft

    Seine Doktorarbeit behandelte Schellings Denken zwischen Absolutem und Geschichte.

  • Grundlage für Søren Kierkegaardungeprüft

    Kierkegaard hörte 1841/42 Schellings Berliner Vorlesungen und freute sich zunächst über dessen Rede von der Wirklichkeit.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Friedrich Heinrich Jacobiungeprüft

    Im Streit um die göttlichen Dinge (1811/12) prallten Schellings Naturalismus und Jacobis Glaube aufeinander.

  • kritisiert Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    Stiftsfreunde und 1802/03 Mitherausgeber einer Zeitschrift, nach 1807 Bruch und später Schellings Kritik an Hegel.

  • wird kritisiert von Ludwig Feuerbachungeprüft

    Er schrieb 1839 gegen die positive Philosophie des späten Schelling, die er mit seinem Erlanger Kollegen Stahl verband.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Friedrich Hölderlinungeprüft

    Freund aus dem Stift, beide setzten sich mit Kant und Fichte auseinander.

  • persönlich verbunden mit Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    Stiftsfreunde und 1802/03 Mitherausgeber einer Zeitschrift, nach 1807 Bruch und später Schellings Kritik an Hegel.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Schelling lehrte in Jena auf Betreiben Goethes, stand 1806 bis 1820 im bayerischen Staatsdienst ohne Lehrverpflichtung und wurde 1841 nach Berlin berufen. Laut Stanford Encyclopedia soll die Regierung ihn dorthin geholt haben, um den Einfluss der Hegelschen Philosophie zu begrenzen, was eine Deutung bleibt.[3]

  • Biografie belegt

    Schellings Frau Caroline starb 1809 an Typhus; die Trauer schlug sich laut Wikipedia in der Schrift „Clara“ (1810) nieder. Die Freiheitsschrift erschien im selben Jahr 1809.[2]

  • Biografie Deutung

    Schelling bezog einen Seitenhieb in der Vorrede von Hegels Phänomenologie auf sich, die Freundschaft endete abrupt. Seine spätere scharfe Kritik an Hegel könnte davon mitgefärbt sein.[3]

Kritik

Hegel und andere warfen der Identitätsphilosophie vor, alle Unterschiede in einer „Nacht“ zu verschlucken, was die Stanford Encyclopedia als unzutreffende Deutung zurückweist. Fichte hielt eine Naturphilosophie neben der Transzendentalphilosophie für unmöglich, Jacobi lehnte Schellings spinozistischen Naturalismus ab, und Goethe stellte sich im Streit um die göttlichen Dinge auf Schellings Seite. In Berlin ließ das Interesse an seinen Vorlesungen rasch nach.

Wirkung heute

Schellings Blick auf die Natur als Gegenüber des Menschen wird in Debatten über Naturalismus, Freiheit und die Klimakrise wieder gelesen. Seine Idee eines Unbewussten, das dem Bewusstsein vorausgeht, wirkt bis zur Psychoanalyse nach.

Brücke zu Führung und Coaching

Schelling erinnert Führungskräfte daran, dass hinter jedem Ergebnis auch unbewusste Muster wirken, die erst sichtbar werden müssen. Frage dein Team, was es regelmäßig tut, ohne dass je darüber gesprochen wurde. Eine gute Anschlussfrage lautet: Welche dieser Gewohnheiten wollen wir bewusst behalten, und welche verabschieden wir?

Zitate

„Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein.“

Ideen zu einer Philosophie der Natur, Einleitung (1797)

Lebensstationen

  1. 1775Geboren in Leonberg
  2. 1790Aufnahme ins Tübinger Stift, gemeinsam mit Hölderlin und Hegel
  3. 1798Mit 23 Jahren außerordentlicher Professor in Jena
  4. 1809Freiheitsschrift und Tod seiner Frau Caroline
  5. 1841Berufung auf Hegels früheren Lehrstuhl in Berlin
  6. 1854Tod in Bad Ragaz (Schweiz)

Werke

Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797)

System des transzendentalen Idealismus (1800)

Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809)

Philosophie der Mythologie und der Offenbarung (Vorlesungen, ab 1841 in Berlin)

Anekdote belegt

Als Schelling 1841 in Berlin auf Hegels Lehrstuhl antrat, saßen unter seinen Hörern Kierkegaard, Engels und Bakunin. Kierkegaard, anfangs begeistert, schrieb bald enttäuscht, er sei zu alt, um Vorlesungen zu hören, ebenso wie Schelling zu alt sei, sie zu halten.[2]

Lesetipps

Einstieg
Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809), Meiner, Philosophische Bibliothek: kurz und dicht, der Einstieg in Schellings Frage nach Freiheit und dem Bösen.
Vertiefung
Franz Josef Wetz, Friedrich W. J. Schelling zur Einführung (2025)

Noch nicht sicher belegt

  • Das Kierkegaard-Wort ist nur über de.wikipedia belegt, das Original (Brief bzw. Tagebuch) wurde nicht geprüft. Seitenangabe der Ideen-Stelle (Sämtliche Werke) nicht geprüft. Die Brüche mit Hegel und Fichte sind knapp dokumentiert. Dass die Berliner Berufung Hegels Einfluss begrenzen sollte, ist in der SEP mit „reputedly“ markiert, also Deutung. Die Meiner-Ausgabe der Freiheitsschrift wurde nur über einen Händlerkatalog bestätigt.

Wege durchs Netz

  • Vom Ich zum Geist

    Schelling: Natur und Geist sind dieselbe Wirklichkeit auf zwei Weisen.

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Schelling

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: schelling · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling · Wikipedia
  3. [3]Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Stanford Encyclopedia of Philosophy) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]zeno.org/Philosophie/M/Schelling,+Friedrich+Wilhelm+Joseph/Ideen+zu+einer+Philosophie+der+Natur/Einleitung · Webseite

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