Landkarte der Philosophie · Wer bin ich eigentlich?

Station 5 von 5

Kann ich selbst bestimmen, wer ich werde?

Beim Weiterblättern findest du im Tagebuch eine Seite, auf der du aufgeschrieben hast, wie du später einmal sein willst. Manches davon bist du geworden, manches hast du vergessen, und einiges, was dich heute ausmacht, steht nirgends. Am Ende des Heftes sind noch leere Seiten, und du überlegst, ob du einen neuen Eintrag beginnst.

Selbst nachdenken

Wie viel von dem, was du heute bist, hast du so gewollt, und wie viel ist dir einfach passiert oder wurde dir mitgegeben?

Freiwillig. Du kannst direkt weiterlesen.

Auf der vorigen Station hing dein Selbst von anderen ab, von ihren Erwartungen und ihrer Anerkennung. Daraus entsteht eine unbequemere Frage: Wenn so vieles von außen kommt, bleibt dann überhaupt etwas, das du selbst festlegen kannst? Und falls ja, nach welchen Maßstäben solltest du dich formen, wenn auch die schon geprägt sein könnten? Die beiden Antworten, die du hier kennenlernst, gewichten das Eigene und das Vorgegebene sehr unterschiedlich.

Wo du gerade bist

Wer an dieser Station antwortet und wie die Antworten zusammenhängen. Hervorgehoben sind die Personen dieser Station.

Station 5 von 5. Friedrich Nietzsche, Judith Butler, Martha Nussbaum, Jean-Paul Sartre antworten hier auf die Frage: Kann ich selbst bestimmen, wer ich werde? Judith Butler baut auf Friedrich Nietzsche auf.12345NietzscheButlerNussbaumSartrebaut aufWarum?

Als Text

Eine Antwort von Friedrich Nietzsche · Deutung aus der Forschung

Werde, der du bist: Du formst dein Selbst wie ein Kunstwerk

Einfach gesagt

Für Nietzsche bringst du kein fertiges Selbst mit, du bildest es erst aus, und diese Arbeit kann gelingen oder misslingen. Dazu passt der Leitspruch „Werde, der du bist“, den er von dem antiken Dichter Pindar übernommen hat. Du sollst deinen Neigungen und Eigenarten eine Ordnung geben, ähnlich wie eine Künstlerin ihrem Werk eine Form gibt.[5][2][6][7]

Wie das begründet wird

Nietzsche zweifelt an der Vorstellung einer Seele, die als einfache, unteilbare Einheit in dir steckt. Er beschreibt sie lieber als eine Vielheit, als ein Gefüge aus Trieben und Gefühlen. Wenn das Selbst so zusammengesetzt ist, steht seine Einheit nicht von Anfang an fest, sondern ist eine Aufgabe. Zu ihr gehört, die eigenen Instinkte und Fähigkeiten zu bilden und sich dabei immer wieder mit den geerbten Prägungen und Gedanken auseinanderzusetzen.[5][2]

Ein Beispiel

Du liest im Tagebuch, dass du mit fünfzehn unbedingt Geschichten schreiben wolltest und zugleich Angst hattest, dich zu blamieren. Nach Nietzsches Gedanken ist keins von beidem schon dein „wahres Ich“. Du entscheidest, was du ausbauen willst, und arbeitest an dem, was dir nicht gefällt, bis aus den Einzelheiten ein Charakter mit eigener Linie wird. Das ist unsere Übertragung und kein Beispiel von Nietzsche.[5][2]

Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.

Was diese Antwort gut erklärt

Die Position nimmt ernst, dass du dich über die Jahre veränderst, und macht daraus keine Bedrohung. Wo kein festes Ich vorgegeben ist, wird die Einheit deines Lebens zu etwas, das du selbst herstellen kannst. Außerdem lässt sich ein Leben nach seiner Gesamtform beurteilen und nicht nur nach einzelnen Entscheidungen.[5]

Genauer betrachtet: Selbstgestaltung (englisch self-fashioning)

Der Gedanke geht auf einen Abschnitt der „Fröhlichen Wissenschaft“ zurück (Nr. 290), in dem es heißt, man solle seinem Charakter „Stil geben“, um mit sich zufrieden zu sein. Gemeint ist, dass dein Charakter eine erkennbare Form bekommt, in der Unschönes mit der Zeit entfernt oder umgearbeitet wird, bis eine Art zweite Natur entsteht. Dass diese Selbstgestaltung im Zentrum von Nietzsches Denken steht, hat besonders Alexander Nehamas ausgelegt, und unter Fachleuten ist das umstritten. Was sich nicht ändern lässt, soll man nach Nietzsche nicht bekämpfen, sondern schön finden. Er nennt das „amor fati“, also Liebe zum Schicksal.[5][2]

Häufiges Missverständnis

Nietzsche sagt nicht, dass du dich einfach zu dem machen kannst, was du willst. Das Erschaffen von Werten, zu dem für ihn auch die Gestaltung eines Lebens gehört, beschreibt er als schwierige Leistung, die auf Widerstände trifft und vom Glück abhängt. Das Beispiel kommt an eine Grenze, weil es so klingt, als ließe sich alles an dir umarbeiten. Was notwendig ist, will Nietzsche lieben lernen, statt dagegen anzukämpfen.[5][2]

Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    Wer ist das Ich, das sich gestaltet, wenn die Seele nur ein Gefüge aus Trieben und Gefühlen ist? Die Gestaltung scheint jemanden vorauszusetzen, der sie ausführt, und genau den stellt Nietzsche selbst infrage.[5]

    Eine mögliche Antwort darauf: Nietzsche will das Selbst nicht abschaffen, sondern anders denken: als gegliederte Vielheit, die aus Trieben und Gefühlen entsteht, aber mehr ist als deren Summe. Ob das den Einwand ganz auflöst, bleibt unter Auslegern umstritten.

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    Schon ob die Idee der Selbstschöpfung zu Nietzsche passt, ist umstritten. Und selbst wenn sie passt, bleibt die Frage, wie frei die Gestaltung ist, wenn du dich mit Maßstäben formst, die du irgendwo aufgenommen hast.[5]

    Eine mögliche Antwort darauf: Nietzsche versteht Wertschöpfung nicht als freie Setzung nach Belieben, sondern als schwierige Leistung mit Widerständen und Glückssache. Woher die Maßstäbe kommen, beantwortet das allein aber nicht.

In der Forschung umstritten: Ob Nietzsche mit „Werde, der du bist“ ein erst zu schaffendes Selbst meint oder das Entfalten von etwas, das schon angelegt ist, und ob die Idee der Selbstschöpfung überhaupt zu seinem Denken passt, ist unter Fachleuten umstritten.

Noch nicht sicher belegt

  • Primärtexte Nietzsches wurden nicht gelesen, belegt ist nur, was die Sekundärquellen darstellen.
  • Dass „Werden, was man ist“ Nietzsches Programm ist, belegen IEP (2. Periodization, „becoming what one is“) und Wikipedia en. Dass der Leitspruch von Pindar stammt und Nietzsches Lieblingsmotto war, belegt nur Wikipedia en; „Werde, der du bist“ ist die übliche deutsche Kurzform, der Wortlaut bei Nietzsche wurde nicht geprüft. Darum kein Zitat mit Stelle.
  • Dass Nietzsche die Gestaltung eines Lebens in den Zusammenhang der Wertschöpfung stellt (Missverständnis), folgt der Darstellung der Stanford Encyclopedia, die Gay Science 290 dort nennt.
  • Die Antwort auf den ersten Einwand stützt sich auf die Darstellung der Stanford Encyclopedia, die das Problem selbst als umstritten bezeichnet.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)

Eine Antwort von Judith Butler · Deutung aus der Forschung

Du wirst, was du innerhalb vorgegebener Normen wiederholst

Einfach gesagt

Butler beschreibt, wie du in Normen hineinwächst, also in Erwartungen dafür, was als normal gilt, und diese Normen sind schon da, bevor du handelst. Butler zeigt das vor allem am Geschlecht: Es gilt als fester Kern, entsteht aber durch Handlungen, die man immer wieder ausführt, etwa durch Kleidung, Gang, Haltung oder Frisur. Spielraum entsteht dort, wo eine Norm anders wiederholt wird, als sie vorgesehen ist.[8][3]

Wie das begründet wird

Nach Butler ist Geschlecht nichts, was jemand einfach hat, sondern etwas, das man tut: eine Folge von Handlungen, die zu einer scheinbar festen Identität gerinnen. Die Normen, was als verständliches Geschlecht gilt, liegen dem voraus und lassen andere Möglichkeiten als nicht lebbar erscheinen. In späteren Arbeiten fasst Butler das Subjekt, also das Ich, allgemeiner: Es bildet sich im Verhältnis zu anderen und ihren Normen, die sich seiner Kontrolle entziehen und zugleich die Bedingung dafür sind, dass es überhaupt als „Ich“ auftreten kann.[8][3][4]

Ein Beispiel

Im Tagebuch steht, wie du mit fünfzehn geredet, dich gekleidet und dich verhalten hast, so wie es in deinem Umfeld für jemanden wie dich üblich war. Damals fühlte sich das nach dir selbst an, und Butler würde sagen, dass auch das, was dir heute wie dein Wesen vorkommt, durch Wiederholung dazu geworden ist. Etwas Neues entsteht, wenn du anders wiederholst, als es die Erwartung vorsieht. Das ist unsere Übertragung, denn Butler untersucht vor allem Geschlecht.[3]

Eine heutige Übertragung, nicht das Beispiel der Person selbst.

Was diese Antwort gut erklärt

Die Position erklärt, warum sich Prägung nicht wie Prägung anfühlt: Was oft wiederholt wurde, erscheint als Natur. Sie zeigt außerdem, dass Normen mitbestimmen, welche Lebensweisen überhaupt als möglich gelten, und macht gerade dadurch Veränderung denkbar, ohne eine grenzenlose Freiheit vorauszusetzen.[8][3][4]

Genauer betrachtet: Performativität

Den Begriff „performativ“ übernimmt Butler von dem Sprachphilosophen John Austin. Er nannte so Äußerungen, die in Kraft setzen, was sie benennen. Wenn bei der Geburt jemand „Es ist ein Mädchen“ sagt, beschreibt das nach Butler nicht nur, es ordnet das Kind einer Kategorie zu, die von da an für es gilt. Performativität meint bei Butler eine geregelte Wiederholung von Normen unter Zwang, die sich über lange Zeit erstreckt, also gerade keine frei gewählte Rolle für einen Abend. Erst diese Wiederholung bringt das Subjekt hervor, statt dass ein fertiges Subjekt sie ausführt.[8][3][4]

Häufiges Missverständnis

Butler behauptet nicht, du könntest dein Selbst oder dein Geschlecht jeden Tag wie ein Kostüm wählen. Wiederholt wird unter Zwang, und die Normen legen das Ergebnis trotzdem nicht vollständig im Voraus fest. Das Beispiel kommt an eine Grenze, weil Butler vor allem Geschlecht untersucht und die Ausweitung auf das ganze Selbst eine Weiterführung ist.[8][3][4]

Wo diese Antwort an ihre Grenze kommt

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    Wenn Normen schon formen, wer du bist, woher kommen dann der Anlass und die Kraft, anders zu wiederholen? Es sieht so aus, als bliebe für Veränderung nichts übrig.[3][4]

    Eine mögliche Antwort darauf: Butler sieht den Ansatzpunkt darin, dass Normen nie glatt aufgehen: Wer die vorgegebene Rolle übernimmt, erzeugt zwangsläufig Brüche, weil sich verschiedene, einander widersprechende Redeweisen und Erwartungen überschneiden. Daraus kann sich etwas neu zusammensetzen, etwa durch Parodie oder andere Versuche, die Norm anders zu wiederholen.

  • Einwand von Martha Nussbaum

    Martha Nussbaum kritisierte 1999 in dem Essay „The Professor of Parody“, Butler fehle eine Vorstellung von Gerechtigkeit und Menschenwürde, an der sich messen ließe, ob eine Veränderung die Lage verbessert. Wenn Reformen nur neue Machtverhältnisse hervorbringen, aber keine besseren, bleibe den Menschen wenig Hoffnung.[3][4]

    Eine mögliche Antwort darauf: Butler beschreibt die abweichende Wiederholung als Möglichkeit des Widerstands. In späteren Arbeiten fragt Butler außerdem, welche Normen ein Leben unlebbar machen, damit Menschen, die sich ihnen widersetzen, mehr Möglichkeiten zu leben haben. Ob das als Maßstab reicht, ist Teil der Debatte.

  • Ein Einwand, der in der Forschung diskutiert wird

    Ein verbreiteter Einwand lautet, Butler mache Geschlecht zu sehr zu einer Sache der Sprache, also dessen, wie über Körper und Identität geredet und geschrieben wird. Dabei gerieten der Körper selbst und die gesellschaftlichen und geschichtlichen Verhältnisse, in denen Menschen leben, aus dem Blick.[8][3][4]

    Eine mögliche Antwort darauf: Butler bestreitet nicht, dass es Körper gibt. Gemeint ist, dass du sie nie außerhalb gesellschaftlicher Bedeutungen verstehst und dass schon die Einteilung in genau zwei Geschlechter von Normen geprägt ist.

In der Forschung umstritten: Wie viel Spielraum Butlers Theorie dem Einzelnen lässt, ist umstritten: Manche lesen sie als Philosophie der Ausweglosigkeit, andere sehen gerade in der abweichenden Wiederholung den Ausweg.

Noch nicht sicher belegt

  • Primärtexte Butlers wurden nicht gelesen, belegt ist nur, was die Sekundärquellen darstellen.
  • Butler untersucht vor allem Geschlecht. Dass Butler das Subjekt allgemein als durch Normen und Macht gebildet fasst, tragen Wikipedia en (Giving an Account of Oneself) und Wikipedia de (Diskurstheorie, Rezeption); SEP behandelt nur die Geschlechtertheorie.
  • Nussbaums Einwand: Jahr, Titel und der Kern (fehlender normativer Maßstab, keine besseren Machtstrukturen) stehen in Wikipedia en und de; die Wendung von der genommenen Hoffnung nur in Wikipedia de. Der Essay selbst wurde nicht gelesen.
  • Der Einwand, Butler mache Geschlecht zu sehr zu einer Sache der Sprache, stützt sich auf die Rezeption in der englischen Wikipedia (unter anderem Susan Bordo) und in der deutschen Wikipedia.
  • Die Antworten auf Nussbaums Einwand und auf den Einwand zur Sprache geben Butlers Position nach den Quellen wieder; dass Butler damit ausdrücklich auf Nussbaum oder diese Kritik antwortet, belegen die Quellen nicht.
Woher wir das wissen · Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21)

Was historisch zusammenhängt

Hier geht es um tatsächliche Bezüge: wer wen gelesen, gekannt oder kritisiert hat.

  • Butler greift bei der Theorie, wie ein Mensch zum Subjekt gebildet wird, unter anderem auf Nietzsche zurück, neben Adorno, Foucault und anderen. Welche Gedanken Nietzsches das im Einzelnen sind, sagen die Quellen nicht. Deutung

Verbindungen an dieser Station

  • Judith Butler baut auf Friedrich Nietzsche auf. Deutung

    Warum diese Verbindung?

    Die Quellen nennen Nietzsche unter den Denkern, auf die Butler bei der Theorie der Subjektbildung zurückgreift. Darum lohnt es sich, Nietzsches Selbstgestaltung neben Butlers Normen zu lesen, ohne Butler als Antwort auf Nietzsche auszugeben.

    Der konkrete Gedanke: Butler entwickelt eine Theorie der Subjektbildung, in der die Quellen Nietzsche unter den Anregern nennen. Nietzsche betont die Gestaltung durch den Einzelnen, Butler die Normen, die den Einzelnen mitformen. Ein ausdrücklicher Bezug auf Nietzsches Selbstgestaltung ist nicht belegt.

    Nach Wikipedia en und de greift Butler bei der Theorie, wie ein Mensch zum Subjekt gebildet wird, unter anderem auf Nietzsche zurück (neben Adorno, Foucault, Laplanche, Cavarero und Levinas, nach Wikipedia de auch Hegel, Althusser und Freud). Welche Gedanken Nietzsches das sind, sagen die Quellen nicht.

    Art der Verbindung: Baut auf. Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

Zum Abschluss: Was du jetzt unterscheiden kannst

Ein Vergleich von Antworten auf dieselbe Frage. Die Reihenfolge folgt dem Gedankengang, nicht der Geschichte, und eine spätere Antwort ist nicht automatisch die bessere. Prüfstand dieser Station: Satz für Satz gegen die Quellen geprüft (2026-10-21).

Quellen dieser Station

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: sartre · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche – https://plato.stanford.edu/entries/nietzsche/ und IEP: Nietzsche · Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Wikipedia en: Judith Butler · Wikipedia
  4. [4]Wikipedia de: Judith Butler · Wikipedia
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]Wikipedia en, Friedrich Nietzsche · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21
  7. [7]Wikipedia en, Pindar · Wikipedia, abgerufen 2026-10-21
  8. [8]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Feminist Perspectives on Sex and Gender · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-21