Landkarte der Philosophie

Paul Tillich

1886–1965 · Frankfurt am Main, New York, Chicago

Strömung
Phänomenologie und Existenzialismus
Kants Fragen
Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Evangelischer Theologe und Philosoph, der die Fragen der Existenzphilosophie (Angst, Entfremdung, Sinnlosigkeit) in die Theologie holte und damit auch die Psychotherapie, vor allem Rollo May, prägte.

Tillich ist die Brücke von der Existenzphilosophie zur Theologie und zur Psychologie: Er kannte Berdjajew aus dem Berliner Exilumfeld, lehrte in Marburg zeitweise neben Heidegger und wirkte über sein Buch „Der Mut zum Sein“ auf Rollo May.

Kernidee

Mut ist für Tillich die Selbstbejahung des eigenen Seins trotz der Bedrohung durch das Nichtsein. Angst ist das Bewusstsein dieser Bedrohung, und er unterscheidet drei Formen: Angst vor Endlichkeit und Tod, vor Schuld und vor Sinnlosigkeit. Seine Methode der Korrelation stellt die Fragen der menschlichen Existenz neben die Antworten der christlichen Botschaft.

Bekannt für

Man kennt Tillich vor allem für „Der Mut zum Sein“, ein Buch, das auch Leser ohne theologische Vorbildung erreichte. Er war einer der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts und lehrte nach der Vertreibung aus Deutschland in New York, Harvard und Chicago.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Der Mut zum Sein

Tillich bestimmt Mut als die Selbstbejahung des Seins trotz der Drohung des Nichtseins. Angst ist die Erfahrung dieser Drohung, und er unterscheidet die Angst vor dem Tod, vor Schuld und vor Sinnlosigkeit. Wer in einer Umstrukturierung nicht mehr weiß, wofür er arbeitet, erlebt vor allem die dritte Form, die Leere.

Was uns unbedingt angeht

Nach Tillich hat jeder Mensch etwas, das ihn unbedingt angeht, also eine letzte Sorge, auf die er sein Leben ausrichtet. Das kann ein Glaube sein, aber auch Karriere, Erfolg oder Nation. Wenn eine Führungskraft ihre ganze Identität an die Firma hängt, lässt sich das als solche letzte Sorge lesen, die dann auch zerbrechen kann.

Methode der Korrelation

Tillich lässt die Fragen, die aus der menschlichen Lage entstehen, und die Antworten der christlichen Botschaft einander gegenübertreten. Die Fragen kommen aus Entfremdung und Endlichkeit, die er der Existenzphilosophie entnimmt. In einem Coaching entspricht das dem Vorgehen, erst die Frage des Klienten ernst zu nehmen und dann zu prüfen, welche Antwort sie überhaupt trägt.

Begriffe

Mut zum Sein
Angst
Nichtsein
Was uns unbedingt angeht
Methode der Korrelation
Entfremdung

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Schelling: Tillichs Dissertation von 1910 behandelt Schelling, der sein Denken prägte

Schüler

  • Theodor W. Adorno: promovierte in Frankfurt bei Tillich, der ihn als Assistenten betreute
  • Rollo May: wurde laut Wikipedia durch „Der Mut zum Sein“ zu seinem Buch „Der Mut zur Kreativität“ angeregt

Freunde

  • Nikolai Berdjajew: lebenslange Verbindung durch Briefwechsel, ähnliche Kritik an Positivismus und Rationalismus
  • Reinhold Niebuhr: holte ihn 1933 ans Union Theological Seminary in New York

Gegner

  • Nationalsozialisten: entließen ihn 1933 aus dem Staatsdienst nach seinen Schriften gegen die Bewegung

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Theodor W. Adornoungeprüft

    Adorno gehörte laut Wikipedia (en) zu den Assistenten, die in Frankfurt bei Tillich promovierten.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Grundlage für Rollo Mayungeprüft

    Tillich beeinflusste May wesentlich, und May wurde ein enger Freund; er schrieb 1973 das Buch „Paulus“ über ihn.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Martin Heideggerungeprüft

    In Marburg 1924 bis 1925 entwickelte Tillich laut Wikipedia (en) ein fachliches Verhältnis zu Rudolf Bultmann und Martin Heidegger.

  • persönlich verbunden mit Nikolai Berdjajewungeprüft

    Treffen im Berliner Exil und lebenslange Verbindung mit ähnlicher Kritik an Positivismus und Rationalismus.

  • persönlich verbunden mit Rollo Mayungeprüft

    Tillich beeinflusste May wesentlich, und May wurde ein enger Freund; er schrieb 1973 das Buch „Paulus“ über ihn.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Tillich wurde am 13. April 1933 wegen seiner Schriften gegen den Nationalsozialismus aus dem Staatsdienst entlassen und emigrierte in die USA. Der Verlust von Heimat und Stellung steht im Hintergrund seiner Rede von Entfremdung und Ausgesetztheit.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Seine Stelle am Union Theological Seminary verdankte Tillich der Fürsprache von Reinhold Niebuhr, der ihn seit 1919 kannte. Dass er in den USA für ein breites Publikum schrieb, könnte auch mit dieser neuen Lage zusammenhängen.[2]

  • Biografie Deutung

    Tillich diente im Ersten Weltkrieg freiwillig als Militärpfarrer und erhielt das Eiserne Kreuz. Ob diese Erfahrung sein Denken über Angst und Tod geprägt hat, sagt die Quelle nicht, es ist eine naheliegende Deutung.[1]

Kritik

Die christliche Perspektive, die Tillich der Existenzphilosophie entgegenstellt, überzeugt Denker nicht, die Entfremdung ohne Erlösung stehen lassen. Aus den abgerufenen Quellen lassen sich keine einzelnen Kritiker mit Namen belegen, die Wikipedia nennt lediglich, dass sein Werk viele Denker von Barth bis Bonhoeffer beschäftigte.

Wirkung heute

Die Unterscheidung von Angst vor Tod, Schuld und Sinnlosigkeit ist bis heute ein brauchbares Raster, um Ängste einzuordnen. Sein Mutbegriff lebt in der existenziellen Psychotherapie weiter.

Brücke zu Führung und Coaching

Tillichs Unterscheidung hilft, Ängste im Team genauer zu benennen: Geht es um Endlichkeit, etwa die Sorge um den Arbeitsplatz, um Schuld, etwa nach einem Fehler, oder um Sinnlosigkeit, etwa nach einer Strategieänderung? Wer die Art der Angst erkennt, kann anders darauf antworten als mit einem pauschalen Trost. Frage dich im nächsten Gespräch: Wovor genau hat mein Gegenüber Angst, und was braucht es, um trotzdem handlungsfähig zu bleiben?

Lebensstationen

  1. 1886Geburt in Starzeddel bei Guben
  2. 1910Promotion in Breslau mit einer Arbeit über Schelling
  3. 1929Professur für Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main
  4. 1933Entlassung durch die Nationalsozialisten, Emigration in die USA
  5. 1940Erwerb der US-Staatsbürgerschaft
  6. 1965Tod in Chicago

Werke

Die sozialistische Entscheidung (1933); Auf der Grenze (1936); Der Mut zum Sein (1953); Systematische Theologie, 3 Bände (1951 bis 1963 nach englischer Ausgabe); Dynamik des Glaubens (1957)

Anekdote belegt

Als Reinhold Niebuhr im Sommer 1933 Deutschland besuchte, erfuhr er von Tillichs Entlassung und überzeugte ihn, an das Union Theological Seminary in New York zu kommen. Tillich nahm an.[2]

Lesetipps

Einstieg
Paul Tillich, Der Mut zum Sein (deutsche Ausgabe, im Werkverzeichnis der deutschsprachigen Wikipedia für 1953 geführt): der Einstieg in seine Angsttypen und sein Mutverständnis
Vertiefung
Werner Schüßler, Paul Tillich (Beck'sche Reihe Denker, 1997)

Noch nicht sicher belegt

  • Das Erscheinungsjahr der deutschen Erstausgabe von „Der Mut zum Sein“ ist nur über die Werkliste der deutschen Wikipedia (1953) belegt; die englische Wikipedia nennt 1952 für das Original. Der genaue Zeitraum von Tillichs Kriegsdienst als Militärpfarrer wurde nicht abgerufen. Der Marburg-Kontakt zu Heidegger stammt nur aus der englischen Wikipedia. Tillich als Lehrer von Rollo May ist nicht belegt, nur die Wirkung seines Buches. Die SEP hat keinen Tillich-Eintrag unter der abgefragten Adresse, IEP war nicht abrufbar. Die Quelle für den Werkzeitraum der Systematischen Theologie (1951 bis 1963) ist die englische Wikipedia, die deutsche nennt 1955/1958/1966.

Wege durchs Netz

  • Angst, Mut und Sinn

    Tillich: Mut heißt, das eigene Sein trotz der Bedrohung durch Tod, Schuld und Sinnlosigkeit zu bejahen.

Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Tillich

  1. [1]Paul Tillich, Wikipedia (de) · Wikipedia
  2. [2]Paul Tillich, Wikipedia (en) · Wikipedia

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