Zum Inhalt springen

Landkarte der Philosophie · Wann ist gut genug?

Zwei Blickrichtungen auf das Genug

Der gemeinsame Fall

Am nächsten Morgen sagt eine Kollegin vor dem Termin: „Leg dir eine klare Schwelle fest und hör auf, wenn sie erreicht ist.“ Ein Kollege hält dagegen: „Solange du glaubst, alle erwarten Perfektion, hilft dir keine Schwelle.“

Am selben Abend lassen sich zwei Fragen stellen: Mit Simon fragst du, ob die Präsentation eine Schwelle erreicht hat, die du vorher für die Sache gesetzt hast. Mit Winnicott fragst du, in welchem Verhältnis du zu den Erwartungen anderer stehst und ob hinreichend gut nicht schon genügt. Oft führen beide zur selben Handlung, nämlich aufzuhören, auseinander gehen sie, wenn die Schwelle erreicht ist und das Gefühl, es reiche nicht, trotzdem bleibt. Die Gegenüberstellung ist redaktionell, und keine der beiden Positionen ist die richtige Antwort auf deinen Abend.

Redaktionelle Kreuzung: keine historische Abstammungslinie. Keine Richtung ist ein Ausgang, auf den du dich festlegst.

Welcher Einwand trifft dich am ehesten?

Wähle eine Frage. Du siehst darunter eine kurze Antwort, und die dazu passenden Richtungen stehen zuerst offen. Alle anderen bleiben erreichbar, und alle Wege führen zum selben Punkt am Ende.

Ich setze mir einfach eine Schwelle und höre dann auf.

Damit bist du nah an Simons satisficing: Du prüfst Möglichkeiten, bis eine das vorher gesetzte Anspruchsniveau erreicht, und hörst dann auf. Die Schwelle muss aber vorher feststehen, sonst kann sie nach jeder Runde höher wandern. Die zweite Richtung bleibt erreichbar: Hewitt und Flett beschreiben die Überzeugung, wichtige Menschen verlangten Vollkommenheit, und wer so glaubt, legt die Schwelle womöglich so hoch, dass sie nie erreicht wird; das ist unsere Folgerung.

Was diese Antwort kostet

Wenn die Schwelle entscheidet: Was tust du, wenn sie erreicht ist und das Gefühl, es reiche nicht, trotzdem bleibt?

Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.

Dazu passen diese Richtungen: Herbert A. Simon.

Zugeklappt, aber erreichbar: Donald W. Winnicott. Diese Blickrichtung beantwortet deine Frage nicht direkt; du kannst sie trotzdem aufklappen.

Mehr dazu: Station 3, Wann höre ich auf zu optimieren?

Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen

Solange ich glaube, dass alle Perfektion erwarten, hilft keine Schwelle.

Dafür spricht der Gedanke von Hewitt und Flett, dass Perfektionismus auch von der Überzeugung kommen kann, wichtige Menschen verlangten Vollkommenheit. Mit Winnicott lässt sich fragen, ob hinreichend gut nicht schon genügt. Dass eine Schwelle allein diese Überzeugung nicht auflöst, ist unsere Folgerung. Simon bleibt eine weitere Blickrichtung: Mit ihm fragst du, was die Sache selbst verlangt.

Was diese Antwort kostet

Wenn sich erst dein Verhältnis zu den Erwartungen ändern muss: Was gibst du morgen früh ab, bevor sich daran etwas geändert hat?

Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.

Dazu passen diese Richtungen: Donald W. Winnicott.

Zugeklappt, aber erreichbar: Herbert A. Simon. Diese Blickrichtung beantwortet deine Frage nicht direkt; du kannst sie trotzdem aufklappen.

Mehr dazu: Station 4, Für wen muss es perfekt sein?

Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen

Ich glaube, es braucht beides.

Beide Fragen lassen sich verbinden: Eine Schwelle sagt dir, was die Sache verlangt, und die Frage nach dem Maßstab zeigt dir, warum du trotzdem weitermachen willst. Simon und Winnicott haben das nicht zusammen gedacht, die Verbindung ist unsere. Beides zu wollen, beantwortet aber noch nicht, womit du heute Nacht anfängst.

Was diese Antwort kostet

Wenn es beides braucht: Womit fängst du heute Nacht an, wenn du nur eines tun kannst?

Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.

Dazu passen diese Richtungen: Herbert A. Simon, Donald W. Winnicott.

Mehr dazu: Station 4, Für wen muss es perfekt sein?

Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen

Ich will wissen, was ich vor dem Termin sage.

Keine der beiden Blickrichtungen gibt dir einen Satz vor. Sie liefern Fragen: Welche Schwelle hast du für die Sache gesetzt, und wessen Maßstab legst du an? Was du sagst, hängt auch davon ab, wie viel an dem Termin hängt und wie deine Geschäftsleitung mit offenen Punkten umgeht. Die letzte Station fragt, ob eine offene Stelle sogar etwas öffnen kann. Ein möglicher Satz für das Gespräch steht im Abschluss des Weges.

Was diese Antwort kostet

Würdest du dir eine feste Regel geben, etwa nach dem Erreichen der Schwelle keine Folie mehr zu ändern, auch wenn dir am Morgen noch ein besserer Satz einfällt? Und wer entscheidet, wann ein Fehler wichtig genug ist, um ihn doch zu beheben?

Eine Frage zum Weiterdenken, keine Falle. Es geht darum, den Preis deines Maßstabs zu sehen.

Dazu passen diese Richtungen: Herbert A. Simon, Donald W. Winnicott.

Zum möglichen Satz für das Gespräch im Abschluss

Mehr dazu: Station 5, Kann Unfertiges wertvoll sein?

Weiter zum gemeinsamen Punkt: Hier kommen die Positionen zusammen

Richtung 1 von 2

Hat die Präsentation die Schwelle erreicht, die du für die Sache gesetzt hast?

Herbert A. Simon

Du bekommst ein Ende für deine Suche, das du vorher festlegen und an dem du dich messen kannst.

Redaktionell: PerspektivwechselSimon und Winnicott verwenden beide den Gedanken des Gutgenug, Simon für die Schwelle einer Suche, Winnicott für eine Beziehung. Die Gegenüberstellung ist redaktionell.

Das Kernargument

Simon beschreibt satisficing als das Verfahren, Möglichkeiten zu prüfen, bis eine eine vorher gesetzte Schwelle des Annehmbaren erreicht, das Anspruchsniveau. Nach einer Darstellung hielt er das Ziel, das Beste zu finden, im wirklichen Leben fast immer für unerreichbar, weil die Umwelt verwickelt ist und Menschen nur begrenzt Informationen verarbeiten. Wer genügt, braucht nur eine Rangfolge und eine Schwelle.

Am Fall

Als unser Beispiel und nicht als Fall von Simon: Du legst vor der letzten Runde fest, dass die Präsentation das Problem, den Vorschlag und die Kosten klar benennt und in zwanzig Minuten passt. Ist das erfüllt, schließt du die Datei, auch wenn dir noch eine schönere Grafik einfiele.

Ein ernsthafter Einwand

Simon selbst sah das Genügen anfangs als schwachen Ersatz für vollständige Rationalität. Die Befragungen von Schwartz und Kollegen zeigen außerdem nur einen Zusammenhang zwischen Maximieren und Unzufriedenheit und keinen Beleg für eine Ursache.

Vertiefen in Station 3: Wann höre ich auf zu optimieren?

Richtung 2 von 2

Nach wessen Maßstab muss die Präsentation genügen, und wäre hinreichend gut nicht schon genug?

Donald W. Winnicott

Du fragst, ob eine erreichte Schwelle dich beruhigen kann, solange der Maßstab von einem Bild dessen kommt, was andere erwarten.

Redaktionell: PerspektivwechselWinnicott fragt nicht nach der Schwelle einer Suche, sondern nach einem Verhältnis, in dem kleine Enttäuschungen zum Wachsen gehören. Die Gegenüberstellung mit Simon ist redaktionell.

Das Kernargument

Winnicott beschreibt die hinreichend gute Mutter, die sich anfangs fast ganz auf die Bedürfnisse des Säuglings einstellt und diese Anpassung nach und nach zurücknimmt, so weit, wie das Kind ihr Versagen verkraften kann. Nach einer Darstellung stärken diese dosierten Enttäuschungen das wachsende Ich. Fehlt eine solche Umgebung, kann ein falsches Selbst entstehen, das sich den Erwartungen anderer fügt. Unabhängig von Winnicott beschreiben Hewitt und Flett einen Perfektionismus, bei dem man glaubt, wichtige Menschen verlangten Vollkommenheit; die Nähe zu Winnicott ist unsere Gegenüberstellung.

Am Fall

Als unser Beispiel und nicht als Fall von Winnicott: Du merkst, dass du nicht für die Sache feilst, sondern für die Vorstellung, die Geschäftsführerin erwarte einen fehlerlosen Auftritt. Statt einer weiteren Runde fragst du dich, ob sie das je verlangt hat, und was ein hinreichend guter Auftritt für dieses Gespräch wäre.

Ein ernsthafter Einwand

Winnicott wird Romantik und Idealismus vorgeworfen und auch, dass er der Mutter die Schuld gebe, wenn etwas schiefgeht. Er spricht über Säuglinge und Mütter, und die Übertragung auf Arbeit ist unsere.

Vertiefen in Station 4: Für wen muss es perfekt sein?

Hier kommen die Positionen zusammen

Aufhören, aber woran gemessen?

An deinem Abend können beide Richtungen zur selben Handlung führen: Du hörst auf und gibst die Präsentation ab. Mit Simon ist das richtig, weil eine vorher gesetzte Schwelle erreicht ist. Mit Winnicott, auf deinen Abend übertragen, ist es richtig, weil hinreichend gut genügen kann. Auseinander gehen die Richtungen, wenn die Schwelle erreicht ist und du trotzdem nicht loslassen kannst: Dann liegt die Frage mit Winnicott sowie Hewitt und Flett nicht mehr bei den Folien, sondern bei dem Maßstab, den du anderen zuschreibst.

Selbst weiterdenken

Was verändert das an deiner ersten Einschätzung?

Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.

Weiter auf dem Weg: Kann Unfertiges wertvoll sein?