Landkarte der Philosophie

Mark Aurel (Marcus Aurelius)

121–180 n. Chr. · Rom, im Krieg an der Donau

Strömung
Hellenismus: Stoa und Epikur
Kants Fragen
Was soll ich tun? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Kaiser, der als Privatnotizen aufschreibt, wie er die Stoa im Alltag übt.

Er ist der Empfänger von Epiktets Lehre, die er über seinen Lehrer Rusticus kennenlernte. Hadot hat sein Buch zum Schlüsseltext für die Idee der Philosophie als Übung gemacht.

Kernidee

Mark Aurel übt in seinem Notizbuch die Lehre Epiktets: Er prüft seine Urteile, richtet seine Wünsche an dem aus, was in seiner Macht liegt, und handelt für das Gemeinwohl. Zusätzlich nimmt er den „kosmischen Blick“ ein: Er betrachtet sein Problem aus großer Distanz, damit es kleiner wird.

Bekannt für

Er ist der Philosophenkaiser, dessen Notizbuch heute als Klassiker der Selbstführung gilt. Berühmt ist, dass er die Selbstbetrachtungen wohl nur für sich selbst schrieb.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Philosophie als tägliche Übung

Die Selbstbetrachtungen lesen sich laut Internet Encyclopedia of Philosophy wie eine Folge praktischer Übungen, die Epiktets drei Übungsfelder (Wünsche, Handeln, Zustimmung) in den Alltag bringen. Mark Aurel analysiert immer wieder seine eigenen Urteile. Wenn du nach einem harten Gespräch merkst, dass du es als Angriff gedeutet hast, wäre das genau diese Übung.

Der kosmische Blick

Er betrachtet Probleme aus der Perspektive des Weltganzen, um ihre Bedeutung richtig einzuordnen. Die Quellen nennen das die Haltung des „Blicks vom Kosmos aus“. Vor einer großen Entscheidung hilft die Frage: Wie wichtig wird das in fünf Jahren sein?

Handeln für das Gemeinwohl

Als Kaiser verbrachte er einen großen Teil seiner Herrschaft im Feldlager. Seine Notizen verbinden Gelassenheit mit Pflicht gegenüber anderen. Wenn du ein Team führst, heißt das: Ruhig bleiben ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, für andere handlungsfähig zu bleiben.

Begriffe

Selbstbetrachtungen
: Mark Aurels persönliches Notizbuch in zwölf Büchern, vermutlich im Feldlager geschrieben; der griechische Titel heißt „An sich selbst“
Urteile prüfen
: sich sagen, dass unsere Urteile über Ereignisse den Kummer verursachen, und sich nicht mehr einreden als den ersten Eindruck
Blick von oben
: die eigenen Sorgen aus der Sicht des Weltganzen betrachten, wodurch sie kleiner und besser einzuordnen werden
Gemeinwohl
: was allen Menschen einer Gemeinschaft dient; Mark Aurel sah Menschen als füreinander da und betonte Pflichterfüllung für sie
Gelassenheit
: ruhiger Gleichmut und Selbstbeherrschung, die Mark Aurel in seinen Notizen mit der Pflicht gegenüber anderen verbindet
Kosmische Perspektive
: der Blick auf die eigenen Sorgen im Maßstab von Welt und Zeit

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Fronto: Rhetoriklehrer, von dem Mark Aurel sich später abwandte
  • Rusticus: Stoiker, lieh ihm ein Exemplar Epiktets (Selbstbetrachtungen 1.7)
  • Herodes Atticus: nach Aulus Gellius einer seiner Lehrer

Freunde

  • Lucius Verus: Mitkaiser ab 161, bis 169

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Albert Ellisungeprüft

    Ellis nannte Epiktet und Mark Aurel ausdrücklich als Einfluss (Ellis 1962, S. 35, nach Robertson).

  • baut auf Epiktetungeprüft

    Kannte Epiktets Gespräche und zitiert sie in den Selbstbetrachtungen (IEP)

  • baut auf Gaius Musonius Rufusungeprüft

    Wirkt über Epiktet auf Mark Aurel, der Epiktets Vorträge las.

  • Grundlage für Pierre Hadotungeprüft

    Hadot deutet Mark Aurels Notizen als Folge geistiger Übungen.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen Deutung

    Ein großer Teil seiner Herrschaft ging für Kriegszüge in Mitteleuropa (vor allem gegen die Stämme der Markomannen und Quaden, die 169 bis nach Norditalien vorgedrungen waren) drauf, und die Selbstbetrachtungen entstanden vermutlich dort im Feldlager. Der Druck des Krieges könnte den Ton der Notizen mitprägen.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Als Kaiser hatte er Macht und Verantwortung zugleich. Die Quelle vermutet, dass er nur für sich selbst schrieb, deshalb nennt er sich nirgends ausdrücklich Stoiker.[1]

Kritik

Die Internet Encyclopedia of Philosophy stellt klar, dass Mark Aurel als Philosoph nicht in der ersten Reihe stehe, wohl aber als Beispiel für Philosophie als Lebensweise zähle. Er nennt sich in den Selbstbetrachtungen nirgends ausdrücklich Stoiker und war offen für Ideen anderer Schulen. Es ist also unsicher, wie streng man ihn der Stoa zurechnen darf.

Wirkung heute

Die Selbstbetrachtungen sind eines der meistgelesenen Bücher der antiken Philosophie. Sie zeigen, dass auch sehr mächtige Menschen sich um Selbstkontrolle bemühen.

Brücke zu Führung und Coaching

Mark Aurel eignet sich als Vorbild für ein privates Notizbuch, in dem du Urteile und Reaktionen des Tages prüfst. Schreibe abends drei Zeilen: Was hat mich geärgert, welches Urteil steckte dahinter, was ist daran wahr? Frage dich: Würde ich so handeln, wenn niemand mich beobachtet?

Lebensstationen

  1. 121Geboren, Erziehung unter Aufsicht Kaiser Hadrians
  2. 138Von Antoninus Pius adoptiert, der ihn als künftigen Thronerben vorsah
  3. 161Kaiser, zunächst gemeinsam mit seinem Adoptivbruder Lucius Verus
  4. 169Alleiniger Kaiser
  5. 171Beginn der Selbstbetrachtungen im Feldlager (um 171 bis 175)
  6. 180Gestorben

Werke

  • Selbstbetrachtungen (verfasst in den Feldzugsjahren bis 180 n. Chr.)

Selbstbetrachtungen (griechisch Ta eis heauton, „An sich selbst“)

ein persönliches Notizbuch, vermutlich um 171 bis 175 n. Chr. im Feldlager in Mitteleuropa entstanden, in zwölf Büchern. Außerdem sind Briefe mit seinem Lehrer der Redekunst Fronto teilweise erhalten.

Anekdote belegt

Mark Aurel richtete in Athen vier Lehrstühle für Philosophie ein, je einen für die platonische, aristotelische, stoische und epikureische Richtung. Der Kaiser, der Stoiker sein wollte, förderte also auch die Konkurrenz.[1]

Lesetipps

Einstieg
Mark Aurel: Selbstbetrachtungen, Reclam, Griechisch/Deutsch, hrsg. von Kurt Steinmann (für den Einstieg reicht Buch 2 und 4)
Vertiefung
Pierre Hadot: La Citadelle intérieure (1992), englisch The Inner Citadel (1998)

Noch nicht sicher belegt

  • Entstehungszeit der Selbstbetrachtungen (um 171 bis 175) ist eine Schätzung. Buch 1 wurde vermutlich separat geschrieben. Dass er den Text nur für sich schrieb, ist eine Vermutung der Quelle. Zitat weggelassen. Das Jahr 171 in der Zeitleiste ist der Beginn des angenommenen Zeitraums.
  • Gerüst: Edge zu seneca ist Fachüblichkeit, nicht belegt. IEP: Mark Aurel nennt sich in den Selbstbetrachtungen nie ausdrücklich Stoiker. Titel „Kosmische Perspektive“ aus IEP („cosmic perspective“).

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Stoa und Epikur. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Mark Aurel

  1. [1]Internet Encyclopedia of Philosophy: Marcus Aurelius · Internet Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Internet Encyclopedia of Philosophy: Epictetus · Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: Hadot · Internet Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]Stanford Encyclopedia of Philosophy: marcus-aurelius · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  5. [5]Wikipedia (de): Mark Aurel · Wikipedia

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