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Landkarte der Philosophie

Paul Ricœur

Philosoph · 1913–2005 · Valence, Rennes, Paris, Straßburg, Nanterre, Chicago

Kernidee in Kürze

Ricœur ging davon aus, dass ein Mensch sich nicht direkt durchschauen kann. Selbsterkenntnis führt nach seiner Sicht über Zeichen, Texte und Geschichten, die ausgelegt werden müssen.

Kapitel
Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Vertiefung

Zum Einstieg

Wer bist Du: die Summe Deiner Eigenschaften oder die Geschichte, die Du über Dich erzählst?

Position
Ricœur hält Selbsterkenntnis nie für unmittelbar. Identität zeigt sich dabei als erzählte Identität.
Einwand
Ricœur selbst entwickelte keine allgemeine Theorie der Auslegung, und seine Auslegung von Freud trug ihm Kritik aus dem Umkreis Lacans ein.
Verbindung
Ricœur baut auf Husserls Phänomenologie auf, greift Gadamers Gedanken der Aneignung auf und setzt sich mit Heideggers Hermeneutik und mit Freud auseinander.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Ricœur war

Französischer Philosoph, der die Phänomenologie mit der Auslegung von Symbolen, Texten und Erzählungen verband und danach fragte, wie Menschen sich selbst über Zeichen und Geschichten verstehen.

Ricœur steht in der Hermeneutik zwischen Phänomenologie, Psychoanalyse, Strukturalismus und analytischer Sprachphilosophie. Er greift Gadamers Gedanken der Aneignung beim Verstehen auf, richtet sie aber stärker auf das Handeln in der Gegenwart.

Kernidee genauer

Zur Auslegung eines Textes gehört für ihn, dass nicht die Absicht der Verfasserin oder des Verfassers im Mittelpunkt steht, sondern die Welt, die der Text vor sich eröffnet und in der man sich vorstellen kann zu leben. Später beschrieb er die Identität eines Menschen als erzählte Identität: als die Geschichte, die jemand über sein Leben erzählt oder die andere darüber erzählen.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Ricœur wurde 1939 eingezogen und geriet 1940 in Kriegsgefangenschaft. In den Lagern in Deutschland studierte er laut Stanford Encyclopedia of Philosophy das Werk von Karl Jaspers und bereitete eine Übersetzung von Husserls „Ideen I“ vor.[1][4]

Fundstelle: Abschnitt 1 Abschnitt Early life

Bekannt für

Man kennt Ricœur für die Hermeneutik des Verdachts, für die Idee der Welt des Textes und für die narrative Identität. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du Dein Berufsleben in einem Vorstellungsgespräch erzählst, gibst Du ihm eine Handlung, die es so vorher nicht hatte.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Auslegung von Symbolen und Hermeneutik des Verdachts

In seiner Untersuchung des Bösen vertrat Ricœur nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy die Auffassung, dass Menschen über das Böse mit Symbolen und Mythen sprechen, die mehr als eine Bedeutung haben und deshalb immer ausgelegt werden müssen. Später unterschied er eine Auslegung, die eine Bedeutung wiederherstellen will, von der sie annimmt, dass sie schon da ist, von einer Hermeneutik des Verdachts. Diese fand er bei Marx, Nietzsche und Freud: Sie geht davon aus, dass letztlich nichts so gemeint ist, wie es zunächst klingt. Im Alltag kennst Du beides: Du nimmst eine Aussage ernst, und Du fragst zugleich, was dahintersteckt.

Der Text und seine Welt

Gesprochene Sprache verschwindet, ein Text bleibt. Deshalb ist nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy bei Ricœur die Bedeutung des Textes und nicht die ursprüngliche Absicht des Verfassers der Gegenstand der Auslegung. Ein Leitbild Deiner Firma kannst Du so lesen: nicht als Bekenntnis der Autoren, sondern als Welt, in der Du arbeiten könntest.

Narrative Identität

In „Das Selbst als ein Anderer“ unterscheidet er dann zwei Arten von Identität: die Identität von etwas, das immer gleich bleibt, und eine Identität, die sich durch Veränderung hindurch hält. Zu einem Selbst gehören beide. Wenn Du Dich fragst, wer Du vor zehn Jahren warst, bist Du derselbe und doch nicht derselbe Mensch.

Begriffe

hermeneutische Phänomenologie
Auslegung von Symbolen
Hermeneutik des Verdachts
Welt des Textes
narrative Identität
fähiger Mensch

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Übernimmt Gedanken von

Ricœur übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Edmund HusserlPrüfstand: belegt

    Ricœurs frühe Phänomenologie des Willens nutzt die Methode Husserls; er bereitete in der Kriegsgefangenschaft eine Übersetzung von Husserls „Ideen I“ vor.

  • Hans-Georg GadamerPrüfstand: belegt

    Ricœur stimmte Gadamer zu, dass es bei der Auslegung um eine Aneignung geht, sah diese aber stärker auf Handeln in der Gegenwart gerichtet als auf Gadamers Aneignung der Überlieferung.

  • Karl JaspersPrüfstand: belegt

    Ricœur studierte Jaspers' Werk in der Kriegsgefangenschaft und veröffentlichte 1947 zwei Bücher, die sich mit ihm befassen, eines davon gemeinsam mit Mikel Dufrenne. Für den geplanten, nie erschienenen dritten Band seiner Philosophie des Willens folgte er Jaspers im Begriff der Transzendenz.

  • Martin HeideggerPrüfstand: belegt

    Ricœur orientierte sich nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy an der Auffassung des frühen Heidegger, dass Selbstverstehen letztlich eine Frage des menschlichen Seins ist. Er schlug aber einen eigenen, längeren Weg vor, der über die vielen, auch widerstreitenden Deutungen des Menschen führt. In „Le conflit des interprétations“ setzt er sich nach Wikipedia auch mit Heideggers Hermeneutik auseinander.

  • Wilhelm DiltheyPrüfstand: belegt

    Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy wirkten Diltheys Überlegungen zur Hermeneutik auch auf Ricœur, und nach Wikipedia knüpfte Ricœur an Diltheys Ausarbeitung der Hermeneutik an.

Untersucht

Ricœur untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.

  • untersucht Sigmund FreudPrüfstand: belegt

    Ricœur las Freuds Werk philosophisch und beschrieb es als Archäologie des Subjekts, der eine Ausrichtung auf Ziele fehle.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Ricœur verlor früh seine Mutter, sein Vater fiel 1915 im Ersten Weltkrieg. Er wuchs bei den Großeltern und einer Tante in Rennes auf. Als Kriegswaise wurde seine Schulbildung vom französischen Staat bezahlt.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    1939 wurde Ricœur zum Militärdienst einberufen, geriet in Gefangenschaft und verbrachte den Rest des Krieges in deutschen Lagern. Dort studierte er das Werk von Karl Jaspers und bereitete eine Übersetzung von Husserls „Ideen I“ vor, die er am Rand des Buches schrieb.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Ricœur unterstützte die Gründung der neuen Universität Paris-Nanterre und war nach den Studentenunruhen von 1968 für kurze Zeit in schwieriger Leitungsstellung. Nach Wikipedia trat er 1970 zurück, als der Staat massiv in die Hochschulautonomie eingriff, und stand dabei zwischen den Fronten, weil ihn auch Studenten angriffen.[3]

Kritik

Nach Wikipedia trug es Ricœur die Verstimmung Lacans und Kritik von dessen Schülern ein, dass er Lacan in seiner Darstellung von Freud von 1965 nicht behandelte. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy hält fest, dass er keine allgemeine Theorie der Auslegung entwickelte, sondern an Beispielen arbeitete. Er selbst kritisierte nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy Freud dafür, nur eine Archäologie des Subjekts zu liefern, der eine Teleologie, also eine Ausrichtung auf Ziele, fehle, die menschliche Schöpferkraft erklärt.

Wirkung heute

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy berichtet, dass 2013 zum hundertsten Geburtstag ein Platz in Paris nach Ricœur benannt wurde. Seine Idee der erzählten Identität und seine Fragen nach Erinnerung, Geschichte und Vergessen werden bis heute diskutiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: In einem Coachinggespräch erzählt Dir Dein Gegenüber seine Laufbahn. Mit Ricœur kannst Du fragen, welche Geschichte da erzählt wird, welche andere Geschichte dieselben Ereignisse zuließen und wie andere diese Geschichte erzählen würden. Das ist eine Analogie und keine Aussage Ricœurs über Führung.

Lebensstationen

  1. 1913Geburt in Valence (27. Februar)
  2. 1939Einberufung in die französische Armee, ab 1940 Kriegsgefangenschaft in Deutschland bis zum Kriegsende
  3. 1956Lehrstuhl für allgemeine Philosophie an der Sorbonne
  4. 1960„L’homme faillible“ und „La symbolique du mal“ (beide 1960; deutsch als „Phänomenologie der Schuld“)
  5. 1970Nachfolger von Paul Tillich an der University of Chicago
  6. 1986Gifford Lectures in Edinburgh
  7. 2005Tod am 20. Mai in Châtenay-Malabry

Werke

Le conflit des interprétations (1969); Temps et récit (1983 bis 1985); Soi-même comme un autre (1990)

Lesetipps

Einstieg
Paul Ricœur, Das Selbst als ein Anderer (französisch 1990; deutsch bei Fink, 2005); als Einstieg die Abhandlung über die narrative Identität.
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Paul Ricoeur“ (Scott Davidson)

Noch nicht sicher belegt

  • Die Quellen nennen für den Wechsel nach Nanterre 1965 (Stanford Encyclopedia of Philosophy, englische Wikipedia) oder 1966 (deutsche Wikipedia). Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt ein Jahr als Dekan nach 1968, die deutsche Wikipedia das Rektorat von 1969 bis 1970; deshalb steht im Steckbrief kein Jahr für Nanterre. Den Lehrstuhl an der Sorbonne datieren die Stanford Encyclopedia of Philosophy und die englische Wikipedia auf 1956, die deutsche Wikipedia auf 1957. Für Chicago nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy ein Ende 1992, die englische Wikipedia die Jahre 1970 bis 1985, und die deutsche Wikipedia nennt die Emeritierung in Chicago 1990; deshalb steht kein Endjahr da. Die Gifford Lectures fanden nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy 1986 statt, nach der englischen Wikipedia 1985/86. „Soi-même comme un autre“ erschien nach dem Literaturverzeichnis der Stanford Encyclopedia of Philosophy und nach der englischen Wikipedia 1990 bei Seuil, die englische Ausgabe 1992. Die Jahre der deutschen Ausgaben stammen nur aus dem Werkverzeichnis der deutschen Wikipedia. Persönliche Lehrer sind nicht belegt: Husserl und Jaspers studierte er über ihre Werke, Gabriel Marcel lernte er nach Wikipedia an der Sorbonne kennen; deshalb sind keine Lehrer genannt. Die deutsche Wikipedia berichtet von einem Text Ricœurs vom März 1939, in dem er sich beeindruckt über Hitlers Sprache äußerte; das steht nur in dieser einen Quelle und ist nicht in den Steckbrief aufgenommen. Eine Kritik Ricœurs an Sartre und eine Verbindung zu Gabriel Marcel sind nicht aufgenommen.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Hermeneutik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Ricœur

  1. [1]Paul Ricoeur, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]SEP, Paul Ricoeur, Abschnitt 1; Wikipedia (de), Paul Ricœur, Abschnitt Leben
  4. [4]Paul Ricœur, Abschnitt Early life · Wikipedia
  5. [5]Wilhelm Dilthey, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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