Landkarte der Philosophie · Wie frei bin ich?
Station 5 von 5
Wofür bin ich verantwortlich, wenn ich nicht alles selbst bestimme?
Am Tag nach dem Abend fragt dich jemand: „Warum hast du eigentlich zugesagt, wenn du keine Lust hattest?“ Du antwortest: „Ich konnte nicht anders, ich bin so erzogen, dass ich bei einer Bitte nicht Nein sage.“ Dein Gegenüber nickt, wirkt aber nicht ganz überzeugt. Ist das für dich eine Erklärung, eine Entschuldigung oder eine Ausrede?
Selbst nachdenken
Wann lässt du bei anderen ein „Ich konnte nicht anders“ gelten, und wann bei dir selbst? Machst du da einen Unterschied?
Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.
Regeln im Zusammenleben, um die es auf der vorigen Station ging, funktionieren nur, wenn wir einander für das verantwortlich halten, was wir tun. Genau das wird brüchig, sobald du bemerkst, dass deine Wünsche und deine Prägung nicht von dir gewählt sind. Kann man jemanden für etwas verantwortlich machen, das aus Umständen folgt, die er sich nicht ausgesucht hat? So wird aus der Frage nach der Freiheit die Frage nach der Verantwortung.
Eine Antwort von P. F. Strawson · Deutung aus der Forschung
Verantwortung zeigt sich in unseren Reaktionen aufeinander
Einfach gesagt
Strawson meint, du musst nicht erst klären, ob alles im Voraus festgelegt ist, um Menschen verantwortlich zu halten. Wir tun das längst, wenn wir uns bedanken, uns ärgern oder verzeihen. Diese Reaktionen gehören so tief zum Zusammenleben, dass auch die Wahrheit des Determinismus, also der Annahme, dass die Vergangenheit und die Naturgesetze genau eine Zukunft festlegen, sie nicht abschaffen könnte.[3][1][2][4]
Wie das begründet wird
Strawson unterscheidet zwei Blickwinkel auf andere Menschen. In der teilnehmenden Haltung erwartest du etwas von ihnen und reagierst mit Dankbarkeit, Ärger oder Verzeihen darauf, wie sie dir gegenüber eingestellt sind. In der objektiven, distanzierten Haltung siehst du sie als Teile der Natur, die man erklären und beeinflussen kann. Beide hält er für berechtigt, aber die teilnehmende Haltung könntest du nach seiner Überlegung nicht ganz gegen die objektive eintauschen, und der Determinismus würde dir dafür auch keinen Grund geben.[3][1][2]
Ein Beispiel
Jemand rempelt dich im Treppenhaus an, und dein Kaffee läuft über. Du ärgerst dich, bis du hörst, dass er selbst geschubst wurde, und der Ärger verfliegt. Hätte er dich aus Geringschätzung angerempelt, bliebe er bestehen. Bei einem kleinen Kind ärgerst du dich gar nicht erst im selben Sinn, sondern gehst anders mit der Lage um.[3][2]
Ein ausgedachtes Beispiel.
Was diese Antwort gut erklärt
Der Ansatz erklärt, warum wir im Alltag so genau zwischen Versehen und Absicht oder zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden, ohne vorher die Frage nach der Festlegung aller Dinge klären zu müssen. Er nimmt außerdem die Sorge, dass die Wahrheit des Determinismus unser Miteinander sinnlos machen müsste.[3][2]
Genauer betrachtet: Reaktive Haltungen
So nennt Strawson Gefühle wie Dankbarkeit, Ärger, Verzeihen und Liebe. Mit ihnen antworten wir darauf, ob uns jemand mit Wohlwollen, mit Böswilligkeit oder gleichgültig begegnet. Man unterscheidet seither zwei Arten von Fällen, in denen wir sie zurücknehmen: Bei einer Entschuldigung bleibt jemand grundsätzlich ansprechbar, aber die Umstände ändern den Fall, etwa weil er selbst gestoßen wurde. Bei einer Ausnahme ist jemand dauerhaft oder zeitweise nicht der passende Adressat, etwa ein kleines Kind oder ein Mensch mit einer schweren psychischen Erkrankung. Weil Strawson so ohne die Frage auskommt, ob man anders hätte handeln können, gilt seine Überlegung als wichtige Stütze für Kompatibilisten.[3][1][2][4]
Häufiges Missverständnis
Strawson behauptet nicht, dass der Determinismus falsch ist, sondern dass er unser Verantwortlichhalten selbst dann nicht untergraben würde, wenn er wahr wäre. Dein Ärger ist für ihn auch keine bloße Laune: Er richtet sich danach, welchen Willen jemand dir gegenüber zeigt, und darum bleiben Entschuldigungen und Ausnahmen gültig.[3][1][2]
Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt
Einwand von Paul Russell
Der Determinismus würde zwar nicht zeigen, dass alle Menschen gestört oder unreif sind, wie Strawson betont. Er könnte aber zeigen, dass auch ganz normale Menschen auf eine Weise unfähig sind, die für Verantwortung zählt. Diesen Einwand formuliert der Philosoph Paul Russell in einem Aufsatz von 1992.[2]
Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird
Man kann Strawson so lesen, dass Verantwortung nur aus den Reaktionen besteht, die in einer Gemeinschaft üblich sind. Dann könnte jede Gewohnheit des Verantwortlichhaltens schon deshalb als berechtigt gelten, weil sie die unsere ist, und wäre keiner Kritik mehr zugänglich.[2]
Eine mögliche Antwort darauf: Darauf antworten spätere Vertreter dieser Sichtweise, nicht Strawson selbst. Der Philosoph R. Jay Wallace (1994) hält eine Welt von Verantwortungstatsachen, die ganz unabhängig von unserer Praxis besteht, für kaum sinnvoll denkbar. Er zeigt aber, dass diese Praxis um eine Verpflichtung auf Fairness herum aufgebaut ist, und entwickelt daraus Bedingungen dafür, wann man jemanden zu Recht verantwortlich macht.
Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird
Strawson hält unsere Beteiligung an Beziehungen für zu tief verwurzelt, als dass wir sie aufgeben könnten. In der Fachdiskussion wird bezweifelt, ob das stimmt und ob ein Verzicht darauf unser moralisches Leben wirklich so verzerren würde.[2][3]
In der Forschung umstritten: Umstritten ist, ob Strawson Verantwortung geradezu aus den Reaktionen erklärt, sodass sie davon abhängt, oder ob er nur zeigt, dass beides zusammengehört.
Noch nicht sicher belegt
- Die Einwände stützen sich allein auf die Darstellung in der Stanford Encyclopedia of Philosophy; die genannten Aufsätze (etwa Russell 1992) wurden nicht selbst gelesen.
- Strawsons Aufsatz selbst wurde nicht eingesehen; die Darstellung folgt den Fachlexika, und es werden keine Zitate daraus verwendet.
- Zum Einwand von Paul Russell nennt keine der gelesenen Quellen eine Antwort Strawsons oder seiner Verteidiger; die Antwort wurde deshalb gestrichen. Der frühere Text gab dort nur Strawsons eigene These wieder, die der Einwand schon voraussetzt.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)
- SEP Peter Strawson, 8. “Freedom and Resentment” (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Beispiel, Genauer betrachtet, Missverständnis, Stärke)
- Internet Encyclopedia of Philosophy, Free Will, 5. Arguments for Compatibilism, c. Strawson’s Reactive Attitudes (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Genauer betrachtet, Missverständnis)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, Moral Responsibility, 2.2.1 “Freedom and Resentment” (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Beispiel, Genauer betrachtet, Missverständnis, Stärke)
- Wikipedia Peter Strawson, Abschnitt „Freedom and Resentment“ (stützt: Einfach gesagt, Genauer betrachtet)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, Moral Responsibility, 2.2.2 Criticisms of Strawson’s Approach (stützt: Einwand 1, Einwand 2, Einwand 2, Einwand 3)
- SEP Peter Strawson, 8. “Freedom and Resentment” (stützt: Einwand 3)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, Moral Responsibility, Bibliography (Russell, Paul, 1992, „Strawson’s Way of Naturalizing Responsibility“; Wallace, R. Jay, 1994, Responsibility and the Moral Sentiments) (stützt: Einwand 1, Einwand 2)
Eine Antwort von Jean-Paul Sartre · Deutung aus der Forschung
Du bist für deine Antwort auf deine Lage verantwortlich
Einfach gesagt
Für Sartre bist du frei, ob du willst oder nicht. Umstände wie Herkunft, Körper oder Lage setzen Grenzen, aber sie legen nicht fest, was sie für dich bedeuten und wie du darauf antwortest. Deshalb bist du für deine Antwort voll verantwortlich, und ein „Ich konnte nicht anders“ ist nach Sartre oft eine Form von Selbsttäuschung.[5][6][7][8]
Wie das begründet wird
Sartre geht davon aus, dass Bewusstsein anders ist als ein Ding: Es kann sich zu allem Gegebenen verhalten und es verneinen. Auch eine Tatsache wie Armut bestimmt nicht von allein, wie du sie auffasst, sondern du gibst ihr durch eine meist unausgesprochene Wahl ihre Bedeutung. Wer sich auf Herkunft oder seelische Faktoren beruft, als sei er ein Ding, das nur Ursachen folgt, übergeht diese Wahl. Sartre nennt das schlechten Glauben.[5][6]
Ein Beispiel
Sartre beschreibt einen Wanderer, der erschöpft zu Boden sinkt. Seine Müdigkeit war zuerst nur Hintergrund und wird erst dadurch zum Grund aufzugeben, dass er sich ihr zuwendet, auch wenn er das nicht ausdrücklich bemerkt. Auf deinen Abend übertragen (das ist unsere Anwendung, kein Beispiel von Sartre): Nach seinem Gedanken legt auch deine Erziehung nicht von selbst fest, wie du auf eine Bitte antwortest. Was sie für dich bedeutet, gibst du ihr mit deiner Antwort.[5]
Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.
Was diese Antwort gut erklärt
Die Position nimmt ernst, wie leicht wir uns mit dem Hinweis auf Erziehung oder Charakter aus der Verantwortung stehlen. Sie erklärt, wie diese Selbsttäuschung funktioniert, und sie lässt dir auch dort Raum zu antworten, wo vieles vorgegeben ist.[5][6]
Genauer betrachtet: Schlechter Glaube (mauvaise foi)
Schlechten Glauben nennt Sartre es, wenn du nur eine Seite deiner Lage gelten lässt, entweder nur deine Tatsachen oder nur deine Freiheit. Sein bekanntestes Beispiel ist ein Kellner, der seine Rolle so spielt, als sei sein Verhalten durch sie festgelegt, und sich damit die Last abnimmt, selbst zu entscheiden. Freiheit bedeutet bei Sartre dabei keine Macht, alles zu erreichen, sondern dass du nicht vermeiden kannst, dich zu deiner Lage zu verhalten. Er dehnt die Verantwortung aus, denn wer wählt, zeigt zugleich, was ein Mensch sein kann, und er sieht Verantwortung auch für gemeinsame Lagen wie Unterdrückung.[5][6][7]
Häufiges Missverständnis
Sartre behauptet nicht, dass du alles tun oder erreichen kannst, und er leugnet Zwänge nicht, denn sie gehören zu deiner Lage. Seine Freiheit ist auch keine Willkür, sondern immer die Freiheit in einer bestimmten Situation. Das Beispiel des Wanderers kommt an eine Grenze: Es geht um eine meist nicht ausdrückliche Wahl, nicht um einen Entschluss, den du dir klar vorgenommen hast.[5][6]
Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt
Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird
Eine Verantwortung, die fast alles an die eigene Deutung bindet, droht zu unterschätzen, wie stark Druck von außen Menschen festhalten kann. Simone de Beauvoir zieht in ihrer „Ethik der Zweideutigkeit“ (1947) eine Grenze, die das deutlich macht: Wer ausgebeutet, versklavt oder terrorisiert wird, dessen Unterwerfung unter fremde Autorität zählt für sie nicht als schlechter Glaube. Sie formuliert das als ihre eigene Position, nicht ausdrücklich als Kritik an Sartre.[6][9][5]
Eine mögliche Antwort darauf: Für Sartre gehören körperliche und soziale Zwänge zur Lage dazu, und Freiheit heißt bei ihm nicht, alles tun zu können, sondern dass du dich zu deiner Lage verhalten musst. In späteren Arbeiten beschreibt er die konkreten sozialen und geschichtlichen Grenzen eines Lebens deutlich genauer.
Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird
Es kann so wirken, als setze Sartre schon voraus, was er zeigen will, nämlich dass der Mensch radikal frei ist.[5]
Eine mögliche Antwort darauf: Sartre begründet sein Bild als beste Erklärung für das, was wir erleben, etwa das Verneinen, die Angst und den schlechten Glauben.
In der Forschung umstritten: Wie radikal Sartres Freiheitsbegriff gemeint ist und wie sein Begriff des schlechten Glaubens richtig zu deuten ist, wird in der Forschung bis heute unterschiedlich gelesen.
Noch nicht sicher belegt
- Seitenangaben im Primärtext (Das Sein und das Nichts) wurden nicht geprüft, belegt ist nur, was die Sekundärquellen darstellen.
- Die Quellen stellen Beauvoirs Grenzziehung als ihre eigene Position dar, nicht ausdrücklich als Kritik an Sartre.
- Der Einwand, Sartre setze voraus, was er zeigen will, wird in der Quelle als möglicher Eindruck formuliert und nicht einer bestimmten Person zugeschrieben.
- Der Beauvoir-Einwand ist redaktionell gestellt (ohne Zuschreibung als Einwand), weil die Quelle Beauvoirs Grenzziehung als ihre eigene Position darstellt und nicht als Kritik an Sartre; Beauvoir wird im Text nur als Beleg für die Grenze genannt.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre, 4.1 Negation and Freedom (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Beispiel, Genauer betrachtet, Missverständnis, Einwand 2, Einwand 2)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre, 4.2 Bad Faith and the Critique of Freudian Psychoanalysis (stützt: Begründung, Genauer betrachtet)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre, 5. Existential Psychoanalysis and the Fundamental Project (stützt: Begründung, Stärke)
- Internet Encyclopedia of Philosophy: sartre-ex, 2. Early Works, c. Ethics (stützt: Einfach gesagt, Begründung, Stärke)
- Internet Encyclopedia of Philosophy: sartre-ex, 4. The For-Itself in Being and Nothingness, b. The Project of Bad Faith (stützt: Begründung, Genauer betrachtet, Stärke)
- Internet Encyclopedia of Philosophy: sartre-ex, 6. Authenticity, a. Freedom (stützt: Einfach gesagt, Genauer betrachtet, Missverständnis, Einwand 1)
- Wikipedia, Aspekte des Existenzialismus (stützt: Einfach gesagt, Genauer betrachtet)
- Wikipedia, Existentialism (stützt: Einfach gesagt)
- SEP, 5. The Ethics of Ambiguity : Bad Faith, the Appeal, the Artist (stützt: Einwand 1)
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre, 5. Existential Psychoanalysis and the Fundamental Project (stützt: Einwand 1)
- SEP, 1. Life and Works (stützt: Einwand 1)
Verbindungen an dieser Station
Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre kannten sich persönlich. belegt
Warum diese Verbindung?
Beauvoir und Sartre waren ein Leben lang Gesprächspartner, und Beauvoirs Denken entwickelte sich neben und oft gegen seines, darum lohnt es, ihre Grenze für den schlechten Glauben neben Sartres Verantwortungsbegriff zu lesen.
Beauvoir und Sartre lernten sich bei der Vorbereitung auf die Agrégation kennen, schlossen 1929 ihren Pakt einer offenen Beziehung, blieben ein Leben lang verbunden und gaben gemeinsam die Zeitschrift Les Temps Modernes heraus.
Art der Verbindung: Persönlicher Kontakt. Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere. Prüfstand dieser Station: Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21).
Quellen dieser Station
- [1]Internet Encyclopedia of Philosophy, Free Will · Internet Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Moral Responsibility · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21
- [3]SEP Peter Strawson · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Wikipedia Peter Strawson · Wikipedia
- [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [6]Internet Encyclopedia of Philosophy: sartre-ex · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [7]Wikipedia · Wikipedia
- [8]Wikipedia · Wikipedia
- [9]SEP · Stanford Encyclopedia of Philosophy