Ferdinand de Saussure
1857–1913 · Genf
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Schweizer Sprachwissenschaftler, dessen Zeichenlehre den Strukturalismus begründet und später Ausgangspunkt für die Poststrukturalisten wird.
Saussure liefert dem ganzen Modul das Handwerkszeug: Lévi-Strauss, Barthes und Lacan übertragen sein Zeichenmodell auf Mythen, Mode und das Unbewusste. Derrida und andere Poststrukturalisten greifen genau die Stelle an, an der das System von Unterschieden als fest und geschlossen gedacht wird.
Kernidee
Ein Wort bekommt seine Bedeutung nicht, weil es auf eine Sache zeigt, sondern weil es sich von anderen Wörtern im selben Sprachsystem unterscheidet. Das Zeichen besteht aus einer Lautform (Signifikant) und einer Vorstellung (Signifikat), und beide sind nur durch Übereinkunft verbunden. Sprache lässt sich deshalb als System von Unterschieden untersuchen, so wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt besteht.
Bekannt für
Man kennt ihn als Begründer der modernen Sprachwissenschaft und als Ahnherr des Strukturalismus. Wer heute von Zeichen, Codes oder Bedeutungssystemen spricht, benutzt meist seine Unterscheidung von Signifikant und Signifikat, auch ohne seinen Namen zu kennen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das sprachliche Zeichen
Ein Zeichen verbindet eine Lautform, den Signifikanten, mit einer Vorstellung, dem Signifikat. Die Verbindung ist beliebig: Es gibt keinen Grund, warum die Vorstellung Baum gerade durch dieses Wort ausgedrückt wird, sie gilt nur, weil eine Sprachgemeinschaft sie festgelegt hat. Im Team heißt das: Ein Wort wie Verantwortung kann in zwei Abteilungen etwas ganz anderes bedeuten, und beide haben recht, solange sie sich nicht abstimmen.
Langue und parole
Mit langue meint Saussure das abstrakte, gemeinsame System einer Sprache, mit parole das, was einzelne Menschen im Moment tatsächlich sagen. Die Sprachwissenschaft soll das System untersuchen, nicht die einzelnen Äußerungen. In einem Unternehmen entspricht die langue den ungeschriebenen Sprachregeln der Firma und die parole dem, was in der Montagsrunde tatsächlich gesagt wird.
Wert durch Unterschied und die Sicht auf einen Zeitpunkt
Ein Zeichen hat seinen Wert durch den Gegensatz zu anderen Zeichen im System. Saussure betont dazu die synchrone Sicht, also die Untersuchung einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt, gegenüber der diachronen Sicht, die ihre Geschichte verfolgt. Wenn eine Firma plötzlich von Mitarbeitenden statt von Personal spricht, ändert sich der Wert beider Wörter im Gefüge, auch wenn niemand das Ganze neu erklärt.
Begriffe
- Zeichen
- Signifikant und Signifikat
- langue und parole
- synchron und diachron
- Wert
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Hermann Oldenberg und Heinrich Zimmer: in Berlin Sanskrit und Keltisch bei ihnen studiert
Schüler
- Charles Bally: gab den Cours mit heraus
- Albert Sechehaye: gab den Cours mit heraus
Gegner
- Noam Chomsky: kritisiert das Bild der Sprache als Vorrat an Zeichen und die Verlagerung der Syntax in die parole
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Claude Lévi-StraussDeutung
Laut englischer Wikipedia wollte er die strukturale Linguistik Saussures auf die Anthropologie anwenden.
Grundlage für Jacques DerridaDeutung
Laut englischer Wikipedia entwickelte Derrida seine Dekonstruktion in genauer Lektüre von Saussures Sprachwissenschaft.
Grundlage für Jacques LacanDeutung
SEP und de.wikipedia nennen Saussures Linguistik als Grundlage seiner strukturalen Rückkehr zu Freud.
Grundlage für Jean BaudrillardDeutung
Saussure wird als Einfluss genannt.
Grundlage für Roland BarthesDeutung
de.wikipedia nennt Saussure, Jakobson und Hjelmslev als Einflüsse; laut Encyclopedia of Philosophy folgt seine Semiologie Saussures Unterscheidung von langue und parole.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Saussure veröffentlichte zu Lebzeiten wenig. Sein berühmtestes Buch entstand erst nach seinem Tod aus Mitschriften von Studierenden, was die Frage offen lässt, wie viel davon seine eigene Formulierung ist.[1]
Abhängigkeit belegt
Er lehrte zunächst in Paris an der École pratique des hautes études, dann an der Universität Genf. Der Cours entstand aus drei Vorlesungsreihen dort, also im Rahmen universitärer Lehre und nicht als ausgearbeitetes Buch.[2]
Kritik
Chomsky wirft ihm vor, Sprache als Speicher von Zeichen zu fassen und die Satzbildung der parole zuzuschlagen. Die englische Wikipedia merkt an, dass manche dieser Einwände auf Fehllesungen beruhen. Außerdem wird bezweifelt, dass zentrale Formulierungen des Cours von Saussure selbst stammen und nicht von den Herausgebern.
Wirkung heute
Die Idee, dass Bedeutung aus Unterschieden im System entsteht, ist Grundlage von Semiotik und Kulturwissenschaft geblieben. Der Gedanke einer Sicht auf einen Zeitpunkt statt auf die Geschichte prägt strukturelle Analysen bis heute.
Brücke zu Führung und Coaching
Wenn zwei Führungskräfte dasselbe Wort verwenden und trotzdem aneinander vorbeireden, lohnt der Blick auf das System dahinter: Welche anderen Wörter stehen in diesem Team im Gegensatz zu diesem? Frag in der nächsten Runde: Was meinst du mit Qualität, und wovon grenzt du es ab? So wird sichtbar, dass Bedeutung vereinbart ist und nicht einfach gegeben.
Lebensstationen
- 1857Geburt in Genf
- 1880Doktorat in Leipzig mit einer Arbeit zum absoluten Genitiv im Sanskrit
- 1881Lehre an der École pratique des hautes études in Paris (bis 1891)
- 1896ordentlicher Professor an der Universität Genf
- 1907erste von drei Vorlesungsreihen zur allgemeinen Sprachwissenschaft (bis 1911; de.wikipedia setzt den Beginn auf 1906)
- 1913Tod in Vufflens-le-Château
Werke
Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européennes (1878/79); Doktorarbeit zum absoluten Genitiv im Sanskrit (Promotion 1880 in Leipzig); Cours de linguistique générale (1916, nach seinem Tod von Charles Bally und Albert Sechehaye herausgegeben); Recueil des publications scientifiques (1922)
Anekdote belegt
Saussure hat den Cours nie selbst geschrieben. Seine Schüler Charles Bally und Albert Sechehaye stellten das Buch nach seinem Tod aus Vorlesungsmitschriften zusammen, und die Forschung diskutiert bis heute, was davon von ihm selbst stammt.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (de Gruyter, 3. Auflage 2001, Übersetzung Herman Lommel): die deutsche Ausgabe des Cours, als Primärtext.
- Vertiefung
- Jonathan Culler: Saussure, Fontana (Reihe Fontana Modern Masters), London 1976 (englisch, überarbeitete Neuauflage 1986)
Noch nicht sicher belegt
- Mémoire: en.wikipedia nennt 1878, de.wikipedia 1879, daher 1878/79. Pariser Lehrzeit: de nennt 1881 bis 1891, en elf Jahre. Genfer Professur: de außerordentlich 1891, ordentlich 1896; en nennt das Angebot 1892. Beginn der Vorlesungsreihen: en 1907, de 1906. Der Cours ist teilweise Werk der Herausgeber. Britannica per WebFetch nicht abrufbar (403), SEP hat keinen eigenen Eintrag; beide Quellen sind Wikipedia (en, de). Lehrer Zimmer und Oldenberg nur als Hörsaal-Lehrer in Berlin (Winter 1878/79) belegt. Lesetipp Culler: nur über Bibliothekskatalog-Treffer bestätigt, keine deutsche Ausgabe gefunden. Kante Lévi-Strauss in en.wikipedia (Saussure- und Lévi-Strauss-Artikel) direkt belegt, Kante Derrida über den Derrida-Artikel der en.wikipedia; der Sammelsatz zu Barthes, Lacan, Derrida im Saussure-Artikel trägt dort einen Hinweis „citation needed“. Kontext-Einträge: keine Quelle zu Geld oder Zeitgeschehen. Kein Zitat mit gesicherter Stelle.
Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Saussure
- [1]Wikipedia (en), Ferdinand de Saussure · Wikipedia
- [2]Wikipedia (de), Ferdinand de Saussure · Wikipedia
- [3]Wikipedia (en): Jacques Derrida · Wikipedia