Jean-François Lyotard
1924–1998 · Paris
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Philosoph, der „Postmoderne“ als Misstrauen gegenüber großen Erzählungen beschrieb und den Widerstreit zweier Parteien ohne gemeinsame Regel zum Thema machte.
Lyotard prägt mit „Das postmoderne Wissen“ das Stichwort für den ganzen Kreis und steht in dem Modul für das Ende der großen Erzählungen. Er kommt wie Deleuze und Derrida aus dem Paris der 1960er und gründete mit Derrida das Collège international de philosophie mit.
Kernidee
Lyotard meint, dass die großen Geschichten, die unserem Wissen und Handeln Sinn gaben, etwa der Fortschritt oder die Befreiung der Menschheit, ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Es bleiben viele verschiedene Sprachspiele, die jeweils eigene Regeln haben. Besonders wichtig ist ihm der Widerstreit: Ein Streit, bei dem keine gemeinsame Regel existiert, nach der man gerecht urteilen könnte.
Bekannt für
Lyotard ist der Denker, der das Postmoderne als Unglauben gegenüber den großen Erzählungen bestimmt hat. Das geschah 1979 in „Das postmoderne Wissen“, einem Bericht über das Wissen, den er im Auftrag des Universitätsrats der Provinzregierung von Québec schrieb.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Ende der großen Erzählungen
Lyotard nennt „Postmoderne“ die Skepsis gegenüber Metaerzählungen, also großen Geschichten wie Fortschritt, Emanzipation oder der Hegelschen Selbstverwirklichung des Geistes, die Wissen und Handeln legitimieren sollten. Sie verlieren ihre Überzeugungskraft. Das erkennt man in Unternehmen, in denen das Leitbild „Wir verändern die Welt“ beim Team nur noch ein müdes Lächeln auslöst.
Sprachspiele
Lyotard übernimmt von Wittgenstein die Idee, dass es viele Sprachspiele mit je eigenen Regeln gibt, etwa Wissenschaft, Recht oder Kunst. Eine übergeordnete Sprache, die alle zusammenführt, gibt es nicht. In einer Besprechung zwischen Vertrieb und Entwicklung kann das heißen, dass beide dasselbe Wort verwenden und trotzdem Verschiedenes meinen.
Widerstreit
Ein Widerstreit (différend) ist ein Konflikt zwischen Parteien, für den es keine gemeinsame Regel des Urteils gibt, sodass jede Entscheidung einer Seite Unrecht tun würde. Als Beispiel dient Lyotard der Holocaust-Leugner Robert Faurisson, der nur Zeugen gelten lassen wollte, die selbst in einer Gaskammer gewesen wären. Im Führungsalltag gibt es das, wenn zwei Werte aufeinandertreffen, etwa Kundentermin gegen Familienzeit, und kein Kriterium sagt, welcher Wert gewinnen muss.
Begriffe
- Postmoderne
- große Erzählungen
- Sprachspiele
- Widerstreit (différend)
- das Erhabene
- Paralogie
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Freunde
- Jacques Derrida: Mitgründer des Collège international de philosophie
Gegner
- Jürgen Habermas: Lyotard kritisierte dessen Theorie des kommunikativen Handelns als vereinheitlichende Theorie
- Manfred Frank: Einwand, die Ablehnung des Konsenses sei ein performativer Widerspruch
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Immanuel KantDeutung
Lyotard greift Kants Lehre vom Erhabenen auf.
baut auf Ludwig WittgensteinDeutung
Das Sprachspiel-Modell geht auf den späten Wittgenstein zurück.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Jürgen HabermasDeutung
Lyotard kritisierte Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns als vereinheitlichend.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Jacques DerridaDeutung
Gemeinsame Gründung des Collège international de philosophie.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Lyotard unterrichtete Anfang der 1950er Jahre an einem Gymnasium in Constantine in Algerien, schloss sich 1954, als der algerische Unabhängigkeitskrieg begann, der Gruppe Socialisme ou Barbarie an und war 1968 an der Bewegung des 22. März in Nanterre beteiligt. Seine Skepsis gegen große Erzählungen steht laut SEP auch im Schatten der Shoah, nach der sich der Glaube an einen Fortschritt der Geschichte nicht mehr halten lasse.[1]
Abhängigkeit Deutung
Lyotard war Aktivist bei Socialisme ou Barbarie und danach bis etwa 1966 bei der Abspaltung Pouvoir ouvrier. Seine Absage an einen einheitlichen Schlüssel zur Geschichte hat also biografische Wurzeln.[1]
Kritik
Kritiker warfen Lyotard erkenntnistheoretischen und moralischen Nihilismus vor; die SEP hält dagegen, er habe nie behauptet, alle Sprachspiele seien gleich gültig. Manfred Frank hält seine Ablehnung des Konsenses für einen performativen Widerspruch. Derrida und Nancy haben in dekonstruktiven Lektüren eingewandt, dass er feste Unterschiede zu stark voraussetzt.
Wirkung heute
Die Idee, dass es keine gemeinsame große Erzählung mehr gibt, trifft heutige Debatten über pluralisierte Öffentlichkeiten. Sein Begriff des Widerstreits hilft, Konflikte ohne gemeinsame Beurteilungsregel zu benennen.
Brücke zu Führung und Coaching
Lyotard schärft deinen Blick dafür, dass Menschen in deinem Team nach unterschiedlichen Spielregeln sprechen, ohne dass einer unrecht hat. Frag dich in einem festgefahrenen Streit: Reden wir überhaupt im selben Sprachspiel, oder haben wir einen Widerstreit, in dem die Regeln der einen Seite der anderen nicht gerecht werden? Benenne dann erst die verschiedenen Regeln, statt vorschnell einen Kompromiss zu erzwingen.
Lebensstationen
- 1924Geboren, Geburtsort laut Quellen unterschiedlich angegeben
- 1954Tritt zu Beginn des Algerienkriegs Socialisme ou Barbarie bei
- 1968Beteiligt an den Mai-Ereignissen, lehrt in Vincennes
- 1979„La condition postmoderne“ erscheint
- 1983„Le Différend“ erscheint
- 1998Stirbt im April in Paris
Werke
Discours, figure (1971)
Économie libidinale (1974)
La condition postmoderne / Das postmoderne Wissen (1979)
Le Différend / Der Widerstreit (1983)
L'Inhumain / Das Inhumane (1988)
Anekdote belegt
Lyotard scheiterte zweimal an der Aufnahmeprüfung für die École normale supérieure. Bei der Befreiung von Paris diente er als Sanitäter.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen (überarbeitete Neuausgabe Passagen Verlag, Wien 1986; deutsche Erstfassung Bremen 1982; übers. u. a. von Otto Pfersmann), der kurze Ausgangstext der Debatte.
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsort widersprüchlich: SEP Vincennes, de.wikipedia Versailles; Tag und Ort daher weggelassen. SEP nennt Todesmonat April 1998 und Paris. Algerien-Lehrjahre: de.wikipedia 1950 bis 1952; SEP nennt nur 'während des Beginns der Revolution'. Bezug Mai 68 und Vincennes: SEP, de.wikipedia 'ab 1968 Paris VIII'. Das Exhibitions-Beispiel Les Immatériaux (1985) nicht belegt, weggelassen. Zitat und Sekundärliteratur nicht belegt. Deleuze-Kante weggelassen: SEP nennt nur Treffen an der Sorbonne und Einfluss auf Libidinal Economy. Prüfer: „eines der meistzitierten Bücher“ in keiner Quelle, entfernt. SEP nennt Lyotard nur wichtigen Mitwirkenden am Collège international de philosophie; Mitgründung mit Derrida nur de.wikipedia. Austritt aus Socialisme ou Barbarie: SEP 1964 (dann Pouvoir ouvrier bis etwa 1966), de.wikipedia 1966. Zeit in Constantine: de.wikipedia 1950–1952, SEP verknüpft sie mit dem Kriegsbeginn 1954, daher vorsichtig formuliert. Dass „Der Widerstreit“ mit Faurisson beginnt, nicht geprüft, umformuliert. „Deutsche Erstausgabe“ bei Passagen falsch (Erstfassung 1982 Bremen, Impuls & Association), „Neuauflagen bis 2019“ nicht geprüft, entfernt. Économie libidinale: SEP nennt einmal 1973, sonst 1974.
Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Lyotard
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Jean-François Lyotard · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Jean-François Lyotard · Wikipedia