Homer
wohl 8./7. Jh. v. Chr. · Ionien an der Küste Kleinasiens (vermutet); Smyrna und Chios beanspruchten ihn
- Strömung
- Vorsokratiker
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Der Dichter der Ilias und der Odyssee, den die Griechen als ihren Lehrer ansahen: Er ist der Bezugspunkt, gegen den sich die Vorsokratiker mit ihrer Welterklärung ohne Göttergeschichten absetzen.
Zusammen mit Hesiod (einem griechischen Dichter, der in seiner Theogonie die Entstehung der Welt und der Götter beschreibt) gilt er als Quelle der griechischen Götterlehre, von der sich Xenophanes und Heraklit ausdrücklich abgrenzen. Seine Dichtung bildet den Hintergrund, vor dem das Neue der Milesier und der Eleaten sichtbar wird.
Kernidee
Die Epen Homers erzählen den Krieg um Troja und die Heimkehr des Odysseus und zeigen eine Welt, in der Götter wie Menschen handeln und Schicksal und Ehre das Leben lenken. Die Griechen lernten daraus Sprache, Moral und praktisches Wissen. Als die Vorsokratiker nach natürlichen Ursachen statt nach Göttern fragten, war genau diese Erzählwelt der Gegenpol.
Bekannt für
Man kennt ihn als den Verfasser der Ilias und der Odyssee, der frühesten großen Schriftwerke der Griechen, aus denen Wendungen wie das 'geflügelte Wort' (ein Zitat aus einer bekannten Quelle, das zur festen Redewendung geworden ist) stammen. Er gilt in der Antike schlicht als 'der Dichter'.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Welt der Götter und Helden
In Homers Epen greifen Götter wie Menschen in den Krieg ein, streiten untereinander und lenken das Schicksal der Helden. Herodot sagte später, Homer und Hesiod hätten den Griechen ihre Götterlehre gegeben. Wer eine Organisation verstehen will, kennt dieses Muster: Man erklärt Ereignisse gern mit Personen und Absichten ('der Chef will es so'), bevor man nach Strukturen fragt.
Mündliche Dichtung
Nach Milman Parry stammen die Epen aus einer mündlichen Tradition, in der Sänger feste Wendungen, Szenen und Verse im Vortrag neu zusammensetzten. Britannica bezeichnet die Gedichte deshalb als Ergebnis des Zusammenspiels von mündlicher Tradition und Schrift. Das erinnert an Wissen in Firmen, das in Geschichten und Gewohnheiten weitergegeben wird, ohne dass es aufgeschrieben wäre.
Bildung für ganz Griechenland
Die Epen dienten den zersplitterten griechischen Stadtstaaten dazu, ein gemeinsames Selbstverständnis zu gewinnen, und wurden in der Schule gelernt. Man kannte sie auswendig und nahm sie als Quelle moralischer und praktischer Lehre. So prägen heute gemeinsame Erzählungen die Kultur eines Unternehmens: Welche Geschichte erzählen wir Neuen als erste?
Begriffe
- Epos
- : ein langes erzählendes Gedicht in Versen, wie die Ilias und die Odyssee
- Götterwelt
- : bei Homer greifen Götter wie Menschen in den Krieg ein, streiten untereinander und lenken das Schicksal der Helden
- Aoidos (Sänger)
- : Sänger, der die Epen mündlich vortrug und zeitweise im Haus adliger Familien wohnte und sie unterhielt
- Homerische Frage
- : die Frage, ob Homer die Epen allein verfasste oder ob mehrere Dichter ältere Sagen zusammenstellten, und wann sie entstanden
- Bildung (Paideia)
- : griechisch für Bildung: Homer zu verstehen wurde im Lauf der Zeit ein fester Bestandteil der Bildung der Griechen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Freunde
- Hesiod: in der Antike als Zeitgenosse angesehen; die Vorstellung eines Wettstreits der beiden Dichter ging möglicherweise von den Sophisten aus (Britannica, Wikipedia de)
Gegner
- Xenophanes: wirft Homer und Hesiod vor, den Göttern Diebstahl, Ehebruch und gegenseitigen Betrug zuzuschreiben (DK 21 B 11, SEP)
- Heraklit: kritisiert Homer als unzureichend; der SEP-Eintrag erwähnt, er habe die Epiker als Toren behandelt
Verbindungen im Netz
3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Heraklit von EphesosDeutung
Der SEP-Eintrag zu Heraklit sagt, er habe die epischen Dichter als Toren behandelt und Homer neben Pythagoras und Archilochos kritisiert.
wird kritisiert von Xenophanes von KolophonDeutung
Xenophanes wirft Homer in DK 21 B 11 vor, den Göttern Diebstahl, Ehebruch und Betrug anzudichten (SEP).
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit HesiodDeutung
Herodot hielt Hesiod und Homer für nahezu Zeitgenossen (Historien II 53, nach en.wikipedia); beide gelten als Hauptquellen der griechischen Götterüberlieferung (de.wikipedia).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit Deutung
Die Epen wurden vor allem vor adligem Publikum vorgetragen, und Sänger wohnten zeitweise im Haus von Adligen. Das könnte erklären, warum die Epen die Adelskultur so genau und wohlwollend zeigen; eine unmittelbare Bindung Homers selbst ist nicht belegt.[1]
Biografie belegt
Über Homer als Person wissen wir praktisch nichts. Das Bild des blinden, armen Wandersängers geht auf den Apollon-Hymnus (einen der Homerischen Hymnen, also der Preislieder auf griechische Götter) zurück, der höchstwahrscheinlich nicht von ihm stammt, und die antiken Lebensbeschreibungen sind überwiegend Legende; schon die Antike stritt über sieben mögliche Geburtsstädte.[1]
Abhängigkeit belegt
Die heutige Textfassung der Epen geht auf die Bearbeitung von Aristarchos von Samothrake († 144 v. Chr., ein antiker Gelehrter) zurück, erste Vereinheitlichungsversuche reichen bis in die Zeit des athenischen Alleinherrschers (Tyrannen) Peisistratos. Welche Teile ursprünglich von einem Dichter stammen, ist deshalb offen (Homerische Frage).[1]
Kritik
Ob es Homer überhaupt als einzelne Person gab, ist offen; Friedrich August Wolf (1795) vertrat, die Epen seien über Generationen aus vielen Liedern zusammengesetzt, während die Unitarier (die einen einzelnen Dichter hinter den Epen annehmen) die künstlerische Einheit betonen. Als Lehrer der Griechen wurde er von Xenophanes und Heraklit scharf kritisiert, weil seine Götter sich menschlich und unmoralisch benehmen.
Wirkung heute
Ilias und Odyssee gehören bis heute zum Kern der europäischen Literatur, und Wendungen daraus leben in der Sprache fort. Die Frage, wie mündliche Überlieferung Texte formt, ist für die Erforschung von Erzählkulturen weiter wichtig.
Brücke zu Führung und Coaching
Homer fragt dich indirekt: Welche Geschichten erklären in deinem Team, warum etwas passiert, und wie viel davon sind 'Götter', also Personen und Launen, statt Strukturen? Frage in der nächsten Retrospektive: Wenn wir die Heldengeschichte von diesem Projekt weglassen, was bleibt als Ursache übrig? Und welche Erzählung geben wir neuen Kolleginnen und Kollegen als erste mit?
Lebensstationen
- 850 v. Chr.Herodot schätzt, Homer habe rund 400 Jahre vor ihm gelebt (also um 850 v. Chr.); die Forschung datiert später
- 740 v. Chr.Hinweis zur Datierung der Epen: Der 'Nestorbecher' von Ischia (ca. 740/20) scheint auf die Ilias anzuspielen
- 625 v. Chr.Hinweis zur Datierung der Epen: Erste Darstellungen von Ilias-Szenen auf Vasen (ab etwa 625)
- 144 v. Chr.Nachleben: Aristarchos von Samothrake stirbt; seine Redaktion bestimmt die heutige Textfassung und Gesangseinteilung
- 1795Nachleben: Friedrich August Wolf, Prolegomena ad Homerum, die Homerische Frage in heutiger Gestalt
Werke
Ilias und Odyssee (Entstehung wohl 2. Hälfte 8. bis 1. Hälfte 7. Jh. v. Chr.); die Urheberschaft der 33 Homerischen Hymnen (Preislieder auf griechische Götter) ist umstritten, der Froschmäusekrieg (eine spöttische Nachahmung der Heldendichtung) gilt als nicht von ihm
Anekdote überliefert
Der Legende nach starb Homer aus Kummer darüber, dass er das Rätsel einiger Knaben über das Fangen von Läusen nicht lösen konnte. Britannica berichtet, dass schon Heraklit diese Legende kannte und benutzte.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Homer: Ilias / Odyssee, in der Übertragung von Johann Heinrich Voß, Artemis & Winkler, Winkler Weltliteratur, Ausgabe 2002 (ISBN 3-538-05117-8): der Klassiker der deutschen Übersetzung, gut zum Hineinlesen in einzelne Gesänge.
- Vertiefung
- Joachim Latacz: Homer. Der erste Dichter des Abendlandes. Eine Einführung, Artemis & Winkler (1997).
Noch nicht sicher belegt
- Ob Homer existierte, ist offen (Homerische Frage). geb und tod sind Schätzwerte für 'zweite Hälfte 8. bis erste Hälfte 7. Jh.' (Wikipedia de); Britannica nennt 9. oder 8. Jh., Wikipedia de nennt als Personendaten 10. bis 8. Jh. Keine Station in der Liste ist ein Lebensdatum Homers: -850 ist Herodots Schätzung, -740 und -625 sind Hinweise zur Datierung der Epen, -144 und 1795 Nachleben. Geburtsort und Todesort (Ios) nur Überlieferung. Zitat null, da keine Stellenangabe abgerufen wurde. Lesetipps bestätigt: Voß-Übertragung bei Artemis & Winkler 2002 (ZVAB/Amazon-Einträge mit ISBN), Latacz, Homer. Der erste Dichter des Abendlandes, Artemis & Winkler 1997 (Buchhandelseinträge); das Jahr der Voß-Übersetzung selbst wurde nicht abgerufen. Die Heraklit-Kante beruht auf dem SEP-Eintrag Heraclitus, der wörtlich sagt, Heraklit habe die epischen Dichter als Toren behandelt.
Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Homer
- [1]Wikipedia de: Homer · Wikipedia
- [2]Encyclopaedia Britannica: Homer (G. S. Kirk) · Britannica
- [3]SEP Xenophanes und de.wikipedia Xenophanes · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: heraclitus · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]de.wikipedia Hesiod und Britannica Hesiod · Wikipedia
- [6]Wikipedia (de): Geflügeltes Wort · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Homerische Frage · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20