Landkarte der Philosophie

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher

1768–1834 · Berlin

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Theologe und Philosoph der Romantik, der Religion als Gefühl für das Unendliche neu begründete und die moderne Hermeneutik anstieß.

Schleiermacher teilte von Ende 1797 bis September 1799 eine Wohnung mit Friedrich Schlegel und gehörte zum Berliner Kreis der Frühromantik. Jacobi und Herder prägten seine frühen Spinoza-Aufsätze, Hegel war später in Berlin sein Kollege und scharfer Kritiker.

Kernidee

Schleiermacher sieht Religion nicht als Wissen oder Moral, sondern als Sinn und Gefühl für das Unendliche im Endlichen. Er entwickelt außerdem eine Lehre vom Verstehen, die Hermeneutik, nach der man fremde Texte und Menschen nur durch behutsames Hineindenken versteht. Beides öffnet Wege jenseits von Kants strenger Trennung von Wissen und Glauben.

Bekannt für

Man kennt Schleiermacher als Vater der modernen protestantischen Theologie und als Gründungsdekan der Theologischen Fakultät der Berliner Universität. Seine „Reden über die Religion“ richteten sich an Gebildete, die mit der Kirche nichts mehr anfangen konnten.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Religion als Gefühl

Schleiermacher definiert Religion nicht über Lehrsätze, sondern über ein Gefühl, vom Unendlichen abhängig und mit ihm verbunden zu sein. Später nennt er das „schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl“. Auch im Berufsleben gibt es Momente, in denen man spürt, Teil von etwas Größerem zu sein.

Hermeneutik: Verstehen als Kunst

Schleiermacher beschreibt Verstehen als Kunst, die man lernen muss, weil Missverstehen sich leicht einstellt. Wer einen Text oder einen Menschen verstehen will, denkt sich behutsam in dessen Sicht hinein. Wer Mitarbeitende führt, hört darum erst genau zu, was jemand meint, bevor er bewertet.

Dialektik und Platon

In seiner Dialektik fasst er Denken als Gespräch, in dem Wissen im Austausch entsteht. Er übersetzte zudem die Werke Platons ins Deutsche, die ersten drei Bände erschienen 1804/05. Ein Team, das offen streitet und zuhört, kommt meist weiter als eines, in dem einer entscheidet.

Begriffe

Religion als Gefühl
: Religion als Sinn und Geschmack für das Unendliche, die weder auf theoretischem Wissen noch auf Moral beruht
schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl
: in der Glaubenslehre sein Name für das Grundgefühl der Religion, sich völlig vom Unendlichen abhängig zu wissen
Hermeneutik
: die allgemeine Lehre vom Verstehen und Auslegen; Missverstehen kommt von selbst, Verstehen muss man deshalb bewusst anstreben
Dialektik
: bei ihm die Kunst, im Gespräch zu Einigung im reinen Denken zu kommen; Wissen bleibt ein Ideal, dem man sich nur nähert
Platon-Übersetzung
: seine Übertragung der Dialoge Platons ins Deutsche (1804 bis 1828), bis heute geschätzt; seine Einleitungen prägten die Platondeutung

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Herder und Jacobi: prägten seine frühen Spinoza-Aufsätze (1793/94)
  • Kant, Spinoza und Platon: Lektüren, mit denen er sich auseinandersetzte
  • Herrnhuter Brüdergemeine: Erziehung ab 1783 in Niesky und Barby

Schüler

  • Eine ganze Generation protestantischer Theologen im 19. Jahrhundert (Wirkung, keine einzelnen Schüler geprüft)

Freunde

  • Friedrich Schlegel: Mitbewohner in Berlin (Ende 1797 bis September 1799), Anreger der Platon-Übersetzung
  • Henriette Herz: Salon in Berlin, Gespräche im Frühjahr 1798

Gegner

  • Hegel: Kritik am Gefühlsbegriff der Religion (Vorrede zu Hinrichs, 1822)

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Friedrich Heinrich Jacobiungeprüft

    Von Jacobi übernahm er die Idee eines unmittelbaren Gefühls von Gott.

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Schleiermacher setzt sich kritisch mit Kant auseinander und lehnt etwa dessen Postulate von Gott und Unsterblichkeit ab.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Friedrich Schlegelungeprüft

    Befreundet, wohnten ab 1797 zusammen in Berlin und planten die Platon-Übersetzung.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie Deutung

    Schleiermacher war Sohn eines reformierten Pfarrers und wurde ab 1783 in Einrichtungen der Herrnhuter Brüdergemeine (einer vom Pietismus geprägten Kirche, die persönliche Frömmigkeit betont) erzogen. Von dieser Frömmigkeit blieb vermutlich ein Zug zu Gefühl und Innerlichkeit, den er gegen die reine Vernunftreligion setzte.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt (1806, in der Preußen und Sachsen Napoleon unterlagen) wurde die Universität Halle geschlossen, Schleiermacher zog Ende 1807 nach Berlin. Dort war er an der preußischen Bildungsreform beteiligt und ab 1810 Gründungsdekan der Theologischen Fakultät der neuen Universität.[2]

  • Abhängigkeit Deutung

    Als Prediger am Berliner Krankenhaus Charité (ab 1796) und später als Professor lebte Schleiermacher von kirchlichen und staatlichen Stellen. Das mag erklären, warum er um eine Verständigung von Kirche und Bildung bemüht war.[2]

Kritik

Hegel warf ihm in der Vorrede zu Hinrichs (1822) vor, Religion auf ein bloßes Abhängigkeitsgefühl zu verkürzen: Dann wäre der Hund der beste Christ. Hegel hielt dagegen, der Geist habe in der Religion vielmehr seine Befreiung und das Gefühl seiner göttlichen Freiheit.

Wirkung heute

Seine Hermeneutik prägt bis heute die Geisteswissenschaften, von der Textauslegung bis zur Gesprächsführung. Seine Platon-Übersetzung ist laut SEP bis heute weit verbreitet.

Brücke zu Führung und Coaching

Schleiermacher macht das Verstehen zur Aufgabe. Nimm dir in der nächsten Konfliktsituation vor, die Position des anderen so wiederzugeben, dass er sagt: Genau so meine ich es. Frage dich: Habe ich ihn schon wirklich verstanden, oder nur widerlegt?

Zitate

„Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“

Über die Religion, 2. Rede „Über das Wesen der Religion“ (1799)

Lebensstationen

  1. 1768Geboren in Breslau
  2. 1796Prediger an der Berliner Charité, Kontakt zum Kreis um Schlegel
  3. 1799Reden über die Religion erscheinen anonym
  4. 1810Gründungsdekan der Theologischen Fakultät der Berliner Universität
  5. 1821Der christliche Glaube erscheint (1821/22)
  6. 1834Tod in Berlin

Werke

Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799)

Monologen (1800)

Der christliche Glaube (1821/22, überarbeitet 1830/31)

Platon-Übersetzung (ab 1804)

Anekdote belegt

Hegel spottete in der Vorrede zu Hinrichs' Religionsbuch (1822): Wenn Religion nur im Gefühl der Abhängigkeit bestünde, „so wäre der Hund der beste Christ“. Gemeint war Schleiermachers Glaubenslehre.[5]

Lesetipps

Einstieg
Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), Meiner, Philosophische Bibliothek; der Text steht auch auf zeno.org: die zweite Rede zeigt den Kern.
Vertiefung
Kurt Nowak, Schleiermacher. Leben, Werk und Wirkung (Vandenhoeck & Ruprecht, 2001)

Noch nicht sicher belegt

  • Hermeneutik-Inhalt (Verstehen als Kunst, Hineindenken) nicht in den abgerufenen Texten ausdrücklich geprüft, nur allgemein bekannt. Nowak-Buch existiert (Alibris), Erscheinungsjahr 2001 laut Anbietertext, viele Listings nennen 2002. Meiner-Ausgabe der Reden nur über Katalogtreffer (ISBN 978-3-7873-3287-8) gesehen. Hegel-Hundezitat nur über Sekundärliteratur zitiert, Original (Vorrede zu Hinrichs, 1822) nicht selbst eingesehen. Herrnhuter-Prägung als Erklärung seines Denkens ist Deutung. Spätere Pfarrstellen (Stolp, Dreifaltigkeitskirche) nicht geprüft und gestrichen. Karl-Barth-Kritik gestrichen, da nicht belegt.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Schleiermacher

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Friedrich Schleiermacher · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia: Friedrich Schleiermacher · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (de): Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern · Wikipedia
  4. [4]zeno.org/Philosophie/M/Schleiermacher,+Friedrich/Über+die+Religion/2.+Über+das+Wesen+der+Religion · Webseite
  5. [5]Noller/Nonnenmacher (Hg.), Die protestantische Theologie des 20. Jahrhunderts und Hegel · Webseite
  6. [6]origin-www.alibris.com/Schleiermacher-Leben-Werk-Und-Wirkung-Kurt-Nowak/book/28456930 · Webseite
  7. [7]Wikipedia (de): Herrnhuter Brüdergemeine · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de): Schlacht bei Jena und Auerstedt · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  9. [9]Wikipedia (de): Charité · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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