Landkarte der Philosophie

Roland Barthes

1915–1980 · Paris

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Französischer Literatur- und Kulturtheoretiker, der Saussures Zeichenlehre (nach ihr besteht jedes Zeichen aus einem Lautbild und der damit verbundenen Bedeutung) auf Alltag, Mode und Texte anwendet und im Lauf seines Werks vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus wechselt, einer Richtung, die untersucht, wie Sprache Wirklichkeit mit hervorbringt.

Barthes überträgt Saussures Zeichenlehre auf die Alltagskultur und zählt damit zu den Strukturalisten. Mit seinem späteren Werk bereitet er den Poststrukturalismus vor; Kristeva gehört zu seinen Studierenden, und sein erstes Buch antwortet auf Sartres Frage, was Literatur sei.

Kernidee

Barthes zeigt, dass Alltagsdinge wie Werbung, Mode oder Fotos Zeichen sind, die eine zweite, ideologische Bedeutung tragen. Der Mythos lässt gesellschaftlich gemachte Bedeutungen als natürlich erscheinen. Später verlagert er die Bedeutung von der Absicht des Autors zur Lesenden: Ein Text hat nicht eine feste Bedeutung, sondern entsteht erst im Lesen.

Bekannt für

Man kennt ihn für Mythen des Alltags, in dem er Werbung und Alltagsbilder als ideologische Zeichen liest, und für den Aufsatz Der Tod des Autors. Seine Unterscheidung von Studium und Punctum prägt bis heute das Reden über Fotografie.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Mythos als zweites Zeichensystem

Ein Zeichen aus Lautbild und Bedeutung wird zum Träger einer zweiten Bedeutung, der Konnotation (bei Barthes zum Beispiel ein schwarzes Kleid, das auf der ersten Ebene einen festlichen Anlass bedeutet und auf der zweiten für eine Modeideologie steht). Dabei erscheint eine gesellschaftlich gemachte Aussage als natürlich. Wenn ein Unternehmen das Wort Familie für sein Team benutzt, wird eine Forderung nach Loyalität unauffällig zur Selbstverständlichkeit.

Tod des Autors

Barthes wendet sich gegen die Annahme, der Autor sei die Instanz, die die Bedeutung eines Textes festlegt. Die Lesenden erzeugen die Bedeutung, und der Text löst sich von der Absicht. Ein Strategiepapier der Geschäftsleitung wird in jeder Abteilung anders verstanden, egal was der Verfasser meinte.

Studium und Punctum

Das Studium ist das allgemeine, kulturell codierte Interesse an einem Foto, das Punctum dagegen das persönliche Detail, das den Betrachter trifft. Er entwickelt das in seinem letzten Buch Die helle Kammer. In einem Teamfoto fällt jedem etwas anderes auf, und das erzählt etwas über die Person.

Begriffe

Mythos
: eine Weise des Bedeutens: Ein Zeichen wird Träger einer zweiten Bedeutung und gibt Gemachtes und Geschichtliches als natürlich aus
Konnotation
: die zweite Bedeutungsebene eines Zeichens, auf der es für eine Ideologie steht, etwa ein schwarzes Kleid für eine Modeideologie
Tod des Autors
: die Absicht des Autors legt die Bedeutung eines Textes nicht fest, sie entsteht erst durch die Lesenden
schreibbarer Text
: ein Text, bei dem die Lesenden Deutungen selbst hervorbringen, statt eine feste Bedeutung nur aufzunehmen wie beim lesbaren Text
Studium und Punctum
: beim Foto das allgemeine, kulturell geprägte Interesse (Studium) und das zufällige Detail, das den Betrachter unerwartet persönlich berührt (Punctum)

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Schüler

  • Julia Kristeva: als Studentin geführt
  • Tzvetan Todorov und Sylvère Lotringer: Doktoranden

Freunde

  • Philippe Sollers: gemeinsame Arbeit bei der Zeitschrift Tel Quel
  • Richard Howard: späterer Übersetzer

Gegner

  • Raymond Picard: griff Barthes' Kritik als dunkel und respektlos an, Barthes antwortete 1966 in Kritik und Wahrheit
  • Jean-Paul Sartre: sein erstes Buch Am Nullpunkt der Literatur antwortet auf Sartres Was ist Literatur? (1947)

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Julia KristevaDeutung

    Kristeva wird in Wikipedia (en) unter seinen Studierenden genannt.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Ferdinand de SaussureDeutung

    de.wikipedia nennt Saussure, Jakobson und Hjelmslev als Einflüsse; laut Encyclopedia of Philosophy folgt seine Semiologie Saussures Unterscheidung von langue und parole.

  • Grundlage für Jean BaudrillardDeutung

    Barthes' Semiologie gilt als Einfluss auf Baudrillards Zeichentheorie.

  • baut auf Karl MarxDeutung

    de.wikipedia nennt Marx neben Gide und Brecht als prägend für Mythen des Alltags; en.wikipedia beschreibt seine Sympathie für marxistisches Denken.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Paul SartreDeutung

    Laut en.wikipedia antwortet Am Nullpunkt der Literatur (1953) auf Sartres Was ist Literatur?; die Einordnung als Streit ist Deutung.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Barthes litt in jungen Jahren an Tuberkulose und verbrachte Zeit in Sanatorien. Die Krankheit befreite ihn vom Militärdienst und prägte seine frühen Lebensjahre.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Er kam über Lektorenstellen im Ausland und das CNRS (die staatliche französische Forschungsorganisation) an die EPHE (eine Pariser Hochschule für fortgeschrittene Studien) und 1977 auf den Lehrstuhl für literarische Semiologie (Zeichenlehre der Literatur) am Collège de France, einer öffentlichen Pariser Forschungseinrichtung, deren Vorlesungen kostenlos für alle offen sind. Den Angriff des Literaturwissenschaftlers Raymond Picard auf seine neue Kritik beantwortete er 1966 mit Kritik und Wahrheit, einer Abrechnung mit der alten, bürgerlichen Literaturkritik.[1]

  • Biografie belegt

    Der Tod seiner Mutter 1977 traf ihn schwer. Die helle Kammer gilt als Abschiedsgeste an sie, der er seine Homosexualität nie offenbart hatte.[2]

Kritik

Daniel Gordon hielt ihm vor, Voltaire gründlich missverstanden zu haben. Simon Leys verspottete sein China-Tagebuch als langes Reden ohne Inhalt. Dass er 1977 einen von Gabriel Matzneff initiierten Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie unterschrieb, wird seit den 2000er Jahren zunehmend kritisch gesehen.

Wirkung heute

Seine Idee, dass Alltagsbilder und Werbung ideologisch aufgeladene Zeichen sind, ist Grundlage der Medien- und Kulturwissenschaft. Die Lektüre als Mitproduktion von Bedeutung trägt in Literatur- und Fototheorie weiter.

Brücke zu Führung und Coaching

Barthes lehrt, dass Texte und Worte im Betrieb nicht eine feste Bedeutung haben. Frag nach einer Leitbild-Formulierung: Was hören die einzelnen Teams, was war gemeint, und was klingt ganz selbstverständlich? So werden Mythen im Unternehmen sichtbar, bevor sie unbemerkt Erwartungen setzen.

Lebensstationen

  1. 1915Geburt in Cherbourg
  2. 1949Lektor an der Universität Alexandria (bis 1950)
  3. 1953Am Nullpunkt der Literatur
  4. 1957Mythen des Alltags
  5. 1962Directeur d'études an der EPHE
  6. 1977Lehrstuhl für literarische Semiologie am Collège de France; Tod der Mutter
  7. 1980Tod in Paris nach einem Verkehrsunfall

Werke

Am Nullpunkt der Literatur (1953); Mythen des Alltags (1957); Die Sprache der Mode (1967); Der Tod des Autors (1967/68); S/Z (1970); Die Lust am Text (1973); Fragmente einer Sprache der Liebe (1977); Die helle Kammer (1980)

Anekdote belegt

Am 25. Februar 1980 wurde Barthes nach einem Mittagessen mit François Mitterrand vor dem Collège de France von einem Lieferwagen erfasst. Er starb einen Monat später an den Folgen.[1]

Lesetipps

Einstieg
Mythen des Alltags, vollständige Ausgabe, übersetzt von Horst Brühmann, Suhrkamp, Berlin 2010: kurze Alltagsanalysen als Einstieg in sein Denken.
Vertiefung
Ottmar Ette, LebensZeichen. Roland Barthes zur Einführung (Junius, 2011)

Noch nicht sicher belegt

  • Lehrstuhl am Collège de France: 1977 laut beiden Wikipedias, die Encyclopedia of Philosophy (John Carvalho, über encyclopedia.com) nennt 1976. Der Tod des Autors: 1967 (en) gegenüber 1968 (de). Lacan als Anreger nur in de.wikipedia, deshalb keine Kante. Sartre: belegt ist nur, dass sein erstes Buch auf Sartre antwortet; Gegnerschaft ist Deutung. Kristeva als Studentin nur in en.wikipedia. Studium und Punctum, lesbar und schreibbar nur aus en.wikipedia. Picard-Streit nur in en.wikipedia; die Behauptung eines Widerstands der Sorbonne ist ungeprüft und gestrichen. Jonathan Culler als Kritiker (eskapistisch) in keiner Quelle gefunden und gestrichen. Appell 1977 nur in de.wikipedia. Marx-Kante trägt nur über die Nennung Marx' als Prägung der Mythen des Alltags. Das Zitat 'der Tod des Autors ist die Geburt des Lesers' ohne belegte deutsche Stelle weggelassen. SEP und IEP haben keinen abrufbaren Eintrag; Britannica nicht abgerufen.

Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Barthes

  1. [1]Wikipedia (en), Roland Barthes · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (de), Roland Barthes · Wikipedia
  3. [3]encyclopedia.com/humanities/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/barthes-roland-1915-1980 · Webseite
  4. [4]Wikipedia (de), Ferdinand de Saussure · Wikipedia
  5. [5]Wikipedia (en): Z · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  6. [6]Wikipedia (de): Die helle Kammer · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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