Nishitani Keiji
Philosoph und Religionsphilosoph · 1900–1990 · Präfektur Ishikawa (Japan), Tokyo, Kyoto; Freiburg (Deutschland)
Kernidee in Kürze
Nishitani sieht die Moderne zwischen zwei Extremen: Das Ich wird zum festen Mittelpunkt, und die Dinge werden zu Objekten der Machbarkeit. Auf der anderen Seite droht ein Nihilismus, der Selbst und Dinge für nichtig erklärt.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie kann ein Mensch in der modernen Welt dem Nihilismus begegnen, ohne ihm zu erliegen oder ihm auszuweichen?
- Position
- Nishitani geht durch die Erfahrung des Nichtigen hindurch bis zur Leere, in der Selbst und Dinge frei sind. Er denkt das aus dem Zen und im Gespräch mit Nietzsche, Heidegger und Eckhart.
- Einwand
- Kritiker sagen, seine Kriegsschriften hätten idealisiert und beschönigt. Zu Nishida wirft er selbst ein, dessen Denken beginne schon jenseits der Spaltung von Ich und Welt.
- Verbindung
- Nishitani baut auf Nishida und Nietzsche auf, studierte bei Heidegger und schrieb über Meister Eckhart. Sein Schüler Ueda Shizuteru wurde die zentrale Figur der dritten Generation der Kyoto-Schule.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Nishitani war
Japanischer Religionsphilosoph, Schüler Nishidas und führende Gestalt der zweiten Generation der Kyoto-Schule, der den Nihilismus überwinden wollte, indem er durch ihn hindurchgeht.
Nishitani wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters in Tokio auf und studierte in Kyoto bei Nishida. Er war als jüngerer Denker an den politisch umstrittenen Gesprächsrunden der Kyoto-Schule im Krieg beteiligt. Nach dem Krieg wurde er mit anderen für einige Jahre aus dem Universitätsdienst ausgeschlossen. Danach schrieb er vor allem über Religion und Nihilismus.
Kernidee genauer
Seine Antwort ist, dem Nihilismus nicht auszuweichen, sondern durch ihn hindurchzugehen. Aus dem Feld der Nihilität gelangt man danach zum Feld der Leere, in dem Dinge weder zu Objekten noch zu Nichts werden, sondern in wechselseitiger Freiheit entstehen und vergehen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Nishitani schreibt, er habe nach dem Tod des Vaters in Nihilität und Verzweiflung gelebt und sich deshalb für das Philosophiestudium entschieden. Er nennt das selbst eine Frage von Leben und Tod. Später formulierte er als Grundproblem seines Lebens die Überwindung des Nihilismus durch den Nihilismus.[3]
Fundstelle: Abschnitt Biography
Bekannt für
Man kennt Nishitani für die Frage nach dem Nihilismus und für sein Buch „Was ist Religion?“, englisch „Religion and Nothingness“. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einer Krise merkst, dass nichts mehr sinnvoll scheint, und Du genau diese Leere zuerst aushältst, statt sie zu übertünchen, näherst Du Dich dem Gedanken, den er den Durchgang durch die Nihilität nennt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Nihilismus als Aufgabe
Nishitani versteht den geschichtlichen Nihilismus als leeres Nichts, das die moderne Welt ohne ethische und religiöse Verankerung überfällt. Er sagt, Humanismus und Wissenschaft könnten das Entweder-Oder aus Vergegenständlichung und Vernichtung nicht lösen, sie hätten es teilweise miterzeugt. Er folgt dem Ruf des Wahnsinnigen bei Nietzsche und fordert, vor der Erfahrung des Nihilismus nicht zu fliehen. Gott als höchstes Seiendes sei tot; ob er als absolutes Nichts wiedergeboren werden kann, bleibt offen. Als Grundproblem seines Lebens nannte Nishitani selbst die Überwindung des Nihilismus durch den Nihilismus.
Drei Felder
Nishitani beschreibt drei Felder: das Feld des Seins und des gespaltenen Bewusstseins, das Feld der Nihilität und das Feld der Leere. Der Weg führt vom ersten durch das zweite zum dritten. Dort kann auch eine echte zwischenmenschliche Begegnung stattfinden.
Verhältnis zu Nishida
Das Feld der Leere entspricht in vielem Nishidas Ort des absoluten Nichts. Nishitani nimmt aber die Probleme der säkularen und technischen Welt und die Kritik von Nietzsche und Heidegger an Metaphysik und Subjekt ernster. Er kritisiert, dass Nishidas Philosophie schon an einem Standpunkt beginne, an dem das gespaltene Ich-Bewusstsein durchbrochen ist, und fragt nach dem Weg dorthin. Er knüpft außerdem deutlicher an den Mahayana-Buddhismus an und schreibt vom „Standpunkt des Zen“.
Heidegger und Eckhart
Von 1937 bis 1939 studierte Nishitani in Freiburg bei Heidegger, der sich damals dem Nihilismus zuzuwenden begann. Der Kontakt mit Heidegger hat ihn nach heutiger Darstellung wohl zum Teil beeinflusst; umgekehrt lud Heidegger ihn offenbar oft zu sich ein, um etwas über Zen zu erfahren. Nishitani deutet Meister Eckharts Gottheit als Hinweis auf ein absolutes Nichts, hält es aber für weit entfernt vom Glauben der christlichen Orthodoxie.
Politik im Krieg und danach
Nishitani gehörte zu den Teilnehmern des Symposiums „Die Überwindung der Moderne“ (1942) und der Gesprächsrunden in der Zeitschrift Chūōkōron, später als Buch „Der weltgeschichtliche Standpunkt und Japan“ (1943). In seinem Buch von 1941 schrieb er, Japan solle nun zum Brennpunkt der Weltgeschichte werden, aber anders als frühere Reiche eine Welt ohne festen Mittelpunkt schaffen; dafür müsse es eine „Nation des Nicht-Ich“ werden statt eines selbstsüchtigen, aggressiven Reichs. Dieser Entwurf gilt heute als idealistisch, er hatte wenig mit der Wirklichkeit der japanischen Expansion zu tun. Ein bleibendes Verdienst könnte nach einer heutigen Darstellung zum Teil in der Kritik am westlichen Imperialismus liegen; die Gesprächsrunden gelten aber auch als berüchtigt, weil sie die Aggression in China und Asien idealisierten und beschönigten. Rückblickend schrieb Nishitani, er habe versucht, dem extremen Nationalismus von innen einen Weg zu seiner Überwindung zu öffnen. In seinem Werk nach 1945 ist eine selbstkritische Wende in der Frage der politischen Rolle des Staates zu erkennen.
Begriffe
- Nihilität (kyomu
- das leere Nichts des Nihilismus)
- Leere (kū bzw. śūnyatā
- das offene Nichts
- in dem Dinge einfach sind)
- Feld der Leere (kū no ba)
- das Selbst
- das kein Selbst ist (jiko narazaru jiko)
- absolutes Nichts
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: haben Nishitani unterrichtet.
Martin HeideggerPrüfstand: belegt
Nishitani studierte von 1937 bis 1939 bei Heidegger in Freiburg. Der Kontakt hat ihn nach heutiger Darstellung wohl zum Teil beeinflusst; umgekehrt lud Heidegger ihn offenbar oft zu sich ein, um etwas über Zen zu erfahren.
Nishida KitarōPrüfstand: belegt
Nishitani studierte in Kyoto bei Nishida und wurde einer seiner bekanntesten Schüler.
Schüler
Persönliches Lehrverhältnis: wurde von Nishitani unterrichtet.
Ueda ShizuteruPrüfstand: belegt
Ueda Shizuteru studierte bei Nishitani in Kyoto; Nishitani war der Lehrer, der ihn am stärksten prägte.
Kritisiert
Nishitani kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Nishida KitarōPrüfstand: belegt
Nishitani schätzt Nishidas Philosophie, hält aber für ungenügend, dass sie das Problem des Nihilismus der Moderne nicht anspricht und schon an einem Standpunkt beginnt, an dem das gespaltene Ich-Bewusstsein überwunden ist.
Übernimmt Gedanken von
Nishitani übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Friedrich NietzschePrüfstand: belegt
Nishitani nimmt Nietzsches Wahnsinnigen auf, der den Tod Gottes verkündet, und fordert, die Erfahrung des Nihilismus nicht zu fliehen, sondern zu durchschreiten.
Untersucht
Nishitani untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Meister EckhartPrüfstand: belegt
Nishitani schrieb ein Buch über die deutsche Mystik mit Schwerpunkt auf Meister Eckhart und deutet dessen Gottheit als Hinweis auf ein absolutes Nichts, das er für weit entfernt vom christlichen Glauben der Orthodoxie hält.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Nishitani wurde 1900 in der Präfektur Ishikawa geboren. Sein Vater starb an Tuberkulose, als er vierzehn Jahre alt war. Später schrieb er, sein Leben als junger Mann sei ohne Hoffnung gewesen, und die Entscheidung für die Philosophie habe er als Frage von Leben und Tod empfunden. Er las Nishidas Buch „Denken und Erfahren“ und schrieb sich an der Kaiserlichen Universität Kyoto ein.[3]
Biografie belegt
Nach dem Abschluss 1924 unterrichtete Nishitani an Oberschulen und an der Ōtani-Universität. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit Schelling und übersetzte zwei seiner Werke ins Japanische. Von 1943 bis 1964 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie und Religion an der Universität Kyoto, danach lehrte er an der Ōtani-Universität.[3]
Biografie belegt
Seine westlichen Studien begannen mit Bergson, Schelling, Nietzsche und den deutschen Mystikern. Von 1937 bis 1939 studierte er bei Heidegger in Freiburg.[1]
Zeitgeschehen belegt
Im Krieg nahm Nishitani an den Gesprächsrunden der Kyoto-Schule teil, die Japan eine führende Rolle in der Weltgeschichte zuschrieben, und an geheimen Treffen mit Offizieren der Marine. Nach dem Krieg wurde er für einige Jahre aus dem Universitätsdienst ausgeschlossen. James Heisig schreibt, dass er nach dem Verbot durch die amerikanische Besatzungsmacht im Juli 1946 kaum noch gesellschaftliches Gewissen in philosophische und religiöse Ideen einbrachte.[3]
Wirkung belegt
1949 hielt Nishitani Vorlesungen über den Nihilismus, die zu seinem Buch Nihirizumu wurden. 1961 erschien sein Hauptwerk „Was ist Religion?“. Die englische Übersetzung „Religion and Nothingness“ (1982) steigerte das Interesse an seinem Denken bei Philosophen, Theologen und Religionswissenschaftlern.[8]
Kritik
Den Gesprächsrunden, an denen er teilnahm, wird vorgeworfen, Aggression in China beschönigt und fragwürdige Vorschläge wie die „Japanisierung“ anderer Völker in Asien gemacht zu haben. Seine eigene Aussage, im Krieg sei man von rechts geschlagen worden und nach dem Krieg von links, schildert das Dilemma der Kyoto-Schule. An Nishida kritisierte er selbst, dessen Philosophie behandle das Problem des Nihilismus nicht ausreichend. Der Buddhismusforscher Paul Swanson fragt, wie Nishitanis Denken zum klassischen Mahayana-Buddhismus steht, und kommt zu dem Schluss, dass das „absolute Nichts“ bei Nishitani im Wesentlichen das meint, was dort Leere und „Mitte“ heißt.
Wirkung heute
Nishitani gilt allgemein als führende Gestalt der zweiten Generation der Kyoto-Schule und als herausragende Stimme der vergleichenden Philosophie zwischen Ost und West und des buddhistisch-christlichen Dialogs. Das sind Einschätzungen der Forschung; der Philosoph Graham Parkes nennt Religion and Nothingness sein Hauptwerk.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du nach einer großen Enttäuschung im Beruf nichts mehr sinnvoll findest, kannst Du mit Nishitani zuerst diese Leere ansehen, statt sie sofort mit Aktivität zu füllen. Das ist eine Übertragung und kein Ersatz für professionelle Hilfe.
Lebensstationen
- 1900Geburt in der Präfektur Ishikawa (27. Februar)
- 1924Abschluss des Studiums an der Universität Kyoto
- 1937Studium bei Heidegger in Freiburg (bis 1939)
- 1940Erstes Buch: Kongen-teki shutaisei no tetsugaku
- 1943Lehrstuhl für Philosophie und Religion an der Universität Kyoto (bis 1964)
- 1946Verbot öffentlicher Ämter durch die amerikanische Besatzung
- 1961Erscheinen von Shūkyō to wa nanika
- 1990Tod am 24. November in Kyoto
Werke
Kongen-teki shutaisei no tetsugaku (Philosophie der ursprünglichen Subjektivität, 1940); Kami to zettai mu (Gott und das absolute Nichts, 1948); Nihirizumu (Nihilismus, 1949); Shūkyō to wa nanika (Was ist Religion?, 1961; englisch Religion and Nothingness, 1982)
Anekdote überliefert
Nishitani soll später einem Schüler gesagt haben: Im Krieg habe man von rechts einen Schlag auf die Wange bekommen, nach dem Krieg von links.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „The Kyoto School“, Abschnitt 3.5
- Vertiefung
- Nishitani Keiji, Religion and Nothingness, übersetzt von Jan Van Bragt (University of California Press, 1982); The Self-Overcoming of Nihilism, übersetzt von Graham Parkes mit Setsuko Aihara (State University of New York Press, 1990)
Noch nicht sicher belegt
- Dass Nishitani auch Schüler Tanabes war, sagt nur eine Darstellung. Wie stark Heidegger auf Nishitani wirkte und umgekehrt, wird nur vorsichtig beschrieben. Eine Darstellung nennt eine Promotion 1924 über Schelling und Bergson, andere nur den Studienabschluss. Wie eng das Verhältnis zum Nationalismus im Krieg war, wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Wie genau sich seine Leere zur klassischen buddhistischen Leere verhält, wird in der Forschung diskutiert. Die deutschen Titel seiner Werke sind, bis auf die deutsche Ausgabe von „Was ist Religion?“, nicht sicher belegt.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 6: Japan, Kyoto-Schule. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Nishitani
- [1]The Kyoto School, Abschnitt 2.3 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
- [2]Nishida Kitarō, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-23
- [3]Nishitani Keiji, Abschnitt Biography · Wikipedia
- [4]otani.repo.nii.ac.jp/record/8735/files/EB24-2-11.pdf · Webseite
- [5]rep.routledge.com/articles/biographical/nishitani-keiji-1900-90/v-1 · Webseite
- [6]Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Davis, Abschnitt Ueda’s life · Webseite
- [7]ucpress.edu/flyer/books/religion-and-nothingness/paper · Webseite
- [8]Comparative and Continental Philosophy 14 (2022), Davis, Abschnitt Ueda’s life; Wikipedia, Religion and Nothingness
- [9]otani.repo.nii.ac.jp/record/8583/files/EB29-1-08.pdf · Webseite