Anselm von Canterbury
1033–1109 · Aosta, Kloster Bec, Canterbury
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Benediktiner und Erzbischof, der mit dem ontologischen Gottesbeweis und dem Satz vom Glauben, der Einsicht sucht, als Wegbereiter der scholastischen Methode gilt.
Er gilt als Wegbereiter der Scholastik, die Vernunft und Glauben systematisch zusammendenkt. Sein Gottesbeweis löst Kritik von Gaunilo bis Kant aus und ist ein Dauerthema der Philosophie.
Kernidee
Anselm glaubt, um zu verstehen: Der Glaube steht am Anfang, und die Vernunft sucht, ihn zu durchdringen. Gott ist für ihn das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, und daraus will er allein mit Denken zeigen, dass Gott existiert. Freiheit bedeutet bei ihm die Kraft, das Rechte um seiner selbst willen zu wollen.
Bekannt für
Man kennt Anselm für den ontologischen Gottesbeweis im Proslogion, der bis heute diskutiert wird. Der Beweis geht von einer bloßen Definition aus, so als würde ein Team aus der Beschreibung eines perfekten Produkts schließen wollen, dass es existieren muss.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Glaube sucht Einsicht
Anselms Leitspruch heißt fides quaerens intellectum, also Glaube, der nach Einsicht sucht. Glaube ist für ihn laut SEP eher Liebe zu Gott und Antrieb zum Handeln als bloßes Fürwahrhalten, und Vernunft soll den Glauben vertiefen, nicht ersetzen. Wer im Betrieb eine Strategie wirklich liebt, will sie auch verstehen und begründen können, statt sie nur zu wiederholen.
Der ontologische Gottesbeweis
Gott ist das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann. Wäre dieses Größte nur im Denken und nicht auch in der Wirklichkeit, könnte man etwas Größeres denken, nämlich dasselbe mit Wirklichkeit, und das wäre ein Widerspruch. Der Mönch Gaunilo hielt dagegen, mit dieser Logik müsste auch die größte denkbare Insel existieren, so wie man aus einem schönen Businessplan nicht schließen darf, dass es das Unternehmen schon gibt.
Freiheit als Rechtheit des Willens
Freiheit der Wahl ist für Anselm die Kraft, die Rechtheit des Willens um ihrer selbst willen zu bewahren. Wer nur wegen Zwang oder Bestechung das Richtige tut, will die Rechtheit nicht um ihrer selbst willen. Das gilt auch im Betrieb: Wer eine Regel nur wegen der Prämie einhält, handelt aus Anselms Sicht nicht frei und gerecht.
Begriffe
- Fides quaerens intellectum
- ontologischer Gottesbeweis
- Rechtheit des Willens
- Freiheit
- Genugtuung
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Lanfranc: Prior und Lehrer im Kloster Bec, später Erzbischof von Canterbury, dessen Nachfolger Anselm wurde
Gegner
- Gaunilo: Mönch, der gegen den Gottesbeweis die Insel-Parallele vorbrachte
- Johannes Roscelin: von Anselm als extremer Nominalist eingestuft, Streit um die Trinität
- Wilhelm II. Rufus: König, der Anselm hinderte, nach Rom und zurück zu reisen
Verbindungen im Netz
3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Augustinus von HippoDeutung
Die Formel von dem, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, ist laut deutscher Wikipedia bei Augustinus entlehnt, und laut SEP prägt die platonisch-augustinische Tradition seine Wertvorstellungen.
Grundlage für Johannes Duns ScotusDeutung
Scotus folgt Anselm darin, Gott jede reine Vollkommenheit zuzuschreiben (SEP).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Immanuel KantDeutung
Laut deutscher Wikipedia setzte sich Kant kritisch mit dem ontologischen Gottesbeweis auseinander; sie verweist auf seine Argumente gegen ontologische Gottesbeweise in der Kritik der reinen Vernunft (B 620 f. / A 592 f.). Es handelt sich um eine nachträgliche Kritik, nicht um einen Streit unter Zeitgenossen.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
König Wilhelm Rufus ließ den Erzbischofssitz nach Lanfrancs Tod vier Jahre unbesetzt, um die Einkünfte zu plündern. Anselm wurde dann 1093 in ein Amt gesetzt, das er laut SEP nur widerwillig übernahm.[1]
Zeitgeschehen belegt
Als Erzbischof geriet Anselm in den englischen Investiturstreit, den Machtkampf zwischen Königen und Kirche. Er war 1097–1100 und 1103–1107 im Exil, schrieb aber weiter, etwa Cur Deus Homo.[2]
Biografie Deutung
Anselm lernte im Kloster Bec, dessen Schule unter Lanfranc ein Zentrum der Dialektik war. Seine Neigung, den Glauben mit Vernunftargumenten zu durchdringen, hängt wohl mit diesem Umfeld zusammen.[1]
Kritik
Gaunilo wandte schon zu Anselms Lebzeiten ein, der Beweis führe bei der vollkommenen Insel zu einem absurden Ergebnis. Später setzten sich Thomas von Aquin, Descartes, Hegel und Kant kritisch mit dem Argument auseinander (deutsche Wikipedia). Außerdem streiten Interpreten, wie das Argument überhaupt zu rekonstruieren ist.
Wirkung heute
Das ontologische Argument gehört bis heute zu den meistdiskutierten Argumenten der Philosophiegeschichte, auch in der Logik. Seine Haltung, den eigenen Glauben mit Gründen zu prüfen, ist ein Grundmuster der Scholastik geblieben.
Brücke zu Führung und Coaching
Anselms Motto lässt sich auf Überzeugungen im Beruf übertragen: Du glaubst an eine Strategie oder einen Wert, willst ihn aber auch verstehen. Frag dein Team: Was glauben wir hier schon, und welche Gründe haben wir dafür? Lass dann einen Skeptiker die Rolle von Gaunilo übernehmen und die schwächste Stelle suchen.
Zitate
„Glaube, der nach Einsicht sucht (lateinisch: fides quaerens intellectum).“
Lebensstationen
- 1033Geburt in Aosta
- 1060Eintritt in die Abtei Bec unter Lanfranc
- 1078Wahl zum Abt von Bec, Monologion und Proslogion entstehen um 1075–78
- 1093Einsetzung zum Erzbischof von Canterbury
- 1103Zweites Exil bis 1107 unter König Heinrich I. (erstes Exil 1097–1100)
- 1109Tod am 21. April in Canterbury
Werke
Monologion (1075/76)
Proslogion (1077/78)
De grammatico (wohl 1059/60)
De veritate, De libertate arbitrii, De casu diaboli (1080–86)
Epistola de Incarnatione Verbi (1094)
Cur Deus Homo (1095–98)
De concordia (1107/08)
Anekdote belegt
Zu Anselms Lebzeiten schrieb der Mönch Gaunilo eine Entgegnung zugunsten des Toren, in der die Insel auftaucht, über die hinaus keine größere gedacht werden kann. Anselm antwortete darauf mit einer eigenen Verteidigungsschrift, dem Liber apologeticus.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Anselm von Canterbury: Proslogion / Anrede, Lateinisch/Deutsch, hrsg. und übers. von Robert Theis, Reclam, Stuttgart 2005: der Gottesbeweis im Originaltext.
- Vertiefung
- Thomas Williams: Anselm. A Very Short Introduction (Oxford University Press, 2022; englisch); ausführlicher: Sandra Visser und Thomas Williams: Anselm (Great Medieval Thinkers, Oxford University Press, 2008; englisch).
Noch nicht sicher belegt
- Das Zitat fides quaerens intellectum ist nach der deutschen Wikipedia wiedergegeben, die die Übersetzung Christoph Helferich (Geschichte der Philosophie, dtv 1999, S. 91) zuschreibt und den lateinischen Text der Proslogion-Vorrede verlinkt; keine Ausgabe selbst geprüft. Die SEP nennt die Formel Anselms Motto ohne Stellenangabe. Lesetipp Williams: Die SEP-Literaturliste nennt nicht die Very Short Introduction, sondern Williams' Gesamtübersetzung (Hackett 2022) und Visser/Williams, Anselm (OUP 2008); die Very Short Introduction ist über die Verlagsseite bei Oxford Academic belegt (Oxford University Press, veröffentlicht 24. November 2022, Print-ISBN 9780192897817); das vom Rechercheur genannte Jahr 2023 ist das Druckdatum im Handel, daher hier 2022. Die Kanten zu Thomas von Aquin und Descartes wurden entfernt: Sie beruhten nur auf einem Sammelsatz der deutschen Wikipedia ohne Stelle, die SEP nennt beide nicht, und Descartes hat das Argument eher verteidigt als bestritten. Die Kante zu Kant bleibt als nachträgliche Kritik mit der in der Wikipedia angegebenen Stelle der Kritik der reinen Vernunft. Dass Anselm die scholastische Methode begründet habe, trägt die deutsche Wikipedia nicht: Sie nennt die Bezeichnung Vater der Scholastik (Grabmann) und sagt, die heutige Forschung sehe ihn eher als Wegbereiter mit Ansätzen der Methode. Die Prägung durch das Umfeld in Bec ist als Deutung markiert.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Anselm
- [1]Anselm of Canterbury (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Anselm von Canterbury – Wikipedia (de) · Wikipedia
- [3]reclam.de/produktdetail/proslogion-anrede-lateinisch-deutsch-9783150183366 · Webseite
- [4]academic.oup.com/book/44733 · Webseite