Landkarte der Philosophie · Wer bin ich eigentlich?

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Was du jetzt unterscheiden kannst

  • Ob du dich als das verstehst, was gerade denkt, oder als einen Körper unter anderen. Für Descartes bist du im Kern ein denkendes Wesen, das etwas anderes ist als dein Körper. Elisabeth von Böhmen fragte ihn, wie beides dann zusammenwirken soll.
  • Dass „Identität“ zweierlei meinen kann: das, woran du dich als Person gebunden fühlst und was sich über die Jahre ändern darf, und die Frage, ob die Person von damals und du heute eine einzige Person sind und nicht bloß ähnliche. Wenn dir Gedanken im Tagebuch fremd vorkommen, hat sich vielleicht das Erste geändert, ohne dass damit über das Zweite schon entschieden ist.
  • Ob es darauf ankommt, dieselbe Person zu bleiben, oder darauf, dass dein seelisches Leben zusammenhängt. Nach Locke reicht deine Identität so weit, wie du dich auf frühere Handlungen und Gedanken als deine eigenen beziehen kannst. Parfit hält die Frage nach der Identität für weniger wichtig als den Zusammenhang aus Erinnerungen, Überzeugungen, Absichten und Charakterzügen.
  • Ob hinter deinen Erlebnissen ein Ich steht oder nur weitere Erlebnisse. Hume findet beim Blick nach innen immer nur einzelne Wahrnehmungen und erklärt die Vorstellung vom Ich aus ihrer Verknüpfung. Die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst sagt, dass sich in dem, was dich ausmacht, nichts Bleibendes findet, und sie sieht darin einen Weg, weniger zu leiden.
  • Ob du dich mit den Augen einer Gruppe siehst oder darauf angewiesen bist, als Person anerkannt zu werden. Bei Mead entsteht dein Selbst, indem du die Haltungen anderer einnimmst und dich aus ihrer Sicht betrachtest. Hegel fragt, wer dich anerkennt, und besteht darauf, dass diese Anerkennung gegenseitig sein muss.
  • Ob du dir selbst eine Form gibst oder in Normen hineinwächst, die du wiederholst. Nietzsche versteht das Selbst als etwas, das du wie ein Kunstwerk ausbildest. Judith Butler beschreibt, wie du in Normen wirst, die schon vor deinem Handeln da sind, und sieht Spielraum dort, wo du eine Norm anders wiederholst, als sie vorgesehen ist.

Was offen bleibt

Offen bleibt, was du meinst, wenn du „ich“ sagst. Die Positionen auf diesem Weg gewichten das Eigene und das Vorgegebene sehr verschieden, und jede stößt an eine Grenze. Eine Frage kehrt dabei von Hume über Mead bis zu Nietzsche und Butler wieder: Was hält die vielen Erlebnisse und Rollen so zusammen, dass jemand da ist, der sich an früher erinnert und sich weiter formt? Keine dieser Antworten hat die Frage für alle entschieden, und jede sieht etwas, das die anderen leicht übersehen.

Noch einmal die Situation vom Anfang

Beim Aufräumen findest du ein Tagebuch, das du mit fünfzehn geschrieben hast. Du erkennst die Schrift, aber manche Gedanken kommen dir fremd vor. Bist du noch dieselbe Person wie damals?

Denk noch einmal an das Tagebuch, das du mit fünfzehn geschrieben hast. Mit Descartes kannst du fragen, ob das Denkende, das damals schrieb und heute liest, dasselbe ist, und mit Locke und Parfit, ob dich die Erinnerung mit der Person von damals verbindet und was von ihr in dir weiterwirkt, auch wenn dir manche Seiten fremd vorkommen. Hume und die buddhistische Lehre lassen dich fragen, ob du hinter den Erlebnissen überhaupt nach einem festen Kern suchen musst. Mit Mead und Hegel kannst du auf den Zettel aus der Schulzeit schauen und fragen, wie sehr dein Bild von dir aus dem Blick anderer stammt. Mit Nietzsche und Butler kannst du die leeren Seiten am Ende des Heftes lesen, als Raum, den du selbst gestaltest, oder als Raum, den du mit Vorgegebenem füllst, das du vielleicht anders wiederholst. Was würdest du heute auf die Frage antworten, ob du noch dieselbe Person bist wie damals?

Wie es weitergehen kann

  • Wie frei bin ich?

    Auf diesem Weg blieb offen, wie frei du bist, dich zu formen. Bei Mead ist Spontaneität noch keine Selbstbestimmung, und bei Nietzsche ist unklar, woher die Maßstäbe kommen, nach denen du dich formst. Der Weg „Wie frei bin ich?“ fragt unter anderem, ob du selbst entschieden hast, was dir wichtig ist, und zeigt Sartre, den du hier mit seiner Grundwahl kurz kennengelernt hast, mit seinem Gedanken der Verantwortung.

  • Wozu brauchen wir andere Menschen?

    Bei Mead und bei Hegel hängt dein Selbst von anderen ab, von den Erwartungen einer Gruppe oder von gegenseitiger Anerkennung. Der Weg „Wozu brauchen wir andere Menschen?“ dreht die Blickrichtung um: Er fragt, warum Menschen einander überhaupt brauchen, und kommt dabei auch darauf zurück, ob ein Ich erst in der Begegnung mit einem anderen ganz zu sich findet.

  • Woher weiß ich, was wahr ist?

    Descartes und Hume begegnen dir hier mit der Frage, was ein Ich ist. Auf dem Weg „Woher weiß ich, was wahr ist?“ geht es bei ihnen um Wissen: bei Descartes um den Zweifel, der nach einem sicheren Punkt sucht, und bei Hume um die Frage, wie weit Erfahrung und Gewohnheit dein Wissen tragen.

Zum Vertiefen