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Landkarte der Philosophie

Zhuangzi (Zhuang Zhou)

Philosoph (daoistische Tradition); als Verfasser gilt er nur für Teile des Buches Zhuangzi, vor allem die Inneren Kapitel, und auch das ist umstritten · ca. 365–290 v. Chr. · Meng im Staat Song (heute Anhui), nach Sima Qian

Kapitel
Asiatische Traditionen (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
Richtung
Daoismusbelegt[1][5]
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Zum Einstieg

Woher weißt du eigentlich, dass deine Sicht auf eine Sache die richtigere ist?

Position
Zhuangzi lässt in seinen Gleichnissen verschiedene Wesen dieselbe Welt ganz unterschiedlich beurteilen. Die Natur hält keine dieser Sichtweisen für die richtige, denn Urteile wie „richtig“ und „falsch“ fällen Lebewesen, nicht die Natur selbst. Wer das begreift, hört fremden Sichtweisen offener zu.
Einwand
Der Konfuzianer Xunzi warf Zhuangzi vor, er erkenne den Wert der Natur, übersehe aber den Wert des Menschlichen. Ein zweiter Einwand trifft jede radikal relativistische Lesart: Wenn keine Sicht besser ist als eine andere, gilt das auch für Zhuangzis eigene Kritik an anderen Schulen, weshalb das IEP diese Lesart für ein Missverständnis hält.
Verbindung
Die Sammlung hat mit Laozi die andere große Stimme der daoistischen Tradition, wobei die Forschung bezweifelt, dass Zhuangzi das Daodejing kannte. Außerdem vergleichen Forscher wie Paul Kjellberg Zhuangzis Zweifel am sicheren Urteil mit dem antiken Skeptiker Sextus Empiricus; das ist ein Vergleich, kein belegter Einfluss.

Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.

Chinesischer Denker der daoistischen Tradition, dem die ersten sieben Kapitel des nach ihm benannten Buches Zhuangzi zugeschrieben werden, und der in Gleichnissen zeigt, wie sehr jedes Urteil von der eigenen Perspektive abhängt.

Im Netz der Landkarte steht Zhuangzi als zweite große Stimme der daoistischen Tradition neben Laozi und als Gegenüber der konfuzianischen Moralphilosophie. Eine Verbindung zu Laozi ist überliefert, in der heutigen Forschung aber umstritten.

Kernidee

Zhuangzi zeigt in Gleichnissen, dass verschiedene Lebewesen, Kulturen und Denkschulen dieselben Dinge unterschiedlich beurteilen und dass es keinen neutralen Standpunkt gibt, von dem aus sich ein Urteil endgültig entscheiden lässt. Die Forschung streitet, ob daraus ein Relativismus, ein Skeptizismus oder ein Spiel mit Perspektiven folgt. Als Ausweg gelten ihm Offenheit für fremde Sichtweisen und eingeübtes, müheloses Können, wie es Handwerker zeigen.

Biografischer Moment

Anekdote Überlieferte Geschichte, deren Wahrheit nicht gesichert ist.

Sima Qian berichtet, Zhuangzi habe ein kleines Amt in einem Lackgarten in Meng innegehabt und das Angebot eines Ministeramts in Chu abgelehnt. Als gesichert gilt das nicht, denn Sima Qian schrieb rund 200 Jahre später und schöpfte offenbar aus Anekdoten des Buches. Die Nachricht passt zu den Gleichnissen im Buch über das Verhältnis von Ruhm, Macht und eigenem Leben, beweist aber nichts über deren Richtigkeit.[4][3]

Fundstelle: Abschnitt Leben; Abschnitt Life

Bekannt für

Bekannt ist Zhuangzi für das Gleichnis vom Schmetterlingstraum: Er träumt, ein Schmetterling zu sein, und weiß beim Erwachen nicht, ob er ein Mensch ist, der geträumt hat, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der träumt, ein Mensch zu sein. Ebenso bekannt ist das Gespräch mit seinem Freund Hui Shi über die Freude der Fische.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Perspektivenvielfalt und das Urteil „dies, nicht das“

Im zweiten Kapitel des Buches werden Urteile wie „richtig“ und „falsch“ (im Chinesischen shi und fei) als Urteile von Lebewesen innerhalb der Natur beschrieben. Die Natur selbst hält keinen Weg für den richtigen und kümmert sich nicht darum, welchen Weg wir wählen. Die Forschung deutet das unterschiedlich: als Relativismus, als Skeptizismus oder als Einladung, zwischen Perspektiven wechseln zu lernen. Übertragen auf heute: Wenn zwei Abteilungen dasselbe Projekt ganz verschieden bewerten, lohnt die Frage, von welchem Standort aus jede Seite urteilt, bevor man entscheidet, wer recht hat.

Das Nützliche im Nutzlosen

Sein Freund Hui Shi wirft ihm vor, seine großen Gedanken seien unbrauchbar. Zhuangzi hält ihm entgegen, dass auch das scheinbar Nutzlose einen Wert hat, nämlich für die Pflege des eigenen Geistes und Lebens. Ein gelungenes Leben ist für ihn nicht dasselbe wie ein erfolgreiches. Übertragen auf heute: Nicht alles, was für ein Leben zählt, lässt sich als Ergebnis messen, und eine Zeit ohne Zweck kann wertvoll sein, auch wenn sie im Arbeitsalltag als nutzlos gilt.

Vorbilder aus dem Handwerk

Als Vorbilder nennt der Text Metzger, Musiker, Zikadenfänger und Radmacher, die ihr Fach so beherrschen, dass es ihnen mühelos von der Hand geht. Jeder von ihnen verkörpert einen von vielen möglichen Wegen. Nach dem Text gibt es keinen Weg, der Meisterschaft in allen Tätigkeiten zugleich verschafft, und es ist unklug, das anzustreben. Übertragen auf heute: In einem Team muss nicht jeder alles können, wichtiger ist, dass jede Person ihr Fach wirklich beherrscht und die Stärken der anderen zu schätzen weiß.

Begriffe

Dao (Weg)
Perspektive
shi-fei (dies-nicht-das-Urteil)
Wandel der Dinge
Nutzlosigkeit
Wandern in Muße
wu wei (nicht erzwingendes Handeln)

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet
belegt
Mit Quelle belegt.
Deutung
Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
überliefert
Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

Gegenseitige Kritik

Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.

  • KonfuziusPrüfstand: Deutung

    Zhuangzi kritisiert die konfuzianische Moral der Menschlichkeit und Rechtschaffenheit (ren und yi) und verspottet die Gewissheit von Konfuzianern und Mohisten, den richtigen gesellschaftlichen Weg zu kennen; Konfuzius selbst tritt im Buch als Gesprächsfigur auf. Nach der deutschen Wikipedia richtet sich die Kritik eher gegen die Schüler, die seine Lehre erstarren ließen, als gegen Konfuzius selbst (SEP Einleitung, 4.3 und 4.8; IEP 3d; de.wikipedia Stellung zum Konfuzianismus).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • LaoziPrüfstand: Deutung

    Vergleich und Tradition: Sima Qian nennt Laozi als Hauptbezug Zhuangzis, und die Tradition fasst beide als Daoisten zusammen. Graham vertrat dagegen, dass der Verfasser der Inneren Kapitel Laozi nie begegnet war und das Daodejing nicht kannte; ein Einfluss ist daher umstritten (SEP Abschnitt 3; de.wikipedia Leben).

  • Martin HeideggerPrüfstand: Deutung

    Rezeption und Vergleich: Heidegger ließ sich 1930 nach einem Vortrag das Buch Zhuangzi bringen und las daraus „Die Freude der Fische“ vor; die deutsche Wikipedia hält einen Einfluss für denkbar, belegt ist er nicht, und vergleichende Studien stellen beide nebeneinander (de.wikipedia Wirkung und Rezeption, Im Westen).

  • Sextus EmpiricusPrüfstand: Deutung

    Vergleich: Paul Kjellberg vergleicht Zhuangzi ausdrücklich mit Sextus Empiricus (Skepticism, Truth, and the Good Life, 1994, in der SEP-Bibliografie); Kjellberg und Raphals sehen Ähnlichkeiten mit dem hellenistischen Skeptizismus. Ein Einfluss ist nicht behauptet (IEP Abschnitte 3b und 4).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen Deutung

    Das Buch entstand in der Zeit der Streitenden Reiche, in der die Zhou-Herrscher ihre Macht verloren hatten und die Staaten untereinander Krieg führten. Viele Denkschulen warben damals mit eigenen Entwürfen für eine Rückkehr zur Ordnung, und Zhuangzis Misstrauen gegen solche Entwürfe lässt sich vor diesem Hintergrund lesen.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Der Text, auf dem unser gesamtes Wissen beruht, wurde rund 600 Jahre später von Guo Xiang von 52 auf 33 Kapitel gekürzt und eingeteilt. Seine Auswahl und sein Kommentar prägen bis heute, wie Zhuangzi gelesen wird, sodass sich nicht sicher trennen lässt, was auf Zhuangzi und was auf spätere Hände zurückgeht.[1]

  • Biografie Deutung

    Nach Sima Qian hatte Zhuangzi nur ein kleines Amt inne und lehnte ein Ministeramt in Chu ab, weil er seine Freiheit schätzte. Diese Nachricht stammt jedoch aus einer Quelle, die etwa 200 Jahre nach seinem Tod entstand und sich weitgehend auf Anekdoten aus dem Buch selbst stützt. Dass seine Distanz zur Macht sein Denken färbt, ist deshalb eine Deutung.[3]

Kritik

Der Konfuzianer Xunzi hielt Zhuangzi vor, er erkenne den Wert der Natur, übersehe aber den Wert des Menschlichen. Eine radikal relativistische Lesart, nach der alle Sichtweisen gleich viel wert wären, hält das IEP für ein Missverständnis: Dann wäre auch Zhuangzis eigene Kritik an Konfuzianern und Mohisten nicht besser als deren Lehren, und diese Folge zieht er nicht. Zudem ist unklar, was von dem Buch überhaupt auf Zhuangzi selbst zurückgeht.

Wirkung heute

Die Frage, wie weit die eigene Sicht reicht, bleibt aktuell, etwa wenn Teams mit unterschiedlichen Kulturen oder Fachlogiken zusammenarbeiten. Außerdem wird Zhuangzi in der heutigen Philosophie als Gesprächspartner zu Skeptizismus, Sprachphilosophie und Perspektivenlehre gelesen.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Bei einem Streit im Team kann es helfen, zuerst nach dem Standort der anderen Seite zu fragen. Eine Frage für das nächste Gespräch: Aus welcher Position sieht die Kollegin diese Entscheidung, und was folgt daraus für ihr Urteil? Das ist eine heutige Anwendung und keine Lehre Zhuangzis über Führung; sie ersetzt keine Entscheidung, kann aber verhindern, dass jemand die eigene Sicht für die einzig mögliche hält.

Lebensstationen

  1. 365 v. Chr.ungefähr: geboren in Meng im Staat Song (nach der deutschen Wikipedia; Quellen nennen auch 369 bis 298 v. Chr.)
  2. 290 v. Chr.ungefähr: gestorben (Datierung unsicher)
  3. 312Guo Xiang, der die heutige 33-Kapitel-Fassung des Buches Zhuangzi erstellt hat, stirbt
  4. 742Kaiser Xuanzong verleiht dem Buch den Ehrentitel Nanhua Zhenjing
  5. 1912Richard Wilhelms Übersetzung „Dschuang Dsi“ erscheint in Jena, übersetzt aus dem Chinesischen und nicht vollständig (eine erste deutsche Auswahl hatte Martin Buber 1910 aus dem Englischen übertragen)

Werke

Zhuangzi (Buch in 33 Kapiteln, in der heutigen Fassung von Guo Xiang, gestorben 312 n. Chr., zusammengestellt; nur die Inneren Kapitel 1 bis 7 gelten als möglicherweise von Zhuangzi selbst)

Anekdote überliefert

Nach der Überlieferung bei Sima Qian schickte König Wei von Chu einen Boten mit reichen Geschenken, um Zhuangzi als Minister zu gewinnen, doch Zhuangzi lehnte ab. Sima Qian schrieb dies etwa 200 Jahre nach Zhuangzis Tod auf, und Teile davon scheinen aus dem Buch Zhuangzi selbst zu stammen.[4]

Lesetipps

Einstieg
Zhuangzi: The Essential Writings. With Selections from Traditional Commentaries, übersetzt von Brook Ziporyn (Hackett, 2009), eine englische Auswahl mit Auszügen aus traditionellen Kommentaren; auf Deutsch gibt es Richard Wilhelms poetische, aber unvollständige Übersetzung „Dschuang Dsi“ (Jena 1912) und die Übersetzung von Viktor Kalinke „Zhuangzi. Das Buch der daoistischen Weisheit“ (Reclam, 2019).
Vertiefung
Steve Coutinho: An Introduction to Daoist Philosophies (Columbia University Press, 2014)

Noch nicht sicher belegt

  • Die Lebensdaten sind ungefähr und nicht einheitlich: Die deutsche Wikipedia nennt um 365 bis 290 v. Chr., die Internet Encyclopedia of Philosophy 369 bis 298 v. Chr., die Stanford Encyclopedia of Philosophy nur die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts, die englische Wikipedia „um das 4. Jahrhundert“. Der Herkunftsort stammt nur von Sima Qian (Meng im Staat Song), die Stanford Encyclopedia spricht vom „Staat Meng“. Ob es Zhuangzi als Person gab und welche Kapitel von ihm stammen, ist umstritten (Kirkland, Klein). Guo Xiang ordnete nur die Inneren Kapitel der Lebenszeit des Meisters zu. Lehrer und Schüler sind nicht belegt, Hui Shi als Lehrer ist nur eine Vermutung Harbsmeiers. Ein Zitat fehlt bewusst. Hui Shi, Xunzi und Mozi sind in der Landkarte noch nicht als Personen angelegt, deshalb gibt es keine Verbindungen zu ihnen. Die Kritik an Konfuzius gilt der konfuzianischen Lehre seiner Zeit, nach der deutschen Wikipedia eher den Schülern als Konfuzius selbst. Wilhelms Übersetzung von 1912 ist nicht die erste deutsche, denn Buber legte 1910 eine Auswahl aus dem Englischen vor. Die Angabe „Erstübersetzung“ in der Einleitung der deutschen Wikipedia widerspricht deren eigenem Abschnitt zu den Übersetzungen.

Herkunft der Daten: Runde 2: Zhuangzi und Nāgārjuna. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Zhuangzi

  1. [1]Zhuangzi (Zhuang Zhou) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Internet Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Zhuang Zhou · Wikipedia
  4. [4]Zhuangzi · Wikipedia
  5. [5]Stanford Encyclopedia of Philosophy

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