Placide Tempels
Missionar und Autor · 1906–1977 · Berlaar (Belgien), Katanga (Belgisch-Kongo, heute Demokratische Republik Kongo), Hasselt (Belgien)
Kernidee in Kürze
Tempels versuchte in „Bantu-Philosophie“ zu zeigen, dass die Luba, unter denen er im damaligen Belgisch-Kongo arbeitete, ein geordnetes Weltbild haben. Nach seiner Darstellung ist für sie nicht das ruhende Sein das Grundlegende, sondern die Lebenskraft: Alles, was ist, von Gott über die Menschen bis zu Tieren, Pflanzen und Dingen, ist eine Kraft und steht in einer Rangordnung mit anderen Kräften.
- Kapitel
- Afrika (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Gibt es im Denken afrikanischer Gemeinschaften eine eigene Philosophie, und wer darf sie beschreiben?
- Position
- Tempels hält das Denken der Bantu für eine Philosophie, in der Kraft statt Sein die Grundkategorie ist, und beschreibt sie als geordnetes System mit einer Rangordnung der Kräfte.
- Einwand
- Hountondji und Oruka sagen, Tempels beschreibe ein gemeinsames Weltbild ohne einzelne Denkende, spreche für andere und verallgemeinere von einer Gruppe auf alle. Das nenne man Völkerkunde, keine Philosophie.
- Verbindung
- Hountondji und Odera Oruka entwickelten ihre Positionen im Streit mit Tempels’ Ansatz. Alexis Kagame und John Mbiti gelten als enge Anhänger, die ihn gegen diese Kritik verteidigten.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Tempels war
Belgischer Franziskaner und Missionar im damaligen Belgisch-Kongo, dessen Buch „Bantu-Philosophie“ von 1945 die Debatte über die Frage auslöste, ob und wie es eine afrikanische Philosophie gibt.
Tempels schrieb in der Kolonialzeit, in der viele Europäer Afrikanerinnen und Afrikanern ein eigenes Denken absprachen. Sein Buch widersprach diesem Bild, blieb aber nach heutigen Urteilen selbst im Denken der Kolonialzeit verhaftet. Es löste die Debatte aus, aus der sich die Fachphilosophie in Afrika entwickelte, und wurde zum Gegenstand der Kritik von Paulin Hountondji und Henry Odera Oruka.
Kernidee genauer
Er übertrug dieses Bild auf alle Menschen, die Bantu-Sprachen sprechen, und meinte, sie selbst kennten ihre Philosophie nicht bewusst. Gerade diese beiden Punkte machten das Buch zum Ausgangspunkt eines langen Streits.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Tempels kam mit Lucien Lévy-Bruhls Vorstellung vom „primitiven Denken“ in den Kongo und lernte nach Jahren unter den Luba deren Sprache und Sprichwörter kennen. Er sah seine Missionsarbeit nach zehn Jahren als gescheitert an und suchte eine neue Form der Verkündigung.[3][6]
Bekannt für
Man kennt Tempels für das Buch „Bantu-Philosophie“ und für den Streit darüber. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du Dir nach ein paar Wochen in einem fremden Umfeld sicher bist, die Denkweise der anderen zu verstehen, und sie dann für alle zusammenfasst, machst Du etwas Ähnliches wie Tempels, und die Kritik an ihm zeigt, wo das schiefgehen kann.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Kraft statt Sein
Tempels meint, im Denken der Bantu-Sprecher stehe an der Stelle, an der die europäische Philosophie das „Sein“ setzt, die „Kraft“. Ein Ding ist demnach nicht ein ruhender Gegenstand mit Eigenschaften, sondern eine wirkende Kraft. In der englischen Ausgabe heißt es: Wo wir „das, was ist“ sagen, sagen die Bantu „das, was Kraft ist“. Das ist Tempels’ Deutung, keine gesicherte Tatsache über das Denken aller Bantu-Sprecher.
Die Rangordnung der Kräfte
Nach Tempels gibt es eine Rangordnung der Kräfte: göttliche, menschliche, tierische, pflanzliche und sogar leblose Kräfte. Diese Kräfte wirken aufeinander, und aus ihrem Zusammenspiel lassen sich nach seiner Darstellung die Vorgänge in der Welt erklären.
Eine Philosophie, die ihre Träger nicht kennen
Tempels wollte widerlegen, dass Afrikanerinnen und Afrikaner nicht vernünftig denken könnten. Zugleich behauptete er, die Bantu seien sich ihrer Philosophie nicht bewusst. Erst er könne sie mit seiner philosophischen Ausbildung ordnen und ihnen selbst sowie der übrigen Welt vorlegen. Kritische Deutungen sehen darin die Stelle, an der das Buch seine eigene These abschwächte und den Vorurteilen, die es bekämpfte, wieder Raum gab.
Die Jamaa-Bewegung
Aus seiner Missionsarbeit entwickelte Tempels eine Form der Seelsorge, die an Leben, Fruchtbarkeit und die enge Verbundenheit der Menschen anknüpfte. Daraus entstand die Jamaa-Bewegung, eine Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche im Kongo. Die Kirche sah sie mit gemischten Gefühlen, und Tempels durfte ab 1949 nicht mehr als Missionar arbeiten.
Begriffe
- Lebenskraft (vital force)
- Kraft statt Sein
- Rangordnung der Kräfte
- Ethnophilosophie
- „Bantu-Philosophie“
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Tempels. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Henry Odera OrukaPrüfstand: belegt
Oruka kritisierte 1972 Tempels’ „Bantu-Philosophie“ als rückwärtsgewandtes Plädoyer für unphilosophische Überlieferungen und warf ihm und anderen vor, „Philosophie ohne Philosophen“ zu liefern, weil sie nur die Gruppe und keine einzelnen Denkenden darstellten.
Kwasi WireduPrüfstand: belegt
Wiredu kritisiert, dass Placide Tempels Ansichten der Bantu-Gruppe, bei der er als Missionar wirkte, ohne ausreichende empirische Prüfung allen Menschen in Afrika zuschrieb. Dass Tempels dabei einen westlichen Begriff des Seins verwendete, hält Wiredu nicht unbedingt für verwerflich, weil manche Begriffe tatsächlich allgemein gelten; er verlangt aber, solche Darstellungen kritisch auf übergestülpte fremde Begriffe zu prüfen.
Paulin HountondjiPrüfstand: belegt
Hountondji kritisierte Tempels’ „Bantu-Philosophie“, weil das Buch afrikanische Philosophie als anonymes, gemeinsames Weltbild ohne einzelne Denkende darstelle, und belegte diesen Ansatz mit dem abwertenden Begriff „Ethnophilosophie“.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Tempels wurde 1906 in Berlaar in Belgien geboren und nahm als Franziskaner 1924 den Ordensnamen Placide an. Nach der Priesterweihe 1930 lehrte er kurz in Belgien und wurde 1933 in das damalige Belgisch-Kongo versetzt, wo er mit Unterbrechungen bis 1962 blieb.[7]
Biografie belegt
Tempels kam wie viele Missionare mit Lucien Lévy-Bruhls Vorstellung vom „primitiven Denken“ in den Kongo. Nach Jahren unter den Luba lernte er die Sprache Kiluba und die Sprichwörter kennen und erkannte, dass das europäische Bild von Afrika falsch war. Nach zehn Jahren als Missionar in Katanga sah er sein Wirken als gescheitert an, legte die üblichen Handbücher und Katechismen beiseite und suchte im Gespräch mit den Menschen eine angepasste Form der Verkündigung.[3]
Zeitgeschehen belegt
Tempels’ Kapitel erschienen zuerst als Artikel in niederländischer Sprache (1944 und 1945) und wurden 1945 als französisches Buch gedruckt. Der Verlag der Pariser Zeitschrift Présence Africaine brachte 1949 eine von ihm überarbeitete Fassung heraus. Der Kreis um diese Zeitschrift und Denker wie Léopold Sédar Senghor feierten das Buch.[9]
Zeitgeschehen belegt
Innerhalb der Kirche war das Buch umstritten. Seine Vorgesetzten verlängerten 1946 seinen Aufenthalt in Belgien bis 1949, und danach untersagte ihm die Propaganda Fide (die Missionsbehörde des Vatikans), wieder als Missionar zu arbeiten. 1962 kehrte er zurück nach Belgien und durfte nicht mehr veröffentlichen oder öffentlich sprechen. 1964 wurde er nach Rom bestellt; eine Verurteilung sprach das Heilige Offizium nicht aus.[6]
Zeitgeschehen belegt
Unter afrikanischen Intellektuellen gab es zwei Lesarten: Einige sahen in Tempels einen Verbündeten gegen die Rechtfertigungen der Kolonialherrschaft, weil er Afrikanerinnen und Afrikanern Vernunft zusprach. Andere hielten seine Aussagen für irreführend. Der Streit trug dazu bei, dass Forscherinnen und Forscher verschiedener Fächer begannen, die Denksysteme afrikanischer Gruppen zu erkunden.[1]
Kritik
Die Kritik an Tempels hat mehrere Seiten. Paulin Hountondji nannte Tempels’ Ansatz „Ethnophilosophie“: Völkerkunde, die sich als Philosophie ausgibt, das Denken als unveränderliches, gemeinsames Weltbild ohne einzelne Denkende behandelt und sich an ein europäisches Publikum richtet. Als Beleg für diese Ausrichtung auf Europa führte er das letzte Kapitel mit dem Titel „Bantu-Philosophie und unsere Zivilisierungsmission“ an. Henry Odera Oruka warf Tempels und anderen vor, „Philosophie ohne Philosophen“ zu liefern. Eine wohlwollende Darstellung sieht den Wert des Buches nicht in seinen Ergebnissen, die in mehreren Punkten als schwach gelten, sondern in der Herausforderung, die es bedeutete: Es habe der kolonialen Erfindung eines „wilden“ Afrika eine zusammenhängende Ontologie (Lehre vom Seienden), ein Glaubenssystem und eine Ethik entgegengesetzt. Zugleich sei Tempels trotz seiner Wende im Denken der Kolonialzeit und in der Überzeugung von der Überlegenheit des Christentums verhaftet geblieben. Der Philosoph Bernard Matolino urteilt schärfer: Das Buch verbinde Rassismus mit kolonialer Anbiederung und sei geschrieben worden, um das Gelingen der Kolonialaufgabe zu unterstützen. Eine neuere Verteidigung hält dagegen, für den Vorwurf des Rassismus gebe Tempels’ Text keine Grundlage, und liest den Titel des letzten Kapitels als Zugeständnis an seine Förderer in Europa. Hountondji selbst räumte später ein, er sei vielleicht zu hart gewesen, denn das Buch habe viele Denkerinnen und Denker angeregt, mündlich überlieferte Einsichten schriftlich zu fassen.
Wirkung heute
Tempels’ Ansatz bleibt Bezugspunkt für die Frage, wer über das Denken einer Gemeinschaft sprechen darf und wie. Die Debatte, ob es afrikanische Philosophie gibt, gilt heute als weitgehend entschieden, aber die Frage, wie man traditionelles Denken philosophisch ernst nimmt, ohne es von außen zu vereinheitlichen, beschäftigt die Forschung weiter.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team aus einer anderen Kultur oder Branche führst, kannst Du von Tempels beides lernen. Genaues Zuhören und der Respekt vor der Denkweise anderer sind ein Gewinn. Gefährlich wird es, wenn Du für die anderen sprichst und ihre Sicht zu einer Formel verdichtest, ohne sie selbst zu fragen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Tempels über Führung.
Lebensstationen
- 1906Geburt in Berlaar (Belgien)
- 1924Eintritt in ein Franziskanerseminar, Ordensname Placide
- 1930Priesterweihe
- 1933Versetzung in das damalige Belgisch-Kongo
- 1945Das Buch „La philosophie bantoue“ erscheint auf Französisch
- 1949Rückkehr in den Kongo, Verbot, wieder als Missionar zu arbeiten
- 1962Rückkehr nach Belgien
- 1977Tod in Belgien
Werke
La philosophie bantoue (1945; niederländisch Bantoe-filosofie, 1946; englisch Bantu Philosophy, 1959); Catéchèse bantoue (1948); Notre Rencontre (1962)
Lesetipps
- Einstieg
- Britannica, „Bantu philosophy“; Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Africana Philosophy“, Abschnitt zur Debatte um Tempels
- Vertiefung
- Paulin Hountondji, African Philosophy: Myth and Reality (Indiana University Press, 1983, zweite Auflage 1996)
Noch nicht sicher belegt
- Die englische Übersetzung von „Bantu-Philosophie“ wird fast überall mit 1959 angegeben, eine Quelle nennt 1953. Ob Tempels’ Begriff der Lebenskraft auf den Philosophen Henri Bergson zurückgeht, wie einige Fachaufsätze annehmen, ist nicht gesichert. Ob Tempels’ Beschreibung des Denkens der Luba deren eigenen Selbstbeschreibungen entspricht, klären die Quellen nicht. Zu den Jahren einzelner Veröffentlichungen neben dem Hauptwerk sind die Quellen knapp.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Afrika. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Tempels
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-23
- [3]Bantu philosophy · Britannica
- [4]Placide Tempels · Britannica
- [5]Bantu Philosophy by Tempels · Britannica
- [6]dacb.org/stories/demrepcongo/tempels-placide · Webseite
- [7]Placide Tempels · Wikipedia
- [8](nl): Placide Tempels · Wikipedia
- [9]Bantu Philosophy · Wikipedia
- [10]cambridge.org/core/journals/african-studies-review/article/africa-and-the-possibility-of-philosophy-paulin-hountondjis-intellectual-legacy/7C471917CCD0D5EABE5B1358D937024B · Webseite
- [11]radicalphilosophy.com/wp-content/uploads/2025/08/rp219_elnabolsy_hountondji.pdf · Webseite
- [12]tandfonline.com/doi/full/10.1080/05568641.2024.2416459 · Webseite
- [13]onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/meta.12678 · Webseite
- [14]Internet Encyclopedia of Philosophy · abgerufen 2026-10-23
- [15]rep.routledge.com/articles/thematic/african-philosophy-francophone/v-1 · Webseite
- [16]aequatoria.be/tempels/bio.htm · Webseite