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Landkarte der Philosophie

Ueda Shizuteru

Philosoph und Religionsphilosoph · 1926–2019 · Tokio, Kyoto (Japan); Marburg (Deutschland)

Kernidee in Kürze

Ueda geht von Nishidas Philosophie des Ortes und Nishitanis Feld der Leere aus und denkt sie als zweifache Welt: Der Mensch lebt in einem durch Sprache gedeuteten Lebenshorizont, und dieser Horizont ruht in einer unbegrenzten leeren Weite. Das wahre Selbst gewinnt sich, indem es sich verneint, es ist ein Selbst, das kein Selbst ist.

Kapitel
Asien (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wie lebt ein Mensch in einer sprachlich gedeuteten Welt und bleibt zugleich frei, wenn sein Ich nicht das letzte Wort hat?

Position
Das wahre Selbst verneint sich und ist gerade dadurch frei und offen für andere.
Einwand
Eine naheliegende Rückfrage lautet, wie eine Weite, die jenseits des begrifflichen Verstehens liegt, doch in Grenzmomenten der Sprache erfahren werden kann. Eine ausgearbeitete Kritik an seiner Philosophie ist bisher nicht belegt.
Verbindung
Ueda war Schüler von Nishitani, greift Nishida und Heidegger auf und erforschte Meister Eckhart.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Ueda war

Japanischer Religionsphilosoph, Eckhart-Forscher und Laienmeister des Zen, zentrale Figur der dritten Generation der Kyoto-Schule.

Ueda wurde 1926 geboren, kam also erst kurz vor Kriegsende an die Universität und gehört zur Generation nach den Gründern der Kyoto-Schule. Er studierte bei Nishitani, promovierte in Marburg über Meister Eckhart und lehrte in Kyoto. Er übte Zen und erhielt die Bestätigung eines Laienmeisters. Für die Wiederbelebung der Nishida-Forschung ab den 1980er Jahren war er eine führende Stimme.

Kernidee genauer

Wer so frei ist, kann in der Sprache nicht nur sprechen, sondern auch aus ihr heraus- und wieder in sie hineingehen und dadurch freier und verantwortlicher handeln.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Ueda lernte Zen zuerst durch ein Buch von D. T. Suzuki kennen, als er fünfundzwanzig war, und übte es dann unter dem Einfluss Nishitanis. Nach eigener Aussage beeinflusste seine Vertrautheit mit Zen, wie er Meister Eckhart verstand, auch wenn er beide nicht zunächst miteinander vergleichen wollte.[3]

Fundstelle: Abschnitt Ueda’s life

Bekannt für

Man kennt Ueda für die Verbindung von Zen und Meister Eckhart und für seine Philosophie der zweifachen Welt. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einem schwierigen Gespräch kurz schweigst, anstatt die festen Formeln zu wiederholen, und dann neu zu sprechen beginnst, gehst Du im Sinne Uedas aus der Sprache heraus und in sie hinein.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die zweifache Welt

Ueda sagt, das Selbst lebe in zwei Schichten. Die erste ist der geschichtliche Horizont des Alltags, in dem Dinge durch Sprache Bedeutung haben. Dieser Horizont ruht in einer unbegrenzten leeren Weite (kokū), dem Ort des absoluten Nichts, der die Welt umfasst und die Freiheit des Einzelnen trägt. Ueda greift dabei auf Nishidas Philosophie des Ortes und auf Heideggers Beschreibung des In-der-Welt-seins zurück.

Das Selbst, das kein Selbst ist

Das wahre Selbst ist nach Ueda kein in sich abgeschlossenes Ich. Es gewinnt sich in einer immer neuen Bewegung, in der es sich selbst verneint und für andere und für die leere Weite öffnet. Dafür steht seine Formel „Ich bin, indem ich nicht ich bin, ich.“ So versteht Ueda, was Nishitani das Selbst nannte, das kein Selbst ist.

Sprache

Ueda stimmt Heidegger zu, dass Sprache das Haus des Seins ist, fügt aber hinzu, ein Haus sei erst dann ein Zuhause, wenn man es verlassen und wieder betreten kann; sonst sei es ein Vogelkäfig oder ein Gefängnis. Er beschreibt eine Bewegung des Herausgehens aus der Sprache und des Hineingehens in die Sprache. Das Jenseits der Sprache soll dabei kein unsagbares mystisches Reich sein, sondern in Grenzmomenten der Sprache erfahren werden, wo es sprachliche Horizonte zugleich durchbricht und verbindet.

Meister Eckhart und Zen

Ueda schrieb seine Doktorarbeit über Meister Eckhart. Er sieht bei Eckhart den Gedanken, zu einem leeren und freien Ursprung zurückzukehren, und findet ihn in noch klarerer Form im Zen. Zugleich wendet er ein, dass Eckharts Nichts wie das der negativen Theologie am Ende auf ein unaussprechlich höheres Sein verweist, während das Zen ein Nichts sucht, das in den konkreten Dingen des Hier und Jetzt ganz gegenwärtig ist.

Begriffe

zweifache Welt (nijū sekai
der Lebenshorizont des Alltags
der in einer unbegrenzten leeren Weite ruht)
leere Weite (kokū
ein buddhistischer Ausdruck für Leere bzw. śūnyatā)
das Selbst
das kein Selbst ist (jiko narazaru jiko)
Herausgehen aus der Sprache und Hineingehen in die Sprache

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: hat Ueda unterrichtet.

  • Nishitani KeijiPrüfstand: belegt

    Ueda Shizuteru studierte bei Nishitani in Kyoto; Nishitani war der Lehrer, der ihn am stärksten prägte.

Übernimmt Gedanken von

Ueda übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Martin HeideggerPrüfstand: belegt

    Ueda nimmt Heideggers Beschreibung des In-der-Welt-seins und die Rede von der Sprache als Haus des Seins auf, entwickelt daraus aber den eigenen Gedanken der zweifachen Welt und der Bewegung aus der Sprache heraus und in sie hinein.

  • Nishida KitarōPrüfstand: belegt

    Ueda Shizuteru, ein Schüler von Nishitani, schrieb später in seiner Laufbahn ausführlich über Nishidas Leben und Denken und griff dessen Philosophie des Ortes für seine eigene Philosophie der zweifachen Welt auf.

Untersucht

Ueda untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.

  • untersucht Meister EckhartPrüfstand: belegt

    Ueda schrieb seine Doktorarbeit über Meister Eckhart und verglich dessen Mystik mit dem Zen; er hält Eckharts Nichts am Ende noch für den Hinweis auf ein unaussprechlich höheres Sein.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Ueda wurde am 17. Januar 1926 in Tokio geboren. Er war der Sohn eines Priesters der Shingon-Schule des Buddhismus. Den Weg seines Vaters schlug er nicht ein: Er studierte Philosophie und Religion und übte Zen. 1945 begann er das Studium an der Universität Kyoto und schloss 1949 ab.[6]

  • Biografie belegt

    Nishitani Keiji prägte Ueda am stärksten. 1949 hörte Ueda die Vorlesungen, aus denen Nishitanis Buch über den Nihilismus wurde. Unter Nishitanis Einfluss begann er auch Zen zu üben, etwa zu der Zeit, als sich sein Interesse an Meister Eckhart entwickelte.[3]

  • Biografie belegt

    Von 1959 bis 1962 arbeitete Ueda in Marburg und erhielt dort 1963 seinen ersten Doktortitel mit einer Arbeit über Meister Eckhart. 1964 wurde er Dozent für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Kyoto, 1977 Professor für Religionswissenschaft. 1989 wurde er emeritiert und lehrte von 1991 bis 1999 als Gastprofessor an der Hanazono-Universität.[3]

  • Wirkung belegt

    Ueda galt nach Nishitanis Tod 1990 drei Jahrzehnte lang als inoffizieller Dekan der Kyoto-Schule. Er erhielt die Bestätigung als Meister des Rinzai-Zen, obwohl er Laie war, und wurde 2003 erster Präsident der Nishida-Philosophie-Gesellschaft. Er starb am 28. Juni 2019 im Alter von 93 Jahren.[4]

  • Einordnung belegt

    Ueda hat zu Nishidas politischen Schriften den Begriff vom „Tauziehen um die Bedeutung“ geprägt: Nishida habe Schlagworte der Zeit aufgegriffen, um sie zu öffnen, und diesen Kampf um ihre Bedeutung am Ende verloren.[1]

Wirkung heute

Neben Abe Masao und Takeuchi Yoshinori trug er wesentlich dazu bei, Nishidas Philosophie in Europa und Nordamerika bekannt zu machen und den buddhistisch-christlichen Dialog zu führen. Das sind Einschätzungen der Forschung.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn ein Gespräch in festgefahrenen Formeln hängt, kannst Du mit Ueda bewusst eine Pause des Schweigens einlegen und danach neu ansetzen, um in der Sprache wieder beweglich zu sein. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Ueda über Führung oder Coaching.

Lebensstationen

  1. 1926Geburt in Tokio (17. Januar)
  2. 1945Beginn des Studiums an der Universität Kyoto
  3. 1959Studienaufenthalt in Marburg (bis 1962)
  4. 1963Promotion in Marburg mit einer Arbeit über Meister Eckhart
  5. 1977Professor für Religionswissenschaft in Kyoto, Doktor der Literatur seit 1976
  6. 1989Emeritierung in Kyoto
  7. 2003Abschluss der elfbändigen Gesammelten Schriften, erster Präsident der Nishida-Philosophie-Gesellschaft
  8. 2019Tod am 28. Juni

Werke

Die Gottesgeburt in der Seele und der Durchbruch zur Gottheit (1965); Ueda Shizuteru shū (Gesammelte Schriften, elf Bände, 2001 bis 2003); Wer und was bin ich: Zur Phänomenologie des Selbst im Zen-Buddhismus (2011); Language in a Twofold World (Aufsatz, englisch 2011)

Anekdote überliefert

Ueda erinnert sich, dass er an einem Abend zu Nishitanis Zimmer ging, das dunkel war, obwohl die Schiebetür offen stand. Die Dunkelheit schien sich unendlich und durchsichtig auszudehnen, und er fühlte sich für einen Moment ganz geöffnet. Dann stand Nishitani, der in Meditation gesessen hatte, auf und machte das Licht an.[3]

Lesetipps

Einstieg
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „The Kyoto School“, Abschnitt 3.6
Vertiefung
Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Sonderheft „The Legacy of Kyoto School Philosopher Ueda Shizuteru“; Steffen Döll, Wozu also suchen? Zur Einführung in das Denken von Ueda Shizuteru (Iudicium, 2005)

Noch nicht sicher belegt

  • Wo Ueda starb, ist nicht sicher: Eine Darstellung nennt Uji, nach einer anderen lebte er zuletzt in Ōtsu. Als Aufenthalt in Marburg werden 1959 bis 1962 oder 1959 bis 1963 angegeben; der Doktortitel kam 1963. Auch die Angaben zu seinen ersten Stellen in Japan weichen voneinander ab. Friedrich Heiler als Marburger Lehrer nennt nur eine Darstellung; als Betreuer ist Ernst Benz belegt. Die Kyoto-Schule ist in der Forschung unterschiedlich abgegrenzt; Ueda gilt als Mitglied ihrer dritten Generation. Eine ausgearbeitete Kritik an Uedas Philosophie ist bisher nicht belegt.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 6: Japan, Kyoto-Schule. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Ueda

  1. [1]The Kyoto School, Abschnitt 2.3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
  2. [2]Nishida Kitarō, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
  3. [3]Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Davis, Abschnitt Ueda’s life · Webseite
  4. [4]Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Davis; Journal of World Philosophies 5 (2020), Davis, In Remembrance of Ueda Shizuteru · Webseite
  5. [5]Ueda Shizuteru · Wikipedia
  6. [6]Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Davis, Abschnitt Ueda’s life; Wikipedia (deutsch), Shizuteru Ueda
  7. [7]terebess.hu/zen/mesterek/ueda-shizuteru.html · Webseite

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