Landkarte der Philosophie

Stuart Hall

1932–2014

Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Kopf der Birmingham School und der Cultural Studies.

Gegenmodell zu Adornos Kulturindustrie-These.

Kernidee

Medien senden Botschaften, aber Menschen lesen sie unterschiedlich, manchmal sogar gegen den Strich. Popkultur ist ein Kampfplatz, kein reines Betäubungsmittel.

Bekannt für

Hall zeigte, dass Medien keine fertigen Botschaften übertragen. Menschen lesen sie je nach Herkunft und Lage unterschiedlich, und Kultur ist deshalb ein Kampfplatz um Bedeutung.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Kodieren und Dekodieren

Wer eine Nachricht macht, verschlüsselt eine Bedeutung. Das Publikum kann sie übernehmen, teilweise abwandeln oder ganz gegen den Strich lesen. Eine Firmen-Mail über "Effizienzgewinne" liest das Management anders als die Belegschaft, die Stellenabbau befürchtet.

Hegemonie und Kultur

Nach Gramsci herrscht eine Gruppe am stabilsten, wenn ihre Sicht als gesunder Menschenverstand gilt. Hall wandte das auf Fernsehen, Popkultur und Politik an. So erklärte er, wie der Thatcherismus Menschen für sich gewann, deren Interessen er eigentlich schadete.

Identität als Prozess

Identität ist nichts Festes, sondern entsteht immer neu in Geschichte und Begegnung. Vor allem Migranten erleben, dass sie zu mehreren Orten gehören. Eine Kollegin mit türkischen Eltern kann sich in Berlin wie in Izmir zugleich zu Hause und fremd fühlen.

Begriffe

Encoding/Decoding
Cultural Studies

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Richard Hoggart: Gründer des Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham, holte Hall 1964 dorthin
  • Raymond Williams: prägte sein Verständnis von Kultur als Lebensweise
  • Antonio Gramsci: geistiger Lehrer, von dem er den Begriff Hegemonie übernahm

Schüler

  • Paul Gilroy: Kulturtheoretiker, studierte am Birminghamer Zentrum
  • Dick Hebdige: schrieb dort über Jugendkulturen
  • Angela McRobbie: Kulturwissenschaftlerin aus dem Birminghamer Kreis

Freunde

  • Raymond Williams: Weggefährte der britischen Neuen Linken
  • E. P. Thompson: zunächst Mitstreiter in der Neuen Linken

Gegner

  • E. P. Thompson: späterer Streit 1979 über Theorie und Strukturalismus

Verbindungen im Netz

2 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Antonio Gramsciungeprüft

    Hall übernimmt Gramscis Hegemonie für die Analyse von Medien und Kultur.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Theodor W. Adornoungeprüft

    Cultural Studies setzen gegen die Kulturindustrie den eigensinnigen Gebrauch von Popkultur.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Er wuchs in der braunen Mittelschicht von Kingston auf, die sich an der weißen Kolonialelite maß. Schon zu Hause erlebte er, wie Hautfarbe und Klasse verknüpft waren, und fühlte sich dort fremd.[1]

  • Biografie belegt

    1951 kam er als Rhodes-Stipendiat nach Oxford und blieb sein Leben lang in England. Er beschrieb sich als jemand, der zwischen kolonialer und postkolonialer Welt lebte, ohne ganz zu einer zu gehören.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    1956 brachen die sowjetische Invasion in Ungarn und die Suezkrise in sein Studium ein. Er gab seine Doktorarbeit auf und wurde politisch aktiv, unter anderem als Gründungsherausgeber der New Left Review.[2]

Kritik

E. P. Thompson und andere Historiker warfen dem Birminghamer Ansatz vor, sich in Theorie zu verlieren. Später kritisierten Ökonomen, die Cultural Studies hätten über Identität und Medien die materielle Ungleichheit aus dem Blick verloren. Manche meinen auch, das Publikum sei nicht so widerständig, wie seine Theorie hofft.

Wirkung heute

Seine Analysen zu Medien, Rassismus und Identität sind in Debatten über Desinformation, Migration und Populismus allgegenwärtig. Die Cultural Studies als Fach gehen wesentlich auf ihn zurück.

Brücke zu Führung und Coaching

Was eine Führungskraft sagt, ist nicht das, was ankommt. Bevor eine Veränderung verkündet wird, lohnt es sich zu fragen, wie verschiedene Gruppen die Botschaft lesen werden, etwa Vertrieb, Produktion und neue Mitarbeiter. Wer nur seine eigene Lesart kennt, wird von Widerstand überrascht.

Lebensstationen

  1. 1932Geboren in Kingston, Jamaika
  2. 1951Rhodes-Stipendiat in Oxford
  3. 1960Gründungsherausgeber der New Left Review
  4. 1968Leiter des Birminghamer Zentrums
  5. 1979Professor an der Open University
  6. 2014Gestorben in London

Werke

Encoding/Decoding (1973)

Anekdote belegt

In Oxford schrieb Hall zunächst eine Doktorarbeit über den Romancier Henry James. Als 1956 sowjetische Panzer in Ungarn einrollten und Großbritannien in die Suezkrise ging, ließ er Henry James liegen und wandte sich der Politik zu.[2]

Lesetipps

Einstieg
Kodieren/Dekodieren (1973/1980): kurzer Aufsatz, auf Deutsch in "Ideologie, Kultur, Rassismus. Ausgewählte Schriften 1" (1989)
Vertiefung
Stuart Hall: Familiar Stranger. A Life Between Two Islands (2017): autobiografischer Rückblick, sehr gut lesbar

Noch nicht sicher belegt

  • Strömungszuordnung offen: Person kommt nur als Wurzel oder Gegenspieler in einem Modul vor, ohne Strömung im Gerüst
  • Modul Kritische Theorie führt keine eigene Quellenliste; Quellen hier nur aus Kontext- und Anekdoten-Einträgen abgeleitet

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Kritische Theorie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Stuart Hall

  1. [1]Duke University Press: Familiar Stranger · Webseite
  2. [2]Merton College: Stuart Hall and his Legacy · Webseite

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