Landkarte der Philosophie

Karl Leonhard Reinhold

1757–1823 · Jena

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was kann ich wissen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Reinhold machte Kant mit seinen Briefen in Deutschland bekannt, bekam den ersten Kant-Lehrstuhl in Jena und suchte für Kants Philosophie einen sicheren ersten Grundsatz, an den Fichte anknüpfte.

Reinhold ist die Brücke von Kant zu Fichte: Seine Briefe machten Kant bekannt, und sein Jenaer Lehrstuhl ging 1794 an Fichte. Er lehrte unter anderem Novalis.

Kernidee

Reinhold war überzeugt, Kants Kritik sei richtig, aber ihr fehle ein fester Anfang. Diesen Anfang sah er im Bewusstsein: Im Bewusstsein unterscheidet das Subjekt die Vorstellung von sich selbst und vom Gegenstand und bezieht sie auf beide. Aus diesem Satz des Bewusstseins wollte er Sinnlichkeit und Verstand ableiten, die Kant als zwei getrennte Stämme der Erkenntnis stehen ließ.

Bekannt für

Reinhold ist bekannt als der Mann, der Kant populär machte: Seine Briefe erschienen in Wielands Teutschem Merkur und zeigten, dass Kants schwere Kritik praktische Folgen für Moral und Religion hat. Danach rief Jena ihn auf den ersten Lehrstuhl für kritische Philosophie, und viele Studenten kamen seinetwegen dorthin.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Kant verständlich machen

In den Briefen verzichtete Reinhold darauf, Kants Erkenntnistheorie auszubreiten, und zeigte stattdessen die praktischen Folgen für Moral und Religion. So wurde aus einem schwer lesbaren Buch eine öffentliche Debatte. Wer eine Strategie ins Team trägt, kennt das: Erst wenn man zeigt, was sich im Alltag ändert, hört jemand zu.

Der Satz des Bewusstseins

Reinholds erster Grundsatz lautet: Im Bewusstsein unterscheidet das Subjekt die Vorstellung vom Subjekt und vom Objekt und bezieht sie auf beide. Damit glaubte er die gemeinsame Wurzel von Sinnlichkeit und Verstand gefunden zu haben, die Kant für unerkennbar hielt. Im Feedbackgespräch liegen ebenso drei Dinge auseinander, nämlich Du, Dein Eindruck und die Sache, und wer sie vermischt, redet aneinander vorbei.

Begriffe

Briefe über die Kantische Philosophie
Elementarphilosophie
Satz des Bewusstseins
Vorstellungsvermögen
Popularphilosophie

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Immanuel Kant: Reinhold las die Kritik der reinen Vernunft ab 1785 und machte sie zur Grundlage seines Denkens

Schüler

  • Novalis: hörte Reinhold in Jena
  • Friedrich Immanuel Niethammer: Student in Jena
  • Carl Ludwig Fernow: Student in Jena
  • Johann Benjamin Erhard: Student in Jena

Freunde

  • Christoph Martin Wieland: Weimarer Gönner, Schwiegervater und Herausgeber des Teutschen Merkur

Gegner

  • Johann Gottlieb Fichte: kritisierte öffentlich das Prinzip des Bewusstseins, folgte ihm aber 1794 auf den Jenaer Lehrstuhl

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Reinhold macht Kant bekannt und will ihm einen sicheren ersten Grundsatz geben.

  • Grundlage für Johann Gottlieb Fichteungeprüft

    Fichte folgt ihm 1794 in Jena und knüpft an die Suche nach einem ersten Grundsatz an, kritisiert aber dessen Fassung.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Immanuel Kantbelegt

    Reinhold schrieb Kant viele persönliche Briefe, und Kant zeigte sich über Reinholds Erfolg erfreut. Ein Lehrverhältnis gab es nicht: Reinhold machte Kants Philosophie bekannt und baute sie weiter.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Reinhold wurde Jesuitenschüler, nach der Auflösung des Ordens 1773 Barnabit und Priester. 1783 verließ er Wien, wechselte in Leipzig zum Protestantismus und trat den Freimaurern und Illuminaten bei.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    In Weimar wurde Reinhold Vertrauter und Schwiegersohn Wielands und fester Autor von dessen Teutschem Merkur, der Zeitschrift, in der die Briefe erschienen. Der Ruf nach Jena kam über den Weimarer Minister Vogt, Kurator der Universität, der seine Briefe gelesen hatte; 1791 wurde Reinhold Hofrat von Sachsen-Weimar.[2]

  • Biografie Deutung

    Reinhold wechselte von orthodoxem Katholizismus über reformierten Katholizismus, Materialismus und Atheismus zum Leibnizianismus und zu Humeschem Skeptizismus. Seine spätere Suche nach einem unbezweifelbaren ersten Grundsatz kann man als Antwort auf diese vielen Wechsel lesen.[1]

Kritik

Fichte bestritt in seiner Rezension des Aenesidemus, dass das Vorstellen der letzte Grund des Bewusstseins sei. Insgesamt wurde die Elementarphilosophie stark kritisiert. Der Philosoph Ernst Otto Onnasch hält es für unmöglich, dass Reinhold die schwierige Kritik in knapp einem Jahr vollständig erfasst hatte.

Wirkung heute

Reinholds Frage, ob die Philosophie einen einzigen selbstevidenten Anfang braucht, setzte die Debatte in Gang, die über Fichte zum Deutschen Idealismus führte. Als Vermittler zeigt er bis heute, wie ein schwieriger Gedanke durch gute Kommunikation Wirkung bekommt.

Brücke zu Führung und Coaching

Reinhold war der Übersetzer, der Kant verständlich machte. Frage Dich vor Deiner nächsten Strategiepräsentation: Welche drei Folgen im Alltag meiner Zuhörer würde ich nennen, bevor ich die Theorie erkläre? Prüfe außerdem, ob Dein Team einen gemeinsamen ersten Grundsatz hat, auf den alle Entscheidungen zurückgehen.

Lebensstationen

  1. 1757Geboren in Wien
  2. 1773Nach Auflösung des Jesuitenordens im Barnabitenseminar
  3. 1783Verlässt Wien, wird in Leipzig Protestant
  4. 1786Erste Briefe über die Kantische Philosophie im Teutschen Merkur
  5. 1787Lehrstuhl für kritische Philosophie in Jena
  6. 1794Wechsel nach Kiel, Fichte folgt in Jena

Werke

Briefe über die Kantische Philosophie (1786/87 im Teutschen Merkur, als Buch 1790 und 1792); Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens (1789); Beyträge zur Berichtigung bisheriger Missverständnisse der Philosophen (1790); Ueber das Fundament des philosophischen Wissens (1791)

Anekdote belegt

Reinhold griff 1785 anonym im Teutschen Merkur Kants Rezension von Herders Ideen an, ein Jahr bevor er mit den Briefen Kants wichtigster Fürsprecher wurde. Später gestand er Kant seine Autorschaft.[3]

Lesetipps

Einstieg
Karl Leonhard Reinhold, Briefe über die Kantische Philosophie (Gesammelte Schriften, Schwabe, Basel, 2007/2008, zwei Bände): zugänglich geschriebene Zeitungsbriefe zu Kant, Moral und Religion
Vertiefung
Martin Bondeli, Das Anfangsproblem bei Karl Leonhard Reinhold (1995)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr: SEP und de.wikipedia 1757, ältere Quellen (encyclopedia.com) 1758. Das Jahr 1794 für den Wechsel nach Kiel ergibt sich aus dem SEP-Zusammenhang (Fichtes Nachfolge 1794), eine eigene Jahreszahl für Kiel nannte keine abgerufene Quelle ausdrücklich. Wer den Aenesidemus verfasste, ist hier nicht angegeben. Einen Zitatbeleg gibt es nicht, daher kein Zitat. Der Schülerstatus gegenüber Kant ist als „Popularisierer und Weiterentwickler“ zu lesen, nicht als formales Schüler-Lehrer-Verhältnis.

Wege durchs Netz

  • Die Wende im Kopf

    Reinhold: Kants Kritik ist richtig, aber ihr fehlt ein fester Anfang, und den sucht er im Bewusstsein.

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Reinhold

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Karl Leonhard Reinhold · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de), Carl Leonhard Reinhold · Wikipedia
  3. [3]Encyclopedia.com, Reinhold, Karl Leonhard · Webseite
  4. [4]klostermann.de/Bondeli-Karl-Leonhard-Reinhold-Ln · Webseite
  5. [5]abebooks.co.uk/Briefe-Kantische-Philosophie-2-Bände-Reinhold/32464503843/bd · Webseite

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