Landkarte der Philosophie

Mary Shepherd

1777–1847 · Edinburgh, London

Strömung
Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Schottische Metaphysikerin, die Humes Sicht auf Ursache und Wirkung und den Idealismus Berkeleys in zwei Büchern widerlegen will.

Im Modul die Gegenstimme einer Frau aus dem britischen Empirismus: Sie baut auf Locke, widerspricht Hume, Berkeley und Reid und steht so quer zu den kontinentalen Systemen, die das Modul sonst behandelt.

Kernidee

Shepherd hält gegen Hume daran fest, dass alles, was zu existieren beginnt, eine Ursache hat, und dass ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen haben. Dinge besitzen Kräfte, die in ihrem Wesen liegen. Aus der Ordnung unserer Empfindungen schließt der Verstand auf äußere Ursachen, so gelangen wir zur Überzeugung von einer dauerhaften äußeren Welt.

Bekannt für

Shepherd veröffentlichte zwei Bücher zur Metaphysik und gehörte zu einem Kreis aus Wissenschaftlern und Literaten. Nach ihrem Tod geriet sie weitgehend in Vergessenheit und wurde erst in den letzten Jahren wieder ausgegraben.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Ursache und Wirkung

Für Shepherd stehen Ursache und Wirkung in einer Beziehung von Wirksamkeit, Notwendigkeit und Gleichzeitigkeit. Sie verwirft Humes Deutung der Kausalität als bloße Gewohnheit. Im Betrieb hieße das, dass ein Qualitätseinbruch eine tatsächliche Ursache hat, die man suchen kann, statt nur auf Muster zu starren.

Wahrnehmung der äußeren Welt

Wahrnehmung entsteht durch Empfindung und Verstand, der aus der Ordnung der Empfindungen auf äußere Ursachen schließt. Damit antwortet sie auf die Frage, wie wir zum Glauben an eine dauerhafte Außenwelt kommen. Eine Führungskraft kann das nutzen, wenn sie widersprüchliche Berichte hört und aus ihnen die gemeinsame Ursache erschließt.

Kritik an Idealismus und Instinkt

Gegen Berkeley wendet sie ein, Sinnesdinge seien nicht bloß Ideen, und gegen Reid, dass angeborene Instinkte nicht als Begründung genügen. Die Forschung urteilt über ihre Berkeley-Lesart uneinheitlich. Im Alltag erinnert das daran, Bauchgefühle nicht schon als Begründung zu verbuchen.

Begriffe

Kausalität
Wahrnehmung
Essentialismus
Externe Welt
Verstand und Empfindung

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • John Locke (Lektüre, kein persönlicher Lehrer): prägte laut SEP ihren Begriff des Wesens von Dingen

Freunde

  • Charles Babbage: Briefwechsel

Gegner

  • David Hume: Kausalität als Gewohnheit
  • George Berkeley: Sinnesdinge seien nur Ideen
  • Thomas Reid: angeborene Instinkte
  • Thomas Brown und William Lawrence: Regularitätstheorie und physiologische Thesen

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf John LockeDeutung

    Ihr Essenzbegriff ist stark von Locke geprägt (SEP).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert David HumeDeutung

    Sie verwirft Humes Kausalität als Gewohnheit (SEP Abschn. 2).

  • kritisiert George BerkeleyDeutung

    Kritik an Berkeleys Idealismus; Lesart in der Forschung umstritten (SEP).

  • kritisiert Thomas ReidDeutung

    Sie kritisiert Reids Lehre von angeborenen Instinkten (SEP).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit Deutung

    Sie stammte aus wohlhabender Familie und hatte Zugang zu einer großen Bibliothek. Das erlaubte ihr Bildung und Schreiben ohne Universität.[2]

  • Biografie Deutung

    Fast alles, was wir über ihr Leben wissen, stammt aus einer privat gedruckten Familienchronik ihrer Tochter (1886). Ihre Bücher schrieb sie erst nach der Heirat 1808, das Bild ihres Lebens ist also durch die Familie gefiltert.[1]

  • Biografie Deutung

    Nach ihrem Tod geriet ihr Werk in Vergessenheit, obwohl es in Cambridge bekannt war. Dass wir sie so spät kennen, liegt also nicht an ihrer Qualität allein.[1]

Kritik

Ob ihr Beweis des Kausalprinzips zirkulär ist, diskutieren Fantl, Bolton und Rickless; Folescu fragt, welche Rolle Beweise beim Erkennen erster Prinzipien überhaupt spielen. Tanner bezweifelt, dass sie die These von gleichen Ursachen und gleichen Wirkungen ausreichend begründet. Ihre Berkeley-Deutung ist umstritten.

Wirkung heute

Ihre Kausalitätstheorie wird als ernstzunehmende Alternative zu Hume gelesen und neu ediert. Ihr Fall zeigt, wie viele Denkerinnen aus der Philosophiegeschichte herausfielen.

Brücke zu Führung und Coaching

Shepherd verteidigt, dass hinter Wirkungen Ursachen stehen, die man benennen kann. Frage im Team nach einem Fehler: Welche Ursache liegt tatsächlich dahinter, und woran würden wir sie erkennen? Das hilft, nicht bei Korrelationen und Schuldzuweisungen stehen zu bleiben.

Lebensstationen

  1. 1777Geburt bei Edinburgh
  2. 1808Heirat mit dem Juristen Henry John Shepherd; das Paar lebte später in London
  3. 1824An Essay upon the Relation of Cause and Effect erscheint
  4. 1827Essays on the Perception of an External Universe erscheint
  5. 1832Erwiderung auf John Fearn in Fraser's Magazine
  6. 1847Tod in London

Werke

An Essay upon the Relation of Cause and Effect (1824)

Essays on the Perception of an External Universe (1827)

Beitrag in Fraser's Magazine (1832)

Anekdote überliefert

Nach Wikipedia nannten Charles Lyell und William Whewell sie eine unwiderlegbare Logikerin, und laut Familienchronik nutzte Whewell eines ihrer Bücher in Cambridge als Lehrbuch. Die SEP hält fest, dass Gespräche mit Whewell in Cambridge nicht verzeichnet sind, hält den Lehrbuch-Gebrauch aber für gut belegt.[2]

Lesetipps

Einstieg
Mary Shepherd's Essays on the Perception of an External Universe, hg. von Antonia LoLordo, Oxford University Press, New York 2020 (Oxford New Histories of Philosophy, ISBN 978-0-19-085427-0), englisch, erste moderne Ausgabe mit Anmerkungen; deutsche Ausgabe nicht gefunden
Vertiefung
Martha Bolton: Mary Shepherd, Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fassung 2023), online

Noch nicht sicher belegt

  • Wikipedia en zu Shepherd weicht teils von SEP ab (Geburtsort Barnbougle Castle, Vater Earl of Rosebery nur dort; nicht verwendet). Kein Zitat mit Stelle gesichert. Zweite Quelle neben SEP nur Wikipedia en, keine dritte. Kein Hinweis auf Zensur oder Universitätsausschluss in den Quellen. Lyell-und-Whewell-Lob nur aus Wikipedia. Prüfer: Die Aussage, ihre Ehe habe laut Tochter als ungewöhnlich gegolten, steht weder in SEP noch in Wikipedia en, ersetzt. Unter den Zirkularitäts-Kritikern nennt SEP Rickless statt Folescu. Locke ist Einfluss durch Lektüre, kein Lehrer.

Herkunft der Daten: Die Abweichler des 19. Jahrhunderts. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Shepherd

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Mary Shepherd, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (en): Lady Mary Shepherd · Wikipedia

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