Archytas von Tarent
um 420 – um 350 v. Chr. · Tarent (Süditalien)
- Strömung
- Vorsokratiker
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Pythagoreer, Mathematiker und Staatsmann, der Stadtregent und Feldherr von Tarent war und als letzter großer Denker der frühen pythagoreischen Tradition gilt.
Er führt die pythagoreische Linie von Philolaos in das 4. Jahrhundert, ist Gastfreund Platons und bietet ein Gegenbild zu Platons Trennung von sinnlicher und gedachter Welt.
Kernidee
Archytas sucht die Zahlen und Verhältnisse (also Beziehungen zwischen zwei Größen, etwa 2 zu 1) in allen Dingen, in der Musik, in der Geometrie, im Staat und im Handeln des Einzelnen. Das Rechnen schafft für ihn Ausgleich: Es beendet Streit, weil jeder nachprüfen kann, was ein gerechter Anteil ist. Berühmt ist sein Gedankenexperiment, ob man am Rand des Himmels die Hand ausstrecken könnte, woraus er folgert, dass das Weltall unbegrenzt ist.
Bekannt für
Man kennt ihn als Philosophen, der einen Staat führte: Er wurde siebenmal hintereinander zum Feldherrn von Tarent gewählt, obwohl das Gesetz die direkte Wiederwahl verbot. Ein weiterer Ruf kommt von der Würfelverdopplung, die er als Erster geometrisch löste (die Aufgabe, zu einem gegebenen Würfel einen zweiten mit doppeltem Volumen zu konstruieren), und von seiner Beziehung zu Platon, den er laut dem Siebten Brief (einem Brief, der Platon zugeschrieben wird und dessen Echtheit umstritten ist) 361 v. Chr. aus Syrakus retten ließ.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Rechnen als Grundlage der Gerechtigkeit
Archytas meint, ein Staat bleibe stabil, wenn die Bürger das Rechnen beherrschen, denn dann sehen Arme und Reiche nach einem gemeinsamen Maßstab, was fair ist. Das Rechnen bremst für ihn das Streben nach immer mehr (Pleonexia), das Zwietracht erzeugt. Im Betrieb entspricht das offenen Zahlen und klaren Verteilungsregeln für Boni oder Budgets: Wer die Rechnung sehen kann, streitet weniger über Gefühle.
Mathematik und Musik
In seiner Harmonik beschreibt Archytas die Töne mit Zahlenverhältnissen und die drei Arten von Mittelwerten (arithmetisches, geometrisches und harmonisches Mittel, drei verschiedene Wege, zwischen zwei Zahlen eine mittlere zu finden), und er berechnet die Bausteine der griechischen Tonleitern. Dahinter steht die Überzeugung, dass Wissenschaften verwandt sind, weil sie alle mit Proportionen arbeiten. In der Zusammenarbeit zeigt sich das so: Zwei Abteilungen, die scheinbar völlig anders arbeiten, lassen sich oft über dieselben Kennzahlen verständigen.
Ein unbegrenztes Weltall
Archytas fragt: Wenn ich am äußersten Rand des Himmels stünde, könnte ich dann meine Hand oder einen Stab nach draußen strecken? Wenn ja, ist dort wieder Raum, und die Grenze verschiebt sich, also gibt es keine letzte Grenze. Das ist eines der ältesten überlieferten Gedankenexperimente, und es lehrt im Alltag: Wer behauptet, etwas habe eine feste Grenze, soll zeigen, was jenseits davon liegt.
Begriffe
- Rechnen (Logismos)
- : bei Archytas die Zahlenwissenschaft als Grundlage aller Wissenschaften, mit der sich auch gerechte Verteilung im Staat nachprüfbar berechnen lässt
- Proportion
- : das Verhältnis zweier Größen zueinander, mit dem Archytas Töne, Figuren und gerechte Anteile beschreibt
- Würfelverdopplung
- : die Aufgabe, zu einem Würfel einen zweiten mit doppeltem Volumen zu konstruieren, die Archytas mit einer räumlichen Kurve löste
- Harmonik
- : die Lehre von den Zahlenverhältnissen der Töne, in der Archytas Oktave, Quinte und Quarte berechnet
- unbegrenztes Weltall
- : Archytas' Schluss aus dem Randexperiment: Wo immer man die Hand ausstreckt, gibt es wieder Raum, also gibt es keine letzte Grenze
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Philolaos von Kroton: nach Cicero (De oratore III 34.139); plausibel, aber nicht gesichert (SEP, Wikipedia de)
Schüler
- Eudoxos von Knidos: der einzige Schüler, der mehr ist als ein Name; Geometrie bei Archytas laut Diogenes Laertios VIII 86 (SEP)
Freunde
- Platon: Gastfreund (xenia) seit etwa 388/387 v. Chr.; das Verhältnis war nicht unbedingt eng befreundet (SEP, Wikipedia de)
Gegner
- Polyarchos von Syrakus: Genussmensch, der in Aristoxenos' Darstellung Archytas gegenübersteht und dessen Lust-Rede er ablehnt (SEP)
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Philolaos von KrotonDeutung
Cicero nennt Archytas als Schüler des Philolaos; SEP und Wikipedia halten das für plausibel, aber nicht gesichert.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für AristotelesDeutung
Aristoteles schrieb ein verlorenes dreibändiges Werk über Archytas' Philosophie und behandelte ihn als eigenständigen Denker, nicht einfach als Pythagoreer (SEP, Wikipedia de).
baut auf Pythagoras von SamosDeutung
Archytas stellte sich laut Wikipedia in die pythagoreische Tradition, ohne sie dogmatisch zu übernehmen.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von PlatonDeutung
Gastfreunde seit 388/387; im Siebten Brief rettet Archytas Platon aus Syrakus, Platon kritisiert aber in der Politeia (VII) seine Harmonik.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit PlatonDeutung
Gastfreunde seit 388/387; im Siebten Brief rettet Archytas Platon aus Syrakus, Platon kritisiert aber in der Politeia (VII) seine Harmonik.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit Deutung
Archytas war als gewählter Feldherr Teil der Stadtführung von Tarent und tief in dessen Politik eingebunden; sein Denken über Rechnen und Fairness zwischen Reich und Arm kann von dieser Praxis geprägt sein. Nach SEP unterstützte er eine demokratischere Verfassung als Platon.[1]
Abhängigkeit belegt
Fast alles Biografische stammt aus der verlorenen Lebensbeschreibung des Aristoxenos, der selbst aus Tarent kam und Pythagoreer war, daher ist das Bild durchweg wohlwollend. Dazu kommen sehr viele Fälschungen unter Archytas' Namen, die erst spätere Zeiten schrieben; sicher echt sind nur vier Fragmente.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Tarent erlebte in den siebziger und sechziger Jahren des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine Blütezeit als führende Macht der süditalischen Griechen, und seine Kriege galten vor allem den einheimischen Italikern. Ohne diesen Rückhalt hätte Archytas kaum so viel Zeit für Mathematik und Denken gehabt; das ist eine Annahme von mir (Deutung).[2]
Kritik
Platon lehnt in der Politeia (Buch VII, 530d) Archytas' Art der Harmonik ab, weil sie sich an gehörten Tönen und nicht an reinen Zahlen orientiert, und trennt anders als Archytas streng zwischen sinnlicher und gedachter Welt. Auch sein Weltall-Argument überzeugte weder Platon noch Aristoteles, beide hielten das All für begrenzt; moderne Kritiker bemerken, dass ein endlicher Raum ohne Rand das Argument aushebelt (SEP).
Wirkung heute
Das Randexperiment ist ein klassisches Beispiel für ein Gedankenexperiment und wurde von Epikureern, Locke und Newton übernommen. Die Idee, dass gemeinsames Rechnen Streit entschärft, taucht heute in Transparenz- und Fairnessregeln wieder auf.
Brücke zu Führung und Coaching
Archytas zeigt, dass Führung ohne Rechnen oft in Streit über Gefühle endet. Frage dich in der nächsten Verteilungsdiskussion, etwa über Budgets, Boni oder Zuständigkeiten: Welche Zahl, die alle sehen können, würde die Debatte versachlichen? Und frage dein Team: Wo behaupten wir eine feste Grenze, die wir nie auf ihre Außenseite angeschaut haben?
Zitate
„Als das Rechnen erfunden war, hörte es auf mit der Zwietracht und mehrte die Eintracht. Denn man will nicht mehr als seinen Anteil, und Gleichheit ist da, sobald das Rechnen entstanden ist.“
Lebensstationen
- 420 v. Chr.Geboren in Tarent, irgendwann zwischen 435 und 410 v. Chr. (Näherungswert)
- 388 v. Chr.Lernt Platon auf dessen erster Italienreise kennen und wird sein Gastfreund (388/387)
- 366 v. Chr.Platons zweiter Sizilienaufenthalt (366/365); laut Siebtem Brief stellt Platon dabei eine Verbindung zwischen Archytas und Dionysios II. her (Echtheit des Briefs umstritten)
- 361 v. Chr.Schickt laut Siebtem Brief ein Schiff, um Platon aus Syrakus herauszuholen
- 350 v. Chr.Gestorben, zwischen 355 und 350 v. Chr.
Werke
Harmonik, Über die Wissenschaften, Abhandlungen (Diatribai); nur vier Fragmente (DK 47 B 1–4) gelten als sicher echt, Titel unsicher
Anekdote überliefert
Archytas soll eine hölzerne Taube gebaut haben, die dank einer verborgenen Luftströmung und Gegengewichten fliegen konnte, aber nach der Landung nicht wieder aufstieg. Aulus Gellius erzählt das im 2. Jahrhundert n. Chr. nach Favorinus; die Forschung erwägt auch eine Verwechslung mit einem gleichnamigen Mechaniker.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Die Fragmente DK 47 B 1–4 in Huffman, Archytas of Tarentum (Cambridge University Press 2005, englisch, mit Kommentar); Fragment B 3 über Rechnen und Gerechtigkeit ist kurz und gut lesbar. Eine deutsche Textausgabe habe ich nicht bestätigt.
- Vertiefung
- Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum. Pythagorean, Philosopher and Mathematician King, Cambridge University Press 2005 (englisch; Fragmente mit Kommentar). Kurz auf Deutsch: Leonid Zhmud, Archytas aus Tarent (DK 47), in: Flashar u. a. (Hrsg.), Frühgriechische Philosophie, Schwabe, Basel 2013, S. 425–428.
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten: Geburt zwischen 435 und 410, Tod zwischen 360 und 350 (SEP) bzw. 355 und 350 (Wikipedia de); in geb und tod stehen Näherungswerte aus der Mitte der Spanne. Der Siebte Brief, die Quelle für die Rettung Platons 361 und für den zweiten Sizilienaufenthalt 366/365, ist in seiner Echtheit umstritten. Lehrerschaft des Philolaos nur bei Cicero, eine antike Nachfolge-Konstruktion, die SEP und Wikipedia de für plausibel, aber nicht gesichert halten. Die Taube ist spät (Gellius nach Favorinus) und mit Verwechslungsgefahr überliefert. Die Kante zu Aristoteles beschreibt Wirkung durch Aristoteles' Schrift über ihn, nicht persönlichen Austausch. Für den Einstieg ist keine deutsche Textausgabe mit Archytas bestätigt. Zitat: eigene deutsche Fassung, gekürzt. Die Lösung der Würfelverdopplung wird von Brisson (2013) laut SEP bestritten.
Herkunft der Daten: Vorsokratiker. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Archytas
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Archytas (Huffman) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de: Archytas von Tarent · Wikipedia
- [3]Wikipedia (de): Delisches Problem · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20