Landkarte der Philosophie

Ibn Sina (Avicenna)

ca. 970–1037 · Buchara, später Isfahan und Hamadan (heutiges Usbekistan und Iran)

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der bedeutendste Philosoph und Arzt der islamischen Welt, der Aristoteles, Neuplatonismus und Religion zu einem geschlossenen System verbindet und im Westen als Avicenna wirkt.

Er baut auf Aristoteles und Al-Farabi auf und führt deren Linie zum Höhepunkt. Al-Ghazali greift seine Lehren an, und über lateinische Übersetzungen prägt er Albertus Magnus und Thomas von Aquin.

Kernidee

Ibn Sina will die ganze Philosophie als ein einziges, in sich stimmiges Wissenssystem darstellen. Er unterscheidet zwischen dem, was nur möglich ist und eine Ursache braucht, um zu sein, und dem Notwendig Seienden, also Gott, dessen Dasein und Wesen zusammenfallen. Der Mensch erkennt, indem er über Sinneserfahrung nachdenkt und dabei Wissen aus einer höheren Quelle, dem Tätigen Intellekt, empfängt.

Bekannt für

Ibn Sina gilt als bedeutendster Philosoph und Arzt der islamischen Welt. Sein Kanon der Medizin war bis ins 17. Jahrhundert Grundlage des Medizinunterrichts an europäischen Universitäten.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Notwendig Seiendes und Mögliches

Alles, was wir kennen, könnte auch nicht sein und braucht deshalb eine Ursache, die es ins Dasein bringt. Gott ist das einzige Wesen, das aus sich heraus notwendig ist: Bei ihm gibt es kein Wesen, das vom Dasein verschieden wäre. In einem Betrieb ist das wie bei einer Stelle, die nur existiert, solange jemand sie bezahlt, während die Aufgabe der Firma selbst unabhängig davon feststeht.

Wie der Mensch erkennt

Der menschliche Verstand beginnt als reine Möglichkeit und braucht die Sinne und das Gedächtnis, um zu Wissen zu kommen. Wenn er nach dem passenden Zwischenglied in einem Beweis sucht, empfängt er das Wissen vom Tätigen Intellekt, der in seiner Deutung alle Denkinhalte immer schon enthält. Das ist kein Gnadengeschenk für Faule, sondern verlangt Arbeit: Der Strom des Wissens reißt ab, wenn sich die Seele abwendet.

Prophetie und Gesetz

Ein Prophet ist ein Mensch mit außergewöhnlich schneller Auffassung und starker Vorstellungskraft, der Erkanntes in Bilder und Gesetze für alle übersetzt. Religion und Philosophie sagen so für Ibn Sina dasselbe auf verschiedenen Ebenen. Eine Führungskraft kennt das: Dieselbe Strategie braucht für den Vorstand eine Zahlenfassung und für die Belegschaft eine Geschichte.

Begriffe

Notwendig Seiendes
Möglich Seiendes
Wesen und Dasein
Tätiger Intellekt
erworbener Intellekt
Summe der Philosophie
Emanation
Prophetie
Fliegender Mann
Fliegender Mensch
: ein Gedankenexperiment: Wer ohne jede Sinneswahrnehmung schwebt, wüsste trotzdem, dass er existiert
Aristotelismus mit neuplatonischen Zügen
: er verband Aristoteles mit Gedanken aus der späten Antike zu einem Gesamtsystem

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Al-Farabi: nur durch Schriften; seine frühesten Werke entstanden unter dessen Einfluss (Wikipedia de), und mit Abu Bishr Matta ist er sein Vorgänger in der Logik (SEP)
  • Aristoteles: sein Leitbild, er nennt ihn den Ersten Lehrer

Schüler

  • Al-Juzjani: Schüler und Biograf, über 25 Jahre sein Begleiter
  • Bahmanyar ibn Marzuban: Schüler, besonders an Metaphysik und Seelenlehre interessiert
  • Abu Mansur ibn Zaila: Schüler, kommentierte Hayy ibn Yaqzan

Freunde

  • Al-Biruni: philosophischer Austausch in Briefform, erhalten als Antworten auf Fragen Birunis (SEP, Wikipedia de)
  • Ala ad-Daula: Kakuyiden-Herrscher in Isfahan, Dienstherr und Freund

Gegner

  • Al-Ghazali: griff die Lehren der Philosophen in der Tahafut an
  • Orthodoxe Zeitgenossen: kritisierten seine Seelenlehre
  • Tadsch al-Mulk: Wesir in Hamadan, ließ ihn nach Verdacht auf Hochverrat einsperren

Verbindungen im Netz

8 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Abu Nasr Muhammad al-FarabiDeutung

    Ibn Sina folgt ihm und Abu Bishr Matta darin, die Zweiten Analytiken zum Kern der Philosophie zu machen, und knüpft bei der Bestimmung der Metaphysik an Al-Farabis Schrift über die Ziele der Metaphysik an (SEP Ibn Sina, SEP Ibn Sina's Metaphysics); nach Wikipedia de berief sich besonders Avicenna auf ihn.

  • Grundlage für Albertus MagnusDeutung

    Seine Schriften beeinflussten laut Wikipedia de die christlichen Scholastiker Thomas von Aquin und Albertus Magnus.

  • baut auf AristotelesDeutung

    sein System ist eine eigenständige Fortführung der aristotelischen Wissenschaft

  • Grundlage für Moses Maimonidesungeprüft

    laut SEP übernahm er im Führer die meisten Ideen Avicennas

  • baut auf Platonungeprüft

    neuplatonische Strömungen der Spätantike flossen in sein System ein

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Abu Hamid Muhammad al-GhazaliDeutung

    Die Inkohärenz widerlegt Beweise Avicennas, und drei seiner Lehren erklärt Al-Ghazali zum Unglauben (SEP).

  • wird kritisiert von Ibn Ruschd (Averroes)Deutung

    hielt dessen neuplatonisch gefärbte Aristoteles-Deutung für unzutreffend

  • wird kritisiert von Jehuda HaleviDeutung

    Die Lehre von den getrennten Intellekten, die Halevi angreift, wurde von Al-Farabi entwickelt und von Ibn Sina mit Änderungen übernommen (Stanford Encyclopedia of Philosophy).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Sein Leben lang diente er Fürsten als Arzt und Berater und hing von ihrer Gunst ab; Förderung der Wissenschaft stützte auch den Herrschaftsanspruch der Gönner. Seine Schriften entstanden oft auf Bestellung von Gönnern, etwa die erste große Summe auf Bitte eines Nachbarn.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Als 999 die Karachaniden Buchara einnahmen und die Samaniden stürzten, floh er wegen seiner Nähe zur Dynastie. Danach führte er ein Wanderleben von Hof zu Hof.[1]

  • Biografie belegt

    In Hamadan wurde er nach einer Meuterei abgesetzt und später wegen eines geheimen Briefwechsels mit dem Emir von Isfahan des Hochverrats verdächtigt und in der Festung Fardadschan eingekerkert. Dort schrieb er mehrere Werke weiter.[2]

Kritik

Al-Ghazali griff in seiner Tahafut al-falasifa von 1095 die Lehren Ibn Sinas und Al-Farabis an. Orthodoxe Gegner kritisierten schon zu seinen Lebzeiten seine Lehre von der unsterblichen Seele, weil sich danach eine unendliche Menge von Seelen ansammeln müsse. Zudem bestritt er nach de.wikipedia eine Erschaffung der Welt in der Zeit.

Wirkung heute

Seine Unterscheidung von Wesen und Dasein sowie von notwendig und möglich bleibt ein Grundwerkzeug der Metaphysik. Sein Bild eines Menschen, der sich Wissen erarbeiten muss, statt es passiv zu empfangen, gilt auch für lernende Organisationen.

Brücke zu Führung und Coaching

Ibn Sina zeigt, dass Wissen nicht von selbst zufließt, sondern nachgefragt und erarbeitet werden muss. Wenn dein Team in einer Besprechung keinen Fortschritt macht, frag: Welches Zwischenglied fehlt uns, damit aus Daten eine Schlussfolgerung wird? Und welche Daten oder Erfahrungen brauchen wir dafür noch?

Lebensstationen

  1. 970Um diese Zeit in Afschana bei Buchara geboren (SEP: irgendwann in den 970ern, vielleicht schon 964)
  2. 996Wird um dieses Jahr Arzt des Samaniden-Emirs in Buchara und darf die Palastbibliothek nutzen
  3. 999Die Karachaniden erobern Buchara, Ibn Sina flieht und beginnt sein Wanderleben
  4. 1015Wird Leibarzt und später Wesir von Schams ad-Daula in Hamadan
  5. 1024Wird am Hof von Ala ad-Daula in Isfahan aufgenommen und vollendet dort das Buch der Genesung
  6. 1037Stirbt in Hamadan an einer Darmerkrankung

Werke

  • Das Buch der Genesung (al-Schifa, bis ca. 1030)
  • Kanon der Medizin (al-Qanun fi t-tibb, ca. 1025)

Kompendium über die Seele (erstes Werk, in Buchara); Das Buch der Genesung (Al-Shifa, entstanden in der mittleren Schaffenszeit); Kanon der Medizin (Al-Qanun); Hinweise und Mahnungen; Das Buch des Wissens für Ala ad-Daula (Danesch-name, persisch); Hayy ibn Yaqzan

Anekdote überliefert

Als junger Mann soll Ibn Sina den kranken Samanidenherrscher erfolgreich behandelt haben und durfte dafür die Palastbibliothek benutzen, in der er Bücher fand, die er nie wieder gesehen hat. Das erzählt er in seiner Autobiografie.[1]

Lesetipps

Einstieg
Avicenna: Das Buch der Genesung der Seele (Al-Shifa), übers. und erläutert von Max Horten, Halle 1907 (Nachdruck Minerva, Frankfurt 1960), weil es seine philosophische Enzyklopädie auf Deutsch zugänglich macht.
Vertiefung
Dimitri Gutas, Avicenna and the Aristotelian Tradition, Leiden: Brill (1988; 2. Aufl. 2014)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr nur ungefähr (SEP: 970er Jahre, Wikipedia: um 980). Jahreszahlen der Werke (Schifa bis ca. 1030, Kanon ca. 1025) nicht in den extrahierten Quellen geprüft. Das Fliegender-Mensch-Experiment und der Begriff 'notwendig Seiendes' sind Fachliteratur-Standard, aber hier nicht wörtlich belegt.
  • Geburtsjahr nicht genau bekannt: SEP sagt irgendwann in den 970ern, vielleicht schon 964; Wikipedia de sagt kurz vor 980. Hier 970 als Näherung. Das Todesjahr 1037 ist in beiden Quellen (Wikipedia de: Juni 1037, Darmleiden). Die Anekdote stützt sich auf die Autobiografie, deren Echtheit SEP nicht bestreitet, die aber teils hagiografisch sei. Eine Kante zu Thomas von Aquin wäre ebenfalls möglich (Wikipedia de nennt ihn), wurde nicht doppelt gezogen. Die Angabe, dass er die Erschaffung der Welt in der Zeit bestritt und dass orthodoxe Gegner seine Seelenlehre wegen der unendlichen Menge von Seelen kritisierten, stammt aus Wikipedia de ohne Primärstelle. Das Bild vom Tätigen Intellekt als Ort aller Denkinhalte ist SEP-Deutung (Gutas). Fliegender Mann nur als Verweis in Wikipedia de, nicht im SEP-Text abgerufen, daher nicht erklärt. Notwendig-Seiendes-Lehre aus dem SEP-Eintrag zur Metaphysik. Prüfer: Der Lehrer an-Natili (Porphyrios, Euklid, Ptolemaios) stand in keiner der abgerufenen Quellen und wurde entfernt. Die frühere Angabe, Al-Farabis Schrift über die Metaphysik habe ihm beim Verständnis geholfen, steht so nicht in Wikipedia de und wurde durch die SEP-Belege ersetzt. Die Kante zu Ibn Ruschd wurde auf Grundlage des SEP-Eintrags Ibn Rushd ergänzt. Lesetipp Horten: das Erscheinungsjahr wird in Bibliografien mit 1907 (Halle: Haupt, 1907–1909) angegeben, vereinzelt 1906; der Nachdruck Minerva 1960 ist belegt. Gutas 1988 ist mit ISBN in Wikipedia de nachgewiesen, die zweite Auflage 2014 in der SEP-Bibliografie.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Ibn Sina

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Ibn Sina · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia de, Avicenna · Wikipedia
  3. [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: ibn-sina-metaphysics · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. [4]SEP: Ibn Rushd · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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