William David Ross
Philosoph und Aristoteles-Forscher · 1877–1971 · Oxford
- Kapitel
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Zum Einstieg
Du hast einem Freund zugesagt, ihn zu treffen, und siehst auf dem Weg einen Unfall. Was schuldest du wem?
- Position
- Ross sagt, dass hier zwei bedingte Pflichten kollidieren: dein Versprechen und die Pflicht, anderen Gutes zu tun. Keine von beiden gilt immer, sondern jede zählt in der Lage mit einem Gewicht. Seine eigene Einschätzung ist, dass das Retten der Unfallopfer schwerer wiegt als das Versprechen, und deshalb ist es hier deine tatsächliche Pflicht. Eine feste Regel, die das vorab entscheidet, gibt es nach Ross nicht.
- Einwand
- Shelly Kagan hält Ross' Wort prima facie für irreführend und meint, eigentlich seien pro tanto Gründe gemeint, also Gründe mit einem Gewicht. Häufig wird außerdem eingewandt, Ross' Ethik sei unsystematisch und gebe keine klaren Antworten, und seine Intuitionen seien kein verlässlicher Grund.
- Verbindung
- Der Versprechensvergleich führt zu Kant, der Lügen ausnahmslos verbietet, und zu Moores Ideal-Utilitarismus, der nur die guten Folgen zählt. Ross liegt als Pflichtenpluralist dazwischen.
Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.
Schottischer Philosoph und Aristoteles-Forscher in Oxford, der in der Ethik die Prima-facie-Pflichten einführte und damit eine gemäßigte Pflichtenethik zwischen Kant und Utilitarismus begründete.
In diesem Modul steht Ross zwischen Kants strikten Regeln und dem Nutzenkalkül des Utilitarismus, den er in der Gestalt des Ideal-Utilitarismus von Moore und Rashdall ablehnt. Von Aristoteles übernimmt er die Methode, bei den Urteilen der Vielen und der Weisen anzusetzen.
Kernidee
Ross meint, dass es mehrere eigenständige moralische Gesichtspunkte gibt, etwa Versprechen halten, Gutes tun und niemandem schaden. Jeder dieser Gesichtspunkte begründet eine bedingte Pflicht, die in der konkreten Lage von einer stärkeren überwogen werden kann. Manche Pflichten wiegen nach Ross in der Regel schwerer als andere, doch eine allgemeine Regel, die die Abwägung vorab entscheidet, gibt es nicht, und so musst du in der Lage selbst urteilen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Im Zweiten Weltkrieg diente Ross von 1940 bis 1941 im Berufungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer und von 1941 bis 1952 im Nationalen Schiedsgericht. Ein Einfluss dieser Ämter auf seine Ethik ist nicht belegt; sein Hauptwerk The Right and the Good war schon 1930 erschienen.[1]
Fundstelle: § 1
Bekannt für
Ross ist bekannt für die Einführung der Prima-facie-Pflichten in The Right and the Good (1930). Daneben gilt er als einer der führenden Aristoteliker des 20. Jahrhunderts und gab die Oxford-Übersetzung des Aristoteles heraus.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Prima-facie-Pflichten
Eine Prima-facie-Pflicht ist eine bedingte Pflicht: Sie nennt einen Gesichtspunkt, der für oder gegen eine Handlung spricht und der in einer Lage von einer stärkeren überwogen werden kann. Nach dem Stanford-Eintrag nennt Ross fünf grundlegende: Treue (Versprechen halten), Wiedergutmachung, Dankbarkeit, Wohltun und Nichtschaden. In The Right and the Good zählt er zunächst sieben auf, darunter Gerechtigkeit und Selbstvervollkommnung, ordnet diese beiden aber der Pflicht zum Wohltun unter; deshalb nennen andere Darstellungen, etwa Wikipedia, sieben oder sechs. Deine tatsächliche Pflicht ist die Handlung, bei der die Gesichtspunkte dafür am stärksten überwiegen. Übertragen auf heute: Du hast einem Kunden einen Termin zugesagt, aber dein Team steckt in einer Notlage. Das Versprechen zählt weiter, doch du musst abwägen, was in dieser Lage mehr wiegt.
Kritik an Kant und am Ideal-Utilitarismus
Ross wirft Kant vor, das moralische Leben zu vereinfachen, weil er ausnahmslose Regeln verlangt. Nach Ross darf man zum Beispiel lügen, wenn man damit einen Freund vor einem Mörder rettet. Dem Ideal-Utilitarismus von Moore und Rashdall hält er vor, dass er nur gute Folgen zählt, obwohl wir bei einem Versprechen weit mehr daran denken, dass wir es gegeben haben. Ein Beispiel aus der Darstellung im Stanford-Eintrag: Wer Schulden hat, sollte sie zuerst zahlen, bevor er spendet, auch wenn die Spende insgesamt mehr Gutes bewirkte.
Moralische Intuition
Ross meint, dass wir die grundlegenden Pflichten durch Nachdenken unmittelbar als wahr erkennen, so wie wir mathematische Grundsätze erkennen. Das gilt für die allgemeinen Pflichten, aber nicht für die tatsächliche Pflicht im Einzelfall, über die wir nur ein fehlbares, wohlerwogenes Urteil haben. Selbstevident heißt dabei, dass es nach genügender geistiger Reife und Aufmerksamkeit einleuchtet, nicht schon beim ersten Hinsehen. Übertragen auf heute: Dass ein gegebenes Versprechen ein Grund ist, es zu halten, brauchst du nicht erst aus einer Theorie abzuleiten.
Begriffe
- Prima-facie-Pflichten
- Pluralismus der Pflichten
- Intuitionismus
- Selbstevidenz
- tatsächliche Pflicht
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Was der Prüfstand bedeutet
- belegt
- Mit Quelle belegt.
- Deutung
- Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
- überliefert
- Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
- ungeprüft
- Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Gegenseitige Kritik
Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.
George Edward MoorePrüfstand: Deutung
Ross lehnt Moores Ideal-Utilitarismus ab, übernimmt aber dessen Methode, Intuitionen über das Gute zu erfragen (SEP § 3).
Immanuel KantPrüfstand: Deutung
Ross lehnt Kants ausnahmslose Pflichten (etwa ein striktes Lügenverbot) und die Bindung des moralischen Werts an das Pflichtmotiv ab (SEP § 3).
Baut auf
Ross übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
AristotelesPrüfstand: Deutung
Ross beeindruckten Aristoteles' Methode und der Rückgriff auf die Urteile der Vielen und der Weisen (SEP § 3).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Ross trat 1915 in die Armee ein und war bei Kriegsende stellvertretender Abteilungssekretär im Munitionsministerium. Im Zweiten Weltkrieg saß er im Berufungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer und im Nationalen Schiedsgericht.[1]
Abhängigkeit belegt
Ross war Fellow und später Provost des Oriel College in Oxford und 1941 bis 1944 Vizekanzler der Universität Oxford. Nach SEP gehörte er mit Moore, Prichard und anderen zu einer Gruppe von Moralphilosophen, denen es nicht wichtig war, Positionen zu aktuellen Streitfragen auszuarbeiten.[1]
Biografie belegt
Ross lehnte es 1927 ab, sich für den Lehrstuhl für Moralphilosophie zu bewerben, unter anderem weil er H. A. Prichard für den besseren Philosophen hielt und lieber über Metaphysik arbeitete. Prichards Verteidigung vieler eigenständiger Pflichten wirkte auf ihn anziehend.[1]
Kritik
Häufig wird kritisiert, Ross' Ethik sei unsystematisch und liefere keine eindeutigen Antworten. Außerdem seien moralische Intuitionen fehlbar, von Mensch zu Mensch verschieden und kein verlässlicher Weg zur Wahrheit. Shelly Kagan bemängelt, dass das Wort prima facie missverständlich sei und eigentlich pro tanto gemeint sei.
Wirkung heute
Ross' Pluralismus der Pflichten erlebt nach SEP eine Wiederbelebung in der Ethik und der angewandten Ethik, genannt werden etwa Beauchamp und Childress. Er ist eine Quelle für alle, die mit Kantianismus und Utilitarismus gleichermaßen unzufrieden sind.
Brücke zu Führung und Coaching
Ross hilft dir, in Dilemmas nicht nach einer einzigen Regel zu suchen, sondern die beteiligten Pflichten offen zu benennen. Wenn du einem Mitarbeiter eine Freistellung zugesagt hast und ein Notfall im Betrieb dazwischenkommt, frag dich, welche Gesichtspunkte hier zählen: Zusage, Schaden, Dankbarkeit, Nutzen für viele. Das Versprechen verfällt dadurch nicht, aber es kann überwogen werden, und dann ist eine Erklärung oder ein Ausgleich gegenüber dem Mitarbeiter angebracht. Übertragen auf heute: Das ist eine Analogie zum Führungsalltag, kein Entscheidungsverfahren, denn Ross gibt keine Regel für die Gewichtung vor.
Lebensstationen
- 1877Geboren in Thurso, Schottland; den Großteil der ersten sechs Lebensjahre verbrachte er in Travancore in Südindien
- 1902Tutor in Philosophie und Fellow am Oriel College, Oxford
- 1915Eintritt in die Armee, später im Munitionsministerium
- 1930The Right and the Good erscheint; Provost des Oriel College seit 1929
- 1941Vizekanzler der Universität Oxford bis 1944
- 1971Tod in Oxford
Werke
The Right and the Good (1930); Foundations of Ethics (1939); Kant's Ethical Theory (1954); Aristotle (1923)
Anekdote belegt
Als 1927 der Lehrstuhl für Moralphilosophie in Oxford frei wurde, bewarb sich Ross nicht, weil er H. A. Prichard für den besseren Moralphilosophen und für einen besseren Philosophen überhaupt hielt. Er arbeitete lieber an Metaphysik.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- W. D. Ross: The Right and the Good (Oxford: Clarendon Press, 1930), mit der Einführung von Philip Stratton-Lake in der Ausgabe von 2002. Auf Deutsch gibt es einen Auszug: Ein Katalog von Prima-facie-Pflichten, in Dieter Birnbacher und Norbert Hoerster (Hg.): Texte zur Ethik (dtv, München 1976, S. 253–268).
- Vertiefung
- David Phillips: Rossian Ethics. W. D. Ross and Contemporary Moral Theory (Oxford University Press, 2019)
Noch nicht sicher belegt
- Die Zahl der Grundpflichten schwankt je nach Darstellung: Die Stanford Encyclopedia of Philosophy (§ 4.1) nennt fünf (Treue, Wiedergutmachung, Dankbarkeit, Wohltun, Nichtschaden) und erklärt, dass Ross zunächst sieben aufzählt und Gerechtigkeit und Selbstvervollkommnung dann dem Wohltun unterordnet. Die englische Wikipedia nennt sieben, die deutsche Wikipedia gliedert in sechs Gruppen. Die englische Wikipedia behauptet, es gebe nie ein echtes Dilemma, weil eine Pflicht immer überwiege. Die Stanford Encyclopedia sagt dagegen, dass es keine allgemeinen Regeln für die Gewichtung gibt, Ross aber einzelne Pflichten in der Regel für gewichtiger hält. Kagans Kritik stammt aus der englischen Wikipedia (mit der Stelle Kagan 1989, S. 17, Anm.). Ein Zitat fehlt bewusst. Der deutsche Auszug bei Birnbacher und Hoerster stammt aus einer Fußnote der deutschen Wikipedia (Ausgabe 1976, S. 253–268). Dort steht irrtümlich Detlev Hoerster, der Mitherausgeber ist aber Norbert Hoerster, wie die deutsche Wikipedia in seinem eigenen Artikel zeigt, die dort auch die Erstausgabe von 1975 nennt. Der Satz zu Zusage und Ausgleich im Coaching ist ausdrücklich eine Analogie, die Ross selbst so nicht belegt.
Herkunft der Daten: Runde 2: W. D. Ross. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Ross
- [1]William David Ross · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [2]W. D. Ross · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21
- [3]William David Ross · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21