Mullā Ṣadrā
Philosoph und Theologe · um 1571 bis 1635/36 oder 1640 · Schiras (Iran), Qazvin, Isfahan, Kahak bei Ghom, Basra (Irak)
Kernidee in Kürze
Mullā Ṣadrā fragt, was wirklich ist, und antwortet: das Sein, nicht die festen Wesenheiten der Dinge. Sein ist für ihn eine einzige Wirklichkeit, die in Graden von Stärke erscheint, vom Mangel bis zur Fülle.
- Kapitel
- Mittelalter (redaktionell)
- Richtung
- Islamische Philosophie (falsafa) belegt[1][7]
- Neuplatonismus Deutung[1]Seine Metaphysik des Werdens und sein Verständnis von Philosophie werden als neuplatonisch geprägt gedeutet.
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Was ist wirklich: die festen Wesen der Dinge oder das Sein, das sich in ihnen zeigt?
- Position
- Philosophie ist für ihn Denken und geistiger Weg zugleich.
- Einwand
- Avicennische Denker lehnten sein Sein im Geist und die Abstufung ab. Eine neuere Strömung wirft ihm vor, Glauben und „griechische Wissenschaft“ zu vermischen.
- Verbindung
- Mullā Ṣadrā baut auf Ibn Sīnā und Suhrawardī auf, verdankt Ibn ʿArabī vieles und kritisiert die aristotelische Substanzlehre.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Mullā Ṣadrā war
Persischer Philosoph und Theologe der Safawidenzeit, Hauptfigur der „Schule von Isfahan“ und Lehrer an der Madrasa-yi Khan in Schiras, der die Lehre vom Sein neu ordnete.
Mullā Ṣadrā lebte im Iran der Safawiden, der ersten schiitischen Dynastie des Landes, in einer Zeit, in der die Philosophie in Isfahan neu aufblühte. Zu seiner Zeit trafen mehrere Strömungen aufeinander: die Philosophie Ibn Sīnās, die Erleuchtungsphilosophie Suhrawardīs, die Mystik Ibn ʿArabīs und die schiitische Theologie. Er verband sie in einem eigenen Gebäude, das er „transzendente Weisheit“ nannte.
Kernidee genauer
Alles Seiende ist deshalb ständig in Bewegung, auch in seinem Kern, und strebt auf Vollendung zu. Die Seele ist nach seiner Lehre körperlich im Entstehen und geistig im Fortbestehen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Nach dem Studium fand Mullā Ṣadrā in Schiras kein Umfeld, das der Philosophie wohlgesonnen war, und zog sich nach Kahak bei Ghom zurück. Dort begann er die „Vier Reisen“.[1][2]
Fundstelle: Abschnitt 1.1 Abschnitt 1)
Bekannt für
Mullā Ṣadrā kennt man für den Satz, dass das Sein vor dem Wesen kommt, und für die Lehre, dass alles Seiende sich ständig wandelt. Ein Alltagsbeispiel: Ein Mensch ist nach dieser Sicht nicht eine feste Eigenschaftsliste, sondern ein Prozess, der sich schon in der Kernsubstanz wandelt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das Sein vor dem Wesen
Mullā Ṣadrā nennt das Sein den Eckstein seiner Philosophie (asālat al-wujūd). Frühere Philosophen im Iran hielten das Wesen (die Wesenheit eines Dinges) für grundlegend, auch sein Lehrer Mīr Dāmād. Er kehrt es um: Das Sein bildet die Wirklichkeit, und die Wesenheiten sind Gedankenbilder, die der Geist aus den Weisen des Seins gewinnt.
Die Abstufung des Seins
Verschiedene Dinge sind deshalb verschiedene Stufen eines Ganzen. Dass uns das Sein als vielfach erscheint, nennt er Täuschung. Die Abstufung besteht nach Vorrang und Nachrang, Unabhängigkeit und Abhängigkeit.
Die Bewegung der Substanz
Alles Seiende bewegt sich nach Mullā Ṣadrā auch in seiner Substanz, nicht nur in seinen Eigenschaften (al-ḥaraka al-jawhariyya). Die Peripatetiker (Anhänger des Aristoteles) hielten dagegen, dass sich die Substanz nur plötzlich wandelt.
Seele und Körper
Die Seele ist für ihn eine ewige, unkörperliche Substanz. Sie ist körperlich im Entstehen und geistig im Fortbestehen. Sie ist vom Körper getrennt und doch mit ihm verbunden und bewegt sich auf Vollendung und Rückkehr zum Einen zu.
Erkenntnis in Gegenwart
Mullā Ṣadrā unterscheidet Erkenntnisweisen. Gewissheit liefert nur das Wissen in Gegenwart (ʿilm ḥuḍūrī), bei dem Erkennender und Erkanntes eins sind. Er knüpft dabei an Suhrawardī an, redet aber vom Sein statt vom bloßen Begriff.
Philosophie als Lebensweg
Philosophie ist für ihn mehr als Denken: eine Lebensweise, deren Ziel Weisheit und ein heiliges Leben ist. Man kann nach seiner Sicht kein Weiser allein durch eigene Denkarbeit werden, ebenso wenig durch bloße mystische Eingebung. Er verbindet beides.
Begriffe
- Vorrang des Seins vor dem Wesen
- Abstufung des Seins
- substantielle Bewegung
- Wahrheit in Gegenwart
- Philosophie als Weg
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Mullā Ṣadrā kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
AristotelesPrüfstand: belegt
Mullā Ṣadrā kritisiert eine aristotelische Metaphysik, die annimmt, dass der Grundstoff der Wirklichkeit aus Substanzen besteht, und setzt eine Metaphysik des Wandels entgegen, die auf dem Sein beruht.
Übernimmt Gedanken von
Mullā Ṣadrā übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Ibn Sina (Avicenna)Prüfstand: belegt
Mullā Ṣadrā baut seine Seinslehre auf Ibn Sīnās Unterscheidung zwischen dem Notwendigen und dem Möglichen auf. Ibn Sīnā ist der Boden seiner Philosophie, durch dessen Brille er die Philosophie der Peripatetiker sieht, geht dann aber über ihn hinaus.
Ibn ʿArabīPrüfstand: belegt
Mullā Ṣadrā führte Ibn ʿArabīs Ansätze zur Rückkehr der Seele am ausführlichsten weiter, im vierten Buch seines Hauptwerks „Die vier Reisen“.
Shihab al-Din Yahya al-SuhrawardiPrüfstand: belegt
Mullā Ṣadrā übernimmt Suhrawardīs Lehre von der Erkenntnis in Gegenwart und von der Abstufung, ersetzt aber das Wesen durch das Sein als einzige Wirklichkeit.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Mullā Ṣadrā wurde um 1571 als einziges Kind einer Hofbeamtenfamilie in Schiras geboren. Er studierte in Qazvin und Isfahan bei Mīr Dāmād und Schaich Bahāʾī, zog sich nach dem Studium in das Dorf Kahak bei Ghom zurück und lehrte später in seiner Heimatstadt.[1]
Zeitgeschehen belegt
Unter dem Safawidenherrscher Schah Abbas I. erlebte die Philosophie in Isfahan eine Erneuerung. Mullā Ṣadrā war ihre wichtigste Gestalt und verband vier Stränge: die Philosophie Ibn Sīnās, die Erleuchtungsphilosophie, die Mystik Ibn ʿArabīs und die schiitische Theologie.[3]
Werk belegt
Sein Hauptwerk, „Die vier Reisen“, begann er 1606 in Kahak und vollendete es 1628 in Schiras. Es ordnet die Philosophie nicht nach Logik, Naturlehre und Metaphysik, sondern nach der Reise der Seele.[1]
Biografie belegt
Mullā Ṣadrā starb in Basra auf dem Weg zu seiner siebten Pilgerfahrt nach Mekka. Als Todesdatum wird traditionell 1640 genannt, ein Enkel nannte 1635 bis 1636.[1]
Deutung Deutung
Nach einer Darstellung galten seine Lehren orthodoxen schiitischen Theologen als ketzerisch. Sie verfolgten ihn, doch seine einflussreiche Familie erlaubte ihm weiterzuschreiben. Eine andere Darstellung berichtet, dass sich die Angriffe auf Philosophen zumindest in der frühen Blütezeit der Safawiden eher gegen deren sufische Neigungen richteten als gegen ihren Versuch, Metaphysik und schiitische Theologie zu verbinden.[2]
Kritik
Der avicennische Strang blieb in der Safawidenzeit stark. Mahdi Naraqī kritisierte seinen „mystifizierenden“ Zugang zur Metaphysik. Andere hielten an einer Ontologie der Substanzen und an einem Pluralismus fest, während Monisten unzufrieden mit seiner Versöhnung von Monismus und Pluralismus waren.
Wirkung heute
Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist sein Denken die vorherrschende philosophische Schule in den schiitischen Seminaren des islamischen Ostens und war auch in Südasien einflussreich. In Indien wurde sein Kommentar zum Buch „al-Hidāya“ ab dem 18. Jahrhundert zum Eckstein des vernunftorientierten Lehrplans der Madrasas. Auch Ayatollah Khomeini und Mortaza Motahhari sind nach einer Darstellung von ihm stark beeinflusst worden. Dieselbe Darstellung unterscheidet in der heutigen Beschäftigung mit ihm vier Haltungen, die sich nicht ausschließen: Traditionalisten, die sich als seine Schüler verstehen, Analytiker, die ihn für die angelsächsische Philosophie aufbereiten, Theosophen, die seine mystische Seite betonen, und Gelehrte, die aus ihm Stolz auf das iranische Erbe schöpfen.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team beurteilst, das sich verändert, kann Mullā Ṣadrās Sicht helfen: Ein Mensch ist nicht seine Zeugnisliste, sondern ein Weg mit Richtung. Statt festzulegen, was jemand ist, kannst Du fragen, wohin sich jemand bewegt. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Mullā Ṣadrā über Führung.
Lebensstationen
- 1571Geburt in Schiras (ungefähr)
- 1597Umzug nach Isfahan zum Studium bei Mīr Dāmād und Schaich Bahāʾī
- 1606Beginn der „Vier Reisen“ in Kahak
- 1628Vollendung der „Vier Reisen“ in Schiras
- 1631Tod Mīr Dāmāds
- 1640Tod in Basra auf der siebten Pilgerfahrt (traditionelles Datum)
Werke
Die vier Reisen (al-Ḥikma al-mutaʿāliya fī l-asfār al-ʿaqliyya al-arbaʿa); Weisheit des Throns (al-Ḥikma al-ʿarshiyya); Elixier der Gnostiker (Iksīr al-ʿārifīn)
Anekdote belegt
Der englische Reisende Thomas Herbert beschrieb 1628 die Madrasa von Schiras, an der Mullā Ṣadrā lehrte. Sie habe ein Kolleg, in dem Philosophie, Sternkunde, Heilkunde, Chemie und Mathematik gelehrt werden, und mache die Stadt in ganz Persien berühmt.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Mullā Ṣadrā, The Wisdom of the Throne (englisch von James W. Morris, Princeton University Press, 1981)
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Mulla Sadra“; Internet Encyclopedia of Philosophy, „Mulla Sadra“
Noch nicht sicher belegt
- Die Lebensdaten sind nicht sicher: Geburt um 1571, Tod nach der Tradition 1640, nach dem Bericht eines Enkels 1635 bis 1636. Wie lange der Rückzug in Kahak dauerte, geben die Darstellungen unterschiedlich an: nach einer wahrscheinlich fünf, nach einer anderen fünfzehn Jahre. Ob er verfolgt wurde, schildern die Darstellungen verschieden. Ältere Darstellungen sagen, er habe bei Mīr Findiriskī studiert; neuere finden dafür bisher keinen historischen Beleg.
Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Mullā Ṣadrā
- [1]Mulla Sadra, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Britannica, Mullā Ṣadrā; Internet Encyclopedia of Philosophy, Sadra, Abschnitt 1
- [3]Routledge Encyclopedia of Philosophy, Mulla Sadra, Abschnitt 1 · Webseite
- [4]Mulla Sadra · Britannica
- [5]Mulla Sadra · Wikipedia
- [6]Mulla Sadra · Wikipedia
- [7]Ibn ʿArabī, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy