Landkarte der Philosophie

Friedrich Heinrich Jacobi

1743–1819 · Düsseldorf und München

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was kann ich wissen? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Kritiker, der mit dem Spinozastreit die große Debatte auslöste und dem Idealismus Nihilismus vorwarf.

Jacobi löste mit den Spinozabriefen von 1785 den Pantheismusstreit mit Mendelssohn aus und warf Fichte 1799 Nihilismus vor. Herder war seit 1783 mit ihm befreundet, Hamann und Goethe verkehrten auf seinem Landgut Pempelfort.

Kernidee

Jacobi hält jede Philosophie, die alles beweisen will, für Fatalismus und am Ende für Nihilismus, weil sie keinen Platz für freie Person und lebendigen Gott lässt. Gegen den Beweis setzt er den Glauben als unmittelbare Gewissheit. So wird er zum Gegenspieler von Kant, Fichte und Hegel.

Bekannt für

Man kennt Jacobi als den Auslöser des Spinozastreits, der Deutschland in den 1780er Jahren bewegte. Berühmt ist auch sein Wort vom „salto mortale“, dem Sprung, zu dem er Lessing aufforderte.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Der Spinozastreit

Jacobi berichtete, der verstorbene Lessing habe sich ihm gegenüber als Spinozist bekannt, und er hielt Spinozas System für fatalistisch und atheistisch. Mendelssohn widersprach, und der Streit wurde zur Debatte darüber, was Vernunft leisten kann. Wer alles beweisen will, landet laut Jacobi bei einer Welt ohne Freiheit.

Glaube als Unmittelbarkeit

Für Jacobi gibt es Gewissheiten, die man nicht beweist, sondern unmittelbar erfährt. Er nennt das Glauben und setzt es dem Beweisen entgegen. Im Führungsalltag ist Vertrauen ähnlich: Man kann es nicht errechnen, nur wagen.

Nihilismus-Vorwurf

In seinem offenen Brief an Fichte von 1799 verteidigt Jacobi Fichte zwar gegen den Atheismusvorwurf, nennt dessen Idealismus aber einen umgekehrten Spinozismus. Er sieht darin eine Auflösung des Wirklichen in immer abstraktere Begriffe, also Nihilismus, und machte das Wort so in der Philosophie bekannt. Eine Strategie, die nur aus Kennzahlen besteht, kann am Ende leer wirken.

Begriffe

Glaube
Unmittelbarkeit
Spinozismus
Nihilismus
salto mortale

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Spinoza und Hume: Gegenpole, an denen er sich abarbeitete

Schüler

  • Schleiermacher: übernahm die Idee eines unmittelbaren Gottesgefühls von Jacobi

Freunde

  • Goethe: befreundet seit 1774
  • Herder: Freundschaft seit 1783
  • Hamann: Gast in Pempelfort

Gegner

  • Moses Mendelssohn: Pantheismusstreit
  • Fichte: Nihilismusvorwurf 1799
  • Schelling: Streit nach Von den göttlichen Dingen (1811)
  • Kant: Kritik am Ding an sich

Verbindungen im Netz

7 Verbindungen, davon 7 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von Friedrich Wilhelm Joseph von Schellingungeprüft

    Im Streit um die göttlichen Dinge (1811/12) prallten Schellings Naturalismus und Jacobis Glaube aufeinander.

  • kritisiert Immanuel Kantungeprüft

    Jacobi hielt das Ding an sich für unverzichtbar und zugleich unhaltbar.

  • kritisiert Johann Gottlieb Fichteungeprüft

    Jacobi warf Fichte 1799 in einem offenen Brief Nihilismus vor.

  • wird kritisiert von Moses Mendelssohnungeprüft

    Im Pantheismusstreit um Lessings Spinozismus stehen sich beide gegenüber.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Jacobi führte von 1764 bis 1772 das väterliche Handelshaus in Düsseldorf und wurde dann Hofkammerrat für Jülich-Berg. Das erklärt seinen Blick auf Wirtschaft und Verwaltung und ließ ihm Zeit für Schriftstellerei und Briefwechsel.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Der Streit mit Mendelssohn fiel in die Spätphase der Berliner Aufklärung. Jacobi selbst floh 1794 vor den französischen Revolutionstruppen aus Düsseldorf nach Hamburg und Holstein und ließ sich 1798 in Eutin nieder.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    1805 zog Jacobi nach München, um die Akademie der Wissenschaften mit umzubauen, und war ab 1807 deren Präsident. Nach dem Streit mit Schelling 1811 zog er sich aus der Akademie zurück, und Goethe stellte sich auf Schellings Seite.[1]

Kritik

Kant distanzierte sich 1786 in „Was heißt: Sich im Denken orientieren?“ von Jacobi und setzte gegen „Aberglauben und Schwärmerei“ die „Selbsterhaltung der Vernunft“. Schelling antwortete auf Jacobis Schrift von 1811 scharf, es kam zu einem bitteren Schlagabtausch.

Wirkung heute

Der Nihilismusbegriff, den er bekannt machte, ist heute Alltagssprache. Seine Kritik am Ding an sich wird bis heute diskutiert.

Brücke zu Führung und Coaching

Jacobi erinnert daran, dass Vertrauen sich nicht beweisen lässt. Überlege, wo du in deinem Team Sicherheit verlangst, die nur Vertrauen geben kann. Frage dich: Wo muss ich einen Sprung wagen, statt noch eine Analyse zu bestellen?

Zitate

„Ich muß gestehen, daß dieser Anstand mich bey dem Studio der Kantischen Philosophie nicht wenig aufgehalten hat, so daß ich verschiedene Jahre hintereinander die Critik der reinen Vernunft immer wieder von vorne anfangen mußte, weil ich unaufhörlich darüber irre wurde, daß ich ohne jene Voraussetzung in das System nicht hineinkommen, und mit jener Voraussetzung darinn nicht bleiben konnte.“

David Hume über den Glauben (1787), Beilage über den transzendentalen Idealismus; Jacobi-Werke (JWA) 2,1, S. 109

Lebensstationen

  1. 1743Geboren in Düsseldorf
  2. 1785Spinozabriefe lösen den Pantheismusstreit aus
  3. 1787David Hume über den Glauben
  4. 1799Sendschreiben an Fichte
  5. 1807Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München (bis 1812)
  6. 1819Tod in München

Werke

Über die Lehre des Spinoza in Briefen an Herrn Moses Mendelssohn (1785)

David Hume über den Glauben (1787)

Sendschreiben an Fichte (1799)

Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung (1811)

Anekdote überliefert

Am 5. Juli 1780 besuchte Jacobi Lessing in Wolfenbüttel. Nach Jacobis Bericht sagte Lessing: „Es giebt keine andre Philosophie, als die Philosophie des Spinoza.“ Jacobi forderte ihn zu einem salto mortale auf, Lessing lehnte mit Verweis auf sein Alter ab.[2]

Lesetipps

Einstieg
Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn (1785), Meiner, Philosophische Bibliothek: der Text, der den Streit auslöste. Das Lessing-Gespräch steht auch online bei der Bibliotheca Augustana.
Vertiefung
Birgit Sandkaulen, Jacobis Philosophie. Über den Widerspruch zwischen System und Freiheit (Meiner, 2019)

Noch nicht sicher belegt

  • Das bisherige Zitat war eine Paraphrase und wurde durch den Wortlaut aus JWA 2,1, S. 109 ersetzt (zitiert in Meiner-Leseprobe und Rosefeldt). Das Wort „Ding an sich“ steht dort nicht, nur „jene Voraussetzung“. Genaue Stelle der Lessing-Äußerung nur über die Online-Fassung bei Augustana, Seite nicht geprüft. Die Lessing-Äußerung ist laut Meiner nur durch Jacobis Bericht bezeugt. Kritik Hegels und Mendelssohns am Glaubensbegriff sowie Schellings Vorwurf der Philosophieverachtung wurden gestrichen, da nicht belegt. Kritikpunkt Beweis gleich Fatalismus zu pauschal gestrichen. Das Datum 1807 der Präsidentschaft stammt aus SEP, Wikipedia nennt 1807 bis 1812.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Jacobi

  1. [1]Wikipedia: Friedrich Heinrich Jacobi · Wikipedia
  2. [2]Jacobi, Briefe über die Lehre des Spinoza (Bibliotheca Augustana) – https://www.tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Jacobi/jac_sp08.html; SEP: Friedrich Jacobi · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]assets.meiner.de/Medien-Dateien/9783787339778.pdf · Buch
  4. [4]assets.meiner.de/Medien-Dateien/9783787317066.pdf · Buch
  5. [5]tha.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Jacobi/jac_sp08.html · Webseite
  6. [6]Wikipedia (de): Pantheismusstreit · Wikipedia
  7. [7]research.tilburguniversity.edu/en/publications/review-of-the-book-jacobis-philosophie-über-den-widerspruch-zwisc · Webseite
  8. [8]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Friedrich Schleiermacher · Stanford Encyclopedia of Philosophy

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