Louis Althusser
1918–1990 · Paris
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Französischer marxistischer Philosoph an der École normale supérieure, der Marx strukturalistisch liest und mit seiner Theorie der Ideologie viele Denker des Moduls prägt.
Althusser bringt strukturales Denken in die Marx-Lektüre und betreut an der ENS Studierende wie Foucault und Badiou; er knüpft an Lacan an, und Butler und Žižek greifen später seinen Begriff der Anrufung auf.
Kernidee
Althusser versteht Gesellschaft als Gefüge von Strukturen, die Menschen formen, und nicht als Summe freier Einzelentscheidungen. Ideologie ruft Einzelne als Subjekte an und macht sie so zu dem, was sie sind. Institutionen wie Schule, Familie, Kirche und Medien erzeugen diese Anrufung und sichern damit die bestehende Ordnung.
Bekannt für
Man kennt ihn für den Begriff der ideologischen Staatsapparate und die Idee, dass Ideologie Menschen anruft und zu Subjekten macht. Seine Marx-Lektüre prägte eine ganze Generation französischer Theoretiker.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Ideologische Staatsapparate
Althusser unterscheidet repressive Staatsapparate wie Polizei und Militär, die über Gewalt wirken, von ideologischen wie Schule, Familie, Kirche und Medien, die über Überzeugungen wirken. Beide sichern die bestehende Ordnung, nur auf verschiedenen Wegen. In Firmen übernehmen Onboarding, Leitbild und Feedbackrituale diese Rolle: Sie formen, wie Menschen sich in der Organisation sehen.
Anrufung (Interpellation)
Ideologie spricht Individuen an wie ein Ruf auf der Straße und macht sie dadurch zu Subjekten, die sich angesprochen fühlen. Wer sich umdreht, hat die Rolle schon angenommen. Wenn Mitarbeitende auf die Anrede Teammitglied statt Angestellter reagieren, zeigt sich im Kleinen, wie eine Rolle durch Ansprache entsteht.
Überdeterminierung und strukturale Kausalität
Ereignisse entstehen laut Althusser aus dem Zusammenwirken vieler Ursachen und nicht aus einer einzigen. Auch die Struktur wirkt als Ursache, ohne sich je getrennt zeigen zu können. Wenn ein Projekt scheitert, liegt der Grund selten bei einer Person, sondern im Zusammenspiel von Strukturen, Anreizen und Geschichte.
Begriffe
- Ideologie
- Anrufung (Interpellation)
- ideologische Staatsapparate
- Überdeterminierung
- epistemologischer Bruch
- strukturale Kausalität
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Schüler
- Étienne Balibar, Jacques Rancière, Nicos Poulantzas, Alain Badiou: Studierende und Mitarbeitende im Umkreis der ENS
- Michel Foucault: von Wikipedia (de) als Schüler geführt
- Jacques Derrida: von Wikipedia (de) als Schüler geführt
Gegner
- Jacques Rancière: wirft ihm später einen Szientismus vor, der Intellektuellen-Privilegien verteidige
- Raymond Aron: zweifelt am epistemologischen Bruch
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Michel FoucaultDeutung
Foucault zählt zu seinen Studierenden und Kollegen an der ENS (SEP, Wikipedia de).
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Antonio GramsciDeutung
Wikipedia (de) nennt Gramsci unter den Einflüssen.
baut auf Jacques LacanDeutung
Freud wirkt bei ihm über Lacan (SEP); die Anrufungstheorie wird mit Lacans großem Anderen verbunden (Wikipedia de).
baut auf Karl MarxDeutung
Seine Arbeit ist eine strukturalistische Neulektüre von Marx (SEP).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Jean BaudrillardDeutung
Baudrillard kritisierte Althussers Dogmatismus.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Althusser trat 1948 der Kommunistischen Partei Frankreichs bei; seine Versuche, die Parteilinie Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre zu beeinflussen, blieben erfolglos, und er selbst nannte sich einen schlechten Aktivisten. Gleichzeitig betreute er über dreißig Jahre Studierende an der ENS, einem Machtzentrum der französischen Elite.[1]
Biografie belegt
Seit 1938 litt er an wiederkehrenden schweren Depressionen. Im November 1980 erdrosselte er seine Frau Hélène Rytmann; es kam zu keinem Prozess, weil der Untersuchungsrichter sich auf eine Regelung zur Unzurechnungsfähigkeit berief.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Er verbrachte den Zweiten Weltkrieg großenteils in deutscher Kriegsgefangenschaft, wo er Kontakt zu kommunistischen Arbeitern hatte. Das könnte seinen Weg in die Partei mitbestimmt haben.[2]
Kritik
Kritiker nannten sein Werk idealistisch, dogmatisch und zu stark strukturalistisch. Aron und andere zweifelten am epistemologischen Bruch zwischen dem jungen und dem reifen Marx. Rancière warf ihm später vor, einen Szientismus zu vertreten, der Intellektuellen Privilegien sichert.
Wirkung heute
Seine Idee, dass Institutionen Menschen zu Subjekten formen, wirkt in Kulturtheorie, Soziologie und Medienkritik weiter. Der Begriff Anrufung bleibt ein Standardwerkzeug, um Rollenzuschreibungen zu analysieren.
Brücke zu Führung und Coaching
Wenn du eine Führungsrolle neu besetzt, achte darauf, wie Rolle und Anrede den Menschen formen: Welches Bild einer guten Mitarbeiterin ruft unser Onboarding auf? Frag dein Team, welche ungeschriebenen Rufe es hier schon gehört hat und auf welche es reagiert. So werden die stillen Institutionen sichtbar, die Verhalten steuern.
Lebensstationen
- 1918Geburt bei Algier
- 1940Kriegsgefangenschaft in Deutschland (bis 1945)
- 1945Nach der Gefangenschaft Studium an der École normale supérieure (Aufnahmeprüfung schon 1939)
- 1948Agrégation, Eintritt in die KPF, Betreuer an der ENS
- 1965Für Marx und Das Kapital lesen erscheinen
- 1980Tötung seiner Frau Hélène Rytmann, psychiatrische Unterbringung
- 1990Tod in La Verrière
Werke
Für Marx (1965); Das Kapital lesen (1965, mit Balibar, Establet, Macherey und Rancière); Ideologie und ideologische Staatsapparate (Aufsatz 1970, deutsches Buch 1977); Die Zukunft hat Zeit (posthum, 1992)
Anekdote überliefert
Seinen autobiografischen Text von 1985 nannte Althusser ursprünglich Kurze Geschichte eines Mörders. Er erschien posthum als Die Zukunft hat Zeit.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Ideologie und ideologische Staatsapparate, VSA-Verlag, Hamburg/Berlin 1977 (Neuausgabe 2010): der meistgelesene Text.
- Vertiefung
- William Lewis: Louis Althusser, Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (2009, überarbeitet 2022, online)
Noch nicht sicher belegt
- ENS: Aufnahmeprüfung 1939 (SEP, de), Studium wegen Mobilisierung und Kriegsgefangenschaft erst ab 1945. SEP nennt Foucault, Badiou und Bourdieu als Studierende, de.wikipedia zusätzlich Derrida, Balibar, Rancière, Poulantzas; Lehrer-Rolle bei Derrida nur de.wikipedia. Gramsci nur in de.wikipedia als Einfluss. Kritik von Rancière (Szientismus) und Aron (epistemologischer Bruch) nur in de.wikipedia. Einordnung der Tat als Femizid nur in de.wikipedia, aus dem Kontext-Eintrag gestrichen; Angabe zu häufigen stationären Behandlungen nicht geprüft und gestrichen. Anekdote zum Titel der Autobiografie nur de.wikipedia. Kriegsgefangenschaft als Weg in die Partei ist Deutung. Behauptung, Foucaults Machtanalyse antworte auf Althusser, in keiner Quelle gefunden und ersetzt. Kein Zitat. Britannica, IEP nicht abgerufen.
Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Althusser
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Louis Althusser · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de), Louis Althusser · Wikipedia
- [3]deutsche-digitale-bibliothek.de/item/VLC42RAUTP3MUS4C7SXJTFSSB6KAY6FR · Webseite