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Landkarte der Philosophie

Kimberlé Crenshaw

Rechtswissenschaftlerin · geboren 1959 · University of California, Los Angeles; Columbia Law School

Kernidee in Kürze

Crenshaw zeigt, dass Schwarze Frauen im Antidiskriminierungsrecht übersehen werden, wenn Gerichte Rasse und Geschlecht getrennt prüfen. Ihre Benachteiligung ist für sie nicht die Summe von Rassismus und Sexismus, sondern eine eigene Erfahrung.

Kapitel
Gegenwart (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Warum übersieht das Recht Menschen, die von mehreren Formen der Benachteiligung zugleich betroffen sind?

Position
Crenshaw sagt, Benachteiligung wirke nicht nur auf einer Achse. Wer von Rassismus und Sexismus zugleich betroffen ist, erlebt etwas Eigenes, und Recht und Bewegungen müssen diese Überschneidung ausdrücklich in den Blick nehmen.
Einwand
Kritiker sagen, Intersektionalität betone Unterschiede mehr als Gemeinsamkeiten und festige Identitäten, statt Strukturen zu verändern.
Verbindung
Crenshaw schrieb mit Catharine MacKinnon einen Aufsatz und setzte sich mit deren Ansatz auseinander. W. E. B. Du Bois beschrieb schon lange vor ihr, wie sich Benachteiligungen nach Rasse, Schicht und Kultur gegenseitig verstärken, bezog Geschlecht aber nicht ausdrücklich ein. In der Forschung steht Crenshaws Arbeit neben der von Patricia Hill Collins.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Crenshaw war

Amerikanische Rechtswissenschaftlerin, die den Begriff der Intersektionalität prägte und zu den Begründerinnen der Critical Race Theory (kritische Rechtstheorie zu Rasse und Recht) zählt.

Crenshaw arbeitete in den 1980er Jahren an der Schnittstelle von Antirassismus und feministischer Rechtstheorie. Sie lehrt seit 1986 an der Rechtsfakultät der University of California, Los Angeles, und seit 1995 an der Columbia Law School. Sie gründete 1996 mit anderen das Forschungs- und Beratungszentrum African American Policy Forum.

Kernidee genauer

Dafür prägte sie 1989 den Begriff Intersektionalität, ein Bild von einer Straßenkreuzung, an der Benachteiligungen aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen. Sie wendet das auf Recht, Politik und soziale Bewegungen an.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Crenshaw geht im Aufsatz von 1989 vom Fall von fünf Schwarzen Frauen aus, die gegen General Motors klagten und deren Klage scheiterte, weil das Gericht Rasse und Geschlecht nicht zusammen prüfen wollte. An diesem Fall zeigt sie, dass das Recht Schwarze Frauen nicht erfasst.[7]

Fundstelle: section of Race and Sex (1989), Teil I.A.1

Bekannt für

Man kennt Crenshaw für den Begriff Intersektionalität. Ein Alltagsbeispiel: Wenn in Deiner Firma Frauen gefördert werden und Menschen anderer Herkunft gefördert werden, und eine Schwarze Frau trotzdem durch beide Raster fällt, weil sie in keiner der beiden Gruppen so vorkommt wie die Mehrheit, beschreibt das genau das Problem, das Crenshaw benannte.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Das Ein-Achsen-Denken im Recht

Crenshaw kritisiert im Aufsatz von 1989, dass das Antidiskriminierungsrecht Benachteiligung entlang einer einzigen Achse denkt, entweder nach Rasse oder nach Geschlecht. Dadurch richte sich die Prüfung an den Erfahrungen der jeweils bessergestellten Mitglieder der Gruppe aus: bei Rasse vor allem an Schwarzen Männern, bei Geschlecht vor allem an weißen Frauen. Schwarze Frauen kämen so in Theorie und Rechtsprechung nicht vor.

Der Fall DeGraffenreid gegen General Motors

Crenshaw erläutert das an einem Prozess: Fünf Schwarze Frauen klagten gegen General Motors, weil das Senioritätssystem des Unternehmens die Folgen früherer Benachteiligung fortsetzte. Es zeigte sich, dass das Unternehmen vor 1964 keine Schwarzen Frauen eingestellt hatte. Das Gericht ließ nach ihrer Darstellung nur Klagen wegen Rasse oder wegen Geschlecht zu, nicht wegen beider zusammen.

Intersektionalität

Aus diesem Befund entwickelte Crenshaw den Begriff Intersektionalität. Im Kern gilt: Die Erfahrung Schwarzer Frauen ist durch Vorurteile wegen Rasse und Geschlecht zusammen geprägt und ergibt eine eigene Form von Benachteiligung. Ihr Bild ist der Verkehr an einer Kreuzung, der aus allen Richtungen kommen kann. Der Begriff wurde später auf viele weitere Merkmale wie soziale Schicht, sexuelle Orientierung, Alter oder Behinderung ausgeweitet.

Politische Folgen und Bewegungen

Im Aufsatz von 1991 wendet Crenshaw den Gedanken auf Gewalt gegen Frauen of Color (Frauen, die rassistisch benachteiligt werden) und auf Identitätspolitik an. Sie argumentiert, dass die Rücksicht auf solche Überschneidungen ein zentrales Ziel von Antirassismus und Feminismus sein sollte. Mit dem African American Policy Forum startete sie die Kampagne #SayHerName über Polizeigewalt gegen Schwarze Frauen.

Rechtspraxis und Verfassung

Ihre Arbeit beeinflusste die Gleichheitsklausel der südafrikanischen Verfassung, und sie schrieb für die Weltkonferenz gegen Rassismus der Vereinten Nationen im Jahr 2001 das Hintergrundpapier zu Rasse und Geschlecht. Gemeinsam mit Catharine MacKinnon legte sie 2019 den Entwurf eines Gleichheitszusatzes zur Verfassung der Vereinigten Staaten vor.

Begriffe

Intersektionalität (Überschneidung mehrerer Benachteiligungen
etwa durch Rasse und Geschlecht)
Ein-Achsen-Denken (single-axis framework)
Critical Race Theory
strukturelle
politische und repräsentative Intersektionalität

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Catharine MacKinnonPrüfstand: belegt

    Crenshaw und MacKinnon schrieben gemeinsam den Aufsatz zu einem Gleichheitszusatz der Verfassung der Vereinigten Staaten, und Crenshaw widmete MacKinnons Arbeit einen Beitrag in einem Symposium zu deren Ehren.

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Crenshaw weiter, meist über Texte.

  • María LugonesPrüfstand: belegt

    Lugones' Arbeit ist unter anderem von Kimberlé Crenshaw beeinflusst worden.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Patricia Hill CollinsPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Ein Überblick nennt Crenshaws Aufsatz von 1989 und Patricia Hill Collins' Buch Black Feminist Thought von 1990 nebeneinander als Grundlagen der Theorien der Intersektionalität. Ein Einfluss in eine Richtung ist damit nicht behauptet.

  • W. E. B. Du BoisPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Ein Überblick nennt W. E. B. Du Bois als frühen Denker, der Rasse, Schicht und Kultur als sich gegenseitig verstärkende Ursachen von Benachteiligung beschrieb, ohne Geschlecht einzubeziehen. Ein Einfluss auf Crenshaw ist damit nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Crenshaw erwarb 1981 einen Bachelor an der Cornell University, 1984 den juristischen Doktorgrad an der Harvard Law School und 1985 einen Master of Laws an der University of Wisconsin.[3]

  • Biografie belegt

    Nach ihrem Master kam Crenshaw 1986 an die Rechtsfakultät der University of California, Los Angeles. 1995 wurde sie Professorin an der Columbia Law School und gründete dort 2011 das Center for Intersectionality and Social Policy Studies. 1996 gründete sie mit anderen das African American Policy Forum.[3]

  • Zeitgeschehen belegt

    Im Jahr 1991 unterstützte Crenshaw das Rechtsteam von Anita Hill bei der Anhörung im Senat der Vereinigten Staaten, als Clarence Thomas für das oberste Gericht vorgeschlagen wurde. Crenshaw argumentiert, Anita Hill habe in der Auseinandersetzung als Schwarze Frau ihre Stimme verloren, weil sie unbeabsichtigt der Seite der Frauen zugeschlagen wurde.[3]

  • Wirkung belegt

    Crenshaw prägte den Begriff Intersektionalität in ihrem Aufsatz von 1989. Er sollte Erfahrungen von Unterdrückung fassen, die sich nicht mit gewöhnlichen Mustern von Diskriminierung erklären ließen.[2]

Kritik

Aus der rechtswissenschaftlichen Forschung kommt der Einwand von Joanna Conaghan: Intersektionale Analyse neige zum Festschreiben von Identitäten und leiste wenig gegen strukturelle Ungerechtigkeit. Crenshaw berichtet, dass viele ihrer Studierenden ihre Arbeit und die von Catharine MacKinnon als Gegensätze sehen; sie will dagegen Verbindungen zwischen beiden Ansätzen sichtbar machen.

Wirkung heute

Der Begriff Intersektionalität wird heute in Rechtswissenschaft, Soziologie, Bildungsforschung und Politik breit verwendet. Das ist eine Entwicklung der Forschung und nicht allein Crenshaws.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du Menschen in Deinem Team beurteilst, kannst Du mit Crenshaw prüfen, ob Dein Raster nur nach einem Merkmal fragt. Eine Person kann durch zwei Kriterien zugleich fallen, obwohl keines davon allein sie benachteiligt. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Crenshaw über Führung.

Lebensstationen

  1. 1959Geburt am 5. Mai
  2. 1984Juristischer Doktorgrad an der Harvard Law School
  3. 1986Beginn an der Rechtsfakultät der University of California, Los Angeles
  4. 1989Aufsatz Demarginalizing the Intersection of Race and Sex mit dem Begriff Intersektionalität
  5. 1991Aufsatz Mapping the Margins; Unterstützung des Rechtsteams von Anita Hill
  6. 1995Professorin an der Columbia Law School
  7. 1996Mitgründung des African American Policy Forum
  8. 2019Entwurf eines Gleichheitszusatzes zur Verfassung mit Catharine MacKinnon

Werke

Race, Reform, and Retrenchment (1988); Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (1989); Mapping the Margins (1991); Critical Race Theory: The Key Writings That Formed the Movement (1995, Herausgeberin)

Lesetipps

Einstieg
Kimberlé Crenshaw, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (University of Chicago Legal Forum, 1989), frei im Netz zugänglich
Vertiefung
Britannica, „Intersectionality“; Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Feminist Political Philosophy“, Abschnitt 2.6

Noch nicht sicher belegt

  • Das genaue Geburtsdatum nennt nur eine Quelle. Crenshaw unterstützte Anita Hill im Jahr 1991, als die Anhörung stattfand; eine Quelle nennt dafür 1981. Das Erscheinungsjahr des Sammelbands zur Critical Race Theory wird mit 1995 oder 1996 angegeben.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Crenshaw

  1. [1]Kimberle Crenshaw · Britannica
  2. [2]Intersectionality · Britannica
  3. [3]Columbia Law School, Profil Kimberlé W. Crenshaw · Webseite
  4. [4]Kimberlé Crenshaw · Wikipedia
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]Feminist Perspectives on Class and Work, Abschnitt 3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  7. [7]Crenshaw, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex (1989), Teil I.A.1 · Webseite
  8. [8]Britannica, Catharine A. MacKinnon; Yale Law Journal Forum, 26. Dezember 2019 · Webseite
  9. [9]scholarship.law.columbia.edu/faculty_scholarship/2865 · Webseite
  10. [10]scholarship.law.columbia.edu/cgi/viewcontent.cgi · Webseite

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