Landkarte der Philosophie

Johannes Duns Scotus

um 1264–1308 · Duns, Oxford, Paris, Köln

Strömung
Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Schottischer Franziskaner und Hochscholastiker, der „subtile Doktor“, der Gottes Wesen und unsere Begriffe davon neu denkt und den freien Willen als eigene Kraft stärkt.

Er steht in der franziskanischen Schultradition nach Bonaventura und widerspricht in Kernpunkten Thomas von Aquin. Seine Anhänger, die Scotisten, und die Anhänger Ockhams teilten später die Schulen des Spätmittelalters.

Kernidee

Scotus meint, dass manche Wörter wie „gut“ oder „weise“ bei Gott und beim Menschen genau denselben Sinn haben, nur dass Gott es unendlich besitzt. Was ein Ding zu genau diesem Ding macht, nennt er seine Haecceitas, sein Dieses-Sein. Der Wille ist für ihn frei, weil er im Augenblick des Wollens auch anders wollen könnte, und diese Freiheit liegt im Willen selbst und nicht im Verstand.

Bekannt für

Scotus gilt als einer der wichtigsten Denker des späten Mittelalters, zusammen mit Thomas von Aquin, Bonaventura und Ockham. Er ist bekannt für seine Verteidigung der Unbefleckten Empfängnis Marias und für seine feinen Unterscheidungen, die ihm den Beinamen Doctor subtilis einbrachten.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Univozität: gleiche Wörter, gleicher Sinn

Nach SEP meint Scotus, bestimmte Prädikate dürften bei Gott und Geschöpfen im selben Sinn gebraucht werden, während Thomas nur eine analoge, verwandte Bedeutung zuließ. Sein Argument: Alle unsere Begriffe stammen aus den Geschöpfen, also müssen die Begriffe, die wir für Gott nutzen, dieselben sein. Der Unterschied liegt im Grad, denn Gott hat sie unendlich. Das kannst du im Team so übersetzen: Wenn du Mitarbeitenden „Verantwortung“ erklärst, muss das Wort für Chef und Praktikant dasselbe bedeuten, nur das Ausmaß unterscheidet sich.

Haecceitas: das Dieses-Sein

Scotus unterscheidet die gemeinsame Natur, zum Beispiel Menschheit, von dem, was sie in einem Einzelnen zu genau diesem macht, der Haecceitas. Die Menschheit gibt es nur in Einzelnen, etwa in Sokrates und Platon, und in jedem ist sie durch dessen Haecceitas einzigartig und nicht wiederholbar. Im Alltag heißt das: Zwei Mitarbeitende mit gleicher Stellenbeschreibung sind nie austauschbar, jeder bringt sein eigenes Dieses-Sein ein.

Willensfreiheit

Laut SEP besteht für Scotus Freiheit darin, dass der Wille im Augenblick des Wollens auch anders wollen könnte, und sie liegt im Willen selbst, nicht im Verstand wie bei Thomas. Britannica nennt es einen Kern seiner Lehre, dass der Wille über dem Intellekt und die Liebe über dem Wissen stehe. In der Führung heißt das: Eine Entscheidung wird erst deine, wenn du sie hättest anders treffen können und dich dennoch so entscheidest.

Begriffe

Univozität (gleicher Sinn von Wörtern bei Gott und Geschöpf)
Haecceitas (Dieses-Sein)
gemeinsame Natur
Willensfreiheit
Kontingenz
Unendlichkeit Gottes
Unbefleckte Empfängnis

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • Johannes von Bassolis: laut Wikipedia en vermutlich Scotus' Lieblingsschüler

Gegner

  • Thomas von Aquin: Analogie oder Univozität bei Gottesaussagen
  • Dominikaner und weltliche Autoritäten: lehnten die Unbefleckte Empfängnis ab (Britannica)

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Anselm von CanterburyDeutung

    Scotus folgt Anselm darin, Gott jede reine Vollkommenheit zuzuschreiben (SEP).

  • baut auf BonaventuraDeutung

    Wikipedia en ordnet ihn der Alten Franziskanerschule zu, zu der auch Bonaventura gehörte; laut Britannica lernte er als Novize vor allem Bonaventuras Deutung des franziskanischen Ideals kennen.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Thomas von AquinDeutung

    Scotus lässt univoke Prädikation bei Gott und Geschöpfen zu, Thomas besteht auf Analogie (SEP).

  • wird kritisiert von Wilhelm von OckhamDeutung

    Wikipedia en nennt Ockham seinen Erzrivalen; die Franziskanertheologen des Spätmittelalters teilten sich in Scotisten und Ockhamisten. Ein persönlicher Austausch ist nicht belegt, es ist ein Gegensatz der Lehren.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    1303 stritt der französische König Philipp IV. mit Papst Bonifaz VIII. und ließ die Franziskaner in Paris zählen, wer auf welcher Seite stand. Scotus stand auf der Seite des Papstes und musste mit den meisten nichtfranzösischen Brüdern Frankreich binnen drei Tagen verlassen, seine Pariser Vorlesungen brachen ab.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Als Franziskaner wurde er von seinem Orden versetzt, 1304 vom Generalminister für den Pariser Lehrstuhl bestimmt und 1307 nach Köln geschickt. Britannica vermutet, dass die Versetzung nach Köln auch den Anklagen wegen Ketzerei ausweichen sollte, die sich an seiner Verteidigung der Unbefleckten Empfängnis entzündeten.[3]

  • Biografie Deutung

    Die Berichte über seine Kindheit und seinen Ordenseintritt sind laut Britannica unzuverlässig, und seine beiden Hauptwerke blieben bei seinem Tod unvollendet; Schüler ergänzten sie aus geprüften Vorlesungsnachschriften (Britannica). Vieles an seinem Denken muss deshalb aus mehreren Textfassungen rekonstruiert werden.[4]

Kritik

Humanisten und Reformer des 16. Jahrhunderts machten aus „Duns“ ein Schimpfwort: Daraus soll englisch „dunce“ für einen Dummkopf entstanden sein. Philosophisch widerspricht ihm Thomas von Aquin bei der Gottesrede, und SEP erwähnt neuere Kritik an einer zu stark voluntaristischen Lesart seiner Moraltheorie. Dass seine Lehre in feine Unterscheidungen zerfällt, war ein häufiger Vorwurf.

Wirkung heute

Seine Unterscheidung zwischen allgemeiner Natur und Dieses-Sein beeinflusst die Debatte über Individualität bis heute. Auch sein Gedanke, dass Freiheit heißt, im Augenblick auch anders wollen zu können, steht in der Willensfreiheitsdebatte weiter zur Diskussion.

Brücke zu Führung und Coaching

Scotus erinnert dich daran, dass jede Person in deinem Team mehr ist als eine Rolle: Sie ist dieses eine Dieses-Sein. Frage dich nach der nächsten Entscheidung: Hätte ich auch anders wollen können, und was spricht dafür, dass ich es dennoch so wähle? Prüfe in Mitarbeitergesprächen, ob ein Wort wie „Qualität“ oder „Verantwortung“ wirklich für alle dasselbe bedeutet, bevor ihr darüber streitet.

Lebensstationen

  1. 1264Geburt in Duns, Schottland; nach SEP (Dumont 2023) wohl 1263 oder 1264, traditionell 1265/66 (en.wikipedia), Britannica um 1266
  2. 1290Beginn des Theologiestudiums in Oxford (SEP: wohl 1290/91 nach Lektorat in Paris und Lehre in Cambridge; Britannica: 1288 bis 1301 in Oxford), Priesterweihe am 17. März 1291
  3. 1302Beginn der Vorlesungen über die Sentenzen in Paris im Oktober
  4. 1303Ausweisung aus Frankreich wegen Parteinahme für den Papst, Rückkehr nach Oxford
  5. 1306Magister regens in Paris (1306 bis 1307)
  6. 1308Tod in Köln am 8. November

Werke

Ordinatio (Oxforder Sentenzenkommentar, ab 1300 ausgearbeitet, unvollendet)

Lectura (Oxforder Vorlesung 1298/99)

Quaestiones quodlibetales (1306/07, unvollendet)

Tractatus de primo principio (Abhandlung über das erste Prinzip, Spätwerk, laut Britannica vielleicht sein letztes)

Anekdote überliefert

Der Überlieferung nach, die der Scotist William von Vaurouillon ein Jahrhundert später aufschrieb, erhielt Scotus den Brief seines Ordensgenerals, der ihn nach Köln rief, während er mit seinen Schülern spazieren ging. Er soll sofort aufgebrochen sein und kaum etwas mitgenommen haben.[5]

Lesetipps

Einstieg
Johannes Duns Scotus: Abhandlung über das erste Prinzip (Tractatus de primo principio), lateinisch-deutsch, hg. und übers. von Wolfgang Kluxen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974 (laut Google Books), weil es seine philosophische Gotteslehre abschließend zusammenfasst.
Vertiefung
Thomas Williams (Hg.): The Cambridge Companion to Duns Scotus, Cambridge University Press 2002 (englisch, laut en.wikipedia); Williams ist auch Autor des SEP-Eintrags.

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr: SEP (nach Dumont 2023) 1263 oder 1264, Britannica um 1266, en.wikipedia 1265/66; gewählt 1264 nach SEP, als 'um'. Beginn in Oxford: Britannica 1288, SEP wohl 1290/91; gewählt SEP. Zitat bewusst weggelassen. Lehrer nicht aus Quellen eindeutig benannt, daher leer. Kante zu Ockham beruht auf en.wikipedia ('arch-rival', Scotisten und Ockhamisten), kein belegter persönlicher Austausch. Die Biografie-Notiz zur Quellenlage beruht auf Britannica ('unreliable accounts', Ergänzung der Werke aus reportationes examinatae), die Folgerung zur Rekonstruktion ist Deutung. Versetzung nach Köln: SEP nennt sie übliche Praxis nach einem Jahr als magister regens, Britannica erwähnt die Vermutung, sie habe seiner Sicherheit gedient. Zeitpunkt der Tractatus-Abfassung nicht genau abgerufen (SEP: Spätwerk). Johannes von Bassolis nach en.wikipedia 'supposedly'. Kluxen-Ausgabe über Google Books bestätigt (WBG 1974, 2. Auflage).

Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Duns Scotus

  1. [1]SEP, John Duns Scotus · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Britannica: Blessed John Duns Scotus · Britannica
  3. [3]Britannica, Duns Scotus (Summary) · Britannica
  4. [4]Britannica, Duns Scotus · Britannica
  5. [5]Britannica, Final period at Cologne · Britannica
  6. [6]Wikipedia (en): Duns Scotus · Wikipedia
  7. [7]books.google.com/books/about/Abhandlung_über_das_erste_Prinzip.html · Buch

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