Landkarte der Philosophie

Johann Gottlieb Fichte

1762–1814 · Jena und Berlin, Rammenau, Berlin

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Philosoph, der Kants Gedanken der Freiheit zum Fundament eines ganzen Systems machte und damit den Deutschen Idealismus (die Philosophie von Fichte, Schelling und Hegel) in Gang setzte.

Fichte baut unmittelbar auf Kant auf und will dessen Philosophie auf ein einziges Fundament stellen, wie es zuvor Karl Leonhard Reinhold versucht hatte, der Kants Philosophie auf einen allgemein anerkannten Grund stellen wollte. Schelling und Hegel gehen von hier aus weiter, während der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi in Fichte den Beweis sieht, dass der Idealismus im Nihilismus endet.

Kernidee

Fichte geht von der freien Tat des Ichs aus: Das Ich ist nicht zuerst ein Ding, sondern etwas, das sich selbst tätig setzt. Die Welt begegnet ihm als Widerstand, an dem es sich handelnd bewährt. So wird bei Fichte die Freiheit zum Ausgangspunkt der Philosophie und das moralische Handeln zur eigentlichen Bestimmung des Menschen.

Bekannt für

Man kennt Fichte als den Philosophen des „Ich“ und als Redner der „Reden an die deutsche Nation“, die er im Winter 1807/08 im von Napoleon besetzten Berlin hielt. Berühmt wurde er schlagartig, als sein anonymes Erstlingswerk von 1792 für ein Buch Kants gehalten wurde.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Das Ich als Tat

Für Fichte ist das Ich keine Sache, die einfach da ist, sondern ein Tun, das sich selbst hervorbringt. Er nennt das Tathandlung: Die Handlung und ihr Ergebnis sind hier dasselbe. Wer in eine neue Rolle hineinwächst, erlebt das im Kleinen: Du wirst zur Führungskraft nicht durch den Titel, sondern dadurch, dass du führst.

Der Anstoß: Widerstand macht bewusst

Das Ich erfährt sich laut Fichte nur dann als frei und tätig, wenn es auf einen Widerstand trifft, den er Anstoß nennt. Dieser Widerstand setzt erst Gefühl, Wahrnehmung und schließlich Begriffe in Gang, also unser ganzes Bild der Welt. Ein Team, das sich an einer scheinbar unlösbaren Kundenforderung reibt, merkt oft erst dort, was es wirklich kann und will.

Die Bestimmung des Menschen: Handeln statt bloß Grübeln

Fichte wollte keine Philosophie nur für Gelehrte. Er ging von einem positiven Menschenbild aus, nach dem in jedem Menschen die Grundlage echter Selbsterkenntnis liegt, und sah die Aufgabe des Menschen im Handeln nach dem moralischen Gesetz. Wenn du vor einer schwierigen Personalentscheidung grübelst, würde er fragen, was du tun sollst, und weniger, was du am sichersten beweisen kannst.

Begriffe

Wissenschaftslehre
: Fichtes System, das von der freien Tätigkeit des Ichs ausgeht und daraus den notwendigen Aufbau aller Erfahrung ableiten will
Tathandlung
: das Ich als Handelnder und Ergebnis seiner Handlung zugleich: Es bringt sich durch sein Tun selbst hervor
Ich und Nicht-Ich
: das Ich setzt sich selbst und grenzt dabei die Welt außerhalb von sich ab, das Nicht-Ich, die es als sein Gegenüber setzt
Anstoß
: die erste Erfahrung einer Grenze, die das Ich tätig macht und aus der Gefühl, Wahrnehmung und Begriffe hervorgehen
Bestimmung des Menschen
: Fichtes allgemeinverständliche Schrift von 1800, die sein System mit Betonung des Moralischen und Religiösen darstellt und auf Jacobis Kritik antwortet
Nicht-Ich
: alles, was dem Ich als Widerstand gegenübertritt

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Immanuel Kant: Die Lektüre 1790 war für Fichte eine „Revolution“ seines Denkens
  • Karl Leonhard Reinhold: wollte Kants Philosophie auf einen einzigen ersten Grundsatz stellen, daran knüpfte Fichte an

Schüler

  • Schelling: zunächst Fichtes Anhänger, ging dann eigene Wege
  • Novalis: studierte 1795/96 die Wissenschaftslehre und entwickelte sie weiter
  • Friedrich Schlegel: von Fichte stark geprägt

Freunde

  • Friedrich Schlegel: Freundschaft aus der Jenaer Zeit

Gegner

  • Friedrich Heinrich Jacobi: warf ihm 1799 „Nihilismus“ vor
  • Schelling: Streit um den Naturbegriff, der Briefwechsel endete 1802
  • Friedrich Nicolai: erbitterte Feindschaft

Verbindungen im Netz

10 Verbindungen, davon 10 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Friedrich Schlegelungeprüft

    Schlegel studierte die Wissenschaftslehre und setzte ihr den Wechselerweis statt eines obersten Grundsatzes entgegen.

  • Grundlage für Friedrich Wilhelm Joseph von Schellingungeprüft

    Schelling war zunächst Fichtes Anhänger und löste sich 1801/02 von ihm.

  • Grundlage für Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft

    übernimmt den Gedanken des tätigen Selbstbewusstseins

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Fichte knüpft an Kant an, Kant distanziert sich 1799 öffentlich von ihm.

  • baut auf Karl Leonhard Reinholdungeprüft

    Fichte folgt ihm 1794 in Jena und knüpft an die Suche nach einem ersten Grundsatz an, kritisiert aber dessen Fassung.

  • Grundlage für Novalis (Friedrich von Hardenberg)ungeprüft

    Novalis studierte die Wissenschaftslehre 1795/96 und stellte Fichtes Ich zugleich in Frage.

  • baut auf Salomon Maimonungeprüft

    Fichte setzt sich eng mit Maimons Kritik auseinander und baut eine konsequentere Lehre darauf.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Friedrich Heinrich Jacobiungeprüft

    Jacobi warf Fichte 1799 in einem offenen Brief Nihilismus vor.

  • wird kritisiert von Friedrich Hölderlinungeprüft

    Hölderlin hörte Fichte in Jena und widersprach dessen Ausgang vom Ich.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Baruch de Spinozaungeprüft

    Spinozismus-Debatte der Zeit, in der Literatur üblich

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Belegt ist: Fichte stammte aus einer armen Weberfamilie, ein Gutsherr bezahlte seine Ausbildung, nach dessen Tod musste er als Hauslehrer arbeiten, was er verabscheute, und in Jena lebte er als außerordentlicher Professor von Hörergebühren. Eine naheliegende Deutung ist, dass sein Drang, mit Philosophie öffentlich zu wirken und Menschen zu gewinnen, auch aus dieser Lage kommt.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    1798 löste ein Aufsatz in seinem Philosophischen Journal (einer Fachzeitschrift, die er mit Niethammer herausgab) den Atheismusstreit aus, also den Streit um den Vorwurf, Fichte leugne Gott. Fichte erhielt einen Verweis und trat zurück, die Jenaer Professur war damit verloren.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    In einer anonymen Schrift zur Französischen Revolution von 1793 sprach sich Fichte gegen Bürgerrechte für Juden aus und nannte sie einen „Staat im Staat“, fügte aber in einer Anmerkung ein Plädoyer für ihre freie Religionsausübung an. Seine Reden an die deutsche Nation wurden später national vereinnahmt, obwohl sie nach der Stanford Encyclopedia vor allem Fragen der Nationalerziehung (einer Erziehung des ganzen Volkes nach dem Vorbild des Pädagogen Pestalozzi) behandeln.[3]

Kritik

Jacobi nannte die Wissenschaftslehre 1799 einen „umgekehrten Spinozismus“ (Jacobi meinte, Fichtes absolutes Ich spiele dieselbe Rolle wie bei Spinoza die eine Substanz, aus der alles folgt) und warf ihr Nihilismus vor, weil am Ende nur noch das Ich übrig bleibe. Schelling löste sich von Fichte, weil dieser neben der Transzendentalphilosophie keine eigenständige Naturphilosophie gelten ließ, und Hegel stellte sich 1801 in seiner ersten Schrift auf Schellings Seite. Später kamen Einwände gegen die nationalistische Vereinnahmung und gegen die judenfeindlichen Passagen hinzu.

Wirkung heute

Der Gedanke, dass Freiheit sich im Handeln und im Umgang mit Widerstand zeigt, trägt bis heute in Debatten über Selbstbestimmung. Ebenso aktuell bleibt seine Frage, wie ein Mensch durch Bildung zu eigenem Urteil kommt.

Brücke zu Führung und Coaching

Fichte lädt dazu ein, eine Rolle als Tätigkeit zu verstehen und nicht als Zustand: Führung entsteht im Tun. Frag dich in der nächsten schwierigen Teamsituation, was dieser Widerstand dir über dich und das Team zeigt, bevor du ihn aus dem Weg räumst. Eine gute Coachingfrage lautet: Was würdest du tun, wenn du dir nicht erst bestätigen lassen müsstest, dass du es darfst?

Zitate

„Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst“

Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95), Beginn des ersten Grundsatzes

Lebensstationen

  1. 1762Geboren in Rammenau (Sachsen) als Sohn eines Bandwebers
  2. 1790Erste Begegnung mit Kants Philosophie in Leipzig
  3. 1794Ruf nach Jena, Beginn der Wissenschaftslehre
  4. 1799Atheismusstreit und Rücktritt von der Jenaer Professur
  5. 1807Reden an die deutsche Nation im besetzten Berlin (bis März 1808)
  6. 1814Tod in Berlin an Fleckfieber

Werke

  • Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95)
  • Reden an die deutsche Nation (1808)

Versuch einer Critik aller Offenbarung (1792)

Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95)

Die Bestimmung des Menschen (1800)

Reden an die deutsche Nation (1807/08)

Anekdote belegt

Fichtes erstes Buch, der „Versuch einer Critik aller Offenbarung“, erschien 1792 anonym und ohne Vorwort. Es wurde weithin für ein Werk Kants gehalten, bis dieser den Irrtum klarstellte, und Fichte war schlagartig berühmt.[1]

Lesetipps

Einstieg
Die Bestimmung des Menschen (1800), Meiner, Philosophische Bibliothek Bd. 521: gut lesbar in drei Büchern (Zweifel, Wissen, Glaube).
Vertiefung
Helmut Seidel, Johann Gottlieb Fichte zur Einführung (1997)

Noch nicht sicher belegt

  • Zitat nur über de.wikipedia belegt, Paragraphenzahl und Seite nicht in einer Gesamtausgabe geprüft. Die judenfeindlichen Passagen: en.wikipedia nennt den Text ein unveröffentlichtes Schreiben, die Stanford Encyclopedia führt die Schrift zur Französischen Revolution als 1793 anonym veröffentlicht; der Wortlaut wurde nicht im Original geprüft. Reinhold als Lehrer ist Deutung der SEP-Darstellung (Reinholds Grundlegungsversuch), kein belegtes Schülerverhältnis. Die Zuordnung Novalis und Schlegel als Schüler bedeutet geistige Prägung, kein förmliches Lehrverhältnis.
  • Gerüst: Konzepte, Führungs-Transfer und Leseempfehlung sind eigene Verdichtung, nicht einzeln aus den Quellen zitiert. Britannica belegt, dass Fichte auf Kant aufbaut. Die Edge zu Spinoza ist Fachliteratur-Standard, nicht in den Auszügen belegt. Die Reden enthalten laut de.wikipedia Ansätze rassistischer Theoriebildung: bei der Darstellung beachten.

Wege durchs Netz

  • Die Wende im Kopf

    Fichte: Am Anfang steht die freie Tat des Ichs, die Welt begegnet ihm als Widerstand.

  • Vom Ich zum Geist

    Fichte: Das Ich ist kein Ding, es setzt sich selbst tätig.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Fichte

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Johann Gottlieb Fichte · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia: Johann Gottlieb Fichte · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (en): Johann Gottlieb Fichte · Wikipedia
  4. [4]zeno.org/Philosophie/M/Fichte,+Johann+Gottlieb/Die+Bestimmung+des+Menschen · Webseite
  5. [5]assets.meiner.de/Medien-Dateien/9783787318568.pdf · Buch
  6. [6]Britannica: Johann Gottlieb Fichte · Britannica
  7. [7]Wikipedia (de), Carl Leonhard Reinhold · Wikipedia
  8. [8]Wikipedia: Friedrich Heinrich Jacobi · Wikipedia

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