Shihab al-Din Yahya al-Suhrawardi
Philosoph · ungefähr 1154–1191 · Suhraward (Iran), Maragha (Iran), Isfahan (Iran), Aleppo (Syrien)
Kernidee in Kürze
Suhrawardi kritisiert die herrschende Lehre des Avicenna: Er lehnt dessen Weise ab, Dinge durch Wesensdefinitionen zu bestimmen, und deutet Erkenntnis nicht als Abbild im Kopf, sondern als unmittelbare Gegenwart des Gewussten im Wissenden. Wirklichkeit ordnet er nach Stufen des Lichts, vom Licht der Lichter (Gott) bis zur Dunkelheit der Materie.
- Kapitel
- Mittelalter (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie erkennt der Mensch die Wirklichkeit, und was ist ihre Grundlage?
- Position
- Suhrawardi sieht Erkenntnis als Gegenwart des Gewussten im Wissenden und die Wirklichkeit als Abstufung von Licht, die vom Licht der Lichter ausgeht.
- Einwand
- Seine Gegner warfen ihm Ketzerei vor, und spätere Denker wie Mulla Sadra lehnten Teile wie die Welt der Bilder ab. Die Forschung findet auch nicht, dass sich seine Quellen klar benennen lassen.
- Verbindung
- Suhrawardi wurde in der Lehre Avicennas ausgebildet und kritisiert sie von platonischer Seite aus. Er beruft sich auf Platon und andere antike Weise.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Suhrawardi war
Persischer Philosoph, der in der Tradition des Avicenna ausgebildet wurde und mit der Philosophie der Erleuchtung (Ishraq) eine eigene Lehre begründete, in der Licht die Grundlage von Wissen und Wirklichkeit ist.
Suhrawardi lebte im 12. Jahrhundert in Iran, Anatolien und Syrien, in einer Zeit, in der die Lehre des Avicenna die Philosophie der islamischen Welt bestimmte. Er verband strenges Denken mit mystischer Erfahrung und wollte nach eigener Aussage die Weisheit der Alten aus Griechenland und Persien neu beleben. In Aleppo geriet er mit der religiösen Führung in Streit und wurde nach den Quellen um 1191 hingerichtet. Sein Werk blieb dem lateinischen Westen unbekannt, wirkte aber in der islamischen Welt weiter.
Kernidee genauer
Zwischen die geistige und die körperliche Welt setzt er eine Welt der Bilder, in der die Einbildungskraft eine eigene Rolle hat.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Suhrawardi sagt von sich, er sei zuerst ein eifriger Verteidiger der Peripatetiker gewesen und später durch Menschen unterstützt worden, die den Pfad Gottes gegangen seien. Wie genau sich sein Denken wandelte, ist schwer zu klären, denn wahrscheinlich entstanden die meisten Schriften in einem Zeitraum von ungefähr zehn Jahren.[1]
Fundstelle: Abschnitte 1.2 und 1.3
Bekannt für
Bekannt ist Suhrawardi als Begründer der Illuminationisten (Ishraqi), die Erkenntnis und Wirklichkeit als Abstufung von Licht deuten, und als einer der wichtigsten Kritiker der Lehre Avicennas.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Kritik an Avicenna und Wissen durch Gegenwart
Stattdessen beschreibt er ein Wissen durch Gegenwart (ilm hudhuri), das ohne Begriff, Bild oder Aussage auskommt. Als Beispiel dient das Wissen um den eigenen Schmerz oder um das eigene Dasein. Übertragen auf heute: Wer ein Gespräch führt, kann merken, dass er etwas unmittelbar weiß, bevor er es begründen kann, und dann prüfen, wie sich das in Worte fassen lässt.
Die Lehre vom Licht
Im zweiten Teil der Philosophie der Erleuchtung beschreibt Suhrawardi die Wirklichkeit als Abstufung von Licht. Das Licht der Lichter, also Gott, strahlt fortwährend aus und hält so die Wirklichkeit zusammen. Er unterscheidet reine Lichter, dunkle Körper, Licht als Eigenschaft und dunkle Eigenschaften. Je nach Stärke des Lichts stehen die Dinge höher oder tiefer.
Die Welt der Bilder
Suhrawardi führt neben der geistigen, der seelischen und der körperlichen Welt eine vierte Welt ein, die Welt der Bilder (alam al-mithal). Sie liegt zwischen der Körperwelt und der Welt der reinen Lichter. In ihr bestehen Formen ohne Stoff, die die Seelen nach dem Tod mit der Einbildungskraft erfassen. Damit baut er einen Hinweis Avicennas über die Rolle der Einbildung nach dem Tod aus.
Weisheit der Alten
Suhrawardi will die Weisheit der Alten neu beleben, der Griechen wie Platon, Hermes, Empedokles und Pythagoras und der alten Perser. Er sagt von sich, er sei zuerst ein eifriger Anhänger der Peripatetiker gewesen (der Schule des Aristoteles in der Fassung Avicennas) und später durch Menschen unterstützt worden, die den Pfad Gottes gegangen waren. Wie er die Quellen im Einzelnen benutzte, ist schwer zu klären.
Begriffe
- Ishraq (Erleuchtung
- wörtlich Aufgehen des Lichts)
- Licht der Lichter (Gott)
- Wissen durch Gegenwart (ilm hudhuri)
- Welt der Bilder (alam al-mithal)
- Selbstbewusstsein
- Weisheit der Alten
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Suhrawardi kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Ibn Sina (Avicenna)Prüfstand: belegt
Suhrawardi wurde in der Lehre Avicennas ausgebildet und kritisiert sie von platonischer Seite: Er lehnt Avicennas Wesensdefinition und dessen Abbildlehre der Erkenntnis ab und ersetzt sie durch ein Wissen durch Gegenwart.
Übernimmt Gedanken von
Suhrawardi übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Abu Hamid Muhammad al-GhazaliPrüfstand: belegt
Al-Ghazalis „Nische der Lichter“ wirkte auf die Entstehung von Suhrawardis Lehre der Erleuchtung (ishrāq) ein. Zugleich entwickelt Suhrawardi eine eigene, ursprüngliche Lichtlehre und stellt sich selbst in die Nachfolge Platons.
PlatonPrüfstand: belegt
Suhrawardi beruft sich oft auf Platon, den er den inspirierten und erleuchteten nennt, und zählt ihn zu den Weisen, deren Wissen er neu beleben will. Ein Teil dessen, was er Platon zuschreibt, stammt allerdings aus der arabischen sogenannten Theologie des Aristoteles, einer Bearbeitung von Schriften Plotins.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Suhrawardi wurde um 1154 im Dorf Suhraward im Nordwesten Irans geboren und studierte in Maragha und Isfahan. Danach reiste er nach dem Bericht eines Biografen des 13. Jahrhunderts durch Anatolien, freundete sich mit Sufi-Meistern an und suchte Förderer. 1183 kam er nach Aleppo. 1186 schloss er mit 33 Jahren seine Philosophie der Erleuchtung ab.[1]
Zeitgeschehen belegt
In Aleppo machte sich Suhrawardi unter den Gelehrten einen Namen, gewann die Freundschaft des Herrschers al-Zahir und entfremdete sich zugleich die religiöse Elite der Stadt. Die Anklage lautete auf Ketzerei. Über die genauen Vorwürfe und den Ablauf, die zur Hinrichtung Ende 1191 oder Anfang 1192 führten, sind die Berichte uneinig. Zwei Nachschlagewerke nennen Saladin als den, der die Hinrichtung anordnete, eine andere Darstellung seinen Sohn al-Zahir.[5]
Abhängigkeit belegt
Keines seiner Werke wurde ins Lateinische übersetzt, deshalb blieb er im Westen unbekannt. In der islamischen Welt studierten Kreise im Osten seine Schriften seit dem 13. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert machte Henry Corbin seine Werke durch Ausgaben bekannt.[1]
Kritik
Suhrawardis Quellen und Wege lassen sich kaum klären, besonders sein Verhältnis zu Mystik, Hermetik und altpersischen Überlieferungen. Warum er sich auf Platon und die alten Weisen beruft statt auf Avicenna, ist noch nicht ausreichend erklärt. Schon im 13. Jahrhundert deuteten Ibn Kammuna und Shahrazuri sein Werk verschieden, der eine betonte das strenge Denken, der andere die Sinnbilder.
Wirkung heute
Suhrawardis Kritik an Avicenna und seine Lichtlehre lösten eine lange Kommentartradition in der islamischen Welt aus, auf die sich spätere Denker wie Mulla Sadra bezogen. Seit den 1990er Jahren widmet sich eine neue Forschergeneration seinem System.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wer Entscheidungen im Team trifft, kann mit Suhrawardi unterscheiden zwischen Wissen, das man begründen kann, und Wissen, das man erst im eigenen Erleben bemerkt, zum Beispiel das Gefühl, dass ein Projekt kippt. Beides verdient Aufmerksamkeit, und das zweite braucht anschließend eine Prüfung. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Suhrawardis über Führung.
Lebensstationen
- 1154Geburt in Suhraward im Nordwesten Irans (andere Angabe: 1155)
- 1183Ankunft in Aleppo
- 1186Abschluss der Philosophie der Erleuchtung
- 1191Hinrichtung in Aleppo, Ende 1191 oder Anfang 1192
Werke
Hikmat al-ishraq (Philosophie der Erleuchtung, abgeschlossen 1186); Talwihat (Andeutungen, englisch Intimations); Lamahat (Lichtblitze, englisch Flashes of Light); Paths and Havens (Pfade und Zufluchtsorte) und Opposites (Gegensätze)
beide peripatetisch; Allegorien der Seelenreise, vor allem auf Persisch
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Suhrawardi“
- Vertiefung
- Encyclopaedia Iranica, „Illuminationism“ (Hossein Ziai); Routledge Encyclopedia of Philosophy, „al-Suhrawardi, Shihab al-Din Yahya“
Noch nicht sicher belegt
- Das Geburtsjahr ist nicht ganz sicher; die Quellen nennen ungefähr 1154 oder 1155. Die Berichte über Hinrichtung und Anlass gehen auseinander: Als Zeitpunkt gelten Ende 1191 oder Anfang 1192, als Anordner Saladin oder sein Sohn al-Zahir. Wie er seine griechischen, persischen und mystischen Quellen benutzte, ist schwer zu klären. Der Einfluss al-Ghazalis ist in der Forschung eine These und nicht abschließend belegt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Suhrawardi
- [1]Suhrawardi, Abschnitt 1.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
- [2]iranicaonline.org/articles/illuminationism · Webseite
- [3]muslimphilosophy.com/ip/rep/H031.htm · Webseite
- [4]Shahab al-Din Suhrawardi · Wikipedia
- [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Suhrawardi, Abschnitt 1.1; Encyclopaedia Iranica, Illuminationism; Routledge Encyclopedia of Philosophy, al-Suhrawardi, Abschnitt 1; Britannica, as-Suhrawardi